Dienstag, 13. Mai 2008

Jenny

Die dritte im Bunde der pubertären Schwärmschnallen meiner Generation ist die allseits beliebte Jenny Agutter. Bei ihr jedoch stellte sich der angenehme Nebeneffekt ein, dass der lechzende Pubertierende auch auf manche Feinheiten der Schauspielkunst hingewiesen wurde, denn sie ist ein anderes Kaliber als Erin oder Caroline. Jenny ist eine mehrfach ausgezeichnete britische Schauspielerin mit ellenlanger Filmographie, die um das Jahr 1976 in einigen Großproduktionen einen ersten Karrierehöhepunkt erreichte. Jenny war nicht nur Nebendarstellerin, sondern wurde für unterstützende Hauptrollen neben großen Stars besetzt. Es entstanden Der Adler ist gelandet, Equus, Der Mann mit der eisernen Maske und Flucht ins 23. Jahrhundert. Vor allem letzterer machte auch Jenny zur unvergesslichen Trash-Ikone. In einem betont kurzen lindgrünen Leibchen spielt sie eine Liebessklavin (lechz!), mit der Michael York sich einen netten Abend machen möchte, aber stattdessen zieht er sie in eine Revolte gegen das dystopische System hinein – oder sie zieht ihn hinein, weiß ich im Moment nicht mehr. Erwähnenswert die Sequenz, wenn die beiden Flüchtigen in die vom Roboter bewachten Eishöhlen geraten und Jenny entzückenderweise ihr Leibchen ablegt, um in einen Pelz zu schlüpfen. Leider, leider jedoch lässt die Kamera uns das nur erahnen und zeigt stattdessen Michael York mit nacktem Oberkörper beim Kleiderwechsel. Die Szene gibt es bei Youtube, habe jetzt keine Lust, den Link zu suchen.
Bis Mitte der 70er hatte Jenny bereits ein paar Preise eingeheimst, nachdem sie sich um 1969 herum als junges Ding wohl auch mal in der Peripherie von Hawkwind und den Psychedelikern von der Portobello Road aufgehalten hatte, was für die Tochter eines Offiziers sicher mächtig skandalös war. Ihre Stärke ist eine großäugige mädchenhafte Unschuld, die schnell in Melancholie umschlagen kann. Mit zunehmendem Alter ging das nicht verloren, aber es gesellte sich eine Art natürliche Souveränität hinzu, die Jenny zum Beispiel dazu befähigte, völlig glaubwürdig Landhaus-Ladys und so was zu spielen. Solche wie Caroline oder Erin kann man sich beim besten Willen nicht als Landhaus-Ladys vorstellen, nein.
Jenny spielt 1981 die nette Krankenschwester in American Werewolf (1981), wo sie zu meiner moralischen Entrüstung recht schnell mit dem amerikanischen Werwolf-Touristen in die Kiste springt. Ja, Jenny hat im Gegensatz zu Erin und Caroline sehr wohl unzüchtige Szenen gedreht, denn Jenny ist eine professionelle Schauspielerin, die so etwas kann. Sie trat in vielen, vielen Produktionen auf und verlegte sich dann irgendwann aufs Fernsehen, wo sie zuvor schon des Öfteren aufgetaucht war: Der Sechs-Millionen-Dollar-Mann, Magnum, Der Equalizer. Zuletzt sah ich sie als gereifte Dame in einer Elizabeth-George-Verfilmung. Im Handjob-Sozialdrama Irina Palm spielt sie wohl auch mit.
Eine Produktion von 1981 sollte noch erwähnt werden, weil sie weithin unbekannt ist. The Survivor ist die erste James-Herbert-Verfilmung überhaupt, die seines gleichnamigen zweiten Romans, der in Deutschland mal unter dem Titel Todeskralle (brrr) erschien. Der Film ist gut gemeint und wirr und zu Recht unbekannt, obwohl der Plot der beste ist, den der frühe Schlachthaus-Herbert zustande gebracht hat, und Jenny spielt an der Seite des Zeffirelli-Jesus-Darstellers Robert Powell.

