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Donnerstag, 17. Oktober 2013

Yvonne

Hauswirtschaftsmeisterin und Sozialpädagogin Yvonne Willicks hat sich zu meinem TV-Superstar entwickelt. In meiner Funktion als Gelegenheits-Quasi-Hausmann ist das nur allzu verständlich. 
Ich hege heimliche Phantasien, in denen ich Yvonne Willicks mit einem Staubwedel durch eine völlig zugemüllte Wohnung jage, bis sie sich im Gemüsefach eines Großkühlschranks versteckt, in dem sich aber kein Gemüse, sondern – Schreck lass nach! – palettenweise Dosenbier befindet. Yvonne entsteigt sofort dem zweckentfremdeten Gemüsefach und beginnt damit, die Bierdosen aus- und Gemüse einzuräumen. Sie kann nicht anders. Was mir die Gelegenheit gibt, wieder mit dem Staubwedel auf sie loszugehen. 
Yvonne benötigte nicht lange, um sich in mehreren Etappen im Fernsehen auszubreiten, bis man an ihr und ihrer Haushalts-Ratgeberei kaum mehr vorbeikam. Sie trat auf als „Superhausfrau“, „Allestester“ und „Yvonne Willicks räumt auf“. Sie ist also der Sylvester Stallone des deutschen Küchenratgeber-Fernsehens. Zurzeit betätigt sie sich hauptsächlich im WDR auf der Vorabendschiene. Ich plädiere dringend für eine große Samstagabend-Show. „Staubwedeln mit Yvonne“ vielleicht, oder doch besser „Die Kühlschrank-Voyeure“. Yvonne erkennt dreißig B-Prominente anhand des Inhalts ihrer Kühlschränke und gibt danach Tipps zur Optimierung. Dazwischen Show-Acts von Pur bis Helene Fischer. 
Yvonne ist eine schlanke Frühvierzigerin, Typ Ilona Christen, eine robust auftretende Blondine mit federndem Gang, schaukelnder Mittellang-Frisur, Habichtnase und Wichtigtuerbrille, durch sie hindurch sie ihre Klienten – allesamt Haushaltschaoten – ermahnend anblickt, als seien sie unartige Kinder, um dann blitzschnell umzuschalten auf joviale Besserwisserin, die zwar permanent was zu maulen hat, diese Unart aber mit einer Fassade heiteren, kauleistenpräsentierenden und ruhrpottakzentuierten Laissez-faire abzumildern sucht. „Ihr wisst es eben nicht anders, ihr Schluffen. Lasst mich mal da ran! Nein, keine Widerrede! Lasst mich mal da ran!“ Sie weiß, dass sie Gefahr läuft, wie der Alptraum aller Muttertraumatisierten rüberzukommen, und steuert durch Kommunikation (= Geplapper) und neckischen Augenaufschlag gegen. Dennoch ist es ihr bisher noch nicht überzeugend gelungen, diese abschreckende Besserwisserei und Dauermotzerei konstruktiv umzudeuten in „Zuwendung“. In Yvonnes Sendungen geht es nun mal hauptsächlich um Yvonne und darum, was Yvonne so alles weiß und kann. 
Yvonne lebt in dem Glauben, dass das, was sie tut, wichtig ist, denn sie setzt sich ja für „uns“ ein, die Verbraucher. Ihr Lieblingswort ist „Verbrauchertäuschung!“, nur echt mit dem Ausrufezeichen. Insofern hat sie alles Recht der Welt, kritisch und empört zu tun, in irgendwelche Lebensmittelkonzernzentralen einzufallen, Verbraucher-Anti-Preise für die „Mogelpackung des Jahres“ zu vergeben und den Leuten da gehörig auf den Sack zu gehen. Hauptsächlich den Pförtnern, denn weiter kommt sie meistens nicht. Danach steht sie dann vor dem Gebäude, stampft mit dem Fuß auf und macht Telefonterror vom Handy aus. Manchmal testet sie auch Haushaltsmaschinen, kleckert sich voll und quiekt entsetzt, als sei sie menschlich-allzumenschlich und nicht bloß eine verkleidete Küchentyrannin. Neulich schickerte sie sich in einer Champagner-Testrunde an und machte dem Co-Moderator Avancen. Und das in ihrer eigenen Küche – die natürlich blitzblank gewienert war. Könnten ja Fernsehleute zu Besuch kommen. Manchmal okkupiert sie auch die Haushalte von Promis, meistens welche vom WDR, steigt auf einen Hocker und saugt in den Lebensmittelregalen den Endgegner weg: Mehlkäferlarven. Die Promis verabschieden sich stets freundlich, sind aber vermutlich froh, wenn der quasselnde blonde Fremdkörper endlich weg ist und sie wieder Herr über ihr eigenes Leben sind.

Montag, 12. August 2013

Zwei Welten

In dieser Wohnung existieren zwei Welten. Sie lassen sich recht einfach separieren durch „Lärmschutzfenster während Berufsverkehr auf“ und „Lärmschutzfenster während Berufsverkehr zu“. 
Die erste Welt ist lebendig und betriebsam, voller Zischen, Sausen, Rauschen, Quietschen, Röhren und lautem Plappern oder Lachen; alle Verrichtungen innerhalb der Wohnung laufen schneller und effizienter ab, passen sich dem Rhythmus von draußen an. Man fühlt sich jung, kann kaum stillsitzen und möchte unbedingt Anteil haben an dem rätselhaften Geschehen, an den Tätigkeiten, an den Wegen von A nach B, am Gewusel, und man möchte den Nachttopf durchs Fenster entleeren und dabei rufen: „Vorsicht, da unten! Scheibenwischer an!“ 
In der zweiten Welt ist das alles ganz weg. Da will man sich sofort den Kimono überstreifen, in die liegende Position wechseln und sich dem altehrwürdigen Schrifttum und dem Ikebana widmen, dabei dem leisen Prötteln der Kaffeemaschine lauschen, dem zarten Schnarchen des Katzentiers, dem Plätschern des Springbrunnens im Patio, den Vögelein von hinterm Haus, möchte die Düfte des Bewuchses um sich wehen haben und sanftmütig ins Nickerchen hinüberbegleitet werden. 
Und natürlich ist es gut zu wissen, dass, wenn einem das alles auf den Senkel geht, man einfach nur die Fenster wieder öffnen muss.

