Mittwoch, 24. Oktober 2007

Sprachstudien

Gestern abend lief im ZDF die „37 Grad“-Reportage. Es ging um Menschen, die „keine(n) abgekriegt“ haben und beziehungslos geblieben und zum Teil auch im Alter von Ende 20 oder Mitte 30 noch Jungfrau sind. Ich fand es lustig, wie einer der männlichen Porträtierten versuchte, sprachlich um den Begriff Masturbation herumzulavieren. Er sprach von „Hand an sich legen“ oder „Beschäftigung mit sich selbst“. Man kann so etwas natürlich auch anders ausdrücken, und es weckt den Ehrgeiz des Sprachforschers. Eine kleine Netz-Recherche brachte hinlänglich Bekanntes, aber durchaus auch Verblüffendes zutage, hier allein bezogen auf das männliche Geschlecht:
Fünf gegen Willi spielen; die Anakonda würgen; dem Arbeitslosen die Hand schütteln; Banane schälen; bommeln; den Beppo hetzen; den Säbel schleifen; die Wurst pellen; Ein-Mast-Segeln; am elften Finger ziehen; die Fleischpeitsche polieren; die Gurke rütteln; den Handpanzer fahren; Hansi auswringen; den Kaspar schneuzen; die Einhandflöte spielen; Solo auf der Teufelsklarinette; den Schimmel von der Palme schlagen; den Lurch würgen; Manuela; Mütze-Glatze spielen; die Pelle wemsen; die Pfeife ausklopfen; den Zyklop zum Weinen bringen; mit Frau Faust ausgehen; dem Außenminister die Hand schütteln; einen Termin bei Dr. Schlacker haben.

Freitag, 19. Oktober 2007

Käffchen

Gestern waren der kommende Bestseller-Autor Frank Jöricke und ich ein Käffchen trinken. Er hatte einen geschäftlichen Termin in Köln, und da trifft man sich doch gerne mal. Fahre zum Neumarkt, um zwischen schicken asiatischen Strichjungen und verruchten Bars den Friesenwall hochzuflanieren bis zum Gerling-Areal mit seinem „ornamentlosen Monumental-Klassizismus“ – und seinen geschniegelten Anzugträgern, die die Gegend dominieren. Man kommt sich, unrasiert und in Cord-Jeans-Jacke, beinahe schäbig vor. Und benötigt eine Dreiviertelstunde, um den ganzen Block zu umrunden. Es war gestern zum ersten Mal dieses Jahr richtig kalt, und um Gerling herum ist es im Allgemeinen noch kälter. Ich stand ein bisschen vor dem Treffpunkt herum und ließ mich von einem kleinen Hund, irgendsoein Rauhhaarpinscher, anbellen, den eine Autofahrerin in ihrem BMW zurückgelassen hatte. Ich bellte zurück, aber ganz leise, damit Passanten mich nicht für einen Vollidioten hielten. Das Bistro war eines, das echt italienische Kaffeekultur servierte: Ohne Milch im Gesöff stirbt man den sofortigen Herztod. Wir waren mehr oder weniger allein und konnten in Ruhe über gemeinsame Bekannte und die Dorftrottel lästern. Der Autor schnorrte eine Zigarette und spendierte dafür den Kaffee.
Er hatte zwei Tage zuvor seine erste Lesung in der Heimatstadt, und die Leute zeigten sich überrascht, dass er seinen Roman nicht bei einem Regionalverlag publizierte, sondern draußen in der großen weiten Welt – in Münster. Also, so die vorherrschende Meinung, muss das Buch etwas Besonderes sein, wenn welche außerhalb Triers es gut finden. Meine Lebensgefährtin nahm meine Abwesenheit zum Anlass, fraglichen Roman nun endlich mal von hinten bis vorne komplett zu lesen. Als ich zurückkehrte, quiekte sie noch vergnügt. Danach schauten wir gemeinsam „Frauentausch“ auf RTL 2 und diskutierten dumme Menschen aus.
So, das war mein Tag …

Donnerstag, 11. Oktober 2007

Gebührenfinanziert

Als Mitte September das Bundesverfassungsgericht die Begrenzung der TV-Gebühren durch die Länder für unzulässig erklärte, jubelte WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn in den Tagesthemen und tat beinahe so, als ginge aus seinem Hintern gerade die Sonne auf. Er gab das übliche Blabla von sich und machte seinen Verein für kontrollierte Blähungen zum bedeutsamen Bestandteil des planetaren Gefüges. Die öffentlich-rechtlichen Sender seien in ihrem Informations- und Bildungsauftrag gestärkt worden, während das dumpfe U-Fernsehen weiterhin den Privaten überlassen bliebe. Für die Zuschauer bedeutet dies natürlich baldige Gebührenerhöhungen, aber als Gegenleistung werden sie dafür von der ARD schlau gemacht.
Wie Herr Schönenborn sich diesen Bildungsauftrag vorstellt, konnte man soeben in „Pilawas großes Geschichtsquiz“ bewundern. Hier wurde jedes noch so niedrige Privatfernsehniveau mit einer imponierenden Mühelosigkeit unterschritten. Ein dummer Moderator befragt saudumme, möglicherweise sogar betrunkene Promis zu Skurrilitäten der Weltgeschichte, vorgestellt in Einspielfilmchen, in denen Wesen wie Mirja Boes oder Guido Cantz historische Figuren darstellen oder Blähbacken wie Nina Ruge geschichtliche Spekulationen zum Besten geben dürfen. Die letzte Ptolemäerin Kleopatra VII., die mit dem Rücken zur Wand für die Autonomie des letzten hellenistischen Königreichs kämpfte, wird von Mirja Boes verkörpert, einer Person, die in Discos auf Mallorca selbstreferentielle Lieder über Saufen und Ficken oder so was grölt. Zusammengestellt wurde dieses ganze Zeug von einer Redaktion, die von den öffentlich-rechtlich vorgeschriebenen siebeneinhalb Arbeitsstunden offenbar sechs mit Klebstoffschnüffeln verbringt. Der Rest ist ohnehin Mittagspause.
Natürlich ist das alles Etikettenschwindel. Es hat mit „Geschichte“ nichts zu tun, sondern ist dumpfes Entertainment von ganz unten, das nicht etwa bildet, sondern sich im Gegenteil die Ergebnisse der Pisa-Studie aneignet: Bloß nicht zu anspruchsvoll, sonst ist irgendwer möglicherweise überfordert und schaltet zu „Alarm für Cobra 11“.
Das Promi-Siegerteam, also dasjenige Paar, das am häufigsten aus Versehen die richtige Lösung gedrückt hat, kriegt aus unseren Gebühren 10.000 Euro, die dann einem Kinderhospiz gespendet werden. Warum überweist die ARD nicht gleich 10.000 Flocken, plus die stattlichen Produktionskosten dieser Prime-Time-Megascheiße, an die sterbenden Kinder und sendet stattdessen zwei Stunden Testbild? Also, ich hätte da durchaus Verständnis für.