Montag, 12. Mai 2008

Caroline


Caroline Munro weigerte sich aus moralischen Gründen, Nacktrollen zu spielen, und da war sie ganz konsequent und lehnte lukrative Angebote ab. Dafür hatte sie eine Vorliebe für Bikinis oder gönnte sich das tiefste Dekollete der damals bekannten Welt. Der Blick des Zuschauers wurde von schamlosen Filmproduzenten und Kameraleuten unentwegt genau auf diese Stelle (ach was, dieses riesige AREAL) vor der Hütte gelenkt. Eine dunkelhaarige Schöne aus Britannien, das war Caroline Munro, eine großartige Nebendarstellerin in bedeutenden Filmen und zuvor heiß umschwärmtes Spind-Model, nachdem eine landesweite Whiskey-Plakatwerbung sie bekannt gemacht hatte. 1970 trennte sie sich von ihrem Freund, dem Songwriter Colin Blunstone, der daraufhin die bittersüße Ballade "Caroline Goodbye" veröffentlichte. Zwischen den Zeilen liest man da heraus, dass Caroline wohl mehr auf Karriere stand als auf Colin. Ihren frühesten kleinen Filmauftritt findet man in der irren Erstverfilmung von Casino Royale (1967). Danach spielte sie, ebenfalls in den Credits nicht erwähnt, in zwei Filmen die verstorbene Frau des allseits beliebten Dr. Phibes. Keine Sprechrolle.
Mir fiel sie zum ersten Mal auf als lächelnde, angemessen knapp bekleidete Killer-Charge in Der Spion, der mich liebte (1977), wo sie Roger Moore mit dem Hubschrauber jagt, bis der sie mit einer Rakete aus seinem tauchenden Lotus Esprit aus der Luft pflückt. (Man sollte eben vorher nachdenken, für wen man arbeitet, und wenn der größenwahnsinnige Curd Jürgens einen anheuert, dann sollte einem schon klar sein, dass früher oder später die Konfrontation mit James Bond unausweichlich wird und man diese unmöglich überleben kann.) Caroline war in ihrem Bikini ein bisschen verrucht, aber wie alle Bond-Girls noch verhältnismäßig harmlos.
Etwas später, Freitagabends im ZDF, verliebte ich mich schließlich hemmungslos in sie aufgrund ihres leichtlebigen Auftritts in dem schon älteren Dracula jagt Mini-Mädchen (1973), wo sie als wildes Hippie-Girl auf dem Altar einer Kirche geopfert werden soll und ihr Dekollete wirklich sehr tief blicken lässt. Und wenn das Kunstblut aus dem Kelch über ihre Brüste schwappt, sich mit dem Angstschweiß vermischt ... Hui, das ließ einen untenrum schon irgendwie sanft erbeben. Und kurz darauf tritt Christopher Lee an sie heran und beißt sie. Diese Szene bzw. ein nachgestelltes Standbild wird gerne als typisiertes Dracula-Poster verkauft: Lee beißt zu, die von der Altarszene noch blutbeschmierte, vollbusige Caroline wirft in schmerzhaft-orgiastischer Pose den Kopf nach hinten und scheint einen poetischen Orgasmus zu erleben, der schon nicht mehr von dieser Welt ist. Selbstverständlich besitze ich dieses Poster, hänge es aber aus Rücksicht auf die Mitmenschen nicht auf. Ich habe mir den raren Film mal als VHS besorgt, inzwischen ist er als DVD längst überall verfügbar und nicht mehr rar.
Caroline absolvierte noch einige imponierende Bikini-Nebenauftritte in mittelordentlichen britischen Filmen wie Sindbads gefährliche Abenteuer (Caroline ist ein besonders reizender Naturalismus mitten unter staksenden Harryhausen-Monstern), Der sechste Kontinent oder Captain Kronos, Vampirjäger, letzterer an der Seite von Horst „Bastian“ Janson. Ein mehr als mittelordentlicher Film im Übrigen, aber schrecklich erfolglos damals in der Spätphase der Hammer Studios. Wird heute als britischer Vorläufer von Blade und Co. betrachtet. Dann lockte jemand Caroline mit schönen Versprechungen nach Italien und bot ihr Hauptrollen an. In den besten Filmen der Welt. Vor Star Crash – Sterne im Duell (1978) hat mich in der fünften Klasse bereits ein Mitschüler gewarnt – in der fünften Klasse! Ich ging trotzdem ins Kino. Ja, so was lief damals im Kino, denn es herrschte gerade Krieg der Sterne-Boom und alles mit Raumschiffen drin wurde verwertet. Sogar der Pseudo-Porno Flesh Gordon, der auf dem Planeten, na ja, Porno spielte. Star Crash ist keinesfalls Porno, nein, er ist einfach nur ungemein befremdlich. Der Regisseur heißt Luigi mit Vornamen, was an und für sich schon ein schlechtes Zeichen ist. Es gibt den Film als DVD, man sollte ihn sich gönnen. Die Handlung, Star Wars für Bewusstseinsminimalisten, ist unerheblich, man starrt ohnehin dauernd in Carolines von Leder umschlungenen Ausschnitt, bewundert in Ganzkörperaufnahmen ihre Figur und leckt sich in einem unbewussten Reflex die Lippen wund. Sie spielt die Weltraumagentin Stella Star – ein Name wie geschaffen für Trashisten -, und an ihrer Seite befindet sich neben einem Androiden ein talentierter Jungdarsteller, auf den noch Großes zukommen sollte. Den blondgelockten Sternenprinzen mit dem - ja! - Laserschwert spielt ein am kalifornischen Strand mit Drogen betäubter und in einer Kiste durch den Zoll nach Italien geschmuggelter Darsteller namens David Hasselhoff.
Neben ihm und Weltenretterin Caroline spielt hier auch der ehrenwerte Christopher Plummer mit und verkörpert den sonnigen Sternenkaiser. In Plummers Brieftasche befand sich damals ein so großes Loch, dass all seine Gagen immer durchrutschten, und da hatte er gegen eine Handvoll Lire nichts einzuwenden, die den Riss im Geldbeutel zu verstopfen halfen. Italienische Produzenten bezahlten seinerzeit grundsätzlich in bar.
Die Tricktechnik von Star Crash entspricht ungefähr Buck Rogers, allerdings nicht der 1979er-Neuauflage von Glen Larson, sondern den Serials aus den 30ern. Und in Star Crash wird mit Tricks nicht gekleckert, sondern geklotzt. Und das auch noch in Farbe. In viel zu viel Farbe. Noch ein Grund mehr, den Blick ausschließlich auf Caroline fixiert zu halten und alles drumherum zu ignorieren. Die Sterne in dem Film sind grün, rot, gelb, blau – Glühlampen aus dem Partykeller von Regisseur Luigi. Er und Caroline haben sie höchstpersönlich dort rausgeschraubt und in Kartons zu Requisiteur Ermano getragen, den alle nur „Il confidentale“ nannten. Ich hoffe, Luigi hat Caroline, als sie allein da unten im Partykeller waren, nicht unsittlich an die Brüste gefasst. Italiener sind da ja bekanntlich wenig zurückhaltend.
Caroline drehte noch ein paar weitere Filme, einen mit Luigi und noch einen mit seinem berühmten Kumpel Jess Franco, schipperte zwischenzeitlich auch mal nach Amerika und trat in noch mehr herausragenden Horrorfilmen und im Fernsehen auf. In dem berüchtigten Maniac (1980) von William Lustig übernahm sie eine größere Rolle. Der damals von der seriösen Kritik verteufelte Schlitzerfilm ist mit den Jahren zu einem harschen kleinen Low-Budget-Klassiker gereift, der totale urbane Trostlosigkeit ausstrahlen würde, wäre da nicht unsere entzückende Caroline. (Was sie allerdings an einem Narbengesicht wie Joe Spinell - übrigens schon der Bösewicht in Star Crash - findet, das entzieht sich unserer Kenntnis.) Zwischendurch hat Caroline sich auch mal als Pop-Diva versucht und Liedchen geträllert. Wollte aber kaum jemand hören.
Sie ist stolz auf ihre diversen Engagements, firmiert unter dem Titel "The First Lady of Fantasy", unterhält eine Website, besucht Filmfestivals und Conventions und taucht in irgendwelchen Horrorfilm-Dokus als sie selbst auf.
Ach was, ich werde jetzt doch mal dieses alte scharfe Dracula-Poster rauskramen und übers Bett hängen …

Samstag, 10. Mai 2008

Döner

Am Chlodwigplatz gibt’s einen recht drolligen Dönerladen. Am Ende der Prozedur fragt einen die Frau hinter der Theke, wie viel das Gericht kostet. Sie teilt einem nicht etwa den zu entrichtenden Preis mit, sondern fragt einen allen Ernstes, wie viel es kostet. Das hat damit zu tun, dass die Frau neu ist, keine Ahnung von den Preisen hat und der Aushang so weit oben hängt, dass sie die Preise nicht sieht. Also fragt sie den Kunden danach, weil der von seiner Position aus viel besser erkennen kann, was es kostet. Außerdem bereitet sie nicht das zu, was bestellt wird, sondern etwas ganz anderes. Da ich generell maulfaul bin, dieses andere Gericht identifizieren konnte und auch gerne esse, gab ich sogar ehrlich Antwort und sagte: „Ich schulde Ihnen 5,50. Wenn Sie das zubereitet hätten, was ich bestellt habe, hätte ich Ihnen 4,50 geschuldet."