Samstag, 10. August 2013

Bundestagswahl

Dieses Mal macht sich da zugegebenermaßen eine gewisse Ratlosigkeit breit. 
Die Grünen formulieren eine Art Gängelei-Agenda zur Weltverbesserung aus und haben wie üblich keinerlei Humor. Die FDP hingegen hat einen viel zu bizarren Humor, als dass er regierungsfähig wäre. Die Linke liegt im Magen wie ein Fass voll mit ausgehärtetem Beton, und mein Mitleid mit den Partei-Prominenten äußert sich darin, dass ich bei ihrem Erscheinen auf dem Fernsehbildschirm sofort umschalte. 
Die AfD besteht aus langgedienten Tagungsexperten, die hauptsächlich darauf trainiert sind, Buffets kahlzufressen. Die Piraten sind eine Zusammenkunft von tragikomischen Indoor- und Kellerschacht-Schraten, das Internet ist meiner Meinung nach sowieso scheiße, und die mit ihnen verbündeten Promis sind funktionsgestörte Dröppelminnas wie Juli Zeh. Die CDU, die ehemalige katholische Zentrumspartei und natürliche Heimat des Dorfjungen, bevor er achtzehn und damit wahlberechtigt wird, entfällt wegen Pofalla. Es bleibt also wohl doch nur wieder die SPD – in der Hoffnung, dass sie nicht gewinnt.

Donnerstag, 8. August 2013

Knöllchen

Meine Knöllchen-Geschichte ist eher eine übersichtliche. Ich war da meistens auf der korrekten Seite. Nicht immer, aber meistens. Kein Parken in zweiter Reihe, nicht in Ladezonen, nicht auf Behindertenplätzen, nicht in Einmündungen oder Feuerwehrzufahrten.
Mannomann, denke ich also jetzt, wieso habe ich denn da dieses Knöllchen am Auto? Es gibt keinen offensichtlichen Grund dafür. Kein Parkverbot, Anwohnerparkerlaubnis gut sichtbar, Kennzeichen dran, TÜV in Ordnung, Umweltplakette dran. Wieso kriege ich nach sechs selbstverständlichen Jahren im Anwohnerparken plötzlich eine Knolle? Und wieso erst nach einer kompletten Woche Standzeit auf dieser Position? Der Belehrungstext auf dem Knöllchen verkündet: „Verkehrsteilnehmer, Kölsche Jung! Mein Meedels und isch sön gar nisch fruh. Wart of den Schriev von da Stadt mit Begründung und nerv üs nit vorher mit irgendwat Scheißeingaven, du Ei. Emeffgee und so, de Ob-er-bür-ge-mee-ster." 
Also mal eben selbst recherchiert. Und siehe da, nach geschlagenen sechs Jahren haben erst der Oberbürgermeister und seine Mädels und in der Folge jetzt auch ich begriffen, dass die vorderen zwei Drittel der parkseitigen Fahrspur der Volksgartenstraße gar nicht fürs Anwohnerparken freigegeben sind, sondern nur für normale Parker. Und wer stand da breitärschig eine Woche lang mitten drin? Genau. 
Er hat also recht, der Oberbürgermeister. Ich werde ohne Renitenz zahlen. Im Geiste höre ich seine ermahnenden Worte: „Musste mal frieher of Lageplan von An-woh-ner-par-ken gucken, ne, Ei?“
An der Pauluskirche parkt es sich eh besser. Weniger Vogelkacke und mehr spirituelle Ruhe fürs Auto.

Sonntag, 28. Juli 2013

Kirmes

Sie sind schon irgendwie hemmungslos, diese Leute vom Dorf. Vor allem auf der Kirmes, die von den jungen Dorfprotagonisten ausgerichtet und organisiert wird. Das Pfarrfest, das hat oft einen leicht getragenen Charakter, mehr so kirchenchormäßig („Psst! Nicht so laut!“), aber auf der Kirmes gibt es vorne auf der Bühne im Gebüsch eine Trierer Cover-Band mit Rock-Standards und gelegentlichen Hardrock-Anschlägen, die einige Leute rhythmisch zusammenzucken lassen. Das könnte allerdings auch die Südeifler Form des Headbangens sein. Es gibt eine Sektbar mit neumodischen bunten Cocktails, barbarischen Gesöffen wie Eistee mit Korn, rudelweise junge, langbeinige Dinger mit Handtäschchen, einen girlandenbehängten, endsarkastisch daherschwafelnden Sportstudenten aus Köln („Er trinkt sonst nie Alkohol“), schwer rackernde Vierer-Teams am Bierstand und Alkohol von vorne, von hinten, von der Seite, und ein bisschen Gewitter von oben. Dauernd bekommt man von Leuten, die man kennt oder überhaupt nicht kennt, ein Bier in die Hand gedrückt. Ist wie Flatrate-Saufen ohne zu bezahlen. Auf dem Höhepunkt hatte ich drei volle Gläser auf einmal in Händen und irgendwie in der Ellenbogenbeuge: „Widerstand ist zwecklos.“ Ich muss gestehen, dass ich zwei davon entsorgte, indem ich sie am Bierstand einfach „vergaß“. Meine Güte, viel zu viel Alkohol für meiner Mutter Sohn! Ihr Typen seid einfach zu hemmungslos in eurer großzügigen und freigiebigen Art. 
Irgendwann sind dann alle angeheitert, die meisten jedoch hackevoll. Zumindest wenn es auf drei Uhr morgens zugeht. Und alle bleiben friedlich, freundlich, kommunikativ. 
Und dann natürlich die alten Bekannten. Volle Zustimmung zum Self-Publishing-Büchlein Junge vom Land, selige Erinnerungen, viel Gelächter, alles die nackte Wahrheit, was du da geschrieben hast. Stimmt gar nicht, manches ist ein bisschen frisiert. Unterhalte mich ewig mit der Käuferin der drei jüngsten Exemplare, und wir erzielen ein Höchstmaß an Einigkeit, obwohl wir uns Jahrzehnte nicht gesehen haben. Ich finde das rührend. Dann kriege ich auch noch die Geschichte von der Sprengung der ollen 8/8er-Panzerabwehrgranate haarklein erzählt. Was für ein Teufelszeug! So eine Story kann man nur mit zwei Bier in den Händen ertragen, die verhindern, dass man ebendiese Hände über dem Kopf zusammenschlägt. Später ist man plötzlich in ein Gespräch vertieft mit der hübschen 27jährigen Nachbarstochter, bei der einem langsam erst dämmert, dass sie damals dieses kleine Mädchen zwei Häuser die Straße hoch war. 
Drohe schließlich in der Sektbar bei den jungen Dingern zu versacken und irritiert in neumodische bunte Cocktails zu starren, ziehe die Notbremse, wuchte mich nach Hause.