Mittwoch, 5. September 2007

Bieder

Die Trierer Tageszeitung verkündet einem unter einer Art Dauerbeschallung, dass hier bald das Alan Parsons Project live auftreten wird. Trier ist offenbar diejenige Stadt, die am meisten von Wiedergängern heimgesucht wird, denen der Atem des Grabes aus dem Schlund weht.
Vor 25 Jahren hätte ich mich vor Freude benässt. Alan Parsons kommt in die Stadt, heilige Scheiße!
Weihnachten 1980 bekam ich eine Platte von ELO geschenkt, das war abgesprochen, aber mein Vater besorgte eine zusätzliche LP und hatte anscheinend beim Verkäufer nachgefragt, was denn wohl „so ähnlich“ klänge. Es lief auf Turn Of A Friendly Card heraus, die damals aktuelle Scheibe besagten Alan Parsons Project. Mein Vater lag goldrichtig, ich wurde Dauerhörer dieser, nun ja, ähem, Band und kaufte bald darauf alle verfügbaren Alben zusammen. Das ging so etwa bis 1982 und dem Album Eye in the Sky, bevor der Enthusiasmus abflaute.
Alan Parsons war ja gar kein Musiker, sondern Tontechniker, der sich zu Höherem berufen fühlte. Einer meiner Kumpels damals gebärdete sich ebenfalls als großer Fan von ihm und seinem Projekt und war der Auffassung, die Platten seien von hoher Qualität. Damit meinte er nicht die musikalische Qualität, sondern die technische, denn er war ein erblühender Hifi-Freak. Alles toll und sauber produziert. Hör mal diese Bässe, und erst dieses total klar herausstechende Keyboard, Mannomann! Und dieser Gesang, da hört man jede Nuance! Ja, Alan Parsons Project war genau das Richtige für kleine Nachwuchs-Wohnzimmerbeschaller und Stereo-Bastler.
Musikalisch erwies es sich leider als Gedöns, sobald man auf den Trichter kam, vom wem Alan Parsons und sein federführender Kumpel Eric Woolfson so alles geklaut hatten. Die Herren boten ihre eigene Version des Progressive Rock, der schon seit 1968/69 operierte und Zeit gehabt hatte, sich zu entwickeln und zu verzweigen. Parsons/Woolfson destillierten seine Substanz zu kommerziellem, kaltherzigem, technophilem und nicht zuletzt technokratischem Session-Pop-Geschwurbel, zusammen mit freiberuflich tätigen Begleitmusikern, die wie das agierten, was sie waren: Söldner. Kompetent, aber leidenschaftslos. Und dann ständig diese kulturell wertvollen Konzeptalben, die suggerierten, hier gäben gedankliche Tiefe und musikalisches Können einander die Hand … Parsons und Woolfson waren diejenigen, die den Progressive Rock endgültig für die Klientel der heranwachsenden Biederlinge und Bankkaufleute instrumentalisierten, die Bartflaumabrasierer, diejenigen, die eigentlich keine Ahnung von Musik hatten, sich aber dennoch vorgaukeln wollten, sie hätten Geschmack. Rock-Apokalypse. Woolfson fabrizierte nach seinem Bruch mit Parsons übrigens Musicals. Muss man mehr wissen?
Eye in the Sky von 1982 hatte ein Science-Fiction-Thema, irgendwas mit Satelliten und Überwachung und so was. Ein halbes Jahr später entdeckte ich eine andere SF-Platte, ebenfalls ein Konzeptalbum. Es war Doremi Fasol Latido von Hawkwind, damals schon zehn Jahre alt. Der Kontrast hätte nicht krasser ausfallen können. Es war der Aufbruch aus dem Land der Parsons-Berieselung in die Gefilde des aggressiven, schlammigen Rock, der Hifi-Freaks das Fürchten lehrte und Bewusstseine in Dimension sieben katapultierte. Es kam so langsam die Zeit des unkontrollierten Bart- und Haarwuchses, der ersten Military-Jacken, der Rock-T-Shirts, des Headbangens, der naiven politischen Diskurse und der Rebellion. Der Rebellion gegen Alan Parsons und das, was er mit der Musik und meinen Altersgenossen anrichtete.

