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Dienstag, 22. Januar 2013

"Ermpftschnuggn trødå! - hinterm Staunen kauert die Frappanz"

Comedia. Malmsheimer, die Dritte. 
Kurzbetrachtung: Kraftvoll und pampig, erregt und konstruktiv verwirrt. Klagelied bzw. Psalm an die Hose als solche sowie ans TV-Programm. Unerwartet politische Einschübe und Toleranzappell anhand eines Malmsheimer-Märchens über eine Sitzung der deutschen Sprache in Mannheim. Tagesordnungspunkt: Neuaufnahmen. Heftige Kontroversen wegen der Aufnahme von „chillen“ in den deutschen Wortschatz. „Flurwoche“ ist dagegen = zu fremdländisch. Flurwoche wird logisch ausmanövriert, „chillen“ kommt rein. „Flurwoche“ fliegt raus wegen erwiesener Spießigkeit, wird dann aber doch geduldet, nennt sich jedoch um in „Kehrwoche“. Damit ist der Ausruf „Hey, chill mal dein Leben!“ nun offiziell erlaubt in der deutschen Sprache. 
Letztes Mal war es zugegebenermaßen ein klein bisschen lahm bei Malmsheimer. Ich glaube, er war an jenem Abend etwas kränklich. Diesmal aber wird so derart volle Pulle gegangen, dass einem (mal wieder) angst und bange wird. Polterndes Sprachkabarett mit Volten bis zum Zwerchfellkollaps, schwer zu toppen. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Mittwoch, 19. September 2012

"Ich weiß es doch auch nicht"

Neues Programm von Wilfried Schmickler. Premiere. Richard Rogler und Volker Pispers sind auch anwesend. Entweder aus Solidarität oder aus Argwohn. 
Schmickler weiß es zwar auch nicht, das aber immerhin sehr eloquent, und gegen Ende bietet er Lebenshilfe an und schlägt eine ganze Reihe kleiner anarchischer Akte vor, die zwar nichts beantworten, aber immerhin auf die Fragen hinweisen („Das kann doch nicht sein!“). Er ist der dunkel grollende, in Salven sprechende Mittelsmann zwischen der Kölner Südstadt, Johnny Cash und der großen und kleinen Politik. Und es ist immer wieder eine Freude, dem weichen Kern des raubeinig wirkenden Bühnenaktivisten auf die Spur zu kommen. Diesmal ist es vor allem eine kleine Variation von „Wandr’rers Nachtlied“, gewidmet verstorbenen Freunden, welche die Stille preist, aber dauernd von einem grellen Klingelton-Rap durchschnitten wird. Da ist echte Trauer im Spiel, und Wut. Überhaupt ist an Schmickler alles echt. Er ist der vielleicht authentischste Kabarettist der Nation, der auch im Privaten sehr engagiert ist, ohne drüber zu reden. Mit zunehmendem Alter bestätigt sich auch an ihm eine althergebrachte Lebensweisheit: Er wird weiser. Nachdenklicher sicher auch, aber keinesfalls milder. Die FDP hat er gefressen, sowieso, das ist bekannt. Die Piraten auch („da kann ja nichts schiefgehen“), das Führungspersonal der Linken watscht er in metaphernreichen Wortkaskaden ab, dass man den Kopf einziehen möchte („Eigenheim-Sozialist“, „Rosa-Luxemburg-Kleindarstellerin“, „grinsender Kugelblitz“). Er ergeht sich aber auch über die Allgegenwart des TV-Talks, über verhasste Popmusik auf jedem Pissoir der Republik oder die ständige Eventkultur, die unter anderem in der Flutung von Lüdenscheid mündet. Dazwischen das groteske Verlesen von Nachrichten mittels Assoziationsketten, die mythische Schlacht zwischen Prognostikern und Antignostikern und die Vorstellung seines neuen Buchs „Deutschland – ein Abwasch“, das nur aus leeren Seiten besteht, auf die jeder seine eigene Agenda schreiben kann, um dann beim Lesen auszurufen: „Endlich sagt mal jemand, was gesagt werden muss!“ Und er ist – so wie ich auch übrigens – froh, dass Pussy Riot kein Deutsch-Pop ist, denn dann hieße es in den Nachrichten: „Mösenaufstand im Arbeitslager“. 
Schmickler ist immer eine Reise wert. Nun gut, bei uns dauert sie nur zwei Fußminuten, aber viele Leute nehmen weitaus längere Wege zum „Parkplatzparadies Neustadt-Süd“ (Schmickler) in Kauf, um ihn zu erleben. Zwei weitere Termine diese Woche, aber – klar – ausverkauft.