Donnerstag, 8. Mai 2008

Katzen

Einmal brachten Markus und ich eine tote Katze mit in die Schule. Wir hatten sie von der Straße gekratzt und wollten sie im Sachkundeunterricht vorführen.
Die Kleintiere auf dem Dorf hatten ein Leben, das man mit „intensiv, aber mitunter recht kurz“ umschreiben kann. Man ging robust mit ihnen um. Katzen liefen zum Beispiel einfach so mit und blieben unter sich. Kranke Tiere gingen zwangsläufig ein. Niemand bemühte wegen ihnen einen Tierarzt, statt Kastration oder Sterilisation gab es ein Dezimieren der halbjährlichen Würfe mit althergebrachten Methoden, über die ich hier kein Wort verlieren möchte. Die Tierärzte der Region wussten damals noch nicht, wie man das Wort „Kleintiersprechstunde“ überhaupt schreibt. Zu fressen bekamen die Tiere, was die Menschen übrig ließen, oder sie fingen Mäuse. Der einleuchtende Grund ihrer Existenz auf einem Bauernhof.
Obwohl der Straßenverkehr damals noch nicht so stark war, endeten viele als platte Flundern oder mit zerschmetterten Schädeln am Straßenrand. Niemand begrub sie, stattdessen kratzte die Straßenwacht sie ab, schmiss sie in eine Tonne und übergab sie der Tierkörperverwertung. Ich habe einmal mitangesehen, wie eine überfahren wurde – und später eine von unseren eigenen morgens von der Straße entfernt und ordentlich begraben. Auch der Bauernhof-Kater namens Tarzan, dem ich zum ersten Mal überhaupt interessiert beim Vertilgen einer kompletten Maus zugesehen habe, kam schließlich unter die Räder, allerdings war er da schon steinalt. Vermutlich war er nicht mehr flott genug gewesen. Ich fand ihn irgendwann am Straßenrand und begrub ihn, wenn das sonst schon keiner tat.
Ein anderes Mal, Jahre früher, fand ich hinter einer Leitplanke ein anderes Geschöpf, das die Straßenwacht nicht entdeckt hatte. Sehr lange nicht entdeckt hatte. Die Katze war bereits skelettiert. Tote Tiere waren für uns selbstverständlich, aber ein so tolles Exemplar hatte ich noch nie gesehen. Teilweise war die Katze noch in Fell gewickelt, größtenteils aber lag es wie ein Teppich unter ihr. Es war ganz grün und schimmelig. Die Maden waren bereits weitergezogen, Insekten delektierten sich noch an einigen Sehnenresten. Ich zeigte meinen Fund gleich darauf Markus, wir packten ihn ein, warfen ihn inklusive Fell in eine Plastiktüte, und Markus brachte diese am nächsten Morgen mit in die Grundschule. Wir hielten die Tüte dem Lehrer kommentarlos unter die Nase, und der gute Mann öffnete sie. Obwohl Grundschullehrer damals zweifellos noch robuster waren, lief er grün an und sagte erstmal gar nichts. Ich hatte Markus vorgeschlagen, die Überreste in einem der steinernen Tröge zu reinigen, die auf seines Vaters Bauernhof überall herumstanden, aber er hatte es nicht für nötig befunden. Hätte ich wohl selber machen sollen.
Nichtsdestotrotz erkannte der Lehrer unser redliches Bemühen und unsere naturwissenschaftliche Neugier, marschierte in sein Wohnhaus, das direkt neben der Schule lag, und kehrte mit Handschuhen zurück. Dann wühlte er etwas in der Tüte herum, und hielt ab und zu Katzenknochen hoch, die noch mit Sehnen verbunden waren: „Hier seht ihr das Becken. Das hier ist der Schwanz. Hm, ist noch Fell dran. Der Schädel ist eingedrückt, tja. Und das hier … hm, weiß ich auch nicht. So, und jetzt weg damit!“ Er verließ die Klasse und warf die Tüte draußen in eine Mülltonne. Er rief auch unsere Eltern an, war sehr nett und meinte, wir sollten bitte nicht mehr mit Kadavern von der Straße ankommen.
Katzen waren normal, ebenso ihr unvermitteltes Ableben. Man dachte nicht viel über sie nach. Sie waren niedlich, einige scheu, manche waren beinahe gefährlich. Der Respekt vor der Kreatur, die Liebe zum Tier, kam erst nach diesen kaltherzigen Kindheitstagen, die der Analyse dienten, nicht dem Gefühl. Unsere Eltern erlaubten meinem Bruder und mir eine eigene Katze. Ich suchte aus einem Wurf auf dem Bauernhof das scheueste, schwächlichste Tier aus, ein Weibchen. Bereits am ersten Abend lag das Tierchen auf meiner Brust und schnurrte sich einen ab. Und gedieh. Und gedieh. Unter seinen Nachkommen war jener schwarze Kater, der für meine ganz frühen Gedichte verantwortlich zeichnete: Er konnte Schreibmaschine schreiben. Mechanische Schreibmaschine. Er fand es sehr attraktiv, auf die Tasten zu treten und dann nach den hochschnellenden Typen zu hauen. Ich spannte vor einer solchen Spielsitzung ein Blatt Papier ein und ließ ihn schreiben. Ich gab die Texte dann als meine aus und erhielt den Literaturnobelpreis. Erinnert sich heute kaum noch einer dran. Seit der IT-Revolution ist ein nicht unbeträchtlicher Teil der literarischen Produktion zusammengebrochen, die der Schreibmaschinenkatzen.
Nach dem Ende der eigenen, durchaus unfreiwilligen Zuchtlinie kam dann ein weiteres schwächliches Tier vom Bauernhof zu uns, ein Katzenschnupfen-Kater, der den Schnupfen nie loswurde, aber das beste Katzenleben der Welt führte, auch deswegen, weil er diesmal kastriert wurde. Ich sah zu, wie der Doc ihm die Eier abschnitt. Nach ihm kam Cheech aus dem Tierheim zu uns, zumindest stand der Name auf der Unterseite seines Halsbands. Ich vermute, er war abgegeben worden, weil seine amerikanischen Soldatenherrchen in die Heimat zurückbeordert worden waren. Meine Mutter nannte ihn immer "Männlein". Dieser gewaltige, extrem liebe Kater lebte elf Jahre bei uns und hatte das allerbeste Katzenleben der Welt.
Heutzutage stolziert hier ein stimmgewaltiges Luxusgeschöpf durch die Bude, das die Hälfte des Tages meinen Schreibtischstuhl okkupiert hält und die andere Hälfte des Tages Bruce Willis spielt: Geiselbefreiung aus dem Kleiderschrank.
Es gab zwischen 2000 und 2002, nach Cheech/Männlein, eine katzenlose Zeit, und es hat eindeutig jemand gefehlt.