Montag, 3. September 2007

Zeitläufte

Grenzgebiet. Der Fluss macht hier einen ziemlich deutlichen Knick, und mitten durch den Fluss verläuft die Grenze zu Luxemburg. Also macht die Grenze den Knick mit, und wenn mal jemand aus dem Tal der Ahnungslosen, also aus Köln zum Beispiel, fragt: „Mein Gott, wo ist das denn?“, dann kann ich im Fall einer zufällig gerade vorliegenden Deutschlandkarte genau auf den Knick zeigen und sagen: „Da!“.
Ich stehe neben dem Bier- oder Bratwurst-Stand auf dem Pfarrfest und wärme mit dem einen oder anderen alten Bekannten Kindheitsgeschichten auf. Einer stellt mich seiner Tochter vor und fragt sie, ob sie denn wisse, wer ich bin. Das Mädchen verneint. Also erzählt er die Kurzfassung unserer gemeinsamen Jugend, und das Mädchen wird ungeduldig, unterbricht und bittet darum, wieder zu seinen Freundinnen zurückzudürfen. Wunsch gewährt, wir sind ohnehin mordslangweilige Typen. Von uns kannst du nichts mehr lernen, Mädel.
Unsere Generation damals hat das Wegbrechen der traditionellen Land- und Forstwirtschafts- und den Schwenk zur Dienstleistungsgesellschaft erlebt, ohne sich dessen bewusst zu sein. Damals war man noch zu sehr damit beschäftigt, die Kindheit auf dem Bauernhof möglichst für selbstverständlich zu nehmen. Wir wussten es nicht besser. Wir hatten ja keine Ahnung, wie armselig die Kinder in der Stadt so großwerden mussten. Kein Kuhumtrieb, keine Turnereien auf dem Heuboden, keine aufregenden landwirtschaftlichen Geräte, kein Traktorfahren, keine Fahrradakrobatik auf völlig autofreien Straßen, kein Studium an Kadavern überfahrener Kleintiere, keine Geheimverstecke auf dem stillgelegten Bahndamm oder in gesprengten Westwall-Bunkern und keine Bindung an die Natur und ihre Abläufe. Urlaub? Hatten wir nicht nötig, denn wir hatten genug unentdecktes Land um uns herum zu erforschen. Jahrelang. Es gibt bis heute Gegenden in der unmittelbaren Umgebung, die ich noch nie betreten habe. Aber wie es so geht: Die Bauern hatten letztendlich keine Erben und gaben die kleinen Betriebe nach und nach auf. Acker- und Weideland ging durch Pacht oder Verkauf in die Hände luxemburgischer Großbetriebe über. Andere Schollen wurden zu Neubaugebieten deklariert und von Banken aus dem Bitburger Raum erschlossen. Die Nebenerwerbslandwirte gaben als erste auf oder starben einfach weg.
Aus dem Augenwinkel heraus nehme ich die Jugend wahr, die hier beim Pfarrfest mitmacht und herumsteht und trinkt und palavert. Von einigen der jungen Leute weiß ich, zu wem sie gehören, von anderen nicht, aber zu keinem von ihnen habe ich jemals nennenswerten Kontakt gehabt.
Ich war auch mal so alt wie die heute, fällt mir ein, war auch mal Einwohner dieses Dorfs, zu Zeiten der Heubodenromantik, Mitglied der Gemeinde, Vorleser in der Kirche, habe bei der sakramentalen Wandlung gekniet und innige Zwiesprache gehalten mit dem, von dem alle behaupteten, dass es da vorne göttlich herumwabere. Mitglied dieses einen Musikvereins war ich, dessen legere Uniform die jungen Leute heute tragen. Alle sind sie sehr selbstbewusst, alles ist ihnen selbstverständlich, sie sind stattliche, moderne Erscheinungen. Sogar ein paar Piercings sind zu bewundern, eventuell hat dieser oder jener von ihnen ein schickes Tattoo, und dieses eine Girlie da sieht mir ganz danach aus, als trüge es ein Arschgeweih. Es ist jedoch zu kalt, es offen zu zeigen und meine Vermutung zu bestätigen.
Sie alle reden über die Dinge des Lebens und die Angelegenheiten des Dorfs, als seien sie ein Teil von ihm, als hätten sie jetzt schon oder zumindest bald hier was zu sagen. Tja, und das trifft ja wohl auch zu, irgendwie. Einige von ihnen sprechen den Dialekt nicht mehr, sondern Hochdeutsch. Sie sind hier ganz selbstverständlich aufgewachsen, kuschelig behütete Kinder der Dienstleistungsgesellschaft, allzeit mobil und in einem Elternhaus, das in einem Neubaugebiet steht, das damals Wiese war. Eine Wiese, auf der wir zu unserer Zeit Schlitten gefahren sind oder Kühe gehütet haben. Auf der wir brandgefährliche, verrostete WK-II-Munition gefunden haben, die jemand von uns – ich weiß noch, wer – einfach mal abfackeln wollte, um zu schauen, was wohl passiert.
Sie kannten nicht den Grundschulleiter Herrn Schleimer, keinen autoritären Pastor mit Habichtnase, sondern sind nur vertraut mit diesen teigigen, modernen Priestern in ihrer verständnisvollen Weichheit. Die spricht man nicht mehr mit einem ergebenen „Herr“ an; bestenfalls tun das noch die rosenkranzratternden Bet-Omas, aber auch die sterben langsam aus. Heute fungieren Mädchen als Messdiener, die Töchter jener übrigens, die zu meiner Zeit selbst Messdiener waren und die bloße Idee von Mädchen vor dem Altar für lächerlich hielten. Die Messdienerei damals war das autoritärste Milieu, dem ich bis heute begegnet bin; selbst die Bundeswehr war humaner, aber das war wohl eine Frage des jeweiligen Alters und des eigenen Umgangs mit dem Milieu. Wir Messdiener wurden von einem Pfarrer alter Schule gebrieft und getrietzt und auch schon mal angeschrien und zur Sau gemacht, und untereinander gab es eine ziemliche Hackordnung. Nach der Erstkommunion war man dieser erzwungenen Ordnung ausgeliefert, die Vorstellung, sich dem zu verweigern, überstieg den damaligen Horizont. Und wenn man, im Gegensatz zu allen anderen Buben, in die große Stadt aufs Gymnasium ging, glaubten die, man hielte sich nun für etwas Besseres – auch wenn man sich gar nicht so verhielt – und müsse zurechtgewiesen und untergebuttert werden. Sie waren natürlich nicht mal ansatzweise in der Lage zu begreifen, dass sie selbst es waren, die sich da gerade für was Besseres hielten. Es sei ihnen verziehen. Heute sind sie dafür alle dick.
Die jungen Leute, die jetzt im Musikverein spielen und sich engagieren, kennen Herrn Fürst vermutlich nur noch vom Hörensagen. Über lange Jahrzehnte war er Herz und Seele dieses Vereins. Generationen von Dorfmusikanten verdanken ihm ihre Ausbildung. Mag sein, dass die älteren der Jungen ihm noch begegnet sind, aber erlebt haben sie ihn gewiss nicht mehr. Für Herrn Fürst war ich damals ein Hoffnungsträger, der in diesem Verein etwas werden sollte. Alle beteiligten Instrumente sollte ich lernen, alles spielen können. Er erkannte in mir ein Talent, das ich vielleicht sogar irgendwo tief drinnen tatsächlich mal besaß. Herr Fürst hatte da ein Auge für und wollte mich zu einer Stütze seines Vereins machen. Jahr um Jahr kam ich freitagabends früher zur Probe, weil ich ihm half, all die Instrumente zu stimmen; es waren sicher dreißig Stück oder mehr. Jahr um Jahr arbeiteten Herr Fürst und ich allein im halbdunklen Saal vor: Saiteninstrumente stimmen und über tausend unwichtige Dinge quatschen. Der alte Mann und der hoffnungsvolle Zögling. Ich klinkte mich jedoch letztlich aus, weil ich zu faul war, aber hauptsächlich wohl deswegen, weil ich zu pubertären Zeiten erkannt hatte, dass es doch nicht meine Welt war, dieses Vereinsleben. Ich war inzwischen offenbar doch zu sehr Gymnasiast geworden und hatte mich von der Dorfgesellschaft entfernt. Ich habe dem alten Herrn den Gefallen getan, so lange aktives Mitglied im Verein zu bleiben, wie er am Ruder stand. Danach betraten andere die Brücke und ich verkrümelte mich. Die Jungmusiker von heute wissen bestimmt kaum noch etwas von Herrn Fürst, seiner Leidenschaft, seinem Aufbrausen, seiner Engelsgeduld, seinem Hinkebein und den Schmerzen, seiner Dickköpfigkeit, seinen Ehrennadeln und seinem hohen Ansehen, seinen gefürchteten Autofahrkünsten und den Blutschweißundtränen, die wir Mitfahrer oft ausstanden, wenn wir mit ihm in seinem Mercedes zu Konzerten düsten und schleuderten. Ihm wird ein ehrendes Andenken bewahrt, da bin ich völlig sicher, aber das ändert nichts daran, dass er für die jungen Musikanten heute nichts weiter mehr ist als ein schemenhafter Umriss. Und die jungen Vereinsmusiker kennen mich, den Ex-Hoffnungsträger, nicht mal mehr und taxieren mich merkwürdig. Wer weiß, was ihre Eltern, meine Altersgenossen, ihnen über mich erzählt haben. "Seltsamer Kauz", "Eigenbrötler". Sofern sie überhaupt etwas erzählt haben. Das macht jedoch nichts, denn ich habe es so gewollt.
Die Jugend hat auch die alten Originale nicht mehr parat. Meinen Großvater zum Beispiel, verstorben 1995 und in den Jahren zuvor nur noch ein Schatten seines alten Selbst, den die Jugend bestenfalls noch vage als „den Neckel“ in Erinnerung hat. Er neigte nicht zum Hochdeutschen und sprach mit meiner Freundin, damals in den frühen Jahren unserer Beziehung, natürlich Dialekt. Die Großstadtpflanze verstand kein Wort, mochte diesen gutaussehenden, kantigen alten Mann mit den völlig unpassenden, aber bequemen Turnschuhen nichtsdestotrotz spontan. Wenn jemand wie er lächelte, dann meinte er es auch so. Er war ein vitaler Teil der alten Bauerngesellschaft, er hatte den größten Hof im Dorf, und jahrzehntelang war er CDU-Bürgermeister der Gemeinde gewesen und hatte demzufolge häufig Kommunikation mit höheren kommunalen Ebenen pflegen müssen. Er besaß auch die Ehrennadel des Landes Rheinland-Pfalz. Soll heißen: Er sprach zwar irgendwie nie richtig Hochdeutsch und roch sehr angenehm nach Stall, war aber durch seine offizielle Position vergleichsweise weltläufig. Und kaum einer erinnert sich daran, dass bei seiner Beerdigung Unerhörtes geschah: Der Pastor, ja, der alte schwarze Habichtnasen-Diktator, fing in der Predigt, in der er die Lebensleistung des Verstorbenen beschrieb, mit dem Heulen an. Er fasste sich schnell wieder, aber das hätte ich nie und nimmer für möglich gehalten: dass dieser Mann zu solchen Gefühlsregungen fähig war! Er hatte Jahrzehnte mit meinem Opa in der Gemeinde zusammengearbeitet und gestritten, wie Don Camillo und Peppone, mit dem Unterschied jedoch, dass mein Opa kein Kommunist war, sondern wahrscheinlich noch schwärzer als der Herr Pfarrer.
Nun stelle man sich andere alte Männer vor, zehn Jahre mehr auf dem Buckel als mein 1908 geborener Opa, die in meiner Kindheit schon uralt und niemals aus diesem Dorf herausgekommen waren – und es auch nie wollten. Sie saßen auf Bänken vor ihren alten Bauernhäusern, hielten Hochdeutsch, Filterzigarettenraucher und Frauen ohne Kittelschürze für eine Verirrung der modernen Welt und wollten stets gegrüßt werden, wenn man an ihnen vorbeikam. Wenn man es nicht tat, wurde man zurückgepfiffen und musste es nachholen und kam sich vor wie auf dem Kasernenhof. Leute wie der alte Biesdorf, der, so hieß es, enorme Angst vorm Sterben hatte (und es dann doch irgendwann tat), Leute wie der alte Ziwes oder Markus’ Opa, dessen Name mir nicht mehr einfällt. Für mich sind sie heute schattenhafte Gestalten, alte Bäume mit runzliger Rinde, die da irgendwo im Nebel stehen und vor denen man immer noch ein bisschen Angst hat. Wenn ich auf Besuch bin und die Dorfstraße bis zum Fluss runtergehe, erwarte ich manchmal, den alten Biesdorf mit seinem Zigarrenstummel unterm Schnurrbart da auf der Bank sitzen zu sehen, und bereite mich darauf vor, ihn zu grüßen. Die Bank ist noch da, der alte Biesdorf indes fehlt.
Die Jugend von heute kennt ihn und seinesgleichen nicht mehr. Auch nicht die alte Frau Schatten und ihren stillen, weißhaarigen Herrn Gemahl. Frau Schatten gab Kindern für kleine Handlangerdienste stets ein Fünf-Pfennig-Stück und befahl: "Kauf dir ein Eis!" Dabei schaute sie so grimmig drein, dass man sich nicht getraute zu stammeln: "Aber ein ... ein Eis kostet zehnmal so ... viel, Frau Schatten!" Als es in den Siebzigern zu einer spektakulären Sonnenfinsternis kam, lud uns Frau Schatten - nomen es omen - auf ihren hochgelegenen Balkon ein und schwärzte uns über einer Kerzenflamme eigenhändig Glasscherben an, durch die wir das Ereignis beobachten konnten. Heute natürlich undenkbar. Die Kuschelpädagogen würden den Balkon stürmen und Frau Schatten von selbigem werfen und etwas von "irreparablen Netzhautschäden!" brüllen. Eine Menge derjenigen Kinder, die damals auf diesem Balkon standen, tragen übrigens bis heute keine Brille.
Die Dorfjugend verbindet auch nichts mehr mit dem Mädchen namens Stephanie, das mit dem behinderten Arm, das nach einem Unfall mit dem selbstgebastelten Skateboard starb. Oder mit der netten flachsblonden Christa, die in der Probe und bei Konzerten immer vor mir saß – und die mit 27 dem Krebs erlag. Sie wissen auch nichts mehr von meinem Grundschulfreund aus dem Nachbardorf, den eine amerikanische Soldatin mit dem Motorrad plattfuhr, von dem Mädchen aus dem anderen Nachbardorf, das sich an einer Schaukel erhängte. Oder dem kleinen Mädchen vom Bauernhof gleich an der Bundesstraße, das dort totgefahren wurde. Oder dem dicken, dicken Blutfleck, den ein verunglückter Mofafahrer Jahre zuvor eben dort hinterließ und der noch Monate danach zu sehen war. Wissen nichts mehr von den richtig großen Dorffesten in den richtig großen Festzelten auf der Wiese unten an der Bundesstraße und dem abgesperrten Bar-Bereich, in dem die Dorfmänner die harten Alkoholika zu sich nahmen, während sie glasigen Blicks Fotos von nackten Frauen musterten, die jemand aus der „Neuen Revue“ ausgeschnitten und dort angepinnt hatte. Vielleicht kam es, davon inspiriert, nach dem Festabend zu Hause sogar zu irgendwelchen Sauereien zwischen Eheleuten. Es waren schließlich die Siebziger.
Die Jugend kennt nicht mehr die total bekloppte Weiberfastnacht, während der die properen, katholischen Landfrauen derart austickten, dass wir Kinder Angst vor unseren eigenen Müttern bekamen, diesen durchgeknallten Seventies-Chicks. Sie verbindet natürlich auch nichts mehr mit meinem triumphalen Sieg beim Kindermaskenball - als Ölscheich. Mann, habe ich unter dieser fiesen Maske geschwitzt! Man konnte den ersten Preis auswählen: eine RiesenschachtelMon Cherie oder das Kinderbuch „Bommy will nach Indien“, die Geschichte eines im Zoo geborenen Tigerkinds, das in die Heimat seiner Eltern ausbüchst. Ich nahm Bommy und galt spätestens ab da im Dorf als Intellektueller.
Die jungen Leute haben keine Ahnung mehr von dem kleinen Postbüro in der Dorfmitte. Manche erinnern sich womöglich nicht mal mehr an den Tante-Emma-Laden gleich daneben, geschweige denn an den früheren Laden weiter oben im Dorf. Und von der alten, unwirschen, irgendwie tragischen Frau Zimmer und ihrer heruntergekommenen Kneipe haben sie auch keine Vorstellung mehr. Und dass sich durchs Unterdorf einst eine Eisenbahnbrücke spannte und wir Bengel und Bengelinnen noch lange nach der Bahnstillegung darauf herumgeturnt haben, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass man auf zwei Seiten sieben Meter tief fallen und sich auf dem Kopfsteinpflaster unten die Birne oder das Kreuz zerdeppern konnte. Undenkbar heute im Zeitalter der Kinderpsychenfrüherkennung und der Gefahrenabwehr.
Wie viele von den Jungdörflern haben zudem wohl Bodos monumentale Dorfchronik aus dem Jahr 1988 studiert und die Routen abgewandert, die der Autor beschrieben hat? Keine rechte Idee haben sie auch mehr von Mätti, dem Stalingrad-Überlebenden, einer Seele von Mensch und ganz sanft und höflich, aber berüchtigt dafür, unter Alkoholeinfluss so richtig vom Leder zu ziehen und die Geschichte seines persönlichen "Soweit die Füße tragen" zum Besten zu geben. Oder der asoziale Fuzzy, der im stillgelegten Bahnhof hauste mit seiner inzestuösen Kelly-Family-Sippe und den dreckigen Killerkötern ... Ach je.
Dann jedoch, während ich so gedanklich vor mich hin klage über das unverschämte Selbstbewusstsein und die gleichzeitige Unwissenheit der Jugend, werde ich von schräg hinten links Zeuge der Gespräche zwischen ein paar älteren Mitbürgern, die sich zusammengerottet haben, solche, die zur Generation meiner Eltern gehören oder sogar noch älter sind. Das, was sie sich erzählen und aufwärmen, sind für mich böhmische Dörfer. Ich bin fassungslos. Ich kenne kaum einen der Namen, die fallen, nicht mal die Örtlichkeiten. Ich versuche zuzuhören, aber ich verliere schnell den roten Faden. Mir kommt ein schlimmer Verdacht: Könnte es tatsächlich sein, dass mein eigener Grad der Unwissenheit mindestens genauso hoch ist wie der der Jugend?
Tante Ilse und ihre Cousine Rosemarie sind also damals mit zwei Ochsen über die Wiesen gezogen, hatten eine Heidenangst vor den Riesenviechern und waren doch todtraurig, als die Tiere vom Schlachter abgeholt wurden und der eine von der Pritsche herab noch einmal wissend mit den Augen rollte? Herrje, woher sollte ich solch traurige Geschichten kennen? Tante Ilse wohnt seit Ewigkeiten in Trier, Rosemarie bei Hamburg. Meine Mutter wurde einmal beim Kühehüten durch die Explosion einer Mine vom Zaun gefegt? O weh, das war mir neu. Eine ihrer Kühe war auf die alte Westwall-Mine getreten. Und wer ist wohl dieser mysteriöse Mann namens Hans, von dem manche noch reden und der mit meinem Vater auf den alten Fotos um die Wette posiert, an jedem Arm mindestens ein Fifties- oder Sixties-Girl, und der später nach Miami auswanderte? Ist der heute womöglich immer noch so cool? Hat er sich so gut gehalten wie sein offenkundiges Vorbild Peter Kraus? Und überhaupt: Wer sind denn diese immer neuen Mädels am Arm meines noch so jungen Vaters, meine Mutter jedenfalls ist nicht darunter! Und kann es wirklich sein, dass der nette Onkel Alfons, der heute stets von seinem tollen Smart, dem Live-Fußball auf Premiere und seinem Hochgeschwindigkeitsinternet berichtet, damals so ein heißer Feger war, dass kaum ein Fifties- oder Sixties-Girl sich seiner erwehren …? Und waren Tante Mathilde und Rosemarie tatsächlich mal kickelnde Hippies in einem blumenbeklebten VW Käfer? Und wie war das mit diesem schicken Cousin meiner Mutter, zugleich bester Freund meines Vaters, der bei diesem Scheißunfall zur Wehrdienstzeit umkam, kurz nach seinem Vater, einem Straßenarbeiter, der einer Sprengung zum Opfer fiel …
Die Geschichten werden immer spektakulärer und unglaublicher ...
Das Klagen hilft nichts, bemerke ich bei einem Blick in mein fast leeres Bier, und verdränge all die verwirrenden Details, die sich tummeln. Es sind die Zeitläufte, die elendigen. Die Generationen geben sich nun mal die Klinke in die Hand, und dabei bleibt jedes Mal ein bisschen was Banales, Unwichtiges zurück draußen im Nebel. Und das bisschen formiert sich irgendwann zu dem, was Vergangenheit ist, im besten Fall auch Erinnerung. Und dann stirbt es irgendwann weg mit jenen, die mal Teil davon waren. Es ist wahrscheinlich der Alkohol, der jetzt in meinem Kopf eine Stimme sprechen lässt, die sich verdächtig nach Rutger Hauer anhört und die so gar nicht in diese Pfarrfest-Kulisse zu passen scheint: "All diese Momente werden verloren sein in der Zeit." Ja, danke, Rutger, alter Replikant, dass du dich einmischst, aber werd nicht gleich pathetisch. Da kann man einfach nix gegen machen. Zeitläufte eben.
Ich trinke jetzt noch mein Bierchen aus, verabschiede mich mit einem Nicken in die Runde und gehe die alten Pfade bis zu unserem Haus hinunter. Der Weinberg, durch dessen Reihen man eine bequeme Abkürzung hätte nehmen können, ist längst nicht mehr da. Heute ist alles Wiese und eingezäunt, und es stehen schlafende Ponys drauf. Also ganz hintenrum, wo schon der Nebel aus dem Tal aufsteigt und die Käuze schreien.

Freitag, 31. August 2007

Sportaufnahme

Im Zusammenhang mit dem „Nachruf“ (s.u.) habe ich eine Mail von einem Ex-Kollegen erhalten, der heute im Auftrag eines großen Bankhauses Diktatoren in der Dritten Welt finanziert oder so was. Er erinnerte mich an einige unserer damaligen Lieblingsüberschriften aus dem Schlagzeilen-Generator. Die Ortsnamen sind dabei austauschbar.
Der Allzeitfavorit, jederzeit verwendbar ab einem Ergebnis von 4:0, lautete: „Die Tore fielen wie reife Früchte“.
Nach dem gemeinsamen Scrabble-Abend mit der Redaktion des Landser: „Dreis sprengte Brück in die Luft“, „Grün-Weiße stürmen Festung Röhl“, „Burg zusammengeschossen“ oder „Die Kanonade von Prüm“.
Unsere stärker triebgesteuerten Mitarbeiter versuchten es mit: „Pfalzel fickte Gutweiler“, scheiterten aber an der Sportredaktion.
Mann, Mann, Mann … Wieso haben wir eigentlich nie einen von diesen Scheißnachwuchspreisen bekommen, sondern immer nur diese Strebervolontäre? Das war schließlich die meistgelesene Seite der Zeitung.

Donnerstag, 30. August 2007

In memoriam

Neulich ist Siggi Roth gestorben.
Im Jahr 1982 begann ich bei der „Sportaufnahme“ der Trierer Lokalzeitung und machte den Job, von einer einjährigen Unterbrechung abgesehen, bis 1998, sogar durch die Zeit des Wehrdienstes hindurch. Es war ein blinder Nebenzweig der Sportredaktion, besetzt mit Leuten, die das zusätzliche Honorar brauchen konnten. Sonntagabends wurden Ergebnisse und Spielberichte des Regionalfußballs durchgegeben, auf vorsintflutliche Gerätschaften (wiederbespielbare Platten!) aufgezeichnet und dann in die Schreibmaschine gehämmert. Die freien Mitarbeiter, die draußen in der Region die Ergebnisse sammelten und telefonisch durchgaben, waren nicht selten angeheitert oder besoffen, so dass die richtige Schreibweise von Torschützennamen in der Montagszeitung meistens auf Zufall oder Scrabble-Experimenten unsererseits beruhte.
Zur Crew gehörte auch der heutige Chefredakteur des Trierer Bistumsblatts, jung und langhaarig war der damals noch. Und eben auch Siggi Roth. Er war Festangestellter des Hauses und betreute zusammen mit einem Herrn namens Wolf den Aufnahmeraum. In dem gingen Nachrichten aus aller Welt ein und aus. Das Internet war noch ein feuchter IT-Traum, damals lief das alles über Telex, Fernschreiber oder Telefon. Die Sache wurde erst in den folgenden Jahren schrittweise moderner.
Herr Wolf ging irgendwann in Rente und starb wenig später. Er war ein Kettenraucher alter Schule; der Aufnahmeraum glich stets einer wabernden Nebelbank. Kollege Roth verblieb im Haus, wurde später in den Abteilungen herumgeschoben, ehe auch er in Rente ging, bald darauf einen Schlaganfall erlitt und zum Pflegefall wurde, was man so hörte. Ich weiß nicht, wie schlimm sein Zustand in den letzten Jahren war. Nun, am 20. August, ist er im Alter von 64 Jahren gestorben und ließ sich anonym bestatten.
Sicher war er etwas seltsam und nicht bei allen beliebt. Der Nachruf der Zeitung auf den eigenen Traueranzeigenseiten soll recht schmal ausgefallen sein. Ein fleischiger, jovialer Typ war er, der einen mit seiner No-Bullshit-Einstellung schon manchmal gewaltig nerven konnte – und mit seinen Verschwörungstheorien, die sich auf die Weltpolitik ebenso bezogen wie auf die Interna im Verlagshaus. Lange Jahre kam er mit dem Mofa angeknattert, den ganzen weiten Weg aus Konz. Begeisterter Angler war er und trat für einen "verantwortungsvollen Umgang" mit dem Flossentier ein. Er hatte eine geistig behinderte Tochter, klagte aber kein einziges Mal darüber, sondern sprach, wenn die Rede auf sie kam, immer zart von „seinem Mädchen“. Als ich den Job schließlich aufgab, war Siggi Roth immer noch im Haus, und ab und zu trafen wir uns in der Stadt und hielten ein Schwätzchen, der Dicke und ich. Seine Lache war irgendwo zwischen schallend und keckernd. Mit meiner später dazugestoßenen Kollegin Christina hat er sich sehr gut verstanden, weil beide Diskussionen mochten. Ich weiß gar nicht, ob sie von seinem Tod weiß. Wenn ich's recht überlege, weiß ich nicht mal, wo sie überhaupt abgeblieben ist.
Also, trotz anonymer Grabstätte und womöglich verwehter Urnenasche – die Erinnerung an Siegbert Roth ist hiermit schriftlich fixiert worden und ins Internet eingegangen.

Donnerstag, 23. August 2007

Klimawandel abgewendet

Ich sitze an der U-Bahn-Haltestelle Kalk-Post auf einer Bank und warte auf die Linie 9. Da kommt diese dicke, ältere Frau mit Trolley und Aldi-Garderobe – Typus „Risikogruppe-in-vierlerlei-Hinsicht“, wie man sie in Kalk des Öfteren sieht – und lässt sich mit einem laut vernehmlichen „Hoppala“ direkt neben mich plumpsen, obwohl noch jede Menge weitere Bänke frei sind. Ich ahne, was kommt.
„Ist wieder warm geworden“, informiert sie mich.
Ich begehe einen Fehler, indem ich antworte: „Ja, gestern dachte man noch, es wird schon Herbst.“
„Da trocknet wenigstens die ganze Nässe.“
„Hm.“
„Dabei sind wir noch gut weggekommen.“
„Hm?“
„Also im Vergleich zum Ruhrgebiet.“ Ich verstehe: Sie meint damit die Überschwemmungen zwei Tage zuvor.
„Hm.“
„Wir müssen einfach viel mehr Energie sparen.“
„Hm. Ja.“
„Es wird ja alles immer schlimmer!“
„Hm, wird es.“
„Ist alles dieser Klimawandel!“
„Hm, Klimawandel. Ja.“
„Wo soll das noch hinführen?“
Ein Schulterzucken meinerseits.
„Wird ja alles verpestet!“
„Ja, alles.“
„Keiner macht was!“
„Nee, die reden alle nur.“
„Jahaa, das könnense laut sagen. Müssen alles wir kleinen Leute machen. Und die da oben … nix als Scheißdreck machen die ...“
Die Frau hält inne, schnaubt verächtlich, fummelt sich eine Zigarette aus der Jackentasche und zündet sie an, trotz unterirdischen Rauchverbots. Ich verzichte darauf, sie zu belehren: Nicht wegen des überall angeschlagenen Verbots, sondern weil nicht nur Flamme und brennender Tabak Sauerstoff aus der Atmosphäre ziehen, nein, die Studien besagen auch, dass besonders Einwegfeuerzeuge mit ihren Unmengen von CO2 die schlimmsten Klimakiller überhaupt sind.
Die Bahn kommt. Ich lasse der Dame den Vortritt, wie es sich gehört, und wende mich im Waggon dann in die entgegengesetzte Richtung als die, die sie mit ihrem Trolley nimmt. Dennoch: ein hoffnungsvolles Gespräch. Wenn das Thema bereits in die Bewusstseine Kalker Risikogruppen eingedrungen ist, dann darf man halbwegs zuversichtlich in die Zukunft blicken. Noch ein kleiner Schubs in die richtige Richtung durch all die hysterischen Auguren und Kassandras (und natürlich Weltenrettersender PRO7), und der Klimawandel darf als erledigt betrachtet werden.

Mittwoch, 22. August 2007

Komplettes Rätsel

Gestern gab’s einen Beitrag der Sendereihe „37 Grad“ (ZDF) über drei beinharte weibliche Fans, jede auf ihre Art hingebungsvoll an einen Künstler gebunden. Ein Teenie-Girl, das Sarah Connor anhimmelt. Soweit halbwegs normal und bekannt, inklusive der erschütternden Naivität, die diese Sängerin als eine messianische Figur begreift und nicht als das, was sie ist: ein kühl kalkuliertes Industrieprodukt, das jungen Mädchen Anteilnahme an ihrer Gefühlswelt vorgaukelt. Dann eine gesundheitlich angeschlagene Endfünfzigerin, die es mit Roy Black hat. Devotionalienschrein im Keller nebst Devotionalienarchiv, Roy-Black-Rose im Garten und duldsamem Ehemann. Auch nichts allzu Irritierendes, teils sogar richtig rührend.
Fall drei hingegen war rätselhaft. Eine 30jährige Bauzeichnerin steht auf Walzertorte André Rieu. Diese junge Frau, die ihr Leben durchaus noch vor sich hat und grundsympathisch wirkt, verfügt über zwei Beine, zwei Arme, einen Kopf, blondes Haar (keck zu Girlie-Zöpfen geflochten), einen Hintern und Busen, hat einen Beruf und ein Auto, ist modern gekleidet und eine mehr als aparte Erscheinung. Will sagen: Mit der scheint sonst eigentlich alles in Ordnung. Dann sagt sie jedoch Dinge wie: Wenn Rieu (58) morgen beschließen würde, die Geige an den Nagel zu hängen, hätte sie ein ernstes Problem. Sie gibt freimütig zu, dass sie bei SEINEN Konzerten stets die Jüngste im Publikum ist, und behauptet, dass ER sie genau deswegen von der Bühne herab länger anschaut als die anderen, während sie zugleich die erotische Komponente ihrer „Beziehung“ verneint: ER sei zu alt für sie, ja, sie halte IHN schon für einen attraktiven Mann und würde auch sicher gerne mal mit IHM essen gehen, aber nein, um diese Art von Verhältnis ginge es ja gar nicht.
Ich ertappe mich dabei, fasziniert zu sein. Niemals habe ich von „so einer“ gehört. Wenn sie wenigstens Hartmut Engler von PUR anhimmeln würde, ja, das ließe sich verstehen. Das ist der scheußlichste Sänger von der scheußlichsten Band der Welt, aber es wäre zumindest verständlich. Es wäre irgendwie normal, denn dem fliegen solch empfindliche Frauenherzen doch zu wie aus der Tenniskanone geschossen. Hört man zumindest. Aber Walzerbacke Rieu? Ich meine, wie tief muss man mit Dreißig schon gesunken sein, um …?
Die Küchenpsychologie in mir arbeitet auf Hochtouren. Die junge Frau hatte eine schwere Kindheit, mutmaße ich, ihre Eltern haben sich früh getrennt. Oder sind früh verstorben. Und einen Kerl hat sie auch nicht, nie einen gehabt, mit dem sie etwas anfangen konnte, oder sie konnte denjenigen, der etwas taugte, nicht halten. Irgendsoein Trauma wird wohl dahinter stecken. Ich liege vorerst völlig falsch, wie sich bald darauf herausstellt. Ihre Eltern erfreuen sich bester Gesundheit, sind selbst beinharte Rieu-Fans und haben ihre Leidenschaft an die Tochter weitergegeben. Der Mutter scheint es insgeheim fast ein bisschen peinlich, dass Töchterlein durch sie auf diesen Trip geraten ist. Die Mutter hat es auf unartikulierbare Weise im Urin: Gutgewachsene Dreißigjährige sollten ihre Freizeit eigentlich nicht damit verbringen, stundenlang Rieu zu hören, auf Video zu schauen und anzuschmachten. Und dann noch eine Überraschung: Sie ist längst verheiratet. Der Ehemann kann allerdings mit ihrer Leidenschaft wenig anfangen, taucht in dem Beitrag nur als stummer Statist auf und verlässt dann – irgendwie symbolisch – das Haus. Als er weg ist, sitzt sie im Wohnzimmer und erzählt wieder davon, Rieu sei zwar erotisch, aber wohl doch zu alt für sie – als müsse sie sich das einhämmern, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.
Ich fange an, vor Entsetzen zu zittern, aber da ist die Sendung schon vorbei. Ich fordere vom ZDF eine „extended version“ dieses einen Falls, eine 120-Minuten-Doku über das Leben und den Alltag dieser komplett rätselhaften jungen Frau. Für meine Gebühren möchte ich nicht so holterdipolter abgefertigt werden, sondern gefälligst wissen, was da falsch gelaufen ist. Ob man die junge Frau eventuell zu diesem oder jenem Zeitpunkt ihres Lebens hätte retten können, bevor sie für sich selbst die Hölle wählte. Und warum grinst und kichert ihr Vater immer so merkwürdig?