Donnerstag, 11. Juli 2013

Bye-bye Mitsubishi

Soeben wurde er vom Autoverwerter abgeholt, der schwarze Mitsubishi Colt Baujahr 1998. Das Fohlen lungerte noch zwei Tage ohne Kennzeichen in der Einfahrt herum und konnte im Vorbeigehen schlussgetätschelt werden. Nach allzu großen Sentimentalitäten stand mir allerdings nicht der Sinn. 
Vor neuneinhalb Jahren wurde er gebraucht im Gewerbegebiet nahe Trier gekauft und hat gar nicht so viel Fahrleistung erbracht, weil ich da schon in der Großen Stadt wohnte und in der Großen Stadt kaum Auto fahre. Aber für Trips ins Umland und zu den Wurzeln der ländlichen Existenz war er unumgänglich. Er leistete durchweg treue Dienste, und man hielt ihn damals, den Angaben des gewerblichen Verkäufers vertrauend, für hochseriös, ja sogar für ein „Schnäppchen“. Dann kam nach knapp vier Jahren die Sache bei der zweiten Hauptuntersuchung: „erhebliche Mängel“ und nicht verkehrssicher wegen massiver Korrosion an tragenden Teilen hinten. Den vollmundigen Verkäufer drauf angesprochen; der gab sich perplex. Seine Mechaniker schüttelten, als er gerade nicht hinsah, den Kopf, was eventuell so viel hieß wie „typisch!“. Nun, es konnte in einer kleinen Werkstatt (keinesfalls in der des gewerblichen Verkäufers) behoben werden durch Schweißarbeiten. Zwei Jahre später wurde noch mal nachgeschweißt. In zwei Monaten wäre nun wieder HU gewesen. Diesmal: Kupplung schwächelt; bei Regen dringt irgendwo vorne Wasser ein und sammelt sich zu Füßen des Beifahrers, so dass der/die sich echt freut und der Colt außerdem im Winter von innen zufriert; die Korrosion unten drunter wird vermutlich auch fortgeschritten sein. Jetzt gab’s sogar noch Geld dafür. Superschnelle, freundliche und professionelle Abwicklung. Wenn jemand im Kölner Raum einen Altwagen loswerden muss: Firma Schlimbach anrufen. 
Das schwächelnde Fohlen wurde ersetzt durch einen soliden, silberfarbenen Fiesta. „Scheckheftgepflegt“. Der Vorbesitzer war ein älterer Herr Doktor aus Bergisch-Gladbach, und ältere Doktoren aus Bergisch-Gladbach gehen pfleglich mit ihren Autos um. Der kleine Ford ist erstaunlich kraftvoll, dabei betont unauffällig, die HU ist ganz frisch, er riecht innen fast neu und verfügt über mir bislang völlig unbekannten Luxus wie elektrische Fensterheber, Türschlösser mit Fernbedienung oder Wegfahrsperre mit codierten Schlüsseln. Was es so alles gibt!

Dienstag, 2. Juli 2013

Verlautbarung

Die Katze hat sich mal wieder an den Laptop gesetzt – oder vielmehr: auf den Laptop – und mit Hilfe des zufällig gerade aktiven, handelsüblichen Textverarbeitungsprogramms folgende Verlautbarung aus dem Katzenuniversum verfasst: 

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 Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Freitag, 28. Juni 2013

Bye-bye Adidas

Ich weiß gar nicht mehr, wann ich mir diese Adidas-Schuhe gekauft habe. Kommt mir vor wie ein Vierteljahrhundert. Sie waren überall hin mit, haben alles gesehen, hinterließen Spuren in allen möglichen Böden, waren Teil des Daseins und fügten sich klaglos ein. Man konnte sie bei jeder Witterung tragen: leicht genug für den Sommer, warm genug für den Herbst, dicht bei Regen und sogar bei Schnee. Sie waren schwarz mit weißen Streifen und weißer Ferse. Keine schmalen Sneakers, sondern robust, dabei jedoch sehr leicht und formschön und keinesfalls klobig. Und komplett stinkefrei, also vermutlich atmungsaktiv. Der Name und die Typenbezeichnung waren verblasst, ließen sich nicht mehr lesen. Offenbar gehörten sie jedoch zur Edition „Strength“, und natürlich sind sie beim Hersteller längst ersetzt worden durch hippere Öko-Modelle oder modische Albernheiten. 
Sicher, sie waren ein bisschen arg abgelaufen und keuchten auch ein wenig bei schnellerem Schritt. Aber ich hielt ihnen die Treue. Sie müffelten auch nach all den Jahren noch nicht. Heute Morgen beim Einkaufen brach jedoch die Sohle des rechten Schuhs komplett auseinander. Sie zerbröselte nicht, löste sich nicht vollends auf, und ich schaffte es problemlos bis nach Hause. Aber es hat definitiv keinen Sinn mehr: Sie waren durch und mussten in die Tonne. Ich kehre gerade von diesem ihrem letzten Gang zurück und bin nun etwas melancholisch. 