Donnerstag, 21. Juni 2012

Captain Lockheed & The Starfighters

Vor dem Hören von Robert Calverts Captain Lockheed & The Starfighters von 1974 könnte es natürlich hilfreich sein, sich die deutsche Starfighter-Affäre noch mal vor Augen zu führen, einige Fakten zu recherchieren und zu versuchen, sich in das Klima der damaligen Zeit einzufühlen. 
Das Album war Calverts erste Solo-Platte. Er stemmte sie als Session-Großprojekt, zu dem er allerhand Musiker, Sänger und Sprecher einlud. Es ist erwartungsgemäß die gesamte damalige Hawkwind-Crew mit an Bord, inklusive Brock, Turner und Kilmister. Simon Kings wummerndes Schlagzeug ist unverkennbar. Mit von der Partie sind ebenso Snowy White (Pink Floyd, Thin Lizzy), Paul Rudolph und Twink (Pink Fairies) sowie Brian Eno (Roxy Music). Unter den Sprechern und Sängern finden sich ausgewiesene Exzentriker wie Vivian Stanshall (Bonzo Dog Band, Monty-Python-Umfeld), Arthur Brown und Jim Capaldi.
Das Cover zeigt drei Starfighter-Miniaturen über einem Kamin im Formationsflug; auf der Rückseite sind die Flugzeuge von der Wand gefallen und liegen in Scherben vor dem Kamin. In das originale Klappcover sind alle Texte des Albums als Libretto eingeheftet. Ein Einführungstext erklärt dem Rezipienten die Hintergründe.  
Calvert war begeistert von der Militärfliegerei und spielte sogar mit dem Gedanken, in die Royal Air Force einzutreten. Seine eher schwächliche Konstitution verhinderte das allerdings. Die Affäre um den Starfighter weckte sein Interesse sowohl als Fliegerei-Enthusiast wie auch als Satiriker, wobei damals durch die Presse so langsam einige Vorgänge aus dem gemeinsamen Darkroom von Militär und Wirtschaft ruchbar wurden, die auf Bestechung und skrupellose Profitmaximierung hinwiesen. 
Die Sache beginnt mit den Geräuschen von Propellerflugzeugen und einem zornigen Franz-Josef Strauß während einer Luftwaffenvisitation: „Even the Red Baron himself would laugh at such antiquated aeroplanes. This is not an airforce, this is an air circus!" Kurz darauf tauchen die amerikanischen Waffenhändler auf, die Calvert als obercoole Opportunisten karikiert, die den Kunden, namentlich Strauß, weich klopfen, indem sie an seine Großmannssucht appellieren. Eben dieser von revanchistischen Gefühlen getragene Drang zum „Wir sind wieder wer“ macht die Deutschen zu leichten Opfern der amerikanischen Vermarktungsstrategien. Strauß wird charakterisiert als polternder, schreiender, überbordend romantischer Alleinerbe Görings, der die deutsche Luftwaffe wieder zum Prestigeobjekt machen will. „Out of the ashes of defeat, a shining silver bird arising ... We will soar up the skies with our gleaming needles. The world we’ll be!” Nicht nur werden jegliche Bedenken hinsichtlich der Tauglichkeit der F-104 vom Tisch gewischt („We will make some modifications“), es werden den Deutschen auch sage und schreibe 700 Exemplare eines noch ungetesten Jets angedreht. Aber als der Amerikaner Strauß in Aussicht stellt, die so modifizierte F-104 in F-104G („G for Germany“) umzubenennen, ist es um den Minister und seine zackigen Berater („Ja, Herr Minister!“) ohnehin geschehen: „G for Germany. Also, G for Gott strafe England!“
Die weiteren Spielszenen des Albums beschreiben den täglichen Umgang der Luftwaffe mit dem in Dienst gestellten Jet. Etwa den bizarren Enthusiasmus der Testpiloten. Oder die völlige Unfähigkeit der Bodenmannschaft, ein loses Triebwerk zu befestigen. Ein absoluter Klassiker ist der „Last Minute Cockpit Check“, bei dem der Tower mit dem auf der Startbahn stehenden Piloten nicht etwa die Bordinstrumente durchgeht, sondern ihm eine ziemlich lange Liste mit Beruhigungsmitteln vorliest („Valium, ten milligrams – Check. Haloperidol, five milligrams - Which ones? - The little white ones - Little white ones, okay. Check … A glass of water – Check“). Die Stimme des Piloten wird während der Einnahme der Medikamente immer trüber und langsamer, vor dem Start folgt noch ein Vaterunser. 
Der Höhepunkt unter den Spielszenen ist jedoch zweifellos das „Vorstellungsgespräch“, in dem ein Kadett namens Von Trippenhof hinsichtlich seiner Tauglichkeit als Starfighter-Pilot getestet wird. Der offenbar völlig gestörte Bursche sprudelt derart über vor germanischer Todessehnsucht, wagnerianischem Untergangspathos und suizidalem Überschwang, dass der Hörer sich vor Lachen in die Hose macht. Als der Kadett dann auch noch mit der absurden Geschichte aufwartet, wie seine Mutter den vom Vater erfundenen „Gasseo glider“ einhändig über den Atlantik fliegen wollte und tragisch scheiterte, ist seine Tauglichkeit erwiesen. In einer weiteren Spielszene hören wir einen Barbershop-Chor von Ministern und Staatssekretären, die ihren Rücktritt ankündigen, ehe vor Biergarten-Geräuschkulisse ein damals in Deutschland weit verbreiteter Starfighter-Witz erzählt wird: „Willst du einen Starfighter haben? Dann kauf dir einen Acker und warte.“ 
Die dazwischen platzierten Songs überhöhen den satirischen Gehalt zu poetischen Rauschzuständen. Sie sind oft losgelöst von der konkreten Starfighter-Affäre und beschäftigen sich mit der Luftfahrt generell: der Widernatürlichkeit des Fliegens, dem grandiosen Überwinden der Anziehungskraft, dem Rausch der Technik, dem Heroismus und der buchstäblich bodenlosen Arroganz der Fliegerkaste, dem glorreichen Scheitern, der Faszination des Irrationalen, dem Prinzip „Pech“. Auch ihnen wohnt ein Element heroischer Todessehnsucht inne, eine gehörige Portion spezifisch teutonischen Vernichtungs- und Selbstvernichtungstriebs und immer wieder die romantische Tragödie des Scheiterns an der hehren Ambition. Durch haltlose Überzeichnungen und lyrische Späße wird die Tragödie allerdings zur Groteske umfunktioniert. In „Hero With A Wing“ gerinnt das unter mystischen Celtic-Folk-Klängen zu einer komischen Todestraum-Elegie. Der Höhepunkt der ganzen Platte ist wahrscheinlich der avantgardistisch gestaltete, zweiteilige „Song of the Gremlin“, in dem die Verantwortung für Abstürze und Todesfälle jenem Kobold zugeschrieben wird, der in der Technik wohnt und alles, was Menschenhand konstruiert hat, von innen heraus wieder dekonstruiert. Arthur Brown übernimmt die Rolle des Gremlin und stellt ihn vor zischenden Drums, flirrendem Piano und Vocoder-Effekten dar als drollig kreischende, böse Entität, die Technik genauso innig hasst wie Menschen.
Die Songs „Aerospaceage Inferno“, „Ejection“, „The Widow Maker” und „The Right Stuff” sind stoische, treibende Hardrocker im Hawkwind-Stil, transparenter und entschlackter als die Bandstücke der damaligen Zeit, dennoch aufgerüstet mit einschlägigen Soundeffekten wie Triebwerks- und Crash-Geräuschen sowie Funkgesprächfetzen. „The Right Stuff“ ist dabei eine poetische Paraphrase und Parodie des gleichnamigen Testpiloten- und Spaceage-Romans von Tom Wolfe (später verfilmt und bekannt unter dem deutschen Titel Der Stoff, aus dem die Helden sind), in dem der ich-erzählende Pilot sich unumwunden als sexuell höchst attraktiven Vertreter eines neuen Übermenschentums begreift. Am Ende steht das Requiem „Catch A Falling Starfighter“, ein wiederum folkloristisch ausgestalteter, zynischer Poem zur Begräbnistrommel, der auf surreale, aber einsichtige Weise die weiteren Verwendungszwecke eines vom Himmel gefallenen Starfighters aufzählt und dazu rät, vorher das Cockpit mit den verbrannten Überresten des Piloten über dem Abfluss auszuleeren. So viel zu den Ambitionen des gravitationsverachtenden Übermenschen. 
Für den bösen „Widow Song“ hatte Calvert Nico (Velvet Underground) als Sängerin vorgesehen, aber die Kooperation kam nicht zustande. Der Song wurde gar nicht erst eingespielt, findet sich aber im Libretto. Publiziert wurde er erst 1985 auf dem Hawkwind-Sampler Friends and Relations Vol. 3 als zeitgemäß asketisches Synthie-Stück, gesungen von Calverts Frau Jill Riches.
Im Vergleich zu sonstiger britischer Deutschenverarsche zeichnet sich Captain Lockheed & The Starfighters durch ein gewisses Quentchen Stichhaltigkeit aus, sowie durch den lobenswerten Versuch, nicht bloß deutsche Zackigkeit und Tölpelhaftigkeit zu parodieren, sondern auch und vor allem die 'deutsche Seele'. Darüber hinaus ist das Album hervorragend recherchiert und im Hintergrund, wo sich die Effekte abspielen, phänomenal belebt.