Dienstag, 6. Mai 2008

Wörter auf Rädern

Soeben ein Manuskript aus dem Stapel zu Ende gebracht, da klingelt es, der DHL-Mann steht mit einem Tieflader vorm Haus. Geladen hat er vier neue Manuskripte. Wörter auf Rädern. Okay, herein damit ins Hochparterre, hoffentlich hält der Kran. Och, der hält schon, damit hab ich neulich ein Nashornpaar an den Zoo geliefert.
YA-Kram, Urban Vampirschlampen-Fantasy sowie irgendwas Unidentifizierbares. Und alles scheißdick. Früher gab es mal Manuskriptseitenformat, da waren 400 Seiten noch 400 Seiten. Heute tauchen immer mehr „ökonomisch“ ausgedruckte Texte auf, die Speicherplatz und Tinte sparen wollen. Es sind immer noch 400 Seiten, aber elend eng gedruckt. Entspricht im normalen Format dem doppelt bis dreifachen. Dieser SF-Roman sieht vielleicht nach 400 Seiten aus, ist in Wirklichkeit aber 1200 Seiten dick. Nicht umsonst definieren die Amis und Briten ihre Texte traditionell nicht nach Seitenzahl, sondern nach Wörtern. 45.000, 93.000, 172.000, 8.567.000. Ist bezogen aufs Deutsche allerdings auch eine Milchmädchenrechnung, denn in einer Übersetzung werden wegen der expliziteren deutschen Syntax daraus locker ein Drittel mehr.
Irre viele Wörter. Zu viele. Dieser sinnlose Text hier spuckt seinerseits schon wieder 184 von ihnen hinaus in die Welt ...

Springprozession

Apropos Katholische Jugendgruppe. Am Dienstag nach Pfingsten des Jahres 198x fanden wir uns unvermittelt wieder mitten in der Echternacher Springprozession.
Zuerst fuhren einige Eltern uns am Abend zuvor mit Autos bis nach Ferschweiler, wo wir auf einen größeren Trupp Nachtwanderer stießen, um uns diesem anzuschließen. Für uns Jugendliche war es ein großes Abenteuer. Mit Taschenlampen über Waldwege und durch Schluchten bis ins luxemburgische Städtchen Echternach. Was uns unsere Gruppenleiterinnen nicht erzählt hatten: Wir waren, ohne zuvor irgendetwas unterschrieben zu haben oder ideologisch geschult worden zu sein, ab Ferschweiler Mitglieder von Pax Christi, der katholischen Friedensbewegung. Tatsächlich war ein Trierer Studentenpfarrer, der ab und zu in unserer Gemeinde aushalf, Sektionsleiter der hiesigen Friedensbewegten, und er hatte unsere Gruppenleiterinnen gefragt, ob wir denn bei diesem Quasi-Sternmarsch mitmachen wollten. Ob sie Flagge zeigen wollten bei so einem wichtigen religiösen Fest. Uns hingegen fragte niemand, ob wir uns unter dem Banner der Friedenswilligen sammeln wollten. Wahrscheinlich wurde man früher auf diese oder ähnliche Weise spontan Parteimitglied. Es hätte genauso gut ein Flagellantenorden sein können, dem wir uns da anschlossen, oder das Opus Dei. Aber hey, was soll’s? Es gibt Schlimmeres als betende Pullistricker mit Alkoholabneigung und Affinität zur Lagerfeuerklampfe und falschem Gesang.
Es wurde dann irgendwann Morgen, wir blieben unter uns, statt im Wohlfühlgewimmel von Pax Christi aufzugehen. Das waren schließlich alles Großstädter. Wir näherten uns Echternach und waren von den ganzen nächtlichen Abenteuern bereits redlich erschöpft, als wir uns zur Prozession formieren mussten. Zudem wurde es brütend warm. „Hier sehen Sie die Abordnung von Pax Christi! Applaus! Applaus! Mann, sehen die abgekämpft aus! Wie viele von ihnen werden die kommende Tortur wohl überstehen?“
Diese Prozession ist originär. Es gibt sie sonst nirgendwo. Sie richtet sich an den Heiligen Willibrord, einen englischen Mönch, der im Jahr 698 hier ein Kloster gründete und in der Krypta der Abteikirche begraben liegt. Die Ursprünge der Prozession sind unklar. Hat es mit der traditionellen Abgabe des Zehnten am Pfingstdienstag zu tun, den die Bauern damals eventuell vor Freude tanzend darbrachten? War es eine Prozession der Kranken und Bekloppten, sie sich in einem stilisierten Veitstanz der Krypta näherten? Ist es ein Restbestand der Geißlerzüge aus der Zeit der Großen Pest ab 1348? Weiß man nicht genau. Heute ist es jedenfalls ein Grenzraum-Event.
Es nehmen Springpilger daran teil und Musikkapellen. Immer eine Pilgergruppe, dann eine Musikgruppe. Letztere spielen immer denselben Polka-Marsch, zu dessen Takt sich die Pilger bewegen. Sie bilden Reihen, und die nebeneinander Springenden fassen sich an Taschentüchern. Viele tragen einheitliche Kleidung, viel Weiß (= Unschuld). Sie hüpfen zur Musik gemächlich einige Schritte vor und erzeugen eine Art Wippen oder Zeitlupenschleudern. Früher gab es wohl eine Frequenz „Drei Schritte vor und zwei zurück“, die aber für Chaos sorgte und die Sache gewaltig in die Länge zog. Ich glaube, wir von Pax Christi waren eingekeilt zwischen dem Musikverein Mummelbach und dem aus Lumpersbach, vor uns sprangen die Heiligen Ritter von der Unbefleckten Jungfrau vom Großen Blech, hinter uns die Betschwesternkompanie der Katholischen Gewerkschaft der Rosenkranzmanufaktur Bettingen/Saarland. Es war, wie gesagt, sehr heiß, wir schwitzten und rochen authentisch nach Mittelalter und früher Neuzeit und schnaubten gar sehr. Einige von uns hatten Schaum vorm Maul, aber das waren meistens die Hardcore-Mitglieder von Pax Christi, die so etwas Authentisches zum ersten Mal erlebten und ausflippten. Einer landete später sogar in der Psychiatrie, wie es hieß. Neurotischer Großstädter eben.
Man hatte uns gewarnt, nach der Hitze draußen sei es am Zielort, der Krypta, ziemlich kalt, und das könnte zu Kreislaufproblemen führen. Ich glaube, Irmgard brach mal wieder zusammen und hielt den ganzen Laden ungebührlich auf. Kann auch sein, dass ich mich irre. Tatsache war, dass auch ich da unten statt eines Heiligen nur Sternchen sah. Andererseits: Vielleicht waren die ja auch der Heilige. Wir sprangen an ihm vorbei und lösten uns schließlich prustend auf. Unsere Eltern kamen uns abholen, ich fiel im abgedunkelten Kinderzimmer ins Bett und nippelte zu größtenteils religionsfernen Klängen von The Alan Parsons Project ab.
Nächste Woche Dienstag geht’s richtig ab in Echternach. Die Stadt feiert den 1350. Geburtstag ihres Heiligen, und es werden Myriaden von hüpfenden Gratulanten erwartet, die durch die Straßen schleudern.

Sonntag, 4. Mai 2008

Rennen

In der fünften oder sechsten Klasse mussten wir bei Herrn Wohlenberg, dem besten Deutschlehrer des Planeten, mal einen Aufsatz über unser Lieblingshobby schreiben. (Exkurs Herr Wohlenberg: eine klapperdürre, ledrige, extremkettenrauchende Hutzelmumie, schrecklich anzusehen und mit einer genialen Ironie gesegnet, der ich so nie wieder begegnet bin.)
Herr Wohlenberg verstand meinen Aufsatz nicht so recht, denn ich berichtete ihm von einer auf dem Dorf gerade angesagten Sportart, die er sich so ganz nicht vorstellen konnte. Meine deskriptiven Fähigkeiten waren damals noch nicht so ausgebildet, dennoch gab Herr Lehrer mir eine Zwei.
Unser Dorf-Sport war so verdammt aufregend, dass ich mich nicht in der Lage sah, meine Euphorie angemessen in Worte zu kleiden. Es war alles zu physisch und schnell und jenseits aller Worte: Nachdem unsere steile Straße endlich asphaltiert worden war, fuhren wir sie mit Rollschuhen herab. Es war die Prä-Inliner-Ära, und Rollschuhe schnürte man sich (normalerweise) noch um die eigenen Schuhe. Ich war eine Flasche im Rollschuhlaufen und fiel dauernd aufs Bürzel oder schlug mir die Knie auf. Wenn damals jemand mit Knie- oder Ellbogenschonern angekommen wäre, hätten wir ihn als Lusche verlacht, ich eingeschlossen, während ich mir gerade zugleich lachend und vor Schmerz schreiend den Schorf von den Knien knibbelte. Aber das war alles scheißegal, denn wir benutzten die Rollschuhe völlig anders als normal. Wir verwendeten nur einen, frisierten ihn, indem wir die Verschlüsse nach hinten klappten oder gleich ganz abschnitten, setzten uns mit unseren Kinderärschen auf ihn drauf und ließen ihn rollen. Gesteuert wurde mit den ausgestreckten Beinen oder dem Schwung des Oberkörpers. Wir mussten alte Schuhe benutzen, denn beim Steuern und Bremsen gab es eine Menge Abrieb und die Sohlen waren in Nullkommanix durch. In der Straße gab es eine verdammt steile und enge Kurve, in der heute noch Autofahrer manchmal Probleme bekommen. Sie war der Knackpunkt eines solchen Rennens. Wer sie als Erster erreichte, die Ideallinie erwischte und die anderen ausbremste, hatte fast schon gewonnen. Fast, denn nach der Kurve kam eine rauschhafte Gerade, danach eine weitere, sanftere Kurve und schließlich die Zielgerade. Gerade, Kurve, Gerade, Kurve, Zielgerade. Tempo, Fahrtwind, der Geruch von Gummi. Ein Traum.
Extrem spannend war vor dem Start stets die Frage, ob uns von unten ein Auto entgegenkommen würde oder nicht. Und wenn ja, in welchem Tempo es ankommen würde. Und ob wir es früh genug sehen würden. Interessant war auch, wie es dem Sieger erging, wenn er unten am Ende der Straße zu zaghaft bremste und im 90-Grad-Winkel die Bundesstraße kreuzte. Und ob da gerade eventuell gerade ein Schwerlasttransporter oder vielleicht auch nur ein Patrouillenwagen des Bundesgrenzschutzes angebraust kam. Damals gab es noch nicht so viel Verkehr, und wir überlebten diese Halsbrechaktionen regelmäßig. Wenn doch mal ein Auto kam, wichen wir über die Bordsteine aus, hoben dabei auch schon mal ab, landeten auf einer Wiese, kullerten einen Abhang hinunter oder wickelten uns um Weinbergstöcke. Demnächst wird am Kurvenausgang eine Leitplanke installiert, weil unten am Hang jetzt ein Eigenheim steht und die Gemeinde verhindern will, dass ein von oben herabkommendes Auto denen auf den Mittagstisch kracht. Nie, niemals ist irgendwer an dieser Stelle runtergesegelt, außer natürlich einzelne Teilnehmer der damaligen Rollschuhrennen. Dort stand noch kein Haus, man flog direkt in die Trauben. Klatsch.
Eigenlob stinkt, ich weiß, aber ich habe immer gewonnen. Ich war der Champ, bis irgendwann mein Rollschuh kaputt ging oder ich keine alten Schuhe mehr zum Bremsen besaß. Ich erinnere mich, dass damals sogar mein wilder Schulkumpel Hans-Günther aus dem Nachbardorf manchmal vorbeikam und mitfuhr. Hans-Günther hat es schließlich doch erwischt, aber erst sehr viel später, als eine saudumm überholende Amerikanerin auf der B51 ihn und sein Motorrad auf die Hörner nahm und er die kurze Flugreise ohne Wiederkehr antrat.
Etwas später kam die Zeit der Skateboards, aber sie fand ohne mich statt. Die mit den vermögenderen Eltern bekamen eins gekauft, andere bastelten sie sich selbst - aus einem zerlegten Rollschuh, einem Brett und Nägeln. Irgendwer landete mal in einem Haufen Brennnesseln, es gab hier und da Verbände an Armen und Beinen zu besichtigen. Der Nachteil an diesen Teufelsdingern war: Man nahm am Hang mehr Geschwindigkeit auf und stürzte tiefer als von einem einfachen Rollschuh, auf dem man draufsaß. Entsprechend gab es drastischere Verletzungen. Schlimm ging es für das Mädchen namens Stefanie aus: Sie hat den letzten ihrer Stürze nicht überlebt.