Dienstag, 11. Juni 2013

Iain Banks

Iain Banks ist mit 59 Jahren gestorben. Es dauerte nur zwei Monate von der Nachricht seiner Krebserkrankung bis zum Tod. In Deutschland gibt es Nachrufe von Spiegel, Stern und anderen, obwohl sich zu Lebzeiten kaum einer von denen jemals für den Autor interessierte. Der war doch, brrr, Science Fiction. Jetzt, da Nachrufe die britische Presse fluten und von einem der bedeutendsten englischsprachigen Schriftsteller nach 1945 sprechen, kommen sie offenbar auch langsam auf den Trichter. 
Für mich persönlich ist Banks der favorisierte Autor einer vergangenen Lebensphase, derjenigen Epoche vor der Aufnahme professioneller Tätigkeiten in der Buchbranche. Sowie jener ersten umtriebigen Jahre als Professioneller. Der erste in Deutschland erschienene Roman war 1989 Bedenke Phlebas / Consider Phlebas, und es war eine Space Opera, die mich als reiner, unbefleckter Leser – wie junge Leute heute wohl sagen würden – buchstäblich „flashte“: Ich sah danach nur noch Blitze. Krachledern, robust, größenwahnsinnig und dennoch eigenartig fein, reflexiv und hinterfotzig. Literatur! Neue Banks-Romane bei Heyne wurden fortan zu Ereignissen (Favorit: Barfuß über Glas / Walking on Glass), und Sky Nonhoff machte sich Mitte der Neunziger bei Goldmann darum verdient, auch die Gegenwartsromane auf uns loszulassen und sie zudem noch mit coolen Nachworten auszustatten. (Favorit natürlich: Verschworen / Complicity). Ich behaupte, dass Banks damals eine Generation von loyalen Heyne-SF-Jüngelchen in die Feinheiten literarischen Schaffens einwies und nicht wenige aufs Angenehmste irritierte und irgendwie an seinen Texten, ja, reifen ließ. Denn in Wirklichkeit waren natürlich auch seine SF-Romane britische Gegenwartsliteratur voller brisanter aktueller Inhalte, nur eben eigenwillig verkleidet. 
Ich habe damals auch einige Banks-Einträge für den Werkführer der utopisch-phantastischen Literatur verfasst. Keine Ahnung, was ich da alles verzapft habe, müsste ich jetzt nachschauen. Vermutlich ist das alles viel zu enthusiastisch. Aber so war das damals: Feuer und Flamme. 
Irgendwann wurde ich dann von Heyne dazu auserkoren, die jeweils neuen Banks-SF-Manuskripte testzulesen und zu begutachten. Es war ziemlich egal, was ich dazu schrieb, der Ankauf war ohnehin beschlossene Sache. Mit zunehmender Professionalisierung ging der Zauber allerdings ein wenig verloren. Banks war inzwischen ein Promi unter vielen, und die Romane wurden umfangreicher, exzentrischer und inmitten einer Umbruchphase des Genres gewöhnlicher, obwohl sie natürlich – allein wegen der Strahlkraft des Namens – nie Routine wurden, sondern Ereignisse blieben. 
Nun ist die Ereigniskette ein für allemal abgerissen, und ich denke durchaus wehmütig an diese frühen gemeinsamen Jahre, die Banks’ erste, blau gestaltete Heyne-Auflagen und ich miteinander im Zwiegespräch verbrachten – und an Nonhoffs coole Goldmann-Nachworte. 
Machen Sie’s gut, Mr. Banks. Ein wesentlicher Teil von Ihnen bleibt sowieso hier.

Montag, 10. Juni 2013

Wohlstandsgesellschaft

Stromausfall im gesamten Haus. Alles rennt aufgescheucht herum, rauft sich das Haupthaar und zerreißt sich gramvoll die Gewänder. Leute leuchten mit Taschenlampen in Sicherungskästen und flüstern: „Hauptschalter! Hauptschalter!“ Manche plappern schnell und panisch vor sich hin, von oben erklingen ängstliche Rufe und ungläubige Flüche, Türeschlagen, Füßetrappeln. „Gott hat uns verlassen!“, ruft Frau R. und schließt sich im Bad ein. Leute mit Handys werden im Flur gesichtet, die Gesichter fahl beleuchtet von den Displays, blankes Entsetzen im Blick. Jemand läuft an mir vorbei nach draußen, einen Rollkoffer hinter sich herziehend und Blut an den Lippen, und schreit: „Energiewende!“ Ein anderer ist ganz schwarz im Gesicht, trägt Helm und Grubenlampe und ruft: „Ich wusste es!“ Einige andere Mieter versammeln sich vor dem Haus und blicken in den bedeckten Himmel, als gäbe es dort Antworten zu lesen. „Aha, deswegen also“, sagt die junge Frau aus dem Tiefparterre fatalistisch. Dann kniet sie nieder und betet zum Himmel: „Vergib mir, Herr, ich bin nicht würdig.“ Ich folge ihrem Blick, kann aber nichts erkennen außer einer geschlossenen Wolkendecke. Erste Geißlerzüge formieren sich auf der Straße, Gesänge werden angestimmt. Offenbar ist nicht nur unser Haus betroffen. Ein dicker Politiker wird vorgefahren und beschwichtigt. 
Ich, der ich ja eigentlich gerade an der Arbeit sitze, beschließe, in die Wohnung zurückzukehren und sie vorerst zu verrammeln. Sollte der Strom nicht wieder da sein, wenn der Akku des Laptop leer ist, werde ich mich mit den Nordic-Walking-Stöcken meiner Frau gottgefällig züchtigen. 
Aber es ist mal wieder alles total unnötig: Nach einer halben Stunde summen die Leitungen erneut ihr elektrisches Lied, und die Wohlstandsgesellschaft ist wieder intakt. Die Straßenreinigung ist auch schon da, um das Blut der Geißler wegzuspritzen.

Dienstag, 28. Mai 2013

Der Verbrechensbekämpfer

Der Reitersmann, leidenschaftlicher Verbrechensbekämpfer und freiberuflicher Superheld, hat heute Einbrecher in die Flucht geschlagen. Mitten am Tag. Die Festivitäten zur Überreichung der Ehrenbürgerurkunde werden gerade geplant. 
Zur Unterstützung seines schweren freiberuflichen Alltags tritt der Reitersmann nämlich des Öfteren nach hinten raus auf den Balkon und quarzt eine. Das ist so weit nichts Neues, aber diesmal sah er von schräg oben herab zwei junge Typen südländischen Aussehens unten ums Haus schleichen, wobei der eine am Tiefparterre-Fenster des netten Fräuleins P., ihres Zeichens Studentin, verharrte, einen mordsmäßigen Schraubenzieher hervorzog und sich daran machte, selbiges Fenster aufzuhebeln. Flugs hatte er es offen, stieg auf die Fensterbank und bereitete sich auf den Einstieg vor. Der andere Typ ging derweil unter dem Balkon hindurch bis vorne an die Ecke, um Schmiere zu stehen. Nur eins, das machte er nicht, der Tropf: nach oben schauen, wo nämlicher Reitersmann erst interessiert und dann alarmiert des Geschehens gewärtig wurde. Dann rief nämlicher laut hinunter: „Und was wird das da?“ 
Ohne hochzuschauen oder auch nur zusammenzuzucken, springt der eine Typ von der Fensterbank runter, und beide verflüchtigen sich flotten Schritts, aber nicht rennend um die Hausecke Richtung Süden. Der Reitersmann ruft sofort die Polizei. Fahndung wird eingeleitet aufgrund der Personenbeschreibung (erfolglos bisher, was man so hört). Junge, unaufgeregte Polizistin kommt mit Blaulicht vorbei, nimmt alles auf. „Zigeuner?“, fragt sie. „Ja“, sagt der Reitersmann, „ziemlich eindeutig.“ Weiter unten in der Straße gibt es dieses gewisse Wohnheim, und über die Tätigkeiten von dessen Bewohnern sind sowohl die Polizei wie auch die Bewohner des Viertels sehr wohl im Bilde. Vermutlich gibt’s da jetzt wieder eine kleine Razzia. 
Der Reitersmann hat noch von einer anderen Gelegenheit die Handynummer des Fräuleins P., das von der Polizistin verständigt wird und umgehend von der Uni rübergeradelt kommt. Ihr Fenster steht ja noch offen. Der Reitersmann sei „ihr Held der Stunde!“. Er meint: „Seien Sie froh, dass ich als freiberuflicher Superheld so viel zu tun habe, dass ich dauernd Rauchpausen machen muss.“

Mittwoch, 22. Mai 2013

Petrus liebt die Vollerwerbslandwirtschaft

Glockenläuten, Schafeblöken, Katze pennt durch den Sauerstoffschock entseelt auf dem Bügelzimmerschrank, und an verschiedenen Stellen erklingen Blechbläser und Mandolinenzupfen. Wir sind unverkennbar auf dem Dorf. Goldene Hochzeit des Patenonkels und seiner Gattin mit Heiliger Messe und allem drum und dran. Pfarrer predigt, Musikvereine spielen, Bürgermeister hat was gedichtet. Sekt und Häppchen vor dem altehrwürdigen Gotteshaus, danach ein geschmeidiges, stressfreies Fest im Gemeindehaus. Der Jubilar meint, er hätte aus seiner Zeit als Vollerwerbslandwirt noch einen guten Draht zu Petrus. Das Wetter ist brillant, während die Tage drumherum mehr so beschissen sind. Und ausgerechnet an dem Tag scheint die Sonne. Petrus liebt die Vollerwerbslandwirtschaft. 
Ein großes Fest, dem Anlass angemessen. Die Dorfbevölkerung hat sich jedoch zwischenzeitlich verlegt aufs  Checken von Handy oder iPhone, denn die örtliche Fußballmannschaft absolviert gerade ein lebenswichtiges Auswärtsspiel, und die Leute vor Ort simsen den Daheimgebliebenen jedes Dribbling, jeden Fallrückzieher und jeden Sehnenabriss. Zu meiner Zeit unvorstellbar, da hätte vermutlich eine Pony-Express-Verbindung eingerichtet werden müssen. Wasserkübel vorm Gemeindehaus fürs Pony, drinnen ein Kasten Stubbi für den Boten. Das Spiel endet übrigens 1:1. Entscheidung vertagt. 
Man sieht den Luxemburger Familienzweig mal wieder, die Nachbarin mit der robusten Lache auch. Die Gattin ist gerührt, als bei einem Fotospiel, bei dem „Dalli-Klick“-artig Hochzeitsfotos anwesender Gäste aufgedeckt werden, unser eigenes Foto auftaucht – und wir sogar erkannt werden. Da fühlt man sich angekommen. 
Und alle kennen sie schon den Jungen vom Land. Offenbar kommen auf ein verkauftes Exemplar im Schnitt 185 Leser. Wilhelmine zieht mich schon nach der Kirche in ihr benachbartes denkmalgeschütztes Häuschen, um sich zwei Exemplare signieren zu lassen (die dann rein rechnerisch 370 Leser erreichen werden). Für den Fall, dass ich mal berühmt werde. Ich versichere ihr, dass ich viel zu alt bin, um noch berühmt zu werden, tue ihr aber den Gefallen. 

Dienstag, 16. April 2013

Dreiecksgeschichte

Die Enten bevorzugen wiederum die Abgeschiedenheit. Weg vom Teich unten und dem ganzen hektischen Geschnatter und Gepaddel und ab ins Hinterland, aufs lauschige Garagendach. Der Raucher, der nebenan auf dem Balkon haust, stört nicht weiter und mischt sich auch nicht ein. 
Dennoch ist es momentan noch kompliziert. Anastasia hat nämlich zwei Verehrer, Giovanni und Heiko. Giovanni will sie seiner Mama vorstellen, Hochzeit in Piacenza und viele Bambini machen. Heiko ist mehr so der urbane Club-Typ mit einem neckischen Farbklecks am Bürzel und tiefen Gesprächen bei Entengrützen-Fastfood nachts um halb vier. Anastasia ist sich noch unsicher. Jetzt schon Kinder, nach Oberitalien fliegen und im Familienclan aufgehen, oder doch noch ein bisschen dancen, quatschen, schnäbeln und dann mal sehen? Na ja, das muss sie selbst entscheiden, aber ich glaube, Heiko ist ein Hallodri.

Freitag, 5. April 2013

228 Stunden

„Ein Kölner verliert im Jahr 76 Stunden im Stau“, sagt uns die Schlagzeile. Gemeint ist natürlich der statistische Autofahrer. Staus am Fuß von Rolltreppen, an der Tür von Straßenbahnen oder an Bäckerei-Theken sind nicht inbegriffen. Da ich im Jahr 0 Stunden im Stau verbringe, müsste es da draußen, rein statistisch betrachtet, jemanden geben, der 152 Stunden im Jahr im Stau verbringt. Das ist immerhin eine knappe Woche. Da meine Frau ebenfalls 0 Stunden im Autostau verbringt, könnte es statistisch gesehen sogar sein, dass der arme Kerl ihre 76 Stunden auch noch aussitzt und somit auf 228 Stunden kommt. Das wären dann knapp zehn Tage. Es bleibt zu hoffen, dass er im Kofferraum genug isotonische Getränke, Müsli-Riegel, Nudelsuppentüten und einen Campingkocher mit sich führt.

Samstag, 16. Februar 2013

Terra Gravis



Vor einem halben Dutzend Jahren tropfte mir ein „Roman“ aus den Poren. Warum, das weiß ich auch nicht mehr so genau, und ich möchte mich in aller Form dafür entschuldigen. Neulich las ich dieses liegengebliebene Manuskript noch mal und fand es für einen „Übungsroman“ gar nicht sooo schlimm. 
Und jetzt kann man es kaufen, als rustikale Independent-Produktion. 
Es ist ein kleines Privatprojekt, ein einmaliger Ausrutscher. Kein Verlag dahinter, denn es wurde nie einem vorgelegt. Kein Lektorat außer meinem eigenen. Es galt einfach, die Sache mal abzuschließen, einen Schlussstrich zu ziehen. Es wird nach heutigem Stand der Dinge der einzige Roman bleiben. Ich strebe keine Karriere als „Schriftsteller“ an. Dennoch habe ich dieses Ding jetzt auf eine Art und Weise zu Ende gebracht, die ich für vertretbar halte. Das heißt: Es hat einen Anfang, eine Mitte und sogar ein Ende. Und das in genau dieser Reihenfolge. 

Der Titel lautet Terra Gravis, und es ist ein „Eifelkrimi mit Mystik“ (O-Ton Gattin). 
Wenig davon war beabsichtigt, es hat sich einfach ergeben und ist die Folge eines haltlosen Driftens. Die Unwuchten und Holprigkeiten, die es haben mag, sind authentisch. 
Es handelt sich offenkundig um den Versuch, einen realen „unheimlichen Ort“ aus Kindheitserinnerungen in Verbindung zu bringen mit der literarischen Tradition des „unheimlichen Orts“. Im Grunde ist es ein romantischer Heimatroman. Romantisch im, äh, weltanschaulichen Sinne, nicht im knutschigen. Ich behaupte, es ist behäbig und unmodern, es gibt Neil-Gaiman-Diebesgut darin, es gibt einen Dorfkrimi, eine aufgebretzelte spiritistische Kosmologie des 19. Jahrhunderts, Gespenster und Ungeheuer sowie einen etwa 0,025-prozentigen Anteil James-Bond-Parodie. 
Die Kulisse ist fast 1:1 echt, die Ortsnamen wurden abgeändert, aber der „brisante Ort“ im Buch heißt in Wirklichkeit ganz ähnlich. Und das Foto auf dem Cover ist ein Detail der originalen Dorf-Pfarrkirche. 

Wer also dieses absonderlichen Produkts teilhaftig werden möchte, klicke oben aufs Cover und ordere sich eins. Ich habe auf diesem Weblog eine neue ständige Seite eingerichtet, auf der sich eine etwas ausführlichere Buchbeschreibung befindet. Zu erreichen oben über den Reiter „Terra Gravis“. 

Für alle, die das Phänomen des Self-Publishing noch nicht kennen: Das Buch ist ausschließlich über Amazon zu beziehen. Denn es wurde hergestellt in technischer Kooperation mit Amazon bzw. dessen Unterabteilung „CreateSpace“. Für mich war das kostenlos, jedoch treiben Amazon und CreateSpace die Herstellungskosten über den Kaufpreis wieder ein und schöpfen sich ihren Gewinn ab. Der stattliche Preis der Taschenbuch-Ausgabe hat zu tun mit der Länge des Texts, gewissen Entscheidungen hinsichtlich Format und Covergestaltung sowie der obligatorischen Mehrwertsteuer. Mein Gewinn wird sich, so steht zu befürchten, in engen Grenzen halten. Aber darum geht es hierbei auch nicht. 
Wenn also jemand die Taschenbuch-Ausgabe bestellt, dann wird sie extra für ihn/sie in Leipzig gedruckt und hergestellt und dann verschickt. Und das geht schneller, als es klingt. Und es sieht ganz okay aus. Ansonsten gibt es noch die Kindle-Edition für eBook-Geräte. 

Großartige Werbefeldzüge werde ich dafür nicht unternehmen, Weitersagen bei Gefallen ist natürlich erlaubt. Das Ding steht jetzt einfach da und kann gekauft, eventuell sogar gelesen werden.

Freitag, 15. Februar 2013

Warrior


Ursprünglich als Großprojekt der 70er geplant, als Doppelalbum mit flankierendem Fantasy-Roman, als Konkurrenzprodukt zu Yes, ELP oder Genesis, wurde Warrior on the Edge of Time 1975 zur Einzel-LP zusammengestrichen. Das tat dem Werk vermutlich gut, denn es wirkte konzentrierter und hatte wenig Gelegenheit, allzu sehr abzudriften. Aber mal unter uns: Natürlich hätte man schon gern das komplett konzipierte Monstrum gehört. 
Es ist der klassische Hawkwind-Output, ein Meisterwerk, eine der tollsten Platten der 70er. Die späteren CD-Veröffentlichungen krankten allesamt daran, dass sie a) vom knisternden Vinyl überspielt wurden oder sich b) nur auf abgenudelte Master-Tape-Kopien berufen konnten oder c) auch noch illegal waren. United Artists hielt die Originaltapes in seinen Verliesen unter Verschluss. Vor kurzem jedoch kam es zu einem Deal, so dass Cherry Red Records seiner großen Edition von HW-Neuauflagen nun auch dieses klassische Album hinzufügen kann – endlich aufwendig entstaubt und remastered und mit Boni versehen; geplant sind drei verschiedene Album-Versionen für die ganz doll Audiophilen. 
Begleitend zur Publikation im Mai wird die aktuelle Band auf einer UK-Tournee das komplette Album aufführen. Es bleibt zu hoffen, dass eine Live-Platte nachgeschoben wird, denn die Hawks sind nun mal berüchtigt für die Umdeutungen und Aktualisierungen ihrer alten Stoffe. Einiges von diesem Album gehört zum Live-Standard („Golden Void“, „Magnu“), aber kaum vorstellbar, wie sich selten aufgeführte Stücke wie „Opa-Loka“ oder „The Demented Man“ heute anhören könnten. Gerüchten zufolge frickeln und üben Brock und Co. bereits heftig in den Earth Studios in Devon. Meine heimliche Hoffnung ist, dass sie wenigstens Geiger Simon House engagieren, wenn Lemmy „Motörhead“ Kilmister schon keine Zeit hat.
„Warrior“ ist Fantasy ohne Wenn und Aber. Als ich die LP damals in Saarbrücken kaufte – wird so 1983 gewesen sein –, haute sie mich um, und ich war wochenlang nicht ansprechbar. Denn nie zuvor waren in meiner kleinen Biographie die Lese- und Weltfluchtinteressen des jugendlichen Lebensalters so derart mit Rockmusik in Deckungsgleichheit gebracht worden, seitdem eigentlich auch nie wieder. Für mich wurde es zur Definition von Rockmusik. Und es war Zufall, keine Absicht. Bis dahin waren die Dinge getrennt voneinander gelaufen. Jetzt aber entstanden endlich Synergien, regte sich die Multimedialität. Warrior on the Edge of Time war ein Initiationsritual und entwickelte sich zum Kraftzentrum. Ist es auch geblieben. 
Aus heutiger Sicht deutet die Platte voraus sowohl auf pathetischen Fantasy-Metal späterer Jahre wie auch auf Neo-Progressive. Nicht zu kompliziert verfrickelt, nicht zu akademisch und analytisch, aber doch avantgardistisch und stets ungemein sinnlich. Symphonische Klanganballungen, Bombast geradezu, titanische Mellotron- und Synthesizer-Mauern. Zwei Schlagzeuger, überall proto-tribalistische Perkussion, Lemmy Kilmister am Bass und die Ursprungsversion des Songs „Motorhead“ als Single-B-Seite, echokammerverstärkte Violine, Flötenflirren, bardenhafte Akustikgitarre, schwere E-Gitarren-Riffs und jede Menge Drama. Für Letzteres ist Michael Moorcock zuständig, der speziell für dieses Album Texte aus dem Universum des „Ewigen Helden“ schrieb und sie auch mit mächtig verzerrter Stimme vorträgt, während hinter ihm die Kriegstrommeln wummern und die Schlachtrösser wiehern. Wunderliche Pulp-Apokalypsen vom Ende der Zeit. Martialische Kunstmärchen, bei deren Vortrag einem angst und bange wird. Die Texte fanden später Eingang in Moorcocks Roman The Dragon in the Sword. 
Mächtiges, abstruses Edel-Pulp-Ding, Kampf dem verderblichen Rationalismus!

Dienstag, 12. Februar 2013

Papstwahl

Herrje, jetzt muss ich schon wieder zu diesem blöden Konklave anreisen. Letztes Mal hatte ich auf den Wahlzettel „Flash Gordon“ geschrieben. Diesmal plädiere ich wahrscheinlich für „Captain Future“. Bringt aber eh nix, es wird der Italiener.

Donnerstag, 17. Januar 2013

RIP Nic Potter

Und der Nächste ist gegangen. Nic Potter starb mit 61 Jahren. 
Potter war einst Bassist bei Van der Graaf Generator und blieb Peter Hammill bei dessen Solo-Ambitionen bis Mitte der Neunziger ein regelmäßiger Begleiter. Er war ein ausgezeichneter Bassist, der jedoch nie in die Sphären der Weihevollen vordrang. Vermutlich wollte er das auch gar nicht. Man lausche etwa seinen Beiträgen auf den VdGG-Alben The Quiet Zone/The Pleasure Dome und Vital/Live, und man weiß, wie eine schwere, massive und blitzgescheite Bassgitarre gefälligst zu klingen hat. In der ersten Hälfte der Achtziger war Potter auch Stammbassist bei Hammills „K Group“ und begleitete den Rock-Eremiten auf dem Gang über verschrobene Pop-Pfade. 
Ab 1983 publizierte Potter eine Reihe von Solo-Alben, die allesamt eine ruhige, elektronische Atmo im Proto-Ambient-Modus verströmen. Das Debüt Mountain Music habe ich damals gerne zur Entspannung gehört. Fast schon ironisch: Der unlängst verstorbene Huw Lloyd-Langton steuerte auf dem Album die Lead-Gitarre bei. Das jazzrockige Seitenprojekt The Long Hello Vol. 2, das Potter 1982 mit VdGG-Drummer Guy Evans einspielte, hat mich vor allem auf den ersten Tracks stets zum frohgemuten jugendlichen Zucken gebracht, vor allem Potters minimalistisches Stück „Dolphins“ (Spotify hat es allen Erntes da).
Hier eingebettet mal „Night Falls Over Europe“ von 1983:

Dienstag, 1. Januar 2013

Null-Dreizehn

Silvester daheim. Gläschen Sekt und Merida auf Blu-ray. Feuerwerk dann im WDR angeschaut. Die Moderationstrulle hat rote Bäckchen und sagt dauernd „Wahnsinn!“, und die Kameras zeigen knutschende Pärchen vorm Dom, die vermutlich vorher aus der notleidenden freien Theaterszene gecastet und öffentlich-rechtlich bezahlt wurden. („Nicht mit Zunge, es schauen Kinder zu!“) Die Sicht ist gut, die Raketen knallen gegen die Domfassade, und es sieht aus wie im Kriegsfilm. Gut, dass es da die Pärchendarsteller gibt, sonst könnte ein falscher Eindruck entstehen. 
Im Prinzip bin ich für diese Knallerei, auch wenn ich mich traditionell nicht beteilige. Aber man stelle sich mal vor, keiner würde mehr knallen und Silvester wäre es still und es gäbe keine Moderationstrullen und knutschenden Pärchen unter Artilleriegeflacker vorm Dom. Wie trostlos. 
Der Pulverdampf ist inzwischen verflogen, wie das mit Pulverdampf nun mal so ist. Die Raketentrümmer und geplatzten Böller liegen kreuz und quer und pappen im Regen. Die erste Tat im neuen Jahr: Müll rausbringen. Die zweite Tat: erste Rechnung für Null-Dreizehn schreiben und beim Datum auf die neue Jahreszahl konzentrieren. Also im Prinzip alles wie gehabt.

Montag, 31. Dezember 2012

Of the Sun and Moon

Ziemlich rückverliebt in dieses Album von 1986. Eigentlich hatte ich dem reinrassigen Heavy Metal abgeschworen, aber vielleicht hat die Rückkehr dahin mit dem Alter zu tun. Vielleicht braucht man wieder mehr Pathos und Verschwurbelung, mehr Überzeitlichkeit, mehr großes kosmisches Theater statt die Teilnahme an der Selbstbeschau jüngerer Pop- und Rock-Generationen, die einen schlicht nicht interessieren.
Die Platte kaufte ich damals in Koblenz, während eines kurzen Bundeswehr-Urlaubs. Ich entsinne mich an großes Kritikerlob in den Schwermetall-Gazetten, allerdings gab es wohl kaum Abverkäufe. Es tummelten sich 1986/87 einfach zu viele Bands im frühen ProgMetal und wurden von Queensryche und Fates Warning übertönt. Es blieb bei diesem einzigen Album der kanadischen Band Sacred Blade: Of the Sun and Moon. Heute ist es einigermaßen obskur, wird aber von Standhaften als eines der besten Metal-Alben der 80er kultisch verehrt, besonders in Deutschland. Und diese Leute haben, soweit ich das beurteilen kann, absolut recht.
Ich mochte natürlich den durchs kosmische Dunkel galoppierenden Power Metal auf Sabbath-Pfaden, aber auch den spacigen Zugang, die epische Breite, die harmonische und melodische Qualität, die unerwarteten Breaks und jazzigen Stilwechsel, den typisch kanadischen Prog-Anteil, die hawkwindesken Päuschen, das Gefrickel und das Eigenbrödlertum. Schwerer und gedankenvoller als andere Metal-Bands, kosmische SF-Kunstmythologie statt Weltuntergangsphrasen, Horror-Trivialitäten und Gothic-Kitsch. Literarisch, melancholisch, mysteriös und dazu da, ihm auf den Grund zu gehen. Der Schlussteil, das achtminütige Instrumental „Moon“, gehörte ohnehin stets zum Schönsten, was der Metal der 80er angerichtet hat.
Fast zwanzig Jahre später öffnete Blade-Chef Jeff Ulmer mit seinem neuen Projekt Othyrworld die Archive und spielte neben neuen Stücken auch altes Material ein, so dass das Album Beyond Into the Night of Day zu einem erweiterten Remake geriet. Es wurde abseits der Industrie und neben den herkömmlichen Vertriebswegen losgelassen. Perfektionist und Universalist Ulmer wollte unabhängig bleiben und hatte keine Lust, sein Talent kommerziell zu verwerten. Das macht den Kauz glatt sympathisch.