Samstag, 24. März 2012

Annamateur & Außensaiter: "Screamshots"

Die Bühne ist dunkel, zu hören ist ein musikalisches Brodeln, ein psychedelisches oder free-jazziges Sequencer-Brummen und Grollen, aus dem Geräusche werden, Wortfetzen gar und schließlich die Schöpfungsgeschichte: „Am Anfang – wabba dong! Wabba dabba dong!“ 
Nachdem dieses programmatische Intro verklungen ist und der Overhead-Projektor eingeschaltet, haben wir es zu tun mit einer recht beleibten Grundschullehrerin, die sich von Frau Knüppelkuh eigentlich nur durch ihre wirre Lockenpracht unterscheidet. Verblüfftes Gelächter im Publikum, ein bisschen unsicher auch. Keiner weiß, was kommt. Geborgen fühlt man sich keinesfalls, denn die Lehrerin brüllt: „Ruhe! Ich warte so lange, bis auch der Letzte sich beruhigt hat!“ Es folgt eine Lektion in Malen nach Zahlen auf dem Overhead, eine Farbe steht zur Verfügung: schwarz. Die gestrengte Lehrerin zeigt beim Ausmalen eines Quadrats unerwartete Einblicke in ihre emotionale Verfassung und unterstützt jeden Strich durch orgasmisches Stöhnen. „Nicht über den Rand malen!“ Und natürlich: „Wenn ich schimpfen muss, tut das mir mehr weh als euch!“ 
Nach und nach löst sich die furchteinflößend komische Lehrerin-Persona auf und artikuliert sich in Gesten, Texten und Liedern als gewaltiger, wogender Neurosenstrang, in dem so ziemlich jede neumodische Neurose verkabelt wurde. Der Abend wird zu einem absurden Überblick über die Epoche des Ritalin, und die Lyrik springt mit besonderer Leidenschaft im Spannungsfeld zwischen Konformität und Unangepasstheit herum. So sieht das offenbar aus, wenn Menschen unter Anpassungsdruck und ständiger ADHS-Angst auseinanderbrechen. 
Annamateur, das ist die Jazz-Chanteuse Anna Maria Scholz, und als die Außensaiter fungieren ihre beiden „Purzel“, Samuel Halscheidt an der Gitarre und Christoph Schenker an Cello und Bass. Alles Leute, die das, was sie tun, gelernt haben. Das merkt man. Allein Halscheidts und Schenkers musikalisches Duett ungefähr in der Mitte des Programms ist den ganzen Abend schon wert. Was da an Tempo, Dynamik und motivischen Assoziationen auf einen niederkracht, ist gewaltig. Fast ein bisschen King Crimson mit Bluegrass-Spritzern.
Aber im Zentrum steht natürlich die Wuchtbrumme. Frau Scholz weiß ihre Gewichtigkeit zu absurdesten Effekten einzusetzen, tanzt manisch, wischt mit Ganzkörpereinsatz den Boden, als zöge sie Bahnen im Schwimmbad, und zieht sogar (fast) blank. Sie macht sich für uns zum Narren und provoziert peinlich berührtes Gelächter. Normalerweise schauen wir da weg und gehen weiter, aber hier haben wir ja dafür bezahlt. Dann aber schleudert sie uns fast übergangslos in Sphären tragischer Melancholie, Schönheit und assoziativer Lyrik, ehe sie als Zugabe André Rieu als Sportpalast-Event inszeniert und uns allen die Spucke wegbleibt.
Annamateur & Außensaiter rangieren bisher unter „ewiger Geheimtipp“. Die Comedia war bei weitem nicht ausverkauft. Das muss sich ganz dringend ändern.

