Freitag, 8. Januar 2010

Mein Schlitten hieß Chewbacca

Nicht deswegen, weil er zotteliges braunes Fell besessen hätte, sondern weil ich als größter Star-Wars-Fan des Jahres 1978 den Namen cool fand. Ich schrieb ihn mit schwarzem Edding auf eines der Sitzflächenbretter. Keiner der Freunde verstand den Namen, weil keiner der Freunde irgendetwas mit Star Wars am Hut hatte. Der aktuelle Schnee bringt die Erinnerungen an gemeinsame Abenteuer zurück. Chewbacca war alt, groß und schwer, konnte von mir nicht getragen, sondern nur an einem Seil gezogen werden. Eines der Bretter der Sitzfläche war hinten abgebrochen und ergab eine scharfe hölzerne Kante, die bei einer Kollision dem Kollidierenden locker die Beinarterie hätte aufreißen können. Na und? Rotes Blut und weißer Schnee ergaben zusammen ein prächtiges Bild. Wintermärchen.
Chewbacca existiert noch, aufgebahrt an der Garagenwand.
Wenn es schneite, was damals noch regelmäßig und ausgiebig der Fall war, wurden erst stundenlang die Kufen vom Rost des Sommers befreit und mit Speck eingefettet. Dann zog es die von dieser Anstrengung schwitzende Jugend in die Hänge des Tals, auf die Wiesen und die für Autos quasi unbefahrbaren steilen Straßen. Die selbstbewussteren Jugendlichen bedienten sich an zwei Meter langen Weinbergstöcken und benutzten sie zur Steuerung. Vorne festhalten und leicht bewegen, hinten glitt die Spitze durch den Schnee und korrigierte die Richtung des Schlittens wie ein Ruder. Die Anwesenheit besorgter Eltern wurde nicht geduldet; zaghaft fahrende Kinder wurden angeschubst oder beim Vorbeirasen einfach mitgerissen oder umgeworfen. An diesen Hängen nahmen die Schlitten so richtig Fahrt auf. Ein Dutzend von ihnen raste zu Tal, eng nebeneinander, über Bodenwellen und Schneeschanzen, meterweite Sprünge, Drehungen und Stürze inbegriffen, herumfliegende, angespitzte Weinbergstöcke, Schreie, Blessuren, Nasenbluten, Weinen, hämisches Gelächter, herabgereicht durch die Hierarchie der Jugendlichen. Die Coolen lachten bei Missgeschicken am lautesten, die weniger Coolen kicherten lediglich. So richtig durchbohrt wurde meiner Erinnerung nach allerdings nie jemand, aber ich kann mich täuschen. Einige Zerfetzte habe ich gesehen, wenn sie nämlich vor dem Stacheldraht nicht mehr bremsen konnten und voll reinbretterten. Mir ging das auch oft so, aber ich sprang vorher ab wie Lex Barker. Chewbacca allein machte die Begegnung mit dem Stacheldraht wenig aus, er flutschte einfach drunter durch und prallte gegen den erstbesten Baum am Waldrand, ohne sich in irgendeiner Form zu beschweren. Im Gegenteil, manchmal glaubte ich ihn beim Aufprall jauchzen zu hören. Der kleine Bernhard ist einmal schreiend mit dem Schlitten unter dem Stacheldraht durch gerast und hinein in den abschüssigen Wald. Wir hörten nur noch sein Quieken. Er wurde drei Tage später gefunden; er hatte sich von Baumrinde und Heu aus Wildkrippen ernährt. Sein Schlitten hatte so viel Tempo drauf, dass er am unteren Waldrand die Stützmauer des Hangs als Schanze nutzte, über die Bundesstraße flog, direkt in den Fluss hinein und dort das halbmeterdicke Eis zerschlug.
Wenn ich hier nebenan im Park sehe, wie die Kiddies mit ihren neongrellen Plastikschlitten das kleine Gefälle neben dem Fort herabsausen und das angesichts ihres Gequiekes offenbar für abenteuerlich halten, komme ich nicht umhin, sie zu bedauern. Sie können sich wahrscheinlich gar nicht vorstellen, dass es gleich neben dem Elternhaus zwei Kilometer lange Abfahrten gibt – sofern man die Kurven richtig nimmt und nicht im Straßengraben oder an einem Wegkreuz landet, im Stacheldraht hängen bleibt wie ein WK-I-Infanterist oder von einem Weinbergstock gepfählt wird.