Samstag, 3. Mai 2008

Mystischer Ort

Der aufregendste und zugleich idyllischste Spielplatz der Welt ist meines Erachtens ein Heuboden. Der kombinierte Heu/Strohboden.
Man muss der urbanen Konsumentengeneration, die glaubt, Kühe seien generell lila und trügen coole Sonnenbrillen, weil sie auf Schokolade und Milchtüten so abgebildet werden, einen Exkurs vorausschicken. Heu ist getrocknetes Gras und dient als Futtermittel. Stroh besteht aus Getreidehalmen und dient im Stall als Unterlage für Kühe. Es verwandelt sich tagtäglich in Mist, wenn die Kühe drauf kacken und strullen.
Bei der Getreideernte fährt der Mähdrescher übers Feld und massakriert das Getreide. In seinem rätselhaften mechanischen Inneren trennt er Korn von Halmen, schüttet das Korn über einen Ausguss in einen nebenher fahrenden Wagen, presst die Halme hingegen zu Ballen, umwickelt sie mit Seil und kackt sie am anderen Ende aufs abgeerntete Feld. Tags darauf kommt der Bauer mit dem Traktor und einem Wagen und einigen Helferlein und sammelt die Ballen ein. Dann fährt er sie auf seinen Hof, parkt den Wagen neben dem Stall und der vertikal verlaufenden Förderkette mit den Transportzacken, schmeißt diese an und beginnt damit, die Strohballen abzuladen. Die Kette befördert sie nach oben und lässt sie auf dem Heu/Strohboden verschwinden, wo irgendein Helferlein sie schichtet.
Wenn das alles erledigt ist, wieder Ruhe einkehrt und der Staub sich legt, ist der Strohboden überm Stall voll mit Ballen. Es riecht toll, ist schummrig, und der große Speicherraum wird zu einem exquisiten Labyrinth. Diese geheime, unberechenbare Landschaft verändert sich zudem ständig, weil der Bauer täglich hinaufklettert und durch eine Luke Ballen herunterschmeißt, da er neues Stroh für die Kühe braucht. Das alte haben die ja vollgekackt und in Mist verwandelt.
Der Mist wird übrigens über ein klappriges Förderband mit Schaufeln, das hinter den Kuhärschen verläuft, nach draußen transportiert und landet auf dem Misthaufen. Von dort sickert die Flüssigkeit in ein Reservoir unter dem Haufen. Man nennt das dann Jauche. Von Zeit zu Zeit füllt der Bauer mittels einer Pumpe einen Fassanhänger mit Jauche und bringt diese auf den Feldern als Dünger aus. Dann riecht es meistens streng auf dem Land, und die Touristen aus der Stadt halten sich die Nase zu und brabbeln etwas davon, sie hätten sich die gute Landluft aber anders vorgestellt. Blödis.
Der Heuboden ... Man wird, sofern die eigenen, ungefähr gleichaltrigen Cousinen Bauerstöchter sind, frühzeitig initiiert und darf mit hoch zum mystischen Ort. Mit vier, fünf Jahren spätestens. Man erreicht den Heu/Strohboden vom Stall aus über eine heubedeckte Leiter und findet sich sofort, nachdem man den Kopf durch die Öffnung gesteckt hat, in einer anderen, stilleren Welt wieder, fast wie in einem Bergmassiv, durch dessen Luft Staubteilchen driften und von Sonnenstrahlen, die durch Schlitze, Ritzen und die große Öffnung für die Transportkette fallen, illuminiert werden. Wie eine Freeclimbing-Halle ohne Erwachsene, ohne Sicherheitsleinen, ohne Sturzhelme, dafür mit berauschendem Geruch. Unten drunter befindet sich der Stall mit den Kühen, ihre Dünste ziehen herauf, die ihrer Ausscheidungen, die ihres Kraft- oder Grünfutters, und vermischen sich mit dem Duft des Strohs und des Heus. Man hört bloß gedämpft kauende Kühe, ab und zu muht eine unmotiviert, pisst einen Strahl ins Stroh oder klatscht einen Fladen hin. Manchmal schnaubt der Zuchtbulle in der abgetrennten Box und tritt gegen seine Tür, wenn ihm gerade danach ist. Oben herrscht eine Zeitlang stille Andacht, ehe die Toberei losgeht.
Es gibt Ballen bis unter die hohe Decke und in den teils offenen Dachstuhl, aber nie so diszipliniert und eng gestapelt, dass man nicht zwischen ihnen durchrennen, darauf herumklettern oder Höhlenbildungen untersuchen könnte. Natürlich ist das scheißgefährlich, denn so etwas kann einstürzen. Ein, zwei Ballen tun einem nichts, aber zwanzig, dreißig, eine ganze Lawine aus Ballen, während man gerade in einer Höhle steckt? Es bleibt uns überlassen, das zu checken und die Gefahren zu erkennen oder auch nicht. Heu gibt es auch da oben. Heu ist weicher und liegt lose aus, nicht gepresst. Man springt metertief von Strohballen ins Heu. Dabei muss man aufpassen, dass es auch hoch genug liegt, denn der Boden ist aus nacktem Beton, und mit dem möchte man keine Bekanntschaft schließen. Ich lernte ihn einmal kennen und prellte mir bei einer Heu-Arschbombe ganz gehörig den Steiß. Arztbesuch. Tut manchmal heute noch weh, eventuell ein Haarriss im Steißknochen.
Attraktiv ist auch die Transportkette, die von draußen vertikal hereinkommt, unter der Decke in die Horizontale abknickt und durch den ganzen Raum verläuft, damit sie Ballen in jede Ecke transportieren kann. Sie verfügt über ein orangefarbenes Sicherheitsgestänge, fest in der Decke verankert, an dem man sich entlanghangeln kann, um sich dann aus großer Höhe ins Heu fallen zu lassen. Es gibt einen älteren Teil des Heubodens, abgetrennt von dem neueren, durch einen alten, gratigen Mauerdurchbruch zu erreichen, für den festes Schuhwerk zu empfehlen ist. Da gibt es kein Fenster, es ist noch schummriger, es riecht noch intensiver, die Mauern sind uralt, man sieht nicht mal, wohin man springt. Ideal zum Verstecken und Verweilen und zum Verschüttgehen und nie wieder Auftauchen.
Wir mussten im Frühjahr und im Herbst ein wenig aufpassen, wenn die Katzen hier ihre Jungen warfen. Wir machten einen weiten Bogen um sie und behandelten sie stets wie wertvolles Porzellan, die kleinen Geschöpfe, denn schließlich waren sie Geistesverwandte. Irgendwann purzelten sie über verschlungene Pfade runter in den Stall und legten ihrerseits zwischen den Kühen los mit dem Getobe.
Natürlich ist so ein Heuboden auch toll zum Knutschen oder für Doktorspiele. Ich muss gestehen, gewisse präpubertäre Fantasien diesbezüglich gehegt zu haben, ohne sie jedoch so recht zu verstehen. Wir waren einfach noch zu jung dafür, und als man in das entsprechende Alter kam, hatte der Heuboden für uns schon keine wirkliche Relevanz mehr. Die Aktivitäten hatten sich anderswohin verlagert. Glücklicherweise hatten wir wenigstens unsere ersten, verbotenen Experimente mit Filterzigaretten nicht da oben durchgeführt.
Später soll sich da mal tagelang ein von der Polizei gesuchter Krimineller versteckt haben, ehe er abhaute und sich im Saarland umbrachte. Würde gerne mal wissen, wie der mystische Ort heute aussieht, nachdem der Bauer seinen Hof aufgegeben hat. Der Bauer, mein Patenonkel, wohnt da noch, aber die ganze bäuerliche Infrastruktur und die ganzen Utensilien sind außer Betrieb und leer geräumt.

Freitag, 2. Mai 2008

Dark Green Car

Ich denke immer mal wieder dran, wenn ich den Song „Dark Green Car“ von den Mummydogs höre:
Irgendwann stand plötzlich so ein altes Love-Mobil bei Markus hinterm Haus. Keine Ahnung, wie das da hinkam. Es war ein dunkelgrünes Opel-Blitz-Wohnmobil, und ausrangierte Wohnmobile der 70er hatten nichts gemein mit dem, was man heutzutage unter Wohnmobil versteht. Es war nicht die auf dem (geliehenen) Foto links abgebildete offizielle Camper-Variante, sondern ein zur mobilen Wohnstatt umgebauter Transporter ohne Dachaufbau und ohne die Fenster. Es war aber genauso grün.
Irgendwie musste Markus’ Vater an das Ding gekommen sein und hatte es auf dem Grundstück des eigenen Teilzeitbauernhofs unter einem Baum geparkt, wo es trotzig vor sich hin rostete. Wer weiß, wo der Wagen schon überall gewesen war … Der Innenraum erschien uns damals gewaltig groß, obwohl kaum etwas anderes darin war als eine Etagenbettpritsche mit Schaumstoffmatratzen zweifelhafter Herkunft. Die braunen Flecken an den Wänden erkannten wir Kinder damals nicht als das, was sie waren. Heute weiß ich es besser und muss schaudern. Es waren Zeugnisse der bewegten Vergangenheit des Love-Mobils und der Hippie-Orgien, die vermutlich mal auf den Matratzen stattgefunden hatten. Nicht dass Markus’ Vater irgendetwas damit zu tun gehabt hätte, Herrgott, nein, der verabscheute Hippies und ihre Umtriebe traditionell und ließ seinen Sohn und dessen Freundin in seinem Haus erst dann in einem gemeinsamen Zimmer schlafen, nachdem sie sich verlobt hatten. Das war aber erst viele Jahre später.
Jedenfalls war uns unklar, wie der Opel Blitz auf Markus’ weitläufige Bauernhof-Spielgründe gekommen war, aber das konnte uns ja egal sein, und wir nahmen die Kiste in Beschlag. Zuerst unternahmen wir Fahrten. Jeder durfte mal ans Steuer und kuppeln und schalten und „brummbrumm“ machen. Wir fuhren natürlich nicht in echt. Der Wagen war ja kaputt und hatte sowieso kein Benzin mehr intus. Später baute Markus, der Bastler, an die Hecktür einen Holzverschlag, eine echte Hütte, erweiterte somit das Areal und machte es schön höhlenartig. Die Hütte wurde mit ausgemusterten Sesseln ausgestattet und auch sonst mit allerhand Sperrmüll-Kram angefüllt. Ich steuerte irgendein Weltraum-Poster bei. Vor der Hütte baute Markus eine Feuerstelle und installierte einen Grillschwenker und einen Stapel stets trockenen Holzes. Daneben, auf der kleinen Wiese zwischen dem Opel Blitz und dem Wirtschaftsweg, der das Terrain begrenzte, legte er einen Fußballplatz an, obwohl der offizielle Fußballplatz nur einen Steinwurf entfernt war. An dem standen allerdings Schilder mit „Betreten verboten“ und so. Aber ich schätze, es ging Markus ohnehin mehr ums Basteln um des Bastelns willen. Er zimmerte Tore zusammen, fertigte sogar eine Tribüne an und machte mit Kalk oder Gipsstaub Spielfeldmarkierungen. Der Kalk war garantiert giftig, die Holztribüne splittrig, an den Torgehäusen standen ganz gewiss Nägel heraus, der bröckelnde Lack des Opel Blitz war hundertpro ungesund, die Sperrmüllmöbel dienten Insekten als Bau und Brutplatz, und dass man Brotscheiben am Lagerfeuer nicht pechschwarz grillt, weil man davon Krebs bekommt, wussten wir damals auch noch nicht. Und die ein oder andere Zigarette soll an diesem Feuer damals auch geraucht worden sein.
Ich scrabbelte einen Namen für das so entstandene Anwesen, und er wurde ranchartig am Eingang angebracht. Villa Irmusajut. Das seltsame Wort bestand aus den Anfangsbuchstaben unserer Vornamen, wobei ich leider nicht mehr alle Beteiligten zusammen bekomme. Irmgard, Ralf, Markus, Ulrike, Annette, Joachim, Thomas … Ich weiß nicht mehr, wer S und das zweite U waren. Andererseits überrascht es mich heute, dass es kein zweites M gab. Wer gerade nichts zu tun hat, kann aus den Buchstaben ja mal ein ästhetisch ansprechenderes Wort scrabbeln. Mir fiel damals nichts Besseres ein, und ich entschuldige mich dafür.
Das war unser Hauptquartier, Ausgangsbasis für die hochmobilen Erkundungen der Umgebung. Unsere Fahrräder waren aufgerüstet mit Spielkarten, die an den Speichen ratterten, ein oder zwei von uns hatten Bonanza-Räder mit Fuchsschwänzen, meins verfügte über allerhand Aufkleber und einen Mercedes-Stern. Markus hatte seins selbst zusammengeschweißt, mit elf oder zwölf Jahren. Außerdem fertigte er uns aus Holzbohlen Gewehre, die manche von uns anmalten oder mit Xyladecor (Asbest!) bestrichen, um sie dann cool mit schwarzem Duct-Tape zu umwickeln und tolle Zebramuster zu erzeugen. Irgendwann kam auch die Zeit der Schwerter. Ich hatte einen echten Prügel, steinhartes Holz und über den Griff zwecks Abfederung der Schläge den ausgemusterten Gumminippel einer Melkmaschine gezogen, der da wunderbar draufpasste. Dass das Ding zuvor sanft einen empfindlichen Kuheuter umschmiegt hatte, kam mir gar nicht in den Sinn. Als Schilde benutzten wir gerne große, ausrangierte hölzerne Glättkellen, deren Unterseite ich mit einem Wappen bemalte und dem Feind entgegenstreckte, damit er sich an ihm abreagieren konnte, bis ich mit meinem Melkmaschinenschwert aus der Deckung stieß und ihn niedermachte. Der improvisierte Fußballplatz von Irmusajut wurde so auch schon mal zum Turnierplatz. Es gab blaue Flecken, es gab Beulen, es gab Blut. Als Lanzen dienten Weinbergstöcke. Glücklicherweise hatte uns irgendein Elternteil darauf hingewiesen, dass wir mit dem flachen oberen Ende zustoßen sollten, nicht mit dem angespitzten unteren. Andernfalls würde ich jetzt vielleicht nicht hier sitzen. Oder ich säße im Gegenteil immer noch im Besserungsheim Helenenberg. Wenn gerade niemand Lust auf Turniere hatte, haute ich einfach dem Opel Blitz ins grüne Blech.
Ja, der duldsame, stumme Opel Blitz schaute sich das alles jahrelang aus blinder werdenden Scheinwerferaugen an, während ihm die Vegetation von unten in den Motorraum wuchs. Irgendwann verloren wir das Interesse an ihm und an uns selbst. Leute kamen und gingen, es gingen mehr als kamen, „Irmusajut“ wurde getilgt, es hieß dann eine Zeitlang nur noch „Villa“. Der Opel Blitz war schließlich komplett vergreist, nur noch Rost und Dreck und scharfkantiges Blech, und grün war er auch nicht mehr, eher braun, bevor er ganz verschwand.
Heute steht auf dem Areal Markus’ Eigenheim – das er natürlich von oben bis unten ganz allein gebaut hat.

Donnerstag, 1. Mai 2008

Kinderschreck

Als ich noch auf dem Dorf wohnte, zu Studentenzeiten und so, ging ich oft spazieren. Meiner Mutter sagte ich stets, ich ginge „nach der Fruuscht kucken“. Fruuscht ist Dialekt, heißt Frucht, heißt Korn. Die Wendung stammte von meinem Opa, einem Bauern, der die eigenen Spaziergänge damit motivierte, dass er sich den Zustand seines Getreides auf dem Feld anschauen wollte. Ich traf ihn häufig tatsächlich bei seiner Fruuscht, und wir hielten ein Schwätzchen.
Jedenfalls war ich an diesem speziellen Tag erst bis ans Ende der Straße gekommen. Auf der Einfahrt des letzten Hauses spielte dieses junge Mädchen namens Verena oder Sibylle mit einem Ball oder einer Puppe, mir den Rücken zugewandt. Da auf dem Dorf jeder jeden kennt und ich darauf konditioniert worden war, Respektbezeugungen zu zeigen, sagte ich deutlich vernehmbar „Tach“ oder „Hi“ zu der jungen Verena und dachte mir nichts dabei. Richtig wäre es gewesen, wenn das Mädchen „Hallo“ gesagt oder ein „Tach“ zurückgegeben hätte. Aber hier lief etwas falsch. Stattdessen fror Verena oder Sibylle mitten in der Bewegung ein und wurde steif wie ein Pfahl. Dann drehte sie ganz langsam den Kopf herum und starrte mich an. In ihrem kreidebleichen Gesicht stand derartige Panik und Angst geschrieben, dass ich unwillkürlich stehen blieb und mich ein Schaudern überfiel. Verena starrte mich weiter an und war kurz vorm Hyperventilieren. Dann, wie von der Tarantel gestochen, sprang sie auf und schrie ganz schrecklich laut in die entzückend friedliche Landidylle hinein: „Hilfe! Hilfe! HILFE!!! HÜÜÜLFE!!!!“ Sie warf die Puppe oder den Ball weg und rannte los in Richtung Haustür, weiterhin kreischend und nach „MAMA!!!“ brüllend. Sie erreichte dabei Phonzahlen, die ich noch nie bei einem Menschen gehört hatte, nicht mal bei Robert Plant von Led Zeppelin. Ich wusste nicht so recht, wie mir geschah, und ging peinlich berührt weiter. In der Haustür erkannte ich noch einen Schemen, der das Mädchen mit hektischen Bewegungen in Empfang nahm. Es war offenbar Mama Marieluise, die mir nun nachschaute. Verenas oder Sibylles Gekreische und panisches Geheule verfolgten mich noch bis an Ende der nächsten Straße, und ich war ernsthaft irritiert. Kannte das Girlie mich nicht, obwohl ich traditionell drei Häuser weiter wohnte? Sah ich so schlimm und unbürgerlich aus? War es der Totenkopf-Anstecker an meiner Army-Jacke? Was hatten ihre Eltern ihr bloß über mich und meine Neigungen erzählt? „Halt dich fern von dem, er hört laute Musik und rasiert sich nicht!“ War ich vielleicht Mister Hyde und fraß in meiner Zweitidentität kleine Mädchen? Davon war mir bislang nichts bekannt.
Als ich von meinem Gang zur Fruuscht zurückkehrte und wieder an dem Haus vorbeiging, war dort alles ruhig. Kurz darauf kam Verenas oder Sibylles Vater zu uns die Straße hoch - er hatte mich zurückkehren sehen – und entschuldigte sich für das Verhalten seiner Tochter. Sie hätte tags zuvor im Fernsehen etwas über einen Kindermörder gesehen, und das hätte sie doch sehr beschäftigt. Ach so.
Verena oder Sibylle ist heute eine wohlgestalte junge Frau mit Designer-Täschchen und Lippenstift, glaube ich, aber womöglich träumt sie ab und an noch von dem großen, schmalen, schlurfigen, unrasierten bösen Werwolf in Army-Jacke und mit Totenkopf-Anstecker, der plötzlich in ihrem Rücken auftaucht und die Zähne zu einem „Tach!“ fletscht.