Freitag, 20. Januar 2012

"Ich bin kein Tag für eine Nacht oder: Ein Abend in Holz"

Jochen Malmsheimer, die Zweite. Weil die Gattin den so bekömmlich findet. Ich übrigens auch. Ein anderes, älteres Programm diesmal. Macht aber nichts, weil Malmsheimer die Tagespolitik traditionell umgeht und sich den wirklich wichtigen Dingen widmet, die bekanntlich zeitlos sind. Als da wären Dachdeckervereinstreffen in Kaarst, Kneipengespräche, Flugzeugtoiletten, Fernseh- und Radio(!)-Köche, Bochum. Und in einem seiner allerschönsten Texte verdeutlicht er uns, warum bei verbaler Kommunikation nicht wir Herr im eigenen Körper sind, sondern vielmehr das reichlich überforderte „Leitende Adrenalin“, das eine schier unüberschaubare Anzahl an biochemischen Abteilungen koordiniert. Die Abteilung SAM (Sitte/Anstand/Moral) spricht übrigens mit bayerischem Akzent. Man kennt diese komödiantischen Körperinneneinsichten spätestens seit Woody Allens Was Sie schon immer über Sex wissen wollten …, aber Malmsheimers Text ist 1) nur Text, 2) extrem prächtig gearbeitet und 3) rabiat vorgetragen. 
Malmsheimer präsentiert verblüffende Satzsemantik-Kanonaden, bietet eine Menge zitierfähiges Material und seziert schnellsprecherisch und dynamisch, was das Zeug, also die Sprache, hält. Dazu kommt, dass der breitgewachsene Bochumer unter jenen Bühnenentitäten, die allgemein zur Eruption neigen, zweifellos die beeindruckendste ist. Seine Misanthropie ist zu gleichen Teilen bedrohlich und zutiefst gerechtfertigt. Wenn es ihm aus dem breiten Brustkorb satzsemantisch und cholerisch herausbricht, neigen sich die Zuschauerränge und demzufolge auch die Zuschauer gleich mehrere Zentimeter nach hinten wie unter dem Einfluss einer taktischen Nuklearwaffe. Des Zuschauers Haupthaar, sofern vorhanden und auf entsprechende Länge gebracht, weht einen Moment lang in der Druckwelle. Rentner kippen auch schon mal, uff, nach hinten um. Von Verbrennungen und Verstrahlungen unter der Bevölkerung ist indes nichts bekannt. 
Ein wenig machen sich jedoch auch Abnutzungserscheinungen bemerkbar, was womöglich an der Schnittmenge zwischen diesem Programm und dem vom letzten Termin liegt: Es kommt zu Wiederholungen. Außerdem schien mir der letzte Termin verblüffender, enthusiastischer. Diesmal werden einige gedehnte Albernheiten losgelassen und ist mir persönlich zu oft von Flatulenz die Rede. Davon redet doch irgendwie jeder.

Donnerstag, 24. November 2011

"Das Leben ist schön - gefälligst!"

Gestern Abend waren Piet Klocke und Frl. Angelika Kleinknecht (aka Simone Sonnenschein) in der Comedia. Neues Programm „Das Leben ist schön – gefälligst!“. 
Klockes Strategie ist schnell erklärt, zugleich sehr kompliziert, und sie verlangt vom Künstler eine extremistische Bühnendarbietung. Er weist uns hin auf die Diskrepanz zwischen gesprochener Sprache und kognitiven Prozessen. Schneller denken, als sprechen möglich ist. Klocke führt die Tragik vor, die sich aus diesem Umstand ergibt. Rigoros. Es ist ein Verzweifeln an der Unzulänglichkeit der Welt, sehr gern auch an sich selbst, an der eigenen rhetorischen Ausstattung und an der fatalerweise selbstgewählten Rolle des „Dozenten“. Jemand, der zu schnell denkt und dabei auch noch überaus fahrig und generell sehr verwirrt ist und zudem grotesk lang und schmal, merkwürdige Garderobe trägt und eine wirre Frisur hat, sollte nicht vor Publikum treten. Das kann nur schief gehen. 
Glücklicherweise tut Piet Klocke genau das. Weswegen bei seinen tragikomischen Auftritten das Publikum stets prustend und keuchend in den Rängen hängt und schlussendlich die Veranstaltung fix und fertig verlässt. 
Es gibt da kein Vertun: Piet Klocke gehört zum Besten, was das Kabarett zu bieten hat. Er aktualisiert ältere, tragikomische Formen des Scheiterns an Welt und Sprache und taktet sie gnadenlos hoch. Seine erschütternde, aber in sich logische Komplettverdrehtheit und seine groteske Übererregtheit lassen einen ziemlich fassungslos zurück. Das ist pure Katharsis. Da kriegt man Atemnot.
Am stärksten erinnert er sprachstrategisch wie phänotypisch wohl an Karl Valentin, einen der größten deutschen Kabarettisten. Alfred Kerr schrieb seinerzeit über den Münchner: „Alle lachen. Manche schreien. Woraus besteht er? Aus drei Dingen: aus Körperspaß, aus geistigem Spaß und aus glanzvoller Geistlosigkeit“. Er könnte es heute beinahe genauso über Piet Klocke schreiben. 
Als seine Liesl Karlstadt fungiert Simone Sonnenschein mit schüchternem Kleinmädchen-Charme und in grotesk unbeholfener Girlie-Kleidung. Stets nur flüsternd und mimisch aktiv, voll von abrupt hervorbrechenden, dadaistischen Weltverbesserer-Ideen („Windenergie!“), die sie Klocke ins Ohr flüstert, damit dieser sie hinausposaunt – um sich dann stammelnd darüber lustig zu machen und die kleine Naive genussvoll runterzuputzen. Aber Frl. Kleinknecht hat enormes anarchisches Potenzial: Während Klocke in der Pause unter der Dusche war, hat sie ihm die Klamotten geklaut und tritt nun ebenso wortgewaltig wie verwirrt als er auf. Zum Schreien. Klocke kommt fast zu früh zurück – in Bademantel und mit Waschbürste –, um zornig seine Garderobe einzufordern. Solche faustdicken Überraschungen, die unbedarften, etwas gelangweilt wirkenden „Basteleien“ nebenher (ein Phallus aus einem Handtuch), kleine poetische Einschübe und nicht zuletzt die blitzsauberen Saxophon-Aktivitäten der studierten Musikerin Simone Sonnenschein machen einen Fräulein-Kleinknecht-Fanclub mehr als überfällig.

