Donnerstag, 29. Dezember 2011

Pralinen

So langsam erreicht man das Alter, in dem man zu Weihnachten beunruhigend viele Pralinen geschenkt bekommt. Das hat mutmaßlich auch zu tun mit der obligatorischen Antwort auf die obligatorische Frage nach Geschenkwünschen: „Ich hab alles. Frau, Katze, Dach überm Kopf, Universitätsabschluss, Breitbildfernseher und Blu-ray-Player. Ich brauch nix.“ 
Dann also Pralinen. Meistens welche mit „hochgeistiger“ Füllung. Die Schenker könnten sich theoretisch auch zusammentun und zwei Flaschen Cointreau mit Schokoladenüberzug schenken. Wäre platzsparender. Die Schachteln türmen sich zu einem beachtlichen Stapel, und ich werde mindestens ein halbes Jahr lang lallen, taumeln, gegen die deutsche Schrankwand knallen und Heinz-Erhardt-Filme gucken müssen, bis ich sie alle gewürdigt und ordnungsgemäß entsorgt habe. Erschwert wird die Sache dadurch, dass auch die Gattin von diversen Kunden usw. Pralinen geschenkt bekam, die sie aber nicht isst, weswegen die Schachteln natürlich auf meinem Stapel landen. Prosit.

Sonntag, 25. Dezember 2011

Christmette im Stehen

Nach dem Umzug in die Südstadt wurde ein Langzeitprojekt in Angriff genommen. Jeweils eine Christmette in einer der zwölf romanischen Kirchen Kölns. Jedes Jahr eine andere.
Das erste Jahr galt noch der nicht-romanischen (aber immerhin neogotischen) Kirche St. Paul in unmittelbarer Nachbarschaft, die sozusagen unsere „Gemeinde“ darstellt und deren Pfarrbrief wir regelmäßig im Briefkasten vorfinden. Aber danach ging’s dann richtig los. 
Erst war St. Severin dran, kurzer Fußmarsch nur. Das Jahr darauf ging es zu St. Georg, direkt am Stadtarchiv-Loch. Volles Haus, ganz hinten gesessen und gefröstelt. Ich erinnere mich an eine progressive, fast ein bisschen aggressive Predigt, die mir gefallen hat. Im Schneeidyll des letzten Jahres wanderten wir zu St. Pantaleon und zum Theophanu-Grab. War der allerschönste Anblick bei dem Schnee und im Dunkeln, das reinste Postkartenmotiv, aber die konventionellste und schlechtbesuchteste Mette. Nicht mehr als fünfzig Leute in dem Riesending. 
Dieses Jahr besuchten wir die vierte romanische Kirche und machten ein Drittel des Langzeitprojekts voll. Es ging zu St. Maria in Lyskirchen (1210/20). Diese kleine, dafür umso schönere Kirche ist für Christmetten während Wirtschafts- und Währungskrisen eindeutig nicht ausgelegt. Wir kommen 25 Minuten vor Beginn, und sogar die Stehplätze sind schon knapp. Also irgendwo an den Rand hinter einen Pfeiler verkrümelt, still die Leute begutachtet und im Stehen der Weihnachtsandacht gefrönt. Müssen dann etwas nach vorne tippeln, denn ich stehe direkt auf der Heizung, und nach einer halben Stunde hätte man mich als Flüssigkeit in einem Wischmopp nach Hause tragen können, um mich über dem Waschbecken auszuwringen. Immerhin stehen wir jetzt direkt an der berühmten, wirklich tollen Kölschen Milieukrippe und können sie während der etwas zäheren Passagen im Gottesdienst ausgiebig bewundern. 
Ich liebe den Geruch von Weihrauch am Abend. Von dem gibt es reichlich, lecker, aber sonst ist nur wenig Brimborium. Nicht mal Messdiener. Sympathisch, wie leidenschaftlich der Priester die Weihnachtsbotschaft paraphrasiert. Er stampft sogar mit den Füßen auf, gestikuliert feingeistig und umschreibt das verderbliche Schreiten von Soldatenstiefeln (abgeleitet aus der obligatorischen Lesung aus dem Buch Jesaja) mit „Knirsch, knirsch, knirsch“. Die Frau neben mir kickelt. Ein Tenor singt. Der Organist ist gut drauf. Die Gabenbereitung findet auf dem Gang mitten unter den Leuten statt. „Wir tragen jetzt mal gerade einen Tisch rein.“ Ich betrachte derweil die Krippe und die 120 Kerzen über meinem Kopf. 
Nach insgesamt eindreiviertel Stunden im Stehen sind die Füßlein etwas platt und der Rücken zieht spürbar an der rechten Seite. Standbein, Spielbein. Der Rückmarsch zu Fuß ist Pflicht, um den Kadaver wieder zu wecken. Georg- und Severinstraße sind hell erleuchtet, kaum jemand ist unterwegs, nur ein paar Leute rennen mit Tüten oder Flechtkörben herum, aus denen die Geschenke lugen. Offensichtlich warten irgendwo noch Kinder auf ihre Bescherung. Vor dem Seniorenstift und dem Krankenhaus holen Autos die alten Mütter ab. Zu Hause angekommen, lebt der Kadaver wieder, und aus dem Fenster des wohlhabenden Nachbarhauses schallen schiefe Blockflötenklänge. „Sti-hi-lle (pieps) Na-acht. Hei-hi-lige (kreisch) Na-acht. A-ha-lles (flöt) schlä-äft, ei-hei-nsam wa-acht (schrill) …“ So muss das sein.

Samstag, 24. Dezember 2011

Dienstag, 20. Dezember 2011

Der Zeit weit voraus

Gestern Abend erstmals Die Päpstin gesehen. TV-Langfassung. Kannte bisher weder das Buch noch den Kinofilm. War begeistert. Die Hauptfigur vertritt um das Jahr 840 n. Chr. herum jede nur erdenkliche progressive Idee. Bevor sie jedoch die AKW-Bewegung gründen, „Das Kapital“ schreiben, 95 Thesen an die Kirchentür nageln und die 35-Stunden-Woche ausrufen kann, stirbt sie. Was ich persönlich schade fand.

Montag, 19. Dezember 2011

Advent in echt

Traditionelles Adventskonzert auf dem Dorfe. Alle Musikvereine in der Kirche. Seit meiner Zeit damals haben sie sich gemausert, sind moderner und schmissiger geworden. Bin durchweg beeindruckt. Die Blasmusik hat sogar eine junge Luxemburger Musikstudentin als Dirigentin. Die Mandolinisten und -innen versuchen sich derweil an John Miles’ „Music“, und es gerät zu einem Triumph. Eine Seventies-Miniatur-Rock-Suite, arrangiert für ein Mandolinenorchester – nichts weniger als überraschend. Super Rhythmusgruppe unter Schlagzeuger Pinky, aber der war damals schon gut. Eigentlich ein Rock’n’ Roller. Der Kirchenchor gibt Roy Black: „Weihnachten bin ich zu Haus“. Man könnte heulen vor Rührung, aber man ist ja ein Kerl. Und: Dieses Jahr ist die Kirche sogar beheizt. 
Mittendrin gibt es eine Störung. Nach dem Ende eines Stücks und in andächtiger Stimmung erklingt vom Eingang her eine ungünstig hohe Männerstimme, die frappant an die aus dem Loriot-Cartoon mit den Comedian Harmonists erinnert: „Halt, halt, halt!“ Alle zucken kollektiv zusammen und wenden sich um. Ich könnte mich wegschmeißen vor Lachen, denn es ist nahezu original Loriot. Als wollte der Meister sich aus dem Jenseits ins Geschehen einbringen. Dann die profane Auflösung: „Da draußen blockiert das Auto mit der Nummer TR-XY 123 die GESAMTE Straße! Da stauen sich schon zwanzig Fahrzeuge!“ Der Besitzer des Autos spurtet raus – jemand vom Kirchenchor –, Problem wird behoben, Verkehr fließt, Stimmung wieder andächtig. 
Zu dieser Veranstaltung kommt echt jeder, denn a) jeder ist einem der Musikvereine, b) jeder, der nicht in einem der Musikvereine ist, kommt zuhören, c) jeder, der nicht in einem der Musikvereine ist und nicht zuhören kommt, findet sich danach zum Stubbi-Kippen im Gemeindehaus ein. Ich stelle allerdings fest, dass ich nur noch jeden Fünften kenne und mich erstmal akklimatisieren muss. Ein Stubbi hilft dabei. Werde trotzdem nicht sehr alt, muss noch arbeiten. 
War alles für einen guten Zweck. Im Sommer verunglückte ein Bursche aus dem Dorf schwer mit dem Auto und weilt seitdem in derselben Reha-Klinik wie der „Wetten, dass …?“-Kandidat. Ihm und der Familie sollen die Spenden und der Erlös des Abends zufließen. Gut. Der Zusammenhalt ist beeindruckend, vor allem die Selbstverständlichkeit desselben. Advent in echt. Gibt’s tatsächlich noch.

Donnerstag, 15. Dezember 2011

Test-Tube Conceived

Musste auch dringend mal wieder durchgehört werden. Macht mich ganz sentimental. Das letzte Studioalbum von Herrn Calvert. 1986 erschienen. Zwei Jahre später war der Mann leider mausetot.
Ich halte Robert Calvert bekanntlich für einen der aufgewecktesten Rockmusik-Dichter des Atomzeitalters und des Kalten Krieges und für einen, der aus persönlichen Ambivalenzen große poetische Spannung generierte. Sein Interesse an Technologie und ihren Möglichkeiten befeuert auch die Kessel von Test-Tube Conceived, zugleich werden (Natur-) Wissenschaft und Weißkittel böse angegangen. Retortenwesen, Gen-Technologie, Tierversuche, Computerkriminalität, Psi-Experimente, Allmachtsphantasien – alles wird verhandelt. Mal treibt der Drang zur Ironie Calvert an, mal die Lust am L’art pour l’art, mal ist er engagiert und völlig frei von Humor. Beim Thema Tierversuche sind Spott oder Humor auch nicht unbedingt angesagt („Save Them“).
Ich mochte das Album damals nicht so sehr. War mehr so ein Pflichtkauf. Ich stand Mitte der Achtziger eher auf fetttriefenden Power-Rock, Metal sogar, also war mir Calverts Soundsoße zu dünn. Bis auf etwas schartigen Radau war die Platte quälend minimalistisch, skelettiert, steril, wavig, technoid, zu hingehaucht.
Heute erscheint gerade diese Zurückgenommenheit natürlich völlig konsequent. Man kommt sich vor wie in einem weißgekachelten, neonbeleuchteten Vivisektionsraum, während man einem hochkonzentrierten Pathologen beim Rumschnippeln zuschaut. Die asketischen, hallenden Synthie-Sounds, die aufgerauhte Stimme, die Langsamkeit und der gezielte Einsatz von Effekten machen aus Test-Tube Conceived ein gespenstisches Album mit sehr klaren, sehr poetischen Botschaften. Eine etwas aufwendigere Produktion, die aus Budgetgründen gestrichen werden musste, hätte der Platte dennoch gut getan.
Später im selben Jahr interpretierte Calvert zusammen mit der Begleitband Maximum Effect einige der Stücke live, und die Mitschnitte zeigen die fülligere, aggressive Seite dieser Technologiekritik. Eine neue Solo-Platte, die von Brian Eno produziert werden sollte, war in Planung, knackige Demo-Aufnahmen lagen vor. Und mit Hawkwind stand Calvert auch wieder in Verhandlungen. Mittendrin in diesem hoffnungsvollen Treiben haute es ihn 1988 um. Verdammt schade, denn das hätte spannend werden können.



Montag, 12. Dezember 2011

Thüringer Bratwurst

Ich bin ja bekanntermaßen nicht so der Weihnachtsmarkt-Enthusiast. Bin nicht mit denen sozialisiert worden, denn zu meiner Zeit gab es sie schlicht noch nicht. Der erste Weihnachtsmarkt im heimischen Trier dürfte so Mitte der Achtziger stattgefunden haben. Da war ich schon fast zwanzig und nicht mehr ganz so kulleräugig. Über die Jahre hat sich der W-Markt vom Trierer Hauptmarkt bis auf den Domfreihof ausgedehnt. Irgendwann hatte dann jedes Kaff in der Region seinen W-Markt. 
Das Hauptmotiv für die Existenz von Weihnachtsmärkten, Glühwein, ist mir auch stets ein Rätsel geblieben. Kriege ich die Scheißerei von, außerdem klingt der vielbeschworene Aufwärmeffekt schnell ab und verwandelt sich in einen Kälteeffekt. Dem kann nur entgegengewirkt werden durch noch mehr Glühwein. Eine sehr durchsichtige Strategie der Profitmaximierung. 
Als eminent brauchbar hingegen erwies sich auf den ersten Trierer Weihnachtsmärkten die Thüringer Bratwurst. Der Stand befand sich stets am Rand, man musste gar nicht tief rein ins Gewühl. Der Standort wie auch der Preis blieben bis heute stabil, was man so hört. Seit diesem – ich nenne es beim Namen – kulinarischen Hochgenuss, nach dieser Initiation in die Freuden der Zum-Mitnehmen-Gourmetbraterei wurde auf anderen Weihnachtsmärkten, hauptsächlich im Rheinland, stets zuerst Ausschau gehalten nach den Bratwurstständen und nach dieser speziellen Thüringer Bratwurst. Sie ist lang und dünn und wird in der Mitte geknickt, um ins Brötchen zu passen. Viele Bratwurststände kokettieren mit „Thüringer Bratwurst“, aber ein Blick aufs Rost zeigt, dass es meist nur gewöhnliche Bratwürste sind, die in keinster Weise mit der Gewürzexplosion der echten konkurrieren können. 
Wichtig dabei ist: Diese Wurst gehört ausschließlich auf den Weihnachtsmarkt. Sie zu anderen Jahreszeiten irgendwo ausfindig zu machen und dann inflationär in sich reinzuschaufeln, würde die Atmo zerstören und den Moment des Genusses sabotieren. Nein, nur einmal im Jahr und für begrenzte Zeit. Insofern ist der Weihnachtsmarktbesuch doch zur Pflicht geworden. 
Die Gattin bevorzugte dieses Jahr den kleinen Markt im puppigen Brühl, wo sie palettenweise Lebkuchen in hübschen Dosen abgriff. Echten Nürnberger Lebkuchen, nicht so ein Pseudo-Zeug. Ich schaute mich derweil etwas um, roch mich durch die Gastronomie-Buden und darf die frohe Botschaft verkünden: In Brühl gibt es sie, die echte Thüringer. Es ist, wenn man von der Innenstadt her kommt, die zweite Wurstbude des Marktes, die auf der linken Seite, gleich gegenüber dem Kinderkarussell. Was für eine Wiederschmeckensfreude! Ich aß gleich zwei davon, denn diese Saison komme ich hier nicht mehr vorbei. Eine dritte hätte eventuell noch gepasst. Ich bin ganz reuig. 
Brühl ist überhaupt recht lieblich. Man verzichtet dort auf Musikberieselung vom Band und verfügt stattdessen über eine zappelige, freudig erregte Live-Combo, die Weihnachtslieder im authentischen Swing-Modus abdudelt, sowie über einen einsamen, falsch, aber wacker spielenden Trompetenjungen. Er steht ein paar Schritte abseits der Lebenden Krippe, wo die Darsteller tapfer dauerlächeln. Vermutlich haben sie dreizehn Schichten Fleece unter den pseudo-antiken Gewändern. Sie wirken jedenfalls alle ziemlich rundlich. Könnten natürlich auch Thüringer Bratwürste oder Dampfnudeln dran schuld sein. Die vorbeiflanierenden Kinder bleiben stehen und zuppeln manisch an Esel, Schaf und Lämmchen herum. Den Viechern ist es egal; sie haben dickes Fell. Ausgerechnet die Hauptfigur, das Kind in der Krippe, ist jedoch eine Puppe. Meiner Meinung nach eine falsche Rücksichtnahme. 
Auf dem Weg zum Bahnhof, während die Bratwurst heimelig im Magen quellt, kann man dann noch das illuminierte Schloss von Clemens August bewundern, als sei es eine fette Vision vor dem Sternenzelt. Nett.

Montag, 5. Dezember 2011

Plünderer

Mit das Schlimmste auf der Welt: Berufsschüler. 
Vor allem dann, wenn der Endverbraucher (= ego) gerade kontemplativ den Einkaufswagen durch den völlig leeren Supermarkt schiebt, die Regale studiert und auf Inspiration und Vision hofft. Dann fallen sie ein, die Berufsschüler aus der fragwürdigen Erziehungsanstalt nebenan. Immer zwischen 9.30 und 10.00 Uhr. Hundertfünfzig Stück auf einmal. Sie schreien, sie plündern, sie brandschatzen, hauen alles kaputt und vergewaltigen. Sie labern, sie kreischen, erzählen dumme Witze, sie rempeln, sie stehen grüppchenweise dumm herum und telefonieren mit ihren Handys. Sie kaufen nur sehr wenig – Kaffeekaltgetränke, Sandwiches, Croissants, Teilchen, Brötchen, Kaugummis –, verstopfen dabei erst die Gänge, dann die Backwaren-Ausgabe („Bitte benutzen Sie die Griffzange. Berühren verpflichtet zum Kauf“) und schließlich die Kassen („Sagen Sie unseren Mitarbeitern Bescheid, wenn mehr als fünf Kunden vor Ihnen stehen“). Die Schlange geht fast durch den ganzen Laden, und während sie warten, spielen sie Browser-Games auf ihren Handys (Jungmänner) oder zupfen sich gegenseitig an ihren Strähnchen (Jungmädels). Sie quieken, lassen Münzgeld fallen, dann ist auch noch der Zigarettenautomat an der Kasse leer. 
Der Endverbraucher schiebt seinen Einkaufswagen derweil ganz nach hinten in die äußerste Ecke des Markts (Dosengemüse und H-Milch), verharrt regungslos, verhält sich still, starrt teilnahmslos auf die Erbsen und Möhrchen und wartet, bis der Tumult sich legt. Es dauert danach eine Weile, bis er den zum Einkaufen nötigen Grad an Kontemplation wiedererlangt hat und sich nach vorne in Marsch setzen kann, um an der Backwaren-Ausgabe nachzuschauen, was die Plünderer ihm übrig gelassen haben.

Montag, 28. November 2011

Das System III

Das Paket ist definitiv im System verschollen. Der Zusteller hat eindeutig „geschwindelt“, wenn er sagt, er hätte es auf der Filiale abgegeben. Das meint jedenfalls der Mitarbeiter am Schalter. Mein Menschenkenntnispegel sinkt gen null, mir wird ganz flau. Bin ich zu naiv und leichtgläubig? Vertraue ich zu sehr Menschen in Uniform? Der Zusteller hat das Paket auch in keiner anderen Filiale des Zustellgroßbezirks abgegeben, denn der Mitarbeiter am Schalter hat eine halbe Stunde lang bei denen herumtelefoniert. Er kann nichts machen. Eine Sendungsnummer habe ich nicht, und die Typen von der DHL-Hotline „fragen immer zuerst nach der Sendungsnummer“. Und legen sofort auf, wenn man keine vorweisen kann. Nee, das hat der Mitarbeiter nicht gesagt, aber es klang etwas in der Art durch.
Recherchen meinerseits ergaben, dass es weder Verlagsvorschauen noch Belegexemplare noch unangekündigte Manuskripte sind. Aber woher kommt es dann, das Paket? Ich bin regelrecht neugierig. Ist es eine gratis Warenprobe Christstollen oder Lebkuchen? Habe ich bei der „Aktion Mensch“ ein Eigenheim gewonnen, und die haben mir den Schlüsselbund mit Haustür-, Keller-, Garagen-, Klo- und Tresorschlüssel geschickt? Wird die Villa jetzt, wo keiner sie bezieht, verfallen? Ist es eine Nebenkostenerstattung in bar und kleinen Scheinen? Oder habe ich einen Plasmafernseher, 106 cm Diagonale, gewonnen? Oder ein Nackenkissen? Ein Nudelholz? Eine CD von Lena Mayer-Landrut oder Mickie Krause? Eine Thomas-Mann-Gesamtausgabe? Ein Werbe-T-Shirt vom Autohaus Kastenholz? Muss die Katze etwa auf eine gratis Jumbotüte Royal Canin verzichten oder ein Catsan-Pröbchen? 
Meine Güte, System, du machst es spannend.

Freitag, 25. November 2011

Das System II

Fünf Minuten nach dem vorherigen Blog-Eintrag traf ich „die Flasche“ vorm Haus. Ich glaube anhand des Akzents übrigens zu erkennen, dass er Italiener ist. „No, isch’abe keine Paket auffe Wagen mehr.“ Er hat also das Paket nicht mehr auf dem Wagen. Zudem ist er sichtlich zerknirscht und versichert felsenfest, er habe es in der Filiale abgegeben. Ich glaube ihm. Der Typ scheint mir keine Flasche zu sein. Die Flasche befindet sich irgendwo anders im System. 
Also werden nun die DHL-Systemanalytiker ran müssen, um mittels einer Flaschenanalyse und eines Flaschenzugs meine Verlagsvorschauen aus den systemischen Tiefen zu bergen. Ich blättere sie dann dreißig Sekunden lang durch und überantworte sie der Papiermüllabfuhr. Das ist dann allerdings ein System, das lückenlos funktioniert.

Das System

Auch der zweite Versuch, das DHL-Paket auf der Filiale entgegenzunehmen, scheiterte. Es ist, entgegen der Angaben auf der Benachrichtigungskarte, schlicht nicht da. Man versprach, sich darum zu kümmern, und schrieb meine Telefonnummer auf. Es sind vermutlich nur Verlagsvorschauen in Katalogform, die ich ohnehin schon im Internet zur Kenntnis genommen habe. Also im Grunde hübsch aufgemachtes Papier, dem nachzurennen nicht zwingend notwendig wäre. 
In der Filiale, unüberlicherweise gähnend leer, war man ziemlich ungehalten. Zwei Mitarbeiter stellten auf der Suche nach dem Paket erfolglos das ganze Lager auf den Kopf. Der wartende Kunde (= ego) konnte mithören. Der neue Paketbote für den Bereich sei „wieder mal so eine Flasche“, der nix als Fehler mache und das System überfordere. 
Ich kenne ihn schon: Junger Kerl mit Migrationshintergrund, wirkt etwas überfordert, ist aber nett, freundlich und bemüht. Fühlte mich gleich solidarisch mit der Flasche und werde versuchen, das unter uns zu regeln, sobald ich im Viertel seines Wagens ansichtig werde. Vielleicht kommt er ja heute noch mit Unterwäsche oder Schuhen für die berufstätige Dame oben im Haus, die ich traditionell entgegennehme. Vermutlich hat er mein Paket nämlich noch auf dem Wagen, darf aber aufgrund der Vorschriften keinen weiteren Zustellversuch unternehmen, sondern muss es so lange rumkutschieren, bis er irgendwann mal so früh Dienstschluss hat, dass er die Filiale noch zur Öffnungszeit ansteuern und es dort abliefern kann. Denn er hat ja bereits eine Benachrichtigungskarte eingeworfen, auf der genau das angegeben ist. Das System …

Donnerstag, 24. November 2011

"Das Leben ist schön - gefälligst!"

Gestern Abend waren Piet Klocke und Frl. Angelika Kleinknecht (aka Simone Sonnenschein) in der Comedia. Neues Programm „Das Leben ist schön – gefälligst!“. 
Klockes Strategie ist schnell erklärt, zugleich sehr kompliziert, und sie verlangt vom Künstler eine extremistische Bühnendarbietung. Er weist uns hin auf die Diskrepanz zwischen gesprochener Sprache und kognitiven Prozessen. Schneller denken, als sprechen möglich ist. Klocke führt die Tragik vor, die sich aus diesem Umstand ergibt. Rigoros. Es ist ein Verzweifeln an der Unzulänglichkeit der Welt, sehr gern auch an sich selbst, an der eigenen rhetorischen Ausstattung und an der fatalerweise selbstgewählten Rolle des „Dozenten“. Jemand, der zu schnell denkt und dabei auch noch überaus fahrig und generell sehr verwirrt ist und zudem grotesk lang und schmal, merkwürdige Garderobe trägt und eine wirre Frisur hat, sollte nicht vor Publikum treten. Das kann nur schief gehen. 
Glücklicherweise tut Piet Klocke genau das. Weswegen bei seinen tragikomischen Auftritten das Publikum stets prustend und keuchend in den Rängen hängt und schlussendlich die Veranstaltung fix und fertig verlässt. 
Es gibt da kein Vertun: Piet Klocke gehört zum Besten, was das Kabarett zu bieten hat. Er aktualisiert ältere, tragikomische Formen des Scheiterns an Welt und Sprache und taktet sie gnadenlos hoch. Seine erschütternde, aber in sich logische Komplettverdrehtheit und seine groteske Übererregtheit lassen einen ziemlich fassungslos zurück. Das ist pure Katharsis. Da kriegt man Atemnot.
Am stärksten erinnert er sprachstrategisch wie phänotypisch wohl an Karl Valentin, einen der größten deutschen Kabarettisten. Alfred Kerr schrieb seinerzeit über den Münchner: „Alle lachen. Manche schreien. Woraus besteht er? Aus drei Dingen: aus Körperspaß, aus geistigem Spaß und aus glanzvoller Geistlosigkeit“. Er könnte es heute beinahe genauso über Piet Klocke schreiben. 
Als seine Liesl Karlstadt fungiert Simone Sonnenschein mit schüchternem Kleinmädchen-Charme und in grotesk unbeholfener Girlie-Kleidung. Stets nur flüsternd und mimisch aktiv, voll von abrupt hervorbrechenden, dadaistischen Weltverbesserer-Ideen („Windenergie!“), die sie Klocke ins Ohr flüstert, damit dieser sie hinausposaunt – um sich dann stammelnd darüber lustig zu machen und die kleine Naive genussvoll runterzuputzen. Aber Frl. Kleinknecht hat enormes anarchisches Potenzial: Während Klocke in der Pause unter der Dusche war, hat sie ihm die Klamotten geklaut und tritt nun ebenso wortgewaltig wie verwirrt als er auf. Zum Schreien. Klocke kommt fast zu früh zurück – in Bademantel und mit Waschbürste –, um zornig seine Garderobe einzufordern. Solche faustdicken Überraschungen, die unbedarften, etwas gelangweilt wirkenden „Basteleien“ nebenher (ein Phallus aus einem Handtuch), kleine poetische Einschübe und nicht zuletzt die blitzsauberen Saxophon-Aktivitäten der studierten Musikerin Simone Sonnenschein machen einen Fräulein-Kleinknecht-Fanclub mehr als überfällig.

Donnerstag, 17. November 2011

Zeichen und Wunder

Es kam ein Brief von der Stadtverwaltung Trier. „Schissflammeng“, dachte ich, „bin ich wohl letztes Mal durch eine Radarfalle gebrettert.“ 
Aber nix da, es ist andersrum. Exakt 25 Monate nach der Trauung hat das Standesamt festgestellt, dass es „die Gebühr für die Bereitstellung des Trauzimmers“ aus irgendwelchen bürokratischen Gründen gar nicht hätte erheben dürfen. Es gibt 30 € zurück. Potzblitz. Luftschlangen. Konfetti. Das ist gleichbedeutend mit einem Jahr Anwohnerparken in Köln oder wahlweise einem Wildschwein-Ragout für den Gemahl, einer Pizza Graeca für die Gemahlin und zwei Kölsch. 
Diejenigen Paare, die inzwischen wieder geschieden sind, müssen sich jetzt um die 30 € kloppen. Nicht schön.

Freitag, 11. November 2011

"Weiter"

Man kennt ihn vom Sehen, den Wilfried Schmickler. Er wohnt hier irgendwo um die Ecke, und man sieht ihn oft morgens auf dem Weg zum Bäcker vor dem „Filos“ am Stehtisch, Kaffee und Kippe inhalierend. Ein Mann des Volkes. Hauptsächlich kennt man ihn aber aus dem Fernsehen als zornbebenden Rausschmeißer aus den Mitternachtsspitzen. Er sagte neulich in einem Interview, aufgrund dieser hohen Eskalationsstufe hätten manche Leute Angst, in seine Programme zu kommen. Die Termine sind trotzdem regelmäßig ausverkauft.
Schmickler spielt drei Tage lang sein Programm „Weiter“ in der Comedia, zwei der Termine sind mit WDR-Aufzeichnung. Wir haben uns den ohne Kameras ausgesucht.
Schmickler ist gekommen, um Verkrampfungen zu lösen und sich quasi stellvertretend fürs Publikum in Rage zu reden. Völlig zu Recht wird er gern mal bezeichnet als „Scharfrichter“ und als „Moralist“. Er tritt wechselweise auf als Volkstribun, der gegen „die da oben“ wettert, als Prediger, der der Gemeinde den Spiegel vorhält und allzu viel Selbstzufriedenheit gar nicht erst zulässt, sowie als melancholisch-lässiger Schlagerstar zu Halbplayback. Seine Laune schwankt zwischen der eines grantigen Maschinengewehrs, seine Taktfrequenz darauf abgestimmt, und der eines links wie rechts blickenden 80er-Überlebenden, der die Gegenwart reichlich albern findet.
Im Kölner Südstadt-Heimspiel ist der Mann ein Souverän, der König des Abends, der auf ein aufmerksames, manchmal wohl etwas zu amüsierwilliges Publikum trifft. Einige Leute lachen ständig, auch bei Sachen, die gar nicht lustig sind oder dazu dienen, Pointen erstmal vorzubereiten. Der Typ, der hinter uns sitzt, sagt leicht missbilligend und mit Blick dorthin, von wo das meiste Gekickel kommt: „Es sind Landeier anwesend.“ Leider sieht er sich seinerseits genötigt, der Gattin jede Pointe zu erklären. Nervt auch. Viele nicken Schmickler bestätigend zu, reden ein bisschen mit, bringen Zwischenrufe an, teilen die Meinung des Vortragenden. Fehlen nur noch zornig erhobene Fäuste. Glücklicherweise sind es nicht so viele Amüsierlacher, lautstarke Synchronanalytiker oder Meinungsbekunder, dass sie Schmickler den Rhythmus oder die Pointen zerhauen könnten. Er steht manchmal da wie ein Demagoge und gefällt sich dabei, wobei er allerdings nicht nur die politische Klasse, sondern auch sich selbst karikiert, jedes Gewese um seinen Standpunkt dezent wegwedelt oder die Mundwinkel schmerzhaft verzieht, sobald er glaubt, es gerade zu weit getrieben zu haben. Unter der rauhen Schale kommt oft genug der engagierte Typ hervor, dem die Dinge tatsächlich am Herzen liegen. Er erreicht deswegen einen Grad an Bühnenauthentizität, den man selten findet. Ein von gesundem Zorn angetriebenes Spottprogramm mit kathartischen Tendenzen, einer ganz deutlichen rheinisch-katholischen Note der Demut sowie einer dezenten „Altersfusseligkeit“. Seine von selbstironischer Sangesstar-Attitüde unterstützten Blues-Couplets sind okay, die extrem konzentriert vorgetragenen kleinen Gedichte, Philippiken und Predigten exzellent, und die Einlassungen zum Nichtraucherschutz, zum Gesundheitswahn, zu den FDP-Bubis, zu den zwei letzten Verteidigungsministern und zur katholischen Kirche sind nicht steigerbar. Schmickler ist der Maestro einer auf engstem Raum komprimierten rhetorischen Verachtung. Und er hat, bevor er diese Dinge im Kämmerlein ausformulierte, dem Volk aufs Maul geschaut. So etwas nennt man Kabarett. Und am Ende, als das Licht wieder angeht, schallt Johnny Cash aus den Lautsprechern.
Großartiger Abend. Das nächste Mal auf dem Weg zum Bäcker spreche ich ihn an, den Wilfried Schmickler, und sage ihm das persönlich.

Montag, 7. November 2011

Prinzesschen wird neun

Heute vor neun Jahren zog das Prinzesschen bei uns ein. Zur Feier dieses zweiten Geburtstags (den richtigen kennt ja keiner) geht Herrchen jetzt extra zum „Fressnapf“ und kauft Luxusfutter. Außerdem gibt’s ein tolles Geschenk: Prinzesschen darf heute in den Kleiderschrank, dort nach Herzenslust herumwühlen und Dinge zerrupfen. Da steht das Prinzesschen drauf.

Freitag, 4. November 2011

Glänzendes Mittelalter

Wieder mal unter die Noblesse gemischt. Ausstellungseröffnung „Glanz und Größe des Mittelalters“ im Museum Schnütgen. Weit über 200 hauptsächlich christliche Kunstwerke mit Herkunftsort Köln, die in aller Herren Länder verstreut wurden und nun für vier Monate wieder zusammenfinden. Großereignis für den traditionsbewussten Kölner und den Freund des echten Mittelalters. Mittelalter-Simulanten wurden derweil keine gesichtet. 
Es gibt Kölsch, aber nix zu essen. Ziemlich warm. Viele Besucher, kaum Security, die Einladungen überprüft. Kann also im Prinzip jeder rein. Abgesehen von allerhand fachbezogenen Lokalgrößen ist die Promi-Dichte eher gering. Dafür sind amerikanische Leihgeber angereist sowie die US-Generalkonsulin in Vertretung des Botschafters. Beim Gang auf die Rednerbühne legt sie sich erstmal flach, springt aber sofort wieder auf wie eine geübte Bodenturnerin. Die amerikanische akademisch-politische Präsenz verleiht dem Ereignis einen deutlich wahrnehmbaren Hauch von Welt. Auch wenn die PA und die damit verbundene Akustik eher provinziell anmuten. An der Eingangstür hinten zankt sich eine herrische, vermutlich vermögende Schnepfe lautstark mit dem Security-Mann, und man hört die Redner vorne nicht mehr. Daran müssen wir noch arbeiten. 
Die notorische Künstlermuse ist auch wieder da, ein paar seltsame Leute aus der Eifel ebenso (Erkennungszeichen: Strickwesten, rote Backen). Sowie die junge Frau, die über „die spitzen Brüstchen“ der Nackten auf dem Liebeszauber-Bild spottet, dabei aber offenbar selbst noch nicht gemerkt hat, dass hochalberne Girlie-Frisuren sowas von out sind. Ich selbst trete einmal mit den schweren Lederstiefeln fast der verehrten Frau Dombaumeisterin auf die zarten Füßlein. Sie war aber auch zu gut getarnt. 
Für die, die’s nicht wussten: Köln war eine der bedeutendsten Städte des europäischen Mittelalters und somit ein Zentrum von Kunst und Kunsthandwerk. Sehr vermögend, sehr fortschrittlich, sehr hingebungsvoll, sehr viel Manpower. Wie der Titel der Ausstellung schön verrät, geht es nicht um den Dreck, sondern um den Glanz: Kruzifixe, Reliquiare, Bibeln, Kreuzigungsgruppen, Heilige, bekannte und abstruse Bibelszenen, liturgische Gewandungen, Bischofsstäbe, ein Gerichtsschwert, Kirchenfenster, ganze Altäre, frühe akademische Schriften. Ein umfassendes, nicht endenwollendes Geschichtenerzählen in allen erdenklichen Medien, sogar mit Humor: Auf einer Kreuzigungsdarstellung kriecht am unteren Bildrand der Tod aus einem Loch hervor und kriegt von einer körperlosen Hand mit der Keule eins übergebraten. Muss man schon genau hinschauen. 
Das archaisch wirkende Kapitelkreuz von ca. 1000 n. Chr., das Herimann-Kreuz mit dem falschen Christus-Kopf, die elfenbeinernen Turm-Reliquiare, der Linzer Marienaltar, das gewaltige Stadtbanner, das kleine Liebeszauber-Bild, die Propheten aus dem Kölner Rathaus und die Seifenblasen produzierenden Knäblein („homo bulla est“) bleiben auf Anhieb am besten in Erinnerung. 
Eine Ausstellung, für die man Zeit mitbringen sollte, denn da werden wirklich sehr viele Geschichten erzählt. Und wenn diese zahllosen alten Storys sich mit den Gesprächsfetzen des modernen Publikums mischen, dann ist das Erlebnis am umfassendsten. 

Donnerstag, 3. November 2011

Hörner-Karawane

Jedes Jahr dasselbe. Die Hörnchen sind wieder in heller Aufregung. Von den Reitersmann’schen Ländereien wurden Walnüsse eingeflogen. Die Folge ist die obligatorische Hörner-Karawane. Die zweite Marge Nüsse ist soeben weg. Jetzt sind keine mehr da. Da ich aus humanitären Gründen nicht mitansehen kann, wie die Hörner auf den Balkon gekraxelt kommen, herumschnüffeln, suchen, suchen, suchen und sich dann unverrichteter Dinge wieder in die Tiefe stürzen, habe ich käuflich Nachschub erworben. Im Supermarkt gibt es allerdings nur irgendwelche französischen Edelnüsse (steht zumindest dran). Die kosten 2 €/Tüte, und diese Tüte ist so klein, dass die Hörner sie in einer Viertelstunde leergeräumt hätten. Gleich daneben befinden sich allerdings die Riesentüten Erdnüsse für 0,99 €. Die Hörner werden jetzt wohl ziemlich überrascht dreinschauen und mit den niedlichen Näschen kräftig schnüffeln, aber ich hege kaum einen Zweifel, dass das Zeug weggeht. Wenn nicht, fressen die Zweibeiner es eben selbst.

Mittwoch, 2. November 2011

Bürostuhl

Nach einer Ewigkeit mal wieder in einem alten, eingemotteten E-Mail-Konto vorbeigeschaut. Direkt nach dem braven „Klosterfrau Newsletter“ und dem armen Mann aus Nigeria, der dringend Geld für seine Fuß-OP braucht, fragt jemand, ob ich Sexkontakte in Emmerich will. Kann ich gar nicht glauben. Emmerich? Warum nicht gleich in Lemgo? Oder Olpe? Alles Orte, die für mich auf Anhieb nicht so klingen, als würde an ihnen überhaupt dem Geschlechtstrieb nachgegangen. Und dann will auch noch eine „Bürostute geritten werden“, sie sagt aber nicht, ob in Emmerich, Lemgo oder Olpe. Ich las zuerst „Bürostuhl“ und dachte, es sei ein IKEA-Newsletter.

Montag, 31. Oktober 2011

Einkaufshilfe

Zusammen mit mir verlässt eine reifere Dame, geschätzt siebzig, den Supermarkt und tänzelt beschwingt und mobiltelefonierend an mir vorbei mit ihrem Trolley in apartem Rentnerinnen-Karo-Muster. Ich hingegen habe die ganzen Einkäufe in meine Stoffbeutel gestopft und sie irgendwie so auf Schultern und Hände verteilt, dass ich keuchend herumhumple wie der Glöckner von Köln-Süd und grantig mit mir selbst spreche. 
Ich habe es bisher aus Gründen der Eitelkeit nie ins Auge gefasst, aber ich brauche auch so einen Trolley in apartem Rentnerinnen-Karo-Muster. Ich möchte auch wieder tänzeln können.

Mittwoch, 26. Oktober 2011

Zoo im Herbst

Es sind nicht so viele Leute da, die Viecher trauen sich öfter mal raus ohne den Lärmpegel. Vielleicht liegt’s auch am schwachen Licht. Einige 'Premieren' erlebt. Kreaturen, die sich sonst eher verstecken oder „Leckt mich am Arsch“ denken. Erstmals den Leoparden gesehen. Er ist zu gut getarnt, als dass man ihn erkennen könnte, wenn er irgendwo flachliegt. Diesmal flitzte er allerdings herum. Und den Geparden von ganz nah bestaunt. Später sogar in blitzschneller Aktion. Brüllende Löwen. Ein latschendes Krokodil. Sonst liegen diese Dinger immer flach. Nilpferde bei der Fütterung. Fledermäuse in ihrer Höhle. Waschbären in Aktion. Grizzlys beim Erjagen einer Möhre. Die Elefantenherde drinnen wie draußen. Ein gegen das Gatter donnerndes Nashorn. Und, ach, endlich: Wasserschweine von nahem! Ich will auch eins! Tapire. Otter-Nachwuchs. Höhepunkt zum Schluss: Der Tiger erhebt sich, tigert herum und nimmt ein ausgiebiges Bad vorn im Wassergraben. Was für ein Brocken! 
Im Tropenhaus den Vogel wiedergetroffen, den wir letztes Mal „Hartmut“ getauft hatten. Vielleicht war’s aber auch Hartmuts Bruder Rüdiger. Man weiß es nicht. 
Hier die entsprechende Knips-Strecke. Vieles wurde durch Scheiben aufgenommen, was der Schärfe nicht unbedingt förderlich ist. Und das Licht war generell nicht so doll für eine Hosentaschenkamera.

Sonntag, 23. Oktober 2011

Meine zweite Scheidung, meine Knie-OP, meine Bonusmeilen

Anfangs kommt man sich schon etwas verloren vor zwischen so vielen Leuten, die man eigentlich kennen sollte. Manche schauen einen seltsam an. „Ist der auf der richtigen Feier?“, mögen sie heimlich denken. „Oder ist das einer dieser Event-Schnorrer?“ Ein 25jähriges Abi-Jubiläum ist eine hervorragende Gelegenheit für Schnorrer. Ich hingegen muss konstatieren, dass ich die Gesichter sofort erkenne und nur in wenigen Fällen die Namen nicht mehr parat habe. 
Nach dem Aufwärmsektchen geht es dann so langsam in medias res im historischen Frankenturm zu Trier. Über das obligatorische „Mein Haus, mein Auto, meine Jacht“ sind wir in dem Alter hinaus. Es geht eher um „Meine zweite Scheidung, meine Knie-OP, meine Bonusmeilen“. In der Begrüßungsrede des Organisators erfährt man, dass der eine verstorbene Mitschüler nicht, wie vermeldet, überfahren wurde, sondern schwer krank war. Das ist noch bedenklicher. Und ein pensionierter Lehrer ging vor vier Wochen in die Mosel. Auch wegen Krankheit. Für einen im Prinzip unsportlichen Typen wie mich ist es nicht ganz einfach, mit einem Sportlehrer angenehme Erinnerungen zu verbinden, aber an den äußerst fairen Unterricht dieses Mannes erinnere ich mich gern. Zwei andere Lehrer sind da, der eine, fast achtzig, gebärdet sich so jovial, dass er phasenweise alles an sich zu reißen droht. Der andere ist so frisch, dass ich zuerst denke, er gehört zum Jahrgang – bis ich in ihm allen Ernstes meinen Mathematiklehrer erkenne, nur ohne Bart. Mit dem jovialen alten Mann gehe ich natürlich höflich um, aber ich habe ihn damals schon nicht gemocht, und das prägt fürs Leben. Nun sitzt er aber an unserem Tisch. 
Ja, auf der oberen Ebene des Turms sind Tische eingedeckt wie bei den besseren Leuten. Das Buffet ist fein, aber nicht überfein. Ich spreche den Kartoffeln in Pfeffersauce und dem Lachs zu. Für das Gesöff stehen 700 € Spenden zur Verfügung. Als die aufgebraucht sind, geht der Organisator herum und sammelt. Es wechseln Hände voller beeindruckender Fuffziger den Besitzer, ich habe aber nur noch einen Hunderter, und das ist mir zu viel der nachträglichen Spende. Zumal ich mich ohnehin nicht zuschütten kann. Muss ja nachher noch aufs Dorf raus. Ich komme mir schäbig vor. Aber nur ganz kurz. Also doch Schnorrer. 
Für einige der alten Kumpels sind sofort die alten Sympathien wieder da. Es mögen noch so viele Jahre dazwischen liegen, immer ist es so, als sei keine Zeit vergangen. Sie verändern sich nicht. Okay, sie werden fülliger, aber innen drin alles wie gehabt. Es sind, wie mir auffällt, meistens die No-Bullshit-Typen, die stabilen. Die Jungs, zu deren Kindergeburtstagen man damals schon eingeladen war und die man selbst einlud, sind eben auch heute noch die erste Wahl. Es zeigt sich auch eine gewisse Grundschwingung zwischen den wenigen Teilnehmern des Deutsch-Leistungskurses. Es ist keine Freundschaft, auch nicht direkt Sympathie, sondern jene Art stiller Wertschätzung, die Überlebende einer Frontkompanie untereinander teilen. Man nickt sich zu und weiß
Eines der wenigen anwesenden Mädels macht ein gestelltes Foto von mir mit einem anderen Mädel im Arm. Ich habe mit dieser Dame im Arm in neun Jahren Gymnasialzeit nie auch nur ein Wort gewechselt. Während der spontanen Foto-Session übrigens auch nicht. Und die etwas füllige Metzgerstochter von damals ist jetzt so schlank und zierlich, dass ihr Kopf zu groß zu sein scheint. Sie war Karnevalsprinzessin irgendwo an der Mosel. Parallelgesellschaft. Etwas verspätet kommt der Bursche, der denselben Vornamen trägt wie ich und am selben Tag Geburtstag hat, aber ansonsten ein vollkommen konträrer Typ ist. In einigen Tagen ist es wieder so weit mit dem Geburtstag. Großes Hallo, vorausgreifende Glückwünsche. „Fühlst du dich so alt, wie du bist? – „Ja, so fühle ich mich“, sagt er. – „Also, ich bin immer wieder aufs Neue überrascht“, meine ich. 
Als erstaunlich erweist sich das zufällige Zusammenstehen mit dem langen Kerl, der damals immer ein bisschen abgedriftet wirkte und mit dem ich nie engeren Kontakt hatte. Er ist immer noch abgedriftet, und er ist Psychiater in Köln. Er hat eine ironische Ader, die die Ausmaße des Nildeltas erreicht, und einen tiefschwarzen Humor, ist dabei aber völlig unaffektiert und verzieht meist keine Miene. Wir verbünden uns, wie wir da in der Ecke stehen, und tuscheln in mysteriösen, ad hoc verschlüsselten Volten über die Hackfressen. Er erfindet den Begriff „Semi-Hackfresse“, und sein Lieblingswort lautet „regressiv“. Den übermäßig jovialen Ex-Lehrer hält er „für ein Hologramm“. Wir tauschen E-Mail-Adressen aus, denn er ist oft in der Südstadt. Da gibt es die größte Therapeutendichte in Köln. 
Als dann, nach etwa sechs Stunden, der Moment kommt, in dem der angeheiterte Organisator von Tisch zu Tisch schwankt und jedes harmlose Bonmot schlüpfrig grinsend zu einem Herrenwitz uminterpretiert, merke ich, dass es Zeit ist zu gehen. So viel darf ich ja gar nicht saufen, wie ich jetzt eigentlich müsste.

Freitag, 21. Oktober 2011

Unverstellt

Eine der meistgeschätzten Personen im Dorf ist für mich heutzutage mein alter Kindheitsfreund M. Terminlich sehr nahe beieinander geboren, lokal sowieso. Gemeinsame Grundschule, gemeinsame Kindheit. Ich treffe ihn einmal im Jahr zufällig zum Plausch vorm Haus, wenn er die Tür zum alten Stall offen stehen hat und drinnen in der Werkstatt herumwurschtelt. Es wird dann so lange geplaudert, bis seine alte Mutter, seine Frau oder seine Kinder etwas wollen und das konspirative Treffen sprengen. Mitunter lassen sie sich stundenlang nicht blicken. 
M. ist ein großer, breiter Mann mit roten Wangen. Einer, der von seiner Hände Arbeit lebt und seine Familie ernährt. Ein Schrauber mit dreckigen Fingern. Er räumt gerade irgendwas auf. Das Händeschütteln will er erst verweigern, weil er mich damit ja auch dreckig macht. „Na und?“, sage ich und halte ihm und seiner Maschinenölpranke meine blassen Redakteursfingerchen hin. Das muss so. 
Es beginnt mit dem Thema Autoreparatur und TÜV, geht irgendwie über zu Handys, dann zum Thema Alter, wobei des Öfteren herzlich gelacht wird. Er meint, seine Frau hätte ihn neulich „altes Männlein“ genannt. Ich schlage ihm vor, mit „du altes Pony“ zu kontern. Dann wird noch über „Wer wird Millionär?“ geredet, und schließlich mäandert es in alle Richtungen. Zwischenzeitlich wird den Fahrern langsam vorbeirollender Autos oder Passanten zugenickt oder -gewunken. Sobald sie außer Hörweite sind, erfahre ich die neuesten Geschichten über sie. 
Und jetzt kommt Ms größte Stärke zum Tragen: das Desinteresse daran, sich zu verstellen, und seine daraus resultierende Grundehrlichkeit. Was er verbreitet, ist kein dahergeflüsterter Klatsch, sondern ausschließlich durch eigene Erfahrung abgesicherte Erkenntnis, die er dennoch in seiner natürlichen Bescheidenheit ständig als subjektiv bewertet. Es ist also alles mit Vorsicht zu genießen, sagt er, aber ich glaube ihm jedes Wort. Denn er hat wirklich kein Interesse an Übertreibungen und Skandalisierungen. Was als subjektiv gekennzeichnet wird, ist in Wirklichkeit so nahe an Objektivität, wie es nur sein kann. Das geht bei niemand anderem außer bei M. 
Es gibt bei ihm auch nicht die leiseste Note des auf dem Land recht beliebten Aushorchens, das als höfliches Nachfragen getarnt wird und doch gern ein bisschen weiter und indiskreter geht als nötig. „Wie geht es dir? Wie geht es deinem Vater? Wie dem Bruder? Bist du verheiratet? Hast du denn inzwischen Kinder? Was arbeitest du denn? Kann man davon leben? Wieso bist du gerade auf dem Dorf? Wie oft hast du Sex?“ Man muss solche Höflichkeit natürlich erwidern und Antwort geben („fünf- bis sechsmal am Tag“), aber flunkern sollte man schon dabei. 
Bei M. ist das nicht nötig, denn er führt ein Gespräch und kein getarntes Verhör. Er heuchelt auch keine Anteilnahme, die eigentlich nur verkappte Neugier oder Aushorchen ist. Nein, angesichts tragischer Geschichten ist er ernsthaft betroffen. Antipathien sind bei ihm wohlbegründet. Dabei hat er ein Gedächtnis wie ein Elefant. „Mit diesen eingebildeten Spacken könnte ich nie und nimmer einfach so herumstehen wie mit dir und quatschen. Obwohl sie meine Nachbarn sind.“ Er arrangiert sich mit den Spacken, weil er seit Jahr und Tag im Dorf mitten unter ihnen wohnt, er nickt ihnen beim Vorbeifahren zu. Viel mehr aber auch nicht. Sympathien hingegen sind von totaler Selbstverständlichkeit, Großherzigkeit und uralten Bindungen geprägt. Vollkommen unverstellt und unironisch. „Der P., der kann doch nicht mal mehr lachen. Musst du mal drauf achten, der kann einfach nicht mehr lachen. Wir beide, wir können doch wenigstens ab und zu noch lachen, oder nicht?“ Da fährt gerade meine Cousine vorbei und winkt uns heiter strahlend zu. „Ja, die kann auch noch lachen“, sagt er. 
Dann drängelt sein Sohn, den er zur Musikprobe fahren muss. Ohne das hochheilige Versprechen, am Sonntag beim Dorffest ein Bierchen mit ihm zu trinken, komme ich nicht weg. 
Eine Stunde im Jahr mit M. reicht aus, um zu erkennen, dass die Dinge des Lebens eigentlich ganz einfach und unneurotisch sind.

Mittwoch, 19. Oktober 2011

Viez süß-sauer

Gestern Abend wurde zusammen mit Herrn J. beim Klimmes mal die Qualität des diesjährigen Viez getestet. Sowohl die des süßen, nichtalkoholischen, wie die des sauren, alkoholischen. Eine schöne Kombination. Vom sauren Viez wird man besoffen, vom süßen kriegt man die Scheißerei. Ich bewundere Leute wie Herrn J., die danach noch Autofahren. Aber ich hatte einen sauren Viez mehr und darf deswegen behaupten, besoffener gewesen zu sein. Natürlich war das nichts im Vergleich zu früher, als man noch wusste, wie das Wort „Ekstseß“ buchstabiert wird. Heute geht unsereiner um 22 oder 23 Uhr in die Heia und ist froh drum. 
Natürlich war die Sitzung nicht nur geprägt von Lallen und Blähungen, sondern es wurden desillusionierende Analysen angefertigt, in denen sich der süß-saure Charakter des Viez letztlich widerspiegelte. Über unsere neurotische Epoche des Gruppenkuschelns und des Pubertär-Romantischen, über die sich verengenden Fahrbahnbegrenzungen, das aufgeblasene Nerdtum allüberall, die notorisch beleidigten Kreativen und die Zeilenhonorare (18,47 € für einen Dreispalter). Mit zunehmendem Alter, zunehmender Professionalisierung und zunehmender Ignoranz entwickelt man einen wunderbar pointierten Welthass, der die olle Pumpe am Leben erhält. Ich habe mich entschieden, Herrn Js jüngsten Werbeklopper fortan stärker in Betracht zu ziehen: „Männer müssen nach draußen.“

Samstag, 15. Oktober 2011

Retrospektive, Zwischenstand

Ich konnte mich nicht beherrschen und habe mir aus der Halloween-Schütte Plastik-Vampirzähne gekauft. 0,49 €. 
Die kleine Hammer-Productions-Retrospektive läuft weiter. Bisher ist von den Klassikern der Kindheit Dracula: Prince of Darkness der straffste und überzeugendste. Von den damals nicht gesehenen, weil nicht gesendeten Filmen ist vor allem der popkulturell bedeutsame Captain Kronos – Vampire Hunter zum Niederknien hip. Plüschig-sensibel gerät der homoerotische The Vampire Lovers. Tough und progressiv sind die beiden ersten Quatermass-Filme aus den 50ern. Der dritte Teil, ein Endsechziger-Produkt, ist noch auf dem Weg von Britannien hierher, und ich kann es kaum erwarten, Andrew Keir, den robusten Abt aus Dracula: Prince of Darkness, in der Rolle des Action-Wissenschaftlers Quatermass zu sehen.

Dienstag, 11. Oktober 2011

Retrospektive

Wenn der Wind durch die Schluchten pfeift, einem auf dem Balkon die Kastanien auf die Birne knallen, es zwischendurch sogar einen Quasi-Wintereinbruch gibt und man(n) sich vorsorglich auf die Suche nach der langen Unterhose begibt, ja, dann sollte der Mensch sich heimelig zusammenrollen und sich mit Behaglichkeit umgeben.
Aus diesem Grund habe ich bei der deutschen und der britischen Filiale eines bekannten Internethändlers schüttenweise kostengünstige DVDs bestellt. Allesamt knuddeliges, antiquiertes Gruselzeug, das nun schrittweise auf dem Filmblog nebenan einer Retrospektive unterzogen wird. Die Abfolge gehorcht keiner bestimmten Ordnung, sondern erfolgt nach Lust und Laune und in (bisher) hoher Frequenz. Bald sind alle aufgeguckt, und die nächste Fuhre muss her. Damals war man Beschränkungen unterworfen und lernte Demut und Bescheidenheit. Aber heute, im Zeitalter der Fülle, darf man ruhig mal auf die Kacke hauen. Sattfressen statt Brosamen sammeln.
Die alten Filme der britischen Produktionsgesellschaften Hammer und Amicus sowie einiger Italiener erinnern Burschen meiner Generation an den schwer zu definierenden Punkt, an dem Kindheit in Jugend umschlägt. Wo man sich noch angemessen änstigt, aber zugleich anfängt, das Gesehene zu interpretieren und zu analysieren – und auch, die Filme zu komplettieren, soweit das damals möglich war. Es gab eben nur Kino und Fernsehen, sonst nichts. Und im Kino bekam man in dem Alter nur Disney oder Bud Spencer zu sehen. Irgendwann wurde man deswegen ein bisschen rebellisch und setzte durch, bis spät in die Nacht hinein Fernsehen gucken zu dürfen.
Das alles ist untrennbar verbunden mit der alten ZDF-Reihe „Der phantastische Film“ und ihren Fernsehpremieren klassischen Gruselguts. Der genialische Vorspann von Heinz Edelmann sollte eigentlich jeder DVD vorangestellt werden, um dieses Gefühl zu rekonstruieren, das mit „banger Erwartung“ nur unzureichend umschrieben ist.



Freitagabends nach der Probe des Musikvereins, spät, allein im elterlichen Wohnzimmer, alles dunkel. Es läuft noch die Kultursendung aspekte – laaangweilig, aber man kriegt es kaum mit, weil ja gleich … ja, gleich kommen die Vampire. Schwarzweißfernseher, schlechter Empfang, besonders im Zweiten. Mutter und kleiner Bruder schon in den Betten, Vater noch beim Kegeln. Und dann endlich der Vorspann, man kriegt kurzzeitig das Bibbern und erstarrt dann in Ehrfurcht. So geht das jede Woche, bedauerlicherweise macht die Reihe jedoch längere Pausen, um neue Filme heranschaffen zu können. Über den Bildschirm flackern Dracula und anderes Gelichter, es gibt Reißzähne in Großaufnahme, glimmende Vampiraugen, unzüchtige Dekolletées, in Flammen stehende Burgen, finsteren Tann, künstlichen Nebel, Hintergrund-Paintings und kreischende Soundtracks. Und unerhörte Grausamkeiten von ausgewiesener Eleganz. Morbid und faszinierend, den Grundfragen des Lebens nachforschend: Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Warum verwesen wir so schauerlich? Hat Caroline Munro eigentlich einen Freund? Warum haben die Mädchen aus meiner Klasse nicht solche Dekolletées?

Mittwoch, 5. Oktober 2011

Wildwest

Eine meiner Cousinen heiratete und zog das Fest unter dem Motto „Wildwest“ auf. Auf dem Platz vor dem Pfarrhaus wurde ein Zelt errichtet, die Inneneinrichtung gemahnte an einen Saloon, weiter hinten war es mehr so Pferdestall mit Stroh und Heu. Mein Bruder machte den DJ, fand aber keinen Gefallen an Country-Musik und sattelte mittendrin um auf Soul, dann auf irgendein urbanes Techno-Zeug. Sein Kumpel Holger trat dazu als Poledance-Tanzmaus auf, in knallrotem Ganzkörper-Latex. Er hatte sich im Motto geirrt. 
Die Mädels an der Theke waren als Pioniersfrauen gekleidet, aber nicht recht auf Zack. Ich bestellte ein Bier und bekam Tee in einer Blechtasse, in der noch der aufgeplatzte Teebeutel schwamm. Auf meine Reklamation hin bekam ich Moselwein mit einem Schuss Tabasco. An der Bretterwand hinter der Theke hingen Covergirls der „Neuen Revue“ mit blanken Hupen. 
Draußen gab es Hufeisen-Werfen, Klapperschlangenfangen und Blechbüchsen-Schießen mit echten 45ern und Winchesters. Die Fassade des Pfarrhauses sah danach aus wie Berlin im April 45. Ein Kind wurde von einer Schlange gebissen, und der Ortsbürgermeister, verkleidet als Doc Holliday und hauptberuflich tätig bei der Bundