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Donnerstag, 17. Oktober 2013

Yvonne

Hauswirtschaftsmeisterin und Sozialpädagogin Yvonne Willicks hat sich zu meinem TV-Superstar entwickelt. In meiner Funktion als Gelegenheits-Quasi-Hausmann ist das nur allzu verständlich. 
Ich hege heimliche Phantasien, in denen ich Yvonne Willicks mit einem Staubwedel durch eine völlig zugemüllte Wohnung jage, bis sie sich im Gemüsefach eines Großkühlschranks versteckt, in dem sich aber kein Gemüse, sondern – Schreck lass nach! – palettenweise Dosenbier befindet. Yvonne entsteigt sofort dem zweckentfremdeten Gemüsefach und beginnt damit, die Bierdosen aus- und Gemüse einzuräumen. Sie kann nicht anders. Was mir die Gelegenheit gibt, wieder mit dem Staubwedel auf sie loszugehen. 
Yvonne benötigte nicht lange, um sich in mehreren Etappen im Fernsehen auszubreiten, bis man an ihr und ihrer Haushalts-Ratgeberei kaum mehr vorbeikam. Sie trat auf als „Superhausfrau“, „Allestester“ und „Yvonne Willicks räumt auf“. Sie ist also der Sylvester Stallone des deutschen Küchenratgeber-Fernsehens. Zurzeit betätigt sie sich hauptsächlich im WDR auf der Vorabendschiene. Ich plädiere dringend für eine große Samstagabend-Show. „Staubwedeln mit Yvonne“ vielleicht, oder doch besser „Die Kühlschrank-Voyeure“. Yvonne erkennt dreißig B-Prominente anhand des Inhalts ihrer Kühlschränke und gibt danach Tipps zur Optimierung. Dazwischen Show-Acts von Pur bis Helene Fischer. 
Yvonne ist eine schlanke Frühvierzigerin, Typ Ilona Christen, eine robust auftretende Blondine mit federndem Gang, schaukelnder Mittellang-Frisur, Habichtnase und Wichtigtuerbrille, durch sie hindurch sie ihre Klienten – allesamt Haushaltschaoten – ermahnend anblickt, als seien sie unartige Kinder, um dann blitzschnell umzuschalten auf joviale Besserwisserin, die zwar permanent was zu maulen hat, diese Unart aber mit einer Fassade heiteren, kauleistenpräsentierenden und ruhrpottakzentuierten Laissez-faire abzumildern sucht. „Ihr wisst es eben nicht anders, ihr Schluffen. Lasst mich mal da ran! Nein, keine Widerrede! Lasst mich mal da ran!“ Sie weiß, dass sie Gefahr läuft, wie der Alptraum aller Muttertraumatisierten rüberzukommen, und steuert durch Kommunikation (= Geplapper) und neckischen Augenaufschlag gegen. Dennoch ist es ihr bisher noch nicht überzeugend gelungen, diese abschreckende Besserwisserei und Dauermotzerei konstruktiv umzudeuten in „Zuwendung“. In Yvonnes Sendungen geht es nun mal hauptsächlich um Yvonne und darum, was Yvonne so alles weiß und kann. 
Yvonne lebt in dem Glauben, dass das, was sie tut, wichtig ist, denn sie setzt sich ja für „uns“ ein, die Verbraucher. Ihr Lieblingswort ist „Verbrauchertäuschung!“, nur echt mit dem Ausrufezeichen. Insofern hat sie alles Recht der Welt, kritisch und empört zu tun, in irgendwelche Lebensmittelkonzernzentralen einzufallen, Verbraucher-Anti-Preise für die „Mogelpackung des Jahres“ zu vergeben und den Leuten da gehörig auf den Sack zu gehen. Hauptsächlich den Pförtnern, denn weiter kommt sie meistens nicht. Danach steht sie dann vor dem Gebäude, stampft mit dem Fuß auf und macht Telefonterror vom Handy aus. Manchmal testet sie auch Haushaltsmaschinen, kleckert sich voll und quiekt entsetzt, als sei sie menschlich-allzumenschlich und nicht bloß eine verkleidete Küchentyrannin. Neulich schickerte sie sich in einer Champagner-Testrunde an und machte dem Co-Moderator Avancen. Und das in ihrer eigenen Küche – die natürlich blitzblank gewienert war. Könnten ja Fernsehleute zu Besuch kommen. Manchmal okkupiert sie auch die Haushalte von Promis, meistens welche vom WDR, steigt auf einen Hocker und saugt in den Lebensmittelregalen den Endgegner weg: Mehlkäferlarven. Die Promis verabschieden sich stets freundlich, sind aber vermutlich froh, wenn der quasselnde blonde Fremdkörper endlich weg ist und sie wieder Herr über ihr eigenes Leben sind.

Dienstag, 20. November 2012

Eifelkrimi

Ja, ja, ich weiß, der progressive, kreative Mensch schaut heutzutage neumodische amerikanische Fernsehserien und kauft die DVD-Boxen palettenweise. Ich hingegen bevorzuge die ARD-Eifelkrimi-Serie mit dem Beliebigkeitstitel Mord mit Aussicht. Muss man sich nicht so anstrengen als Rezipient, außerdem sind 45-Minuten-Folgen besser, als Zeit mit einschlägigen, drittklassigen Kriminalromanen zu verschwenden. 
Eine lebenslustige Kölner Kommissarin wird in die tiefste Eifel versetzt und muss sich mit systemimmanent grotesken Kriminalfällen (zuletzt: Rammlerdiebstahl), grenzdebilen Kollegen und der einheimischen Bevölkerung herumschlagen. Kurz: Die urban geprägte Dame muss erst mal entschleunigen, um dann in völlig unerwarteten Momenten zu beschleunigen und die Kriminellen zu verwirren. Die eigenen Kollegen allerdings meistens auch. 
Okay, die Eifel ist in der Serie eher eine Behauptung und sieht strukturell so aus, wie Kölner Drehbuchautoren sie vom Wochenendtrip kennen oder sich in ihren Kreativen-Veedeln so vorstellen. Oder wie WDR-Redakteure sie im Rahmen der politischen Korrektheit zulassen wollen. Im Prinzip könnte das alles auch im Odenwald oder in der Lüneburger Heide spielen. Die Modifikationen wären minimal. Beliebte Eifeler Schrulligkeiten wie Zwergenwerfen, Fronleichnamsprozessionen, Kampfjetabsturzstellenbesuchen und Golf-GTI/Baumstamm-Interaktionen lassen die Macher auch lieber weg. Der Ortsname „Hengasch, Kreis Liebernich“ ist allerdings ein Geniestreich. 
Veredelt wird das alles durch die Besetzung: die clowneske Theaterschauspielerin Caroline Peters als irre grinsende, augenrollende Kommissarin, Vollblut-Komödiant Bjarne Mädel als opportunistischer Beamtentrottel, die drall-resolute Petra Kleinert als kontrollfreakige, dauerkochende Landfrau und die reizende Meike Droste als treudoofe Möchtegern-Kriminologin. 
Letztere strahlt wie ein Honigkuchen-Pferd, sobald ihr eine (recht zwangsläufige) Erkenntnis gekommen ist, und man freut sich automatisch mit ihr. Das unverschämt spießige Leben des Ehepaars Mädel/Kleinert erscheint wie ein von jeder Komplexität und jedem Selbstzweifel verschontes Idyll klassischer Rollenverteilung und ist das Nonplusultra an Effektivität und zugleich Karikatur. Die Frustration der zum Herumdösen verdammten Hyperaktiven drückt sich bei Peters in Mimik und noch mal Mimik aus, einem hochdiszplinierten, völlig uneitlen Chargieren, dem man einfach zuschauen muss. 
Der örtliche Amtsarzt stellt bei jeder Leiche erst mal die Diagnose „Herzinfarkt“, der längst pensionierte Chef des Reviers will immer noch mit „Chef“ angeredet werden und agiert bei Radarfallen auch schon mal eigenmächtig, und bei Verfolgungsjagden quetscht sich garantiert aus einem Feldweg heraus ein Traktor zwischen Flüchtigen und Polizei. Das passiert in der Eifel nicht nur der Polizei, sondern besonders gerne auch Durchreisenden. Aber es ist nicht konstitutiv für die Eifel, es könnte auch im Odenwald vorfallen.
Entscheidend an Mord mit Aussicht ist vielmehr die gute Laune, die alle Beteiligten an der Herstellung hatten und die sich eine Dreiviertelstunde auf den Zuschauer überträgt. Es gibt hier Raum für Improvisation, und die Regie überlässt den aufeinander eingespielten Darstellern ungewöhnlich viel. Muss man liebhaben – und danach kann man dann von mir aus eine hippe US-DVD-Box aufgucken.

Sonntag, 7. Oktober 2012

Nachbar war im Fernsehen

Zum ersten Mal seit gefühlten dreißig Jahren wieder Wetten, dass …? geschaut. Nur die erste Stunde. Und auch nur deswegen, weil der neue Moderator im Haus nebenan wohnt und ich ihn täglich sehe, wie er kommt, geht, auf dem offenen Hinterhof in seinen Jaguar steigt oder von einem Chauffeur abgeholt wird, wie er telefoniert, sympathisch mit seinem Sohn spaßt oder wie er mit der Gattin Jogging-Runden durch den Park dreht. Spannend!
Wetten, dass …? war früher mal wichtigtuerische öffentlich-rechtliche Unterhaltung, konzipiert von einem notorischen RTL-Mann, der seine Kreise über das grenzländische Radio-Einzugsgebiet hinaus und in die große deutschsprachige Frühachtziger-Spießigkeit hinein erweitern wollte. Eurovisions-Fanfare! Und der sich als gesellschaftlicher Auftragnehmer verstand. Man denke nur an Böhms damaligen Spendenaufruf. Mittlerweile ist die Sendung allerdings nur noch redundante Spektakel-Grütze. Ich habe da offensichtlich einiges an Entwicklung verpasst und entsprechende Berichterstattung ignoriert. 
Ich sah mir auch die fünfzig Minuten währende „Countdown“-Sendung an, welche die geneigten Massen auf die Neuauflage der Show und vor allem den Moderator einstimmen sollte. Man will ja wissen, wer da so nebenan wohnt, wenn die Gardinen schon immer zugezogen sind. 
Und das war erhellend: die quälenden Klatsch-Lobhudeleien eines Senders, der es angeblich gut mit einem meint. Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde. Immerhin lernen wir, dass der Moderator damals in Südtirol lange in Armut lebte und Klassenbester war. Das ist eine wertvolle Information, die direkt verweist auf dieses topfitte Streber-Strahlemann-Mineralwasser-Image von heute, dieses „Ich habe mich zum Großereignis hochgearbeitet, fahre aber immer noch nach Südtirol zu Mama, und alle dort kennen mich als den netten Burschen von nebenan“. Alle Befragten in diesem Special werden nicht müde, zu betonen, welch eine eierlegende Wollmilchsau, welch fachliches und menschliches Mineralwasser-Multitalent, der neue Moderator doch sei. Und Millionen von Schwiegermüttern vor der Glotze verfluchen innerlich ihre Schwiegersöhne. 
Die Sendung selbst ist dann nervöses, sprunghaftes Event-Gedöns, bei dem man dauernd auf Pannen lauert und verzweifelt versucht, Karl Lagerfelds Gedankengänge nachzuvollziehen. Bei dem freakigen Knaben, der die Bandansagen der Berliner S-Bahn auswendig gelernt hat, statt Blockflöte zu üben oder die Wilden Kerle zu lesen, schalten wir um. Genug gesehen. 
Der Moderator kam spät in der Nacht nach Hause. Im eigenen Auto, nicht mit dem Chauffeur. Wird auf der After-Show-Party also nur Mineralwasser getrunken haben.

Sonntag, 12. August 2012

Damals in den Ardennen

Der SWR-Mitschnittdienst hat inzwischen die weiter unten ausführlich beschriebene TV-Doku von vor 25 Jahren geliefert. Sie ist einerseits milder, andererseits schlimmer, als ich sie in Erinnerung hatte. Milder wegen des sozialpädagogisch gepolten Filmemachers, der auf hübsche Allgemeinplätze des Späten Kalten Krieges abzielt, dabei auf Ausgewogenheit setzen möchte und die unfreiwillig tendenziöse Richtung abschwächt. Schlimmer deswegen, weil mich der Zivildienstleistende heute mehr reizt als damals. Der stammelt sich da eine Selbstgerechtigkeit zurecht, die mit „borniert“ nur sehr unzureichend charakterisiert ist. Allein seine Präsenz ist der Grund, warum ich den Beitrag in der Erinnerung unter „tendenziös“ abspeicherte: blöd wie ein Kübel, keinen zusammenhängenden Satz herausbringend, aber sich selbst als besseren Menschen betrachtend. Aber okay, er war damals noch keine zwanzig Jahre alt, und Zwanzigjährige reden viel dummes Zeug. Vermutlich arbeitet er heute als kaufmännischer Angestellter bei einem Zulieferer für Rheinmetall. 
Da ich überhaupt kein Fotomaterial aus diesen Jahren besitze, habe ich einige Action-Standbilder der Bundeswehr-Passagen exzerpiert und hier in eine Fotostrecke gezwungen. Sie bilden schonungslos die damalige Lebenswirklichkeit ab. Menschen mit schwächlicher Konstitution und pazifistischer Gesinnung sollten sich das nicht anschauen. Die Qualität ist nicht sehr berauschend, aber es handelt sich nun mal um einen digitalisierten ollen Film. 
Das letzte Foto zeigt den gerade mal 20jährigen, krausbärtigen Reitersmann in seiner berühmten Profilszenen-Rolle, die ihm den Bambi und den Grimme-Preis einbrachte. Aber daran erinnert sich auch kein Schwein mehr.

Mittwoch, 8. August 2012

Mission Mars gescheitert

Hmm, Weltraum-Thementag auf ZDFinfo. 
Nicht wenig irritierend ist die Doku über die Geschichte des Space Shuttle, die mit dem Ende der MIR abschließt und einen supertollen Ausblick auf die glorreiche Zukunft des Shuttles und der ISS bietet. Wiederholungen sind manchmal kontraproduktiv. 
Danach dann eine Doku über die Bewerber fürs ESA-Marsprogramm: „Mission Mars – Männer im Härtetest“. Bewerben dürfen sich Naturwissenschaftler, Ingenieure und Ärzte. Dass ich nicht lache! Was ist bitteschön mit den wirklich harten Knochen, den Härtesten der Harten? All den Germanisten, Altphilologen, Ägyptologen, Numismatikern, Kunsthistorikern, Judaisten, Papyrologen, Theologen, Ethnologen, Publizisten, Stadtmagazin-Herausgebern, Berufsschullehrern, Rock-Gitarristen, Lektoren, Zeitungsvolontären, Sportredakteuren, Türstehern? Ich sehe schon, diese Mars-Mission wird grässlich scheitern. Die Gespräche an Bord werden sich nur um elektrischen Widerstand, Supraleiter, Isotopen, Wasseraufbereitung in Afghanistan und die Gesundheitsreform unter Philipp Rösler und Daniel Bahr drehen. Alle werden vor Langeweile sterben, und das ausgeklügelte, viele Milliarden teure Landesystem wird nur totes Fleisch auf dem Roten Planeten abladen. Aber, tja, sie wollten es ja so.

Mittwoch, 11. Juli 2012

Mitschnittdienst

Ich habe mich mal an den Mitschnittdienst des SWR gewandt, um einer verschollenen Doku-Film-Perle aus dem Jahr 1987 auf die Spur zu kommen. Es ist nämlich durchaus unwahrscheinlich, dass dieses Monument des Dokumentarfilms irgendwo noch mal zur Ausstrahlung gelangt. Ich besaß jahrelang einen VHS-Mitschnitt in bescheidener Bildqualität (geschuldet unserem damals schlechten terrestrischen TV-Empfang), aber das Band ging verschütt. Und das ist ein untragbarer Zustand. 
Nun heißt es abwarten, ob der Film im Archiv des SWR (damals hieß er noch SWF) auffindbar ist und wie viel eine Überspielung auf DVD wohl kostet. Die Herrschaften benötigen angesichts zahlreicher Anfragen etwas Zeit dafür und erstellen das Angebot dann individuell. Ich würde den Film nur zu gern unter den Stichworten „Biographisches“ und „Historische Dokumente“ im heimischen Archiv ablegen. 
Zwei Wege heißt der Film, ist eine 45minütige SWF-Doku etwa im Stil der späteren ZDF-Sendereihe 37 Grad und lief 1987 im Dritten. Es geht um zwei Burschen eines Trierer Abiturjahrgangs 1986, die unterschiedliche Entscheidungen getroffen haben, was die unmittelbare Zeit danach angeht: Einer will zum Bund, der andere macht Zivildienst. Beide gaben in Vorbesprechungen an, ihre Entscheidung begründen zu können. Das Filmteam begleitet sie etwa ein Dreivierteljahr lang und sucht sie episodenhaft bei ihren jeweiligen Tätigkeiten heim, um vor Ort zu erforschen, wie es ihnen mit ihrer Entscheidung ergeht. 
Es war noch Kalter Krieg, das Thema „Landesverteidigung“ zog einen kaum überbrückbaren Graben mitten durch unsere heimelige bundesdeutsche Binnengesellschaft. Es war zeitgeschichtlich höchst relevant. Heute kannste damit die Enkel zu Tode langweilen. 
Der Wehrpflichtige aus dem Film, nennen wir ihn mal P. – einfach deshalb, weil es zutrifft –, war unser Schreibstubenhengst. Weil er ein Quartal über mir war, also bereits im Juli 1986 eingezogen wurde und ich im Oktober, bekam ich den Besuch des Filmteams während seiner Grundausbildung im Hunsrück noch nicht mit: Während dieses Sommers ging ich noch dem nach-abituriellen Müßiggang nach. Und das war auch gut so. Aber der zweite Besuch der Filmfritzen (Einsatzkompanie in der Eifel mitten im kältesten Winter der Welt) traf dann auch mich an. Während einer Staatsbürgerkunde-Szene im Lehrsaal bin ich für zwei Sekunden im Bild. Profil, Nahaufnahme, keine Sprechrolle. Womöglich reizte dieser zauselbärtige, nickelbebrillte Freak den Kameramann: Er, der Freak, sah eher aus wie einer dieser gefürchteten Grünen und nicht wie ein Landesverteidiger. Ich kann den Kameramann und den Cutter verstehen. Es blieb allerdings mein bisher einziger TV-Auftritt. Und das ist auch gut so. 
Den Mitschnitt gab ich zu Hause bei meinem Vater in Auftrag, während wir Soldaten die Erstausstrahlung des Films nach Dienst auf den Stuben verfolgten. Ich erinnere mich an allerhand Gejohle und daran, dass, als vor der Kamera Ps Freundin zu seiner Wehrdienst-Entscheidung befragt wurde, jemand „Boah, was für Hupen!“ brüllte. 
P. war, wie gesagt, der Schreibstubenhengst unseres Zuges und kam kaum jemals an die frische Luft. Er legte meistens in der trockenen, warmen Schreibstube Akten ab, schaute aus dem Fenster, schlurfte in seinem unnachahmlichen Schlurf-Stil über die Gänge und beteiligte sich nebenher an einem Aufsatzwettbewerb des Bundespräsidenten mit der Aufgabenstellung „Warum mein Zugführer mein Vorbild ist“. Seine Stiefel musste er auch nie putzen, denn die wurden drinnen nun mal sehr viel weniger dreckig als unsere draußen. Ja, und eine Zwei-Mann-Stube hatte er ebenso. Wir hingegen wohnten immer zu sechst. 
Als das Filmteam anrückte, war es ein wenig enttäuscht von Ps derzeitigen Lebensumständen. Es wollte natürlich ein bisschen zünftige Action filmen. Also wurde dem Fernsehzuschauer gegenüber kackfrech die Illusion von Gefreitem P. als Kampfschwein erzeugt. Man kommandierte den notorischen Innendienstler zu einem Mobilen Fernmeldetrupp ab und schickte ihn und ein paar ausgewiesene Kriegernaturen in die Botanik. P. wurde dorthin gefahren, der Rest marschierte. Da baute das Außenteam dann in klirrender Kälte sein Equipment auf, warf einen Generator an, stöpselte ein paar Stecker in die Vermittlungsstelle – und wurde mittendrin vom Feind überrascht. Alarm! Unter aufstiebendem Schnee sprang Gefreiter P. unter die weiße Grasnarbe und organisierte die Gegenwehr! Es ist eine der anrührendsten Action-Szenen der Filmgeschichte. 
Es gab dann noch die erwähnte Szene im Lehrsaal, mit dem sanftmütigen Major als Star am Referentenpult. Dem Zuschauer sollte ein bisschen politische Bildung seiner Soldaten suggeriert werden. Als die Filmtypen endlich weg waren, übernahm der Zugführer das Pult, und es ging wieder um unser Lieblingsthema: Panzererkennung. Und Gefreiter P. schlurfte indes auf seine Schreibstube zurück, denn mit Panzern hatte er es nicht so. 
Das wirklich Großartige an dem Film mit dem Titel Zwei Wege ist jedoch, dass er absolut tendenziös ist. Während Gefreiter P. unter offensichtlichem Einsatz seines etwas schlurfigen Lebens das Vaterland verteidigt, verzögert sich andernorts der Antritt des Zivildienstes, und der Zivildienstkandidat hängt nur rum. Und hängt rum. Und hängt rum. Kopfhörer auf, eine bizarre Batikdecke an der Wand sowie Zappa und sonstige Tour-Poster. Gefreiter P. rödelt, und sein Antagonist döst. Und döst. Und döst. Irgendwann dann, potzblitz, sehen wir ihn auf seiner Zivildienststelle beim Roten Kreuz. Er trägt so ein Hilfssanitäter-Leibchen, und seine Hauptbeschäftigung scheint darin zu bestehen, irgendwelche Notizen auf einem Klemmbrett zu machen. Derweil bibbert Gefreiter P. unter der Grasnarbe, während der Pulverdampf übers Gelände weht, Schüsse peitschen und Befehle gebrüllt werden. 
Ich bin jedoch nicht der Auffassung, dass der Film damals absichtlich tendenziös geriet. Es lief nur einfach etwas schief beim Casting der beiden Helden. P. war zwar ein Schlurfer, redete langsam, aß langsam, hatte etwas provozierend Dröges an sich, aber er war nun mal verhältnismäßig eloquent und konnte seine staatstragende Mission adäquat vermitteln: Das System, in dem man lebt, zu verteidigen helfen. Wehrpflicht ist gut, denn sie wirkt dem Staat-im-Staate entgegen. Bla, bla. Auch Ps Eltern und seine Freundin – die mit den Hupen – wurden befragt und äußerten sich in zusammenhängenden Sätzen überwiegend pro Bundeswehr und Landesverteidigung. Ps Gegenüber hingegen bewegte sich rhetorisch meist unterhalb der Artikulationsebene, brummte, während er da auf seinem Bett lag, irgendwas von „Friedfertigkeit“ und sonst eigentlich nix. Und das auch noch so hölzern, dass man ihn vom Bettpfosten kaum unterscheiden konnte. Seine alten Eltern, befragt nach ihrer Meinung, verwiesen auf die schlimmen Erfahrungen des WKII und zuckten ansonsten mit den Schultern. Dazu kam natürlich die eklatante Verzögerung beim Auffinden und Antreten der Zivildienststelle, die jene fatalen Gegenschnitte erzeugte, bei denen der Krieger voll die Action hat und der Zivi mit Zappa chillt. Was für ein Faulenzer! 
Der Autor des Films hatte sich nun mal bereits im Frühjahr 1986 für diese beiden Typen entschieden und musste sie nun so akzeptieren, wie sie waren. Er hatte gar nicht vor, der Wehrpflicht das Wort zu reden, sondern hat versucht, seine Helden so authentisch wie möglich abzubilden. Dass er da zwei Gestalten erwischt hatte, mit deren zeitgeschichtlicher Relevanz es nicht sehr weit her war, ging ihm vermutlich erst im Laufe des folgenden Jahres auf. 
Diese wunderliche Doku mit dem einzigen TV-Auftritt des Hüters dieses Weblogs zeigt, völlig unabsichtlich natürlich, die unendlich banale Seite damals heißumkämpfter Deutungshoheiten. Ein kleines Stück abgebildetes – und manipuliertes – Leben. Und natürlich eine Realsatire, die unbedingt archiviert werden muss. Mach hinne, Mitschnittdienst.

Montag, 2. Juli 2012

Wurstigkeit

Neulich mal auf Arte (wo sonst?) den vierstündigen französischen TV-Verfilmungsversuch von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit anzuschauen versucht. Man ist ja ambitioniert. Nach einer Dreiviertelstunde völlig erschöpft aufgegeben. Der Held war eine Hanswurst sondergleichen, gespielt von einem Hanswurst-Darsteller von selten gekannter Wurstigkeit. Allein der Gang! Und erst das Hütchen! Und diese gekräuselten Lippen beim Schmunzeln! Argh. Es gibt Leute, die müssen gehasst werden. Lasst ihn zwischen den Buchdeckeln, gebt ihm nicht auch noch ein Gesicht und einen Gang. Ein wehleidiger, läppischer, komplett lebensunfähiger Möchtegern-Flachleger und wichtigtuerischer Nichtsnutz, verachtenswert in seiner egozentrischen, parasitären Lebensart, mit grotesker, quasi-inzestuöser Oma-Bindung und pubertären Pulp-Phantasien. Hätte sich heutzutage bestimmt gut als Blogger gemacht. 
Ich weiß, ich habe selbst Literatur studiert. Das muss so. Das war damals so. Und natürlich konnte auch nur ein solcher Vollspachtel zu den Ansichten gelangen, zu denen er gelangt. Die dann Weltliteratur wurden. Aber vier Stunden freiwillig dieser Wurst bei der Bettlägerigkeit zusehen? Nee, Arte, geh fott! 
Dann die DVD von Blade Runner reingeschoben und mit nicht geringer Verblüffung festgestellt, dass Replikant Roy Batty allen Ernstes der exakte Gegenentwurf zu dem französischen Würstchen ist. Als hätte der Arte-Quark irgendwas im Unterbewusstsein dazu veranlasst, genau diesen Film einzulegen, um dieser Verbindung nun endlich auf die Spur zu kommen. Gelobt sei Arte.

Montag, 4. Juni 2012

Jubilee

Ich wurde mithilfe einer LKW-Ladung original britischer Ausstattung überredet, dem „Queen’s Jubilee“ am Empfangsgerät beizuwohnen. Dreieinhalb Stunden! Ausgestattet war der Haushalt mit Walkers Salt & Vinegar-Chips (100% British potatoes), Kettle Chips (Sea Salt with crushed black peppercorns), zwei Sorten Walkers-Shortbread, diversen Cadbury-Riegeln, einer Cadbury-Tafel, englischer Lakritze (Candyland), einem Union Jack, einem schottischen Wappenbanner sowie einer cymrischen Flagge. Sowie einer Jubilee-Tasse und natürlich auch einem Bottich voller Tee, aber ich mag keinen Tee.
Während die Bötchen hübsch zivilgesellschaftlich und volksfestartig im Regen die Themse runterschipperten und sich Rolf Seelmann-Engerling, der adlige „Maritimexperte“ sowie die obligatorische Klatsch-Trulle einen mehr oder weniger distinguierten Wolf laberten (dreieinhalb Stunden!), vermisste ich irgendwie doch den Glanz alter Zeiten. Siebenhunderttausend Salutschüsse, schwere Kriegsmarine, phallische Truppenparaden, knochentrockene, schnurrbärtige Offiziere mit Gesichtern wie Granitmassive, hutzelige, bucklige Premierminister mit Melone. Es wurde behauptet, alle Windsor-Herren trügen dem Anlass gemäß Marineuniformen. Ich rief: „Nee, William trägt eine Luftwaffenuniform! Ich kenne die aus Luftschlacht um England!“ Stunden später erwähnte eine von den Koryphäen, dass William ja eigentlich eine Luftwaffenuniform trüge. „Siehste!“ 
Derweil machte ich mir Gedanken über das Amt des „Bargemasters“, das Rolf Seelmann-Ententanz uns kurz erklärt. Ist das eine Festanstellung, verbeamtet womöglich, oder eine Honorartätigkeit? Der Master steht da einfach dekorativ auf der Barke rum, vermutlich macht er das zweimal im Jahr, wenn die Queen offiziell irgendwohin übersetzt. Kriegt er dafür 3500,- Pfund Monatsgehalt, oder wird er nach Dauer der Überfahrt bezahlt? Vielleicht mit Gefahrenzulage, weil er ziemlich am Rand steht, und Erschwerniszulage, weil das Outfit reichlich massig wirkt? Oder leitet er eventuell sogar eine Behörde mit 1500 Mitarbeitern, die Königliche Barkenmeisterei, die zweimal im Jahr alle königlichen Barken auf Dichtigkeit überprüft? Man weiß es nicht. 
Am Dienstag geht’s weiter mit dem Dankgottesdienst und dem – laut Rolf Seelmann-Endgewinn – absoluten Höhepunkt: Die Queen zeigt sich auf dem Balkon! Links am Rand, nahe am Geländer, steht dann vermutlich in vollem Ornat der Balconymaster, dessen Behörde, die Königliche Balkonmeisterei, zweimal im Jahr auf allen königlichen Balkonen das Unkraut aus den Ritzen knibbelt und sie hinsichtlich der Statik überprüft.

Dienstag, 6. März 2012

Der Dings

Es steht jetzt fest, die Indizien sind eindeutig: Der Dings wohnt direkt neben uns. 
Der Dings ist Fernsehstar. Talkshows, Kochshows, und Deutschlands bedeutendste Samstagabendshow wird er auch bald moderieren, wie es heißt. Als ich ihn beim Quarzen auf dem Balkon das erste Mal ins Nachbarhaus gehen sah, rief ich aus: „Potzblitz, das ist doch der Dings!“ Er hatte dauernd diese Wollmütze auf, aber täuschen konnte er mich nicht. Zuerst dachte ich, der Dings kenne irgendwen in dem Haus. Schwiegervater, Rechtsanwalt, Visagistin. Aber der Dings kommt und geht ständig. Auf dem Hinterhof steigt er immer in einen dicken schwarzen Schlitten. Mal wird er chauffiert, mal fährt er selbst. Einmal klappt er, am offenen Kofferraum stehend, sein Handy auf und telefoniert: Er hat sogar die Stimme vom Dings. Im Herbst haben sie einen Carport in den Hinterhof gebaut, und unter dem steht jetzt dauernd das Auto vom Dings, während sich oben drauf die Eichhörnchen jagen. Ab und an bringt er auch einen Jungen mit, der rein altersmäßig zu dem Kind passt, das der Dings aus der verflossenen Beziehung mit Frau Tralala aus dem Fernsehen hat. Weiß man ja aus der Yellow Press. 
Es wohnt auch eine schlanke Brünette in dem Haus, die ich gelegentlich an den großen Fenstern nach hinten raus sehe. Die Brünette hat einen kleinen schwarzen Flitzer im Hinterhof stehen, mit dem sie ab und an wegdüst. Neulich jedoch stieg die Brünette in den dicken schwarzen Schlitten vom Dings und düste mit dem weg. Dieses Zusammenhangs hatte es noch bedurft: Ich googelte zum ersten Mal im Leben den Dings und schaute mir Celebrity-Fotos von ihm und seiner Ehefrau an. Und selbstverständlich handelt es sich bei der Frau auf den Fotos um die Brünette mit dem schwarzen Flitzer. 
Aus den vorgefundenen Indizien ist also zu schließen: Der baldige Moderator der bedeutendsten deutschen Fernsehshow wohnt hinter den großen Fenstern, die direkt in unsere Küche schauen. Und da er auch Kochshows macht, schlägt er wahrscheinlich jeden Abend die Hände über dem Kopf zusammen, wenn er sieht, was ich da zurechtbrutzle. Ich fühle mich in meiner Privatsphäre empfindlich gestört, wir brauchen dringend Gardinen.

Donnerstag, 1. März 2012

Retro

Bin momentan in kribbeliger Retro-Thriller-Laune. Nach der professionellen Lektüre eines ausgeklinkten Nazi-Jäger-Thrillers, der ein gewisses populäres US-Autorenduo endgültig als Satiriker enttarnt, sowie dem Anschauen des wunderbar altmodischen Films Eine offene Rechnung wurde nun eine ganze Schütte relevanter Nazi-Jäger-Filme sowie „Bekämpft die Nazis!“-Kriegsthriller geordert. Filme, die mich in jüngeren Jahren echt erschreckt haben, oder bombastische Großproduktionen, die das Augenfutter der Kindheit waren. Der Marathon-Mann ist jedoch nicht darunter, weil er vor kurzem erst wieder im Fernsehen lief und ich ihn auswendig vorsagen kann. 
Man sieht sich beizeiten nebenan im Filmblog.

Montag, 30. Januar 2012

"Geht nicht"

Sie: „Wieso geht denn der Fernseher aus, wenn ich auf die Fernbedienung vom Player drücke?“ 
Er: „Weil das nicht die Fernbedienung vom Blu-ray-Player ist, sondern die vom Fernseher.“ 
Sie: „Aha. Und wie kriege ich den Fernseher jetzt wieder an?“ 
Er: „Indem du auf der Fernbedienung eine beliebige Taste drückst.“ 
Sie: „Geht nicht.“ 
Er: „Das ist die Fernbedienung des Receivers. Du musst erst über die Fernbedienung des Fernsehers selbigen wieder einschalten.“ 
Sie: „Und wo habe ich die jetzt hingelegt?“ 
Er: „Du hältst sie in der linken Hand.“ 
Sie: „Aha. Geht doch. Und warum kann ich jetzt auf der Fernseher-Fernbedienung nicht umschalten?“ 
Er: „Weil man die Kanäle über die Receiver-Fernbedienung wählt.“ 
Sie: „Welche war das noch mal?“ 
Er: „Die silberne. Rechte Hand.“ 
Sie: „Und wie kriege ich jetzt endlich 3sat?“ 
Er: „Den Programmplatz für 3sat wählen.“ 
Sie: „Und welcher ist das?“ 
Er: „Zehn.“ 
Sie: „Hier steht keine zehn. Nur null bis neun.“ 
Er: „Drücke erst eins und dann null. In schneller Folge.“ 
Sie: „Jetzt hab ich ARD.“ 
Er: „Nicht schnell genug die Null gedrückt. Noch mal.“ 
Sie: „Aha. Geht doch. Ist nur so leise.“ 
Er: „Mach lauter.“ 
Sie: „Ist immer noch leise.“ 
Er: „Du musst den Ton am Fernseher lauter drücken.“ 
Sie: „Und wieso ist jetzt das Bild weg?“ 
Er: „Weil du gerade auf der Blu-ray-Fernbedienung den Player eingeschaltet hast und der automatisch auf seinen Kanal ging.“ 
Sie: „Aha. Hier, mach du das mal.“

Dienstag, 20. Dezember 2011

Der Zeit weit voraus

Gestern Abend erstmals Die Päpstin gesehen. TV-Langfassung. Kannte bisher weder das Buch noch den Kinofilm. War begeistert. Die Hauptfigur vertritt um das Jahr 840 n. Chr. herum jede nur erdenkliche progressive Idee. Bevor sie jedoch die AKW-Bewegung gründen, „Das Kapital“ schreiben, 95 Thesen an die Kirchentür nageln und die 35-Stunden-Woche ausrufen kann, stirbt sie. Was ich persönlich schade fand.

Samstag, 15. Oktober 2011

Retrospektive, Zwischenstand

Ich konnte mich nicht beherrschen und habe mir aus der Halloween-Schütte Plastik-Vampirzähne gekauft. 0,49 €. 
Die kleine Hammer-Productions-Retrospektive läuft weiter. Bisher ist von den Klassikern der Kindheit Dracula: Prince of Darkness der straffste und überzeugendste. Von den damals nicht gesehenen, weil nicht gesendeten Filmen ist vor allem der popkulturell bedeutsame Captain Kronos – Vampire Hunter zum Niederknien hip. Plüschig-sensibel gerät der homoerotische The Vampire Lovers. Tough und progressiv sind die beiden ersten Quatermass-Filme aus den 50ern. Der dritte Teil, ein Endsechziger-Produkt, ist noch auf dem Weg von Britannien hierher, und ich kann es kaum erwarten, Andrew Keir, den robusten Abt aus Dracula: Prince of Darkness, in der Rolle des Action-Wissenschaftlers Quatermass zu sehen.

Dienstag, 11. Oktober 2011

Retrospektive

Wenn der Wind durch die Schluchten pfeift, einem auf dem Balkon die Kastanien auf die Birne knallen, es zwischendurch sogar einen Quasi-Wintereinbruch gibt und man(n) sich vorsorglich auf die Suche nach der langen Unterhose begibt, ja, dann sollte der Mensch sich heimelig zusammenrollen und sich mit Behaglichkeit umgeben.
Aus diesem Grund habe ich bei der deutschen und der britischen Filiale eines bekannten Internethändlers schüttenweise kostengünstige DVDs bestellt. Allesamt knuddeliges, antiquiertes Gruselzeug, das nun schrittweise auf dem Filmblog nebenan einer Retrospektive unterzogen wird. Die Abfolge gehorcht keiner bestimmten Ordnung, sondern erfolgt nach Lust und Laune und in (bisher) hoher Frequenz. Bald sind alle aufgeguckt, und die nächste Fuhre muss her. Damals war man Beschränkungen unterworfen und lernte Demut und Bescheidenheit. Aber heute, im Zeitalter der Fülle, darf man ruhig mal auf die Kacke hauen. Sattfressen statt Brosamen sammeln.
Die alten Filme der britischen Produktionsgesellschaften Hammer und Amicus sowie einiger Italiener erinnern Burschen meiner Generation an den schwer zu definierenden Punkt, an dem Kindheit in Jugend umschlägt. Wo man sich noch angemessen änstigt, aber zugleich anfängt, das Gesehene zu interpretieren und zu analysieren – und auch, die Filme zu komplettieren, soweit das damals möglich war. Es gab eben nur Kino und Fernsehen, sonst nichts. Und im Kino bekam man in dem Alter nur Disney oder Bud Spencer zu sehen. Irgendwann wurde man deswegen ein bisschen rebellisch und setzte durch, bis spät in die Nacht hinein Fernsehen gucken zu dürfen.
Das alles ist untrennbar verbunden mit der alten ZDF-Reihe „Der phantastische Film“ und ihren Fernsehpremieren klassischen Gruselguts. Der genialische Vorspann von Heinz Edelmann sollte eigentlich jeder DVD vorangestellt werden, um dieses Gefühl zu rekonstruieren, das mit „banger Erwartung“ nur unzureichend umschrieben ist.



Freitagabends nach der Probe des Musikvereins, spät, allein im elterlichen Wohnzimmer, alles dunkel. Es läuft noch die Kultursendung aspekte – laaangweilig, aber man kriegt es kaum mit, weil ja gleich … ja, gleich kommen die Vampire. Schwarzweißfernseher, schlechter Empfang, besonders im Zweiten. Mutter und kleiner Bruder schon in den Betten, Vater noch beim Kegeln. Und dann endlich der Vorspann, man kriegt kurzzeitig das Bibbern und erstarrt dann in Ehrfurcht. So geht das jede Woche, bedauerlicherweise macht die Reihe jedoch längere Pausen, um neue Filme heranschaffen zu können. Über den Bildschirm flackern Dracula und anderes Gelichter, es gibt Reißzähne in Großaufnahme, glimmende Vampiraugen, unzüchtige Dekolletées, in Flammen stehende Burgen, finsteren Tann, künstlichen Nebel, Hintergrund-Paintings und kreischende Soundtracks. Und unerhörte Grausamkeiten von ausgewiesener Eleganz. Morbid und faszinierend, den Grundfragen des Lebens nachforschend: Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Warum verwesen wir so schauerlich? Hat Caroline Munro eigentlich einen Freund? Warum haben die Mädchen aus meiner Klasse nicht solche Dekolletées?

Dienstag, 4. Oktober 2011

Alle tot


Gestern auf Arte die restaurierten Nibelungen gesehen. Viereinhalb Stunden, und am Ende sind alle tot. So muss das sein. Ziemlich zu Anfang, als Siegfried sich dem (eher niedlich geratenen) Drachen nähert, ruft neben mir die Gemahlin der Bestie zu: „Lauf weg!“ 
Ausschnitte und Passagen waren mir bekannt, aber nicht das ganze Ding, nicht der Rhythmus. Es ist ein ziemlicher Schlauch, aber es zieht einem die Schuhe aus. Die halbe Nacht davon geträumt. Man muss nach den endlosen Schnittgewittern der Gegenwart und der CGI-Inflation das Sehen neu erlernen. Die Netzhaut abspülen. Dazu eignet sich dieser Blockbuster der Zwanziger vorzüglich. Art-Deco-Mittelalter von massiver Strenge trifft auf wuselndes Hunnen-Chaos. Frühe Comic-Ästhetik, wie später auch bei Metropolis, und die Hunnen als Ahnen der Orks, nur noch hässlicher, aber irgendwie auch sympathischer. Künstlichkeit trifft auf Natur. Es wurden seither vermutlich zahllose filmwissenschaftliche Seminare darüber abgehalten. In den Zwischentexten werden den Figuren signalhaft Wappentiere zugeordnet. War mir zum Beispiel neu. Jede Einstellung ist ein in Bewegung geratenes S/W-Gemälde mit orangebrauner Einfärbung. Was für ein Aufwand, was für eine Geometrie, was für eine dräuende tiefdeutsche Schwere, was für eine Unbedingtheit. Der Endkampf setzt immer noch Maßstäbe, und Kriemhild ist die unbedingteste Rächerin der Filmgeschichte. Eine kleine menschliche Regung gönnt sie sich beim Tod Giselhers, ansonsten nur elfenbeinerne Rächermaske. Brrr.

Donnerstag, 21. Juli 2011

Jetzt digital

Unser neuer Digital-Kabelanschluss mit seinen 300 Kanälen ist eher eine Zwangsmaßnahme. Bibel-TV, Al Jazeera auf Arabisch und „Ikebana für Manager“. Benötigt hätten wir das eigentlich nicht, aber okay, freunden wir uns eben damit an. Leider erwies sich der Anschluss seinerseits als unfreundlich: Nach Ankunft und Anschluss des Digital-Receivers gab sich der Empfang bescheiden, um nicht zu sagen: komplett beschissen.
„Wenn was ist: Anrufen!“, hatte mir der Mann von der Betreiberfirma noch mitgeteilt, ehe er mit dem frisch unterschriebenen Vertrag um die Ecke verschwunden und zum nächsten Kunden entfleucht war. Also schauten wir weiter Analog-Kabel, aber ich nahm ihn natürlich beim Wort, den Mann, und erwischte ihn auf einem Campingplatz in Norddeutschland. „Wie ist das Wetter in Köln?“, fragte er. „Bedeckt“, sagte ich.
Es war nur ein Kurzurlaub, und er hielt Wort. Gestern fror mitten in der Analog-Tagesschau die großartige Susanne Daubner ein und schaute mich einen Moment lang erotisch streng an, als wollte sie sagen: A Quadrat plus B Quadrat gleich C Quadrat ... Nicht in der Nase popeln, und sitz endlich gerade! Dann waren sowohl sie wie auch der Empfang ganz weg. Ich wusste: Aha, er ist im Keller und schraubt rum. Er brauchte für die Signalverstärkung exakt zwei Minuten und kam mir, als ich runterging, schon freudestrahlend entgegengespurtet. Ich sagte: „Mein Bild ist weg.“ Er antwortete: „Versuchen Sie’s jetzt! Versuchen Sie’s jetzt! Müsste prächtig sein!“ 
Korrekt. Prächtig. Danach saßen wir noch ein Weilchen auf dem Parkett vor der Glotze, er nahm mich an der Hand und erklärte mir die Kniffe der neuen Fernbedienung: „Schmeißen Sie die Gebrauchsanleitung weg, und passen Sie JETZT auf!“ Zwischendurch klingelte sein Handy mit der Pink-Panther-Melodie. „Lass mich in Ruh, bin beim Kunden!“, rief er in Richtung Gürtel-Etui. Susanne Daubner war noch auf Sendung, er zappte an ihr vorbei, blieb kurz hängen und sagte mit einem Augenzwinkern: „Aaah, sieht die heute wieder scharf aus!“ Er hatte völlig recht: Susanne war schärfer und strenger denn je. Dann programmierte er mir zu Demonstrationszwecken DSF auf Platz eins der Favoriten. Vermutlich weil das sein Lieblingssender ist. Es lief gerade Werbung für Energy Drinks. Als er weg war, löschte ich DSF, holte Susanne zurück und setzte sie auf die Eins. Fernsehtechniker sind schon coole Säue.

Dienstag, 19. Juli 2011

Modellbau-Hölle

Gestern gab’s bei Einsatz in vier Wänden den dramatischen Fall eines 68jährigen Modellbauers, der sich sein eigenes Haus zugerümpelt hatte. Völlig unterschiedslos mit Schiffen, Flugzeugen, Autos, Zinnfiguren, Modelleisenbahnen und so ziemlich allem, was man basteln kann. Das ging so seit dem Tod seiner Frau. Ein Fall für die dicke Knutschkugel Tine Wittler, die wieder mal als psychosozialer Notdienst fungierte und dem Mann zu völlig unpassender Musikuntermalung eine unpassend junge Designer-Wohnung herrichtete, die in drei Monaten vermutlich wieder so aussieht wie die vorherige. „Die Höllen-Hütte des Bastel-Opas“ war diese seriöse Fallstudie betitelt. Hauptfigur war wie üblich natürlich die dicke, eitle Frau Wittler, nicht ihr armes Opfer.
Wir ziehen dennoch Lehren aus diesem Fall. Modellbauer sind anfällig, denn sie leben in einem mysteriösen, weltabgewandten Zwischenreich zwischen Perfektion (die Modelle) und völliger Verwahrlosung (der ganze Rest). Die geringste Störung des Ablaufs, also z.B. das Ableben der Gemahlin, führt erst zu Irritation in der brisanten Balance, dann zu hoffnungsloser Introvertiertheit und Kompensationsverhalten. Und jetzt ist erst recht niemand mehr da, der hinter dem Exzess-Bastler aufräumt und ihn regelmäßig aus Wohnzimmer, Küche, Bad, Schlafzimmer oder Wintergarten wegscheucht. Das Ergebnis ist „Die Höllen-Hütte des Bastel-Opas“.
Wir lernen: Sich auf irgendeine Art Bastelobjekt konzentrieren. Nicht alles aufheben. Ab und zu mal Kartons wegwerfen. Die Dusche nicht mit halbfertigen Modellen zustellen. Eingetrocknete Farbdöschen wegwerfen. Die Bastelunterlagen mal ausschütteln, am besten draußen. Die Blumen im Wintergarten mal gießen. Sich ab und an mal den Bart schneiden. Mit Klebstoff verschmierte Finger nicht ablecken. Sich mal beim Schützenfest oder dem Seniorennachmittag blicken lassen. In der Küche Fallen für Fruchtfliegen auslegen. Wieder lernen, in ganzen Sätzen zu sprechen.

Montag, 21. Februar 2011

Wahlnachlese

Wieder mal eingenickt am Wahlabend. Mitten in Herrn Scholzens Jubelrede. Ich bin fasziniert von der Warze unter Claudia Roths Nase. War die immer schon so groß? Und Generalsekretär Gröhe spricht davon, nun nach vorne zu schauen – und schaut dabei zur Seite. Und die Yuppie-Lächler um Guido herum lächeln wie angetackert. Stehen alle ziemlich eng, damit sie auch bloß aufs 16:9 passen. Irgendein Berater wird ihnen gesagt haben: "Demonstriert Geschlossenheit! Und nehmt euer bestes Deo!" Nicht auszudenken, wie sie gestanden hätten, wenn wir noch 4:3-Format hätten.

Dienstag, 15. Februar 2011

Kitsch-Vollendung

Hmm, es gibt ihn jetzt als Blu-ray. Ich besitze ihn als 1) VHS-Raubkopie, 2) als offizielle VHS, 3) als VHS-Aufnahme aus dem TV, 4) als auf DVD überspielte VHS sowie 5) als offizielle DVD. Zudem den Soundtrack als LP sowie ein inzwischen etwas angefaultes Filmplakat von damals. Man könnte angesichts dieser Tatsachen glattweg behaupten, ich sei Fan. Über die Qualität der Blu-ray habe ich noch nichts gehört und warte noch etwas ab. Manchmal wird ja nur suggeriert, die Qualität sei jetzt endlich endgeil, und in Wirklichkeit ist es bloß Bauernfängerei.
Für mich der kitschigste und beste Film der Welt. Seit 1981. Unerreicht. Unerreichbar. Ein Remake mit Bryan Singer als Produzent soll in der Mache sein; man hat jedoch schon länger nichts mehr davon gehört. Wir meckern also zu gegebener Zeit über diese mutmaßliche Blasphemie.
Ich klaue mal eben meinen eigenen Excalibur-Text aus dem Filmblog nebenan:

„Die Gleichaltrigen gingen damals, 1981, alle in Jäger des verlorenen Schatzes, während ich ganz allein für Boormans Arthur-Verfilmung anstand. Das war mir sehr recht, denn ich wollte niemanden dabeihaben, der den Film eventuell nicht versteht und mich zuquatscht. Er ist bis heute der beste reinrassige Fantasy-Film geblieben. Ich habe ihn hundertmal angeschaut, die Dialoge kann ich natürlich auswendig.
John Boorman macht es wuchtig, pathetisch, opernhaft, kitschig, arbeitet mit intensiven Farbdramaturgien, filmt großartige Landschaften ab, rekrutiert seine Darsteller-Crew von Shakespeare-Bühnen weg, schmeißt einem Blut und Schlamm um die Ohren, bis man weggucken muss, kurzum: Er zieht so richtig vom Leder. Alles, was an Arthur-Verfilmungen vorher war, wurde dadurch diskreditiert, alles, was danach kam, musste sich an Excalibur messen lassen, und scheiterte natürlich. Der Stoff muss weiterleben, weswegen Verfilmungen und Novelisierungen und Neuinterpretationen erwünscht sind, aber sie haben es naturgemäß schwer gegen Boormans Vorlage.
Die hirnrissigste Kritik, die damals aufkam, war die, der Film sei anachronistisch, weil Waffen und Rüstungen dem Spätmittelalter entnommen, der Zeitrahmen der Geschichte jedoch das früheste Frühmittelalter sei. Regisseur John Boorman und Drehbuchautor Rospo Pallenberg interessiert das null. Sie inszenieren keinen Historienschinken, sondern puren Mythos, quasi kollektives Unterbewusstsein. Nie wird das Land erwähnt, in dem das spielt, auch nicht die Epoche. Die Geschichte um König Arthur wird als ‚Traum’ definiert, entsprechend symbolbeladen ist das alles – Traum und Albtraum in konsequenter Kitsch-Vollendung. Das Magiekonzept war für die damalige Zeit neu und aufregend mysteriös. Wer ist denn bloß dieser geheimnisvolle ‚Drache’, von dem Merlin dauernd redet? Das Viech taucht ja nie auf! Natürlich nicht, denn es ist bloß ein Symbol für die Urkraft, mit der Begabte sich verschalten können. Ein kryptisches Symbol, das nie materiell wird und nur in Gestalt von Nebel wabert. Der moderne Fantasy-Film war damals noch ziemlich jung, und dieses Wegdriften vom bunten Kaugummi-Märchen hin zu Psychoanalyse und Mythos, zu C.G. Jung und überzeitlicher Motivik war für viele Zuschauer (und auch Kritiker) ungewohnt: ein aufgepeppter wagnerianischer Fantasy-Ritterfilm, der mit der Hochkultur ebenso wie mit dem Tiefenbewusstsein kokettierte. Nicht nur einfach eine Heldenmär mit Schwertern und Ivanhoe, der als Sieger vom Platz geht und die holde Jungfrau bekommt. Nee, hier dräut es dunkler und existentieller. Hier geht’s ans Eingemachte.
Ungemein effektiv ist auch der Soundtrack. Es war die Zeit vor dem großen Klassik-Boom, Sequenzen wie ‚Siegfrieds Begräbnis’ aus Götterdämmerung oder der Anfangsteil aus Carmina Burana waren noch nicht allgemein bekanntes Pop-Kulturgut, sondern, nun ja, richtiges Kulturgut. Excalibur setzt diese Sequenzen fulminant ein, schon die tolle Synchronisierung des Vorspanns mit dem Hörnerschall aus Götterdämmerung weist den Weg. Das war damals neu und dreist.
Es ließe sich viel über diesen geballten mythischen Film sagen, über seine damals verblüffend liberale FSK-12-Einstufung trotz expliziter Szenen des Grauens und des Verfalls (so etwas hatten zuvor eigentlich nur Monty Python gemacht, und das auch nur halb so konsequent), über die Riege von Darstellern, aus der ausgerechnet der Hauptdarsteller kinomäßig nicht mehr viel mehr reißen konnte (außer bei Derek Jarman), aber allerhand Nebentypen mit den Jahren zu Stars aufstiegen: Liam Neeson, Patrick Stewart, Gabriel Byrne, Helen Mirren. Über den besten Merlin der Filmgeschichte, den unübertrefflichen Nicol Williamson. Über das Set-Design und Kamera-Virtuose Alex Thomson (+ 2007) und dessen Ideen irgendwo zwischen Präraffaelismus, Hieronymus Bosch, deutscher Romantik und Kelten-Mystizismus. Und über rohen Rittersex vor dem Kaminfeuer - in der Rüstung!
Ein Film, von dem man träumt, und genau das ist ja auch seine Absicht.“

Er trat damals zusammen mit Conan dem Barbaren an, hatte aber im Gegensatz zu diesem keine nennenswerte Wirkungsgeschichte. Während bald alle nur denkbaren und undenkbaren Barbaren die Leinwände und Videotheken bevölkerten, erlebte der Ritterfilm mitnichten eine Renaissance. Es gab lustigerweise eigentlich nur den völlig unbekannt gebliebenen deutschen Film Feuer und Schwert (mit dem jungen Christoph Waltz) sowie den italienischen Schund Das Duell der Besten (original: Orlando furioso, international: Hearts and Armours), der auf dem Rolandslied („Orlando“) beruhte und immerhin eine hübsche Ausstattung zu bieten hatte. Und importierte Hollywood-Titanen wie Leigh McCloskey und Tanya Roberts.
Der Tag des Falken und Flesh and Blood folgten erst 1985. Da war John Boorman schon längst im Smaragdwald.

Sonntag, 30. Januar 2011

Trost

Laut Erhebungen schaute diesmal neben dem Prekariat auch jeder vierte Akademiker Dschungelcamp. Die Feuilletons sind hin und weg. Die Sendung ist angekommen in der Mitte der Gesellschaft, die Hemmschwellen und Verkrampfungen sind überwunden.
Alle sind froh, dass Peer K. Dschungelkönig geworden ist. Ich im tiefsten Inneren natürlich auch. Der Mann war kreativ, sensibel, sentimental, spontan, naiv, lieb, etwas rückhaltlos, Heulsuse, dennoch maskulin. Er hatte Außenseitertendenzen und war verwirrt angesichts des Intrigengeflechts der anderen. Und er sprach ungeniert mit seinem Plüschaffen, manchmal sehr viel ausführlicher als mit seinen menschlichen Kameraden. Nun gut, manchmal hatte man schon die Befürchtung, er könne in Richtung „Herr der Fliegen“ abdriften, aber er fing sich stets und kompensierte durch das Erzeugen von Seifenblasen. Er stand im Kontrast zu den eiskalt kalkulierenden und chargierenden Schönlingen, männlichen wie weiblichen, und den notorischen Opportunisten, die sich immer auf die Seite der vermeintlich Starken schlagen. Bis das Publikum dieses Arschloch-Verhalten erkannte und die entsprechenden Personen abstrafte. Oder, anders gesagt, bis RTL wollte, dass das Publikum dieses Arschloch-Verhalten erkannte, und den Schnitt entsprechend steuerte.
In den früheren Staffeln wurden die Illusionen von Bodenständigkeit, Inszenierungsfreude, Durchhaltewille oder purer, freakiger Quiekigkeit belohnt. Mit dem Sieg des lieben Peer kommt nun eine neue Qualität mit ins Spiel. Es ist beinahe so, als wollte RTL uns Hoffnung schenken. Wenn ein freundlicher Weichling mit Plüschaffe jenes Format als Gewinner verlässt, das seit jeher den eklen sozialdarwinistischen Kern des Neoliberalismus besonders realsatirisch herausarbeitete, dann tröstet das uns alle. Großes Drama, entzückende Parabel, moralische Morgenröte. Bitte bald die nächste Staffel. Mit mindestens einem Politiker der Linken, einem ehemaligen Afrika-Korrespondenten mit Alkoholproblem und einem paranoiden Wikileaks-Aktivisten.