Freitag, 11. November 2011

"Weiter"

Man kennt ihn vom Sehen, den Wilfried Schmickler. Er wohnt hier irgendwo um die Ecke, und man sieht ihn oft morgens auf dem Weg zum Bäcker vor dem „Filos“ am Stehtisch, Kaffee und Kippe inhalierend. Ein Mann des Volkes. Hauptsächlich kennt man ihn aber aus dem Fernsehen als zornbebenden Rausschmeißer aus den Mitternachtsspitzen. Er sagte neulich in einem Interview, aufgrund dieser hohen Eskalationsstufe hätten manche Leute Angst, in seine Programme zu kommen. Die Termine sind trotzdem regelmäßig ausverkauft.
Schmickler spielt drei Tage lang sein Programm „Weiter“ in der Comedia, zwei der Termine sind mit WDR-Aufzeichnung. Wir haben uns den ohne Kameras ausgesucht.
Schmickler ist gekommen, um Verkrampfungen zu lösen und sich quasi stellvertretend fürs Publikum in Rage zu reden. Völlig zu Recht wird er gern mal bezeichnet als „Scharfrichter“ und als „Moralist“. Er tritt wechselweise auf als Volkstribun, der gegen „die da oben“ wettert, als Prediger, der der Gemeinde den Spiegel vorhält und allzu viel Selbstzufriedenheit gar nicht erst zulässt, sowie als melancholisch-lässiger Schlagerstar zu Halbplayback. Seine Laune schwankt zwischen der eines grantigen Maschinengewehrs, seine Taktfrequenz darauf abgestimmt, und der eines links wie rechts blickenden 80er-Überlebenden, der die Gegenwart reichlich albern findet.
Im Kölner Südstadt-Heimspiel ist der Mann ein Souverän, der König des Abends, der auf ein aufmerksames, manchmal wohl etwas zu amüsierwilliges Publikum trifft. Einige Leute lachen ständig, auch bei Sachen, die gar nicht lustig sind oder dazu dienen, Pointen erstmal vorzubereiten. Der Typ, der hinter uns sitzt, sagt leicht missbilligend und mit Blick dorthin, von wo das meiste Gekickel kommt: „Es sind Landeier anwesend.“ Leider sieht er sich seinerseits genötigt, der Gattin jede Pointe zu erklären. Nervt auch. Viele nicken Schmickler bestätigend zu, reden ein bisschen mit, bringen Zwischenrufe an, teilen die Meinung des Vortragenden. Fehlen nur noch zornig erhobene Fäuste. Glücklicherweise sind es nicht so viele Amüsierlacher, lautstarke Synchronanalytiker oder Meinungsbekunder, dass sie Schmickler den Rhythmus oder die Pointen zerhauen könnten. Er steht manchmal da wie ein Demagoge und gefällt sich dabei, wobei er allerdings nicht nur die politische Klasse, sondern auch sich selbst karikiert, jedes Gewese um seinen Standpunkt dezent wegwedelt oder die Mundwinkel schmerzhaft verzieht, sobald er glaubt, es gerade zu weit getrieben zu haben. Unter der rauhen Schale kommt oft genug der engagierte Typ hervor, dem die Dinge tatsächlich am Herzen liegen. Er erreicht deswegen einen Grad an Bühnenauthentizität, den man selten findet. Ein von gesundem Zorn angetriebenes Spottprogramm mit kathartischen Tendenzen, einer ganz deutlichen rheinisch-katholischen Note der Demut sowie einer dezenten „Altersfusseligkeit“. Seine von selbstironischer Sangesstar-Attitüde unterstützten Blues-Couplets sind okay, die extrem konzentriert vorgetragenen kleinen Gedichte, Philippiken und Predigten exzellent, und die Einlassungen zum Nichtraucherschutz, zum Gesundheitswahn, zu den FDP-Bubis, zu den zwei letzten Verteidigungsministern und zur katholischen Kirche sind nicht steigerbar. Schmickler ist der Maestro einer auf engstem Raum komprimierten rhetorischen Verachtung. Und er hat, bevor er diese Dinge im Kämmerlein ausformulierte, dem Volk aufs Maul geschaut. So etwas nennt man Kabarett. Und am Ende, als das Licht wieder angeht, schallt Johnny Cash aus den Lautsprechern.
Großartiger Abend. Das nächste Mal auf dem Weg zum Bäcker spreche ich ihn an, den Wilfried Schmickler, und sage ihm das persönlich.