Sonntag, 19. August 2007

Jan vom goldenen Stern

Diese Kinder-Mini-TV-Serie, in späteren Wiederholungen ein einzelner 90-Minüter, wurde im Sommer 1979 vom WDR in unserem Dörfchen gedreht. Regie: Peter Podehl, der auch an Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt verantwortlich mitgewirkt hatte. Meine Oma starb in diesem Sommer, und die Dreharbeiten mussten während der Beerdigung ruhen, weil die Filmleute kein störendes Glockengeläut auf ihren Bändern haben durften. Der Drehort befand sich direkt unterhalb des Friedhofs. Ich besaß damals als einziger Dorfknabe ein Autogramm vom Hauptdarsteller (gleiches Alter wie ich und schon ein Star!). Ich lauerte ihm irgendwann nach Drehende auf, und er schrieb, mit meinen Schultern als Unterlage, seinen Namen auf einen Block. Purer Glamour. Man hat seitdem nie wieder etwas von ihm gehört. Balthasar Lindauer hieß er, heißt er vermutlich heute immer noch. Eine kleine Googelei klärt darüber auf, dass ein Mann gleichen ungewöhnlichen Namens heute "stellvertretender Direktor der Abteilung für Nukleare Sicherheit der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung in London" ist. Das hört sich nach Karriere an, allerdings in einem gänzlich anderen Milieu.
Das alte Pfarrhaus diente als Haus der zentralen Filmfamilie, eine Menge Statisten aus dem Dorf durften in einigen Szenen mitspielen. Viele von ihnen weilen längst nicht mehr unter uns. Thekla Carola Wied spielte mit, bevor irgendwer sie kannte. Und der männliche Hauptdarsteller Lutz Hochstraate, damals gerade mit einer Pfarrersserie im Fernsehen, war im wirklichen Leben der Lebensgefährte von, festhalten bitte!, Barbara Rütting!!! Und die kam auch vorbei, ihren Schatz besuchen. Was für ein Starauftrieb. Atemlosigkeit war der Normalzustand im Sommer '79.
Die Serie lief im Frühjahr 1980 im Fernsehen. Damals waren wir irre spitz drauf, das Ergebnis zu sehen. Es gab noch keine Videorecorder; ich nahm den Ton, nur den Ton, auf einem Cassettenrecorder auf. Ich schaute es und nahm es auf bei Großtante Nini, die im Gegensatz zu uns einen Farbfernseher besaß. Sie hustete dauernd dazwischen. Auch sie weilt nicht mehr unter uns, und die Bänder mit ihrem Gehuste sind ebenfalls verschwunden.
Viele Jahre später, bei einer Wiederholung, wurde ich gewahr, dass dieser Dreiteiler so ziemlich der schlechteste und manipulativste Kinderfilm aller Zeiten war. Es ging oberflächlich um einen Burschen, der von einem anderen Planeten durch ein Dimensionstor oder sowas auf die Erde plumpst und hier Kal-El-mäßig über allerhand Superkräfte verfügt. Bald hat er den MAD an den flinken Hacken, aber politisch aufgeklärte, linksgedrehte Patchwork-Familie mit extrem nerviger Tochter rettet und versteckt ihn. Unter dem kleinen Abenteuer wimmelt es von Subtext: Scheiß-Nachrüstung, der Staat ist böse, Journalisten sind manipuliert und gekauft, der Rest der Menschheit auch, wir werden alle heimlich überwacht, Außenseiter werden gejagt, und überhaupt - wir haben gar nichts getan! Am Ende flieht die sympathische Kotz-Familie mit dem goldenen Jan durchs Dimensionstor auf dessen Welt. In unserer Welt gründeten sich kurz darauf die Grünen. Da hätten Thekla und Lutz vielleicht noch ein bisschen warten sollen mit ihrem extraterrestrischen Eskapismus.
Ein ganz typisches WDR-Produkt aus jener Zeit, das Drehbuch hat vermutlich die Redaktion von Monitor geschrieben. Hölzern gespielt, bieder gefilmt, unglaublich schlecht getrickst. Eine echte kreative Totgeburt. Aber hurra, ich bin dabei gewesen!