Sonntag, 13. März 2011

"Ich regel das"

Er nennt sich selbst gern den „Florian Silbereisen des deutschen Kabaretts“, womit er anspielt sowohl auf sein blendendes Aussehen wie auch auf seinen robusten volksmusikalischen Ansatz. Gestern Abend in der Comedia und im neuen Programm „Ich regel das“ wählt Andreas Rebers hingegen die religionsstiftende Vorgehensweise, berichtet von der Gründung der Glaubensgemeinschaft der „schlesischen Bitocken“ und von deren Sakralbau, dem „Großen Mompel“ in Boblowitz. Damit zieht er sich einen neuen Beinamen zu, nämlich den des „Spottpredigers des deutschen Kabaretts“.
Will man das unbedingt analysieren und politisch einordnen, so verbirgt sich dahinter womöglich eine gewisse Grundtraurigkeit darüber, dass die deutsche Linke und ihre Wählerschaft längst zu einem gruseligen Witz heruntergewirtschaftet wurden, zu einem Mode-Gag in Sachen politischer Korrektheit und innerem Selbsterfahrungsexil. Für den „Blockwart Gottes“ (Presse) ist es ein gefundenes Fressen, wenn sich in der Endverbraucher-Epoche die alten Weltmodelle verwirren und er links herum rechte Haken genau in die Mitte platzieren kann, und andersrum zurück. Das erzeugt eine großartige Irritation, vor allem bei den politisch Korrekten. Insofern ranken sich Rebers’ Metageschichte wie auch seine Mikrodramen mit Vorliebe um benachteiligte Alleinerziehende („Benachteiligt? Zu Recht!“), Weltverbesserer in der inneren Mongolei, Schockpädagogik mittels Medienkompetenz und Dachlatte, Vaginakurse in der Toskana, „Bio-Wildlachs auf Holzofenbrot“ (zwei widersinnige Benennungen auf einmal), Radfahrer, die von Elektromobilen überfahren werden, die Gründung der Grünen und den nicht zu Ende gedachten Themenkomplex Krötenwanderung. Und die wichtigste Erkenntnis des Abends lautet „Die Ente ist weiter“. Wer rhetorisch mal so richtig unter Feuer genommen werden möchte, der gehe zu Rebers und setze sich seinen Breitseiten aus, die aufgeladen sind mit absurder biblischer Wucht, polternder Eskalation, völliger Unberechenbarkeit und blitzender Feinsinnigkeit. Im zweiten Teil des Programms wird der misantropisch bösartige Tonfall des religionsstiftenden Blockwarts nahezu unmerklich überführt in Nachdenklichkeit und Melancholie, und da kommt sie hervor, die all dem zugrunde liegende Traurigkeit. Da hat man ihn plötzlich vor sich, den echten Poeten. Dazwischen gibt es immer mal wieder ein flottes Liedchen („Lasset uns singen“), denn Rebers hat es noch drauf, das Couplet, und er hat es auf dem Akkordeon, am Keyboard und an der Rhythmusmaschine beeindruckend modernisiert.
Nun ist bekanntlich jeder Jeck anders, und oft genug bedeutet Humor auch nur, dass man trotzdem lacht. Zwischen Herrn Rebers, dem Sinnstifter, und mir, dem Kabarett-Endverbraucher, hat sich jedoch an diesem Abend eine tiefe Frequenz aufgebaut, die weitreichender brummt als nur auf der Ebene eines möglichst reuelosen Amüsements. Soweit es mich betrifft, ist er das: der beste Kabarettist der Republik.

Mittwoch, 23. Februar 2011

"Liebe"

So heißt das (dreistündige) Programm von Hagen Rether. Es heißt immer so und wird von Zeit zu Zeit aktualisiert. Gestern in der Comedia.
Hagen Rether vermittelt dem Publikum das, was es im Prinzip ohnehin schon weiß. Aber es ist natürlich völlig legitim, nach Bestätigung für den selbstempfundenen Missmut angesichts von Politik, Ökonomie, Establishment, Religion, Globalisierung und Meinungsverdrehtheiten der eigenen bürgerlichen Kaste zu suchen, dafür Geld zu bezahlen, sich freiwillig den Hintern breit zu sitzen und ab und an auch mal gähnen zu dürfen. Rether bekundet ja zu Anfang selbst, wie müde er doch sei. Und richtig wach wird er eigentlich erst am Schluss, aber das ist ein bisschen spät.
Rethers Form ist bekanntlich die eines flügelbegleiteten Monologs, um nicht zu sagen: Bewusstseinsstroms, infolge dessen er vom Hölzchen aufs Stöckchen kommt. Mir persönlich ist das jenseits der einzelnen überraschenden Volte zu einleuchtend. Und um ein Drittel zu lang. Da ist mir zu viel Westerwelle drin, zu viel Islam, zu viel Attac, zu viel linker Bohemien, zu viel Fleischkonsumkritik und Schulsystemkritik und zu viel Weltverbesserei, die sich hinter dem Zynismus mehr schlecht als recht verbirgt und ihn zu offensichtlichem Scheinzynismus macht.
Andererseits: Will man wirklich überrascht tun angesichts von linksveganem Weltverbesserer-Kabarett? Überrascht nicht, nein, wohl aber enttäuscht von der Absehbarkeit und phasenweisen Plattheit desselben. Zumal es auch keine nennenswerten künstlerischen Brechungen gibt, keine Groteske, kein erkennbares Rollenverhalten, keine polyphonischen Tendenzen, kein Theater. Die einzige formale Auflockerung besteht aus spät einsetzenden Flügelarabesken zum Monolog und daraus, dass der Herr Künstler um sein Instrument schleicht und es abwienert.
Es ist monologisierendes, beifallsheischendes Oberlehrer-Kabarett, missionarischer Sermon, ideologisches Antatschen. Und die Behauptung, komplexe Weltmodelle den simplifizierenden vorzuziehen, bleibt eine solche. Das hier ist Schwarzweiß. Richtig unangenehm wird es dann, wenn der Herr Bühnenaktivist uns erst lang und breit verklickert, wir sollten endlich unsere Vorurteile beiseite legen, Ideologien und Propaganda durchschauen – und dann selbst mit Grobheiten und in strammlinken Milieus antrainierten Halbwahrheitsreflexen nur so um sich schmeißt.
Viele sagen, Hagen Rether bringe einen zum Nachdenken. Nach diesem Abend gelange ich zu der Auffassung, dass das Gegenteil der Fall ist: Nur nicht zu lange drüber nachdenken. Dann hallen womöglich die klugen, universellen Bemerkungen nach und der halbgare Rest gerät in Vergessenheit.

Montag, 8. November 2010

Nochmal "Hader spielt Hader"

Der unten stehende „Verriss“ des Josef-Hader-Kabarettabends hat offenbar hier und da für Irritationen gesorgt. Selbst hartgesottene Ironiker haben ihn für voll genommen. Das beunruhigt mich. Die Schuld liegt natürlich bei mir. Das mit der Ironie, die nicht als Ironie gekennzeichnet werden darf, um Ironie zu sein, hat nicht ganz geklappt.
Das kommt davon, wenn der übersichtlich talentierte Interpret/Rezensent (= ego) sich dem Künstler experimentell anzunähern versucht und die Erwartungshaltungen durchbrechen will. Wenn er auf das notorische Understatement, den Selbsthass und den dunkelschwarzen Humor des Bühnenaktivisten eingeht und das mordsmäßige Gegrantel bestätigt, um der Bühnenfigur sozusagen eine Freude zu machen. „Ja, Josef, hast recht mit dir. Ich stimme dir in jeder Hinsicht zu.“
Ich habe es da offenbar zu gut mit ihm gemeint. Der Text ist überambitioniert. Ich entschuldige mich in aller Form dafür, bin aber dennoch der Auffassung, dass es in der „Kritik“ einige Anhaltspunkte gibt, wie der Eintrag eventuell zu lesen sein könnte.
Also noch mal auf Deutsch: Josef Hader auf der Bühne ist ein Ereignis der blitzgescheiten Bösartigkeit, der überraschenden Volte, des angemessenen Nihilismus, der grotesken Ich-Bezogenheit, des Austeilens gegen alle. Gegen alle! Im Zusammenspiel mit Gerhard, dem Beleuchter, ist er grandioses absurdes Theater. Tragikomischer kann es nicht werden auf diesem Planeten, das Publikum hat völlig zu Recht getobt. Hader rules! Und er und seine spezifische Form müssen in Zeiten des bräsigen, berechenbaren Polit-Kabaretts und des großen Comedy-Gähnens mit aller Macht gelobt werden.
Den „Verriss“ also bitte tunlichst ignorieren. Oder nochmal lesen unter anderen Vorzeichen.

Freitag, 5. November 2010

"Hader spielt Hader"

"Ist Ironie, Gerhard!"
"Dann sag's halt dazu."
"Gerhard! Es ist das Wesen der Ironie, dass man nicht dazu sagt, dass es Ironie ist!"

Gestern Abend in der Comedia: der beliebteste Österreicher seit Adolf Hinkel und Udo Jürgens.
Es ist keine bahnbrechend neue Erkenntnis, dass es sich bei Josef Hader um eine der Schlüsselfiguren des deutschsprachigen Kabaretts handeln könnte, ach was, um einen der Titanen deutscher Zunge und deutscher Wortkunst, wenn er sich und das Publikum bloß lieben und sich bitteschön endlich mal an die Regeln halten würde. Es fängt schon an mit einer dreiminütigen Verspätung, weil der Herr Künstler draußen auf der Straße unbedingt einen Herzinfarkt erleiden musste („Sterben? Ist wurscht, sterb ich halt“). Den Auftrittsapplaus kommentiert er in etwa so: "Ja, toller Applaus. Danke. Ich sehe schon, Sie sind gut drauf, Sie sind motiviert - und das hier wird schrecklich schiefgehen."
Das Programm Hader spielt Hader entstand wieder nur wegen einer Steuernachzahlung und einer vorgetäuschten Schwangerschaft und bietet ein gänzlich unoriginelles, jede Stimmung runterziehendes „Best of“, dem lustlos eine neue Dramaturgie aufgepfropft wurde (besonders beliebt offenbar: „Zweite Kasse aufmachen! Zweite Kasse!“ Da musste sogar ich Intellektueller kurz amüsiert schnauben, aber nur kurz!). Vornüber gebeugtes Wiener-Schmäh-Geplauder und notorisches Gegrantel, ein bisschen Rumgespringe eines alternden Typen im Psycho-Hemd, alte mäandernde Nummern, meistens ohne Pointen und auch noch stolz drauf, notdürftig mit ein paar neuen Halbsätzen aktualisiert. Dazwischen grantige, sozialromantische Couplets am E-Piano, absurdes Theater und Grimme-Preis-heischendes Schauspiel sowie Wortgefechte mit dem völlig desinteressierten Beleuchter Gerhard („Bittä? I hob grad mit meinen Mädels telefoniert“). Angekündigt war eigentlich eine intellektuelle Dichterlesung, aber dann zielt der Lesespot einen Meter neben des Künstlers Lesetisch ("Gerhard? Fällt dir was auf?"). Dichterlesung entfällt größtenteils, stattdessen über die PA ein Streitgespräch mit einem einsilbigen Prolo. Zieht einen alles ziemlich runter („Es ist so fad!“).
Durch nichts zu rechtfertigender Nihilismus („Is eh olles wurscht!“) und Intellektuellenverachtung, um nicht zu sagen: Kabarettverachtung, gespeist von einem eklatanten Selbsthass, der allerdings authentisch rüberkommt: Der Künstler ist da ganz bei sich selbst, weist aber trotz seiner notorischen Depressivität immer noch so viel Selbstbewusstsein auf, die Schuld für sich selbst bei jedem und allem zu suchen. Sogar bei uns, dem Publikum. Sobald man einen Witz oder ein rhetorisches Mäandern verstanden zu haben glaubt, dampft es in eine völlig andere Richtung ab und endet irgendwie bei Air Berlin. Unbequem, mühselig. Dann auch noch Selbstverständlichkeiten wie Reinhold Messner, Luzifer, alberne Lemminge und der Steinscheißer-Karl. Der Mann hat zudem keine Hemmungen, sich an katholischen wie an jüdischen Traditionslinien zu vergehen und wieder mal die olle, vielfach vorgekommene Humoranalyse des christlich-jüdischen Abendlandes loszulassen („Humanismus? Is eh wurscht. Bringt nix.“). Als stille Eskalation blitzt ständig dieses irre Grinsen auf, das man eher auf einem Anstaltsflur vermuten würde und das uns eitel-irre dazu auffordert, doch mal mitzulachen. Auch wenn es grad gar nicht komisch, sondern scheißtragisch ist („Is jetzt eh wurscht“). Und das alles geht auch noch sage und schreibe über zweieinhalb Stunden.
Hader könnte so gut sein, wenn er nur sich und sein Publikum lieben und sich nach einem Vierteljahrhundert endlich mal an die Regeln halten würde. Es ist mir ein Rätsel, warum der ausverkaufte Saal zweieinhalb Stunden lang getobt und geschrien hat vor Glück. Ist wohl Selbsthass. Das nächste Mal bitte Udo Jürgens.

Donnerstag, 7. Oktober 2010

"Flieg, Fisch, lies und gesunde! Oder: Glück, wo ist dein Stachel?!"

Gestern Abend in der Comedia: der göttergleiche Jochen Malmsheimer. Der größte Teil des Abends war der Erläuterung des sperrigen Programmtitels (s.o.) gewidmet. Wäre man Intellektueller oder Lehrerssohn oder sowas, könnte man nun endlos lange herumanalysieren und zweifellos als Kennzeichen dieses speziellen Kabarettisten herausarbeiten: die Verbindung äußerst robusten, eskalationsfreudigen Auftretens mit den olympischen Freuden der Misanthropie sowie dem extremistischen Spaßfaktor rasantester Power-Hypotaxe, satzsemantischen Kontrollverlusts nebst unmittelbar darauf folgender Kontrollwiedergewinnung sowie der rauschhaften grammatikalischen Oberhoheit über den Text an sich. "Ziemlich textlastiger Abend, keine Pyrotechnik, keine Umzüge." Da es aber hier weder Intellektuelle noch Lehrerssöhne oder sowas gibt, außer Malmsheimer selbst natürlich, läuft das alles sowieso nur auf eines hinaus: Der Mann ist einfach irrsinnig komisch und zeigt in zwei Stunden nicht die geringste Neigung, auch nur einen Halbsatz lang unkomisch zu sein.

Donnerstag, 16. September 2010

Comedia

Gestern erstmalig die Comedia aufgesucht. Sie ist, wie schon mal vermeldet, nur zwei Fußminuten von uns entfernt. Sehr schöne Location in der alten Südstadt-Feuerwache, schick und edel. Ziemlich bürgerliches Publikum. Für die Merkliste: bei ausverkauftem Haus früh erscheinen, um möglichst weit vorne einen Platz zu bekommen, außer Spuckweite des Auftretenden, aber nah genug, um jedes mimische Detail mitzubekommen. Bei Kabarett könnte das entscheidend sein.
Für den Anfang hatten wir uns etwas Unverfängliches ausgesucht, sozusagen zur Eingewöhnung. Eine Show auf der Basis einer Radio-Comedy auf WDR2. Zwei Comedians, Männlein und Weiblein, imitieren Polit- und sonstige Stimmen und stellen es auf der Bühne halbwegs szenisch dar, unterstützt von Soundfiles.
Es ging über zweieinhalb Stunden, und ein paar laute Lacher waren drin. Einiges war druckvoller und besser als halbgares oder schwaches Kabarett, aber für die Laufzeit war es mir insgesamt doch zu beliebig und redundant. U-Radio ist nicht mein Medium und der darin verbreitete Humor nicht ganz mein Fall. Die Gattin kennt die Formate und findet sie im Radio knackiger als jetzt auf der Bühne. Unser Lachpegel hielt sich in überschaubaren Grenzen, nichtsdestotrotz fühlten wir uns genug unterhalten fürs Geld, und der Abend wurde als „nett“ bewertet.
Die fremde weibliche Person, die auf der anderen Seite neben mir saß, empfand das nicht so. Sie brüllte und johlte bei jedem Gag, schnappatmete, grunzte, trampelte mit den Füßen, warf sich im Sitz vor und zurück, so dass sie der ganzen Sitzreihe eine nicht angeforderte Dienstleistung in Form einer Rückenmassage verpasste – zweieinhalb Stunden lang. Schön zu sehen, wenn Leute mal so richtig glücklich sind. Und meinem Rücken geht’s auch besser, ehrlich gesagt.
Wir arbeiten uns im Herbst kabaretttechnisch weiter hoch, was dann bei Josef Hader, dem König der allumfassenden Lebensschwärze, seinen Höhepunkt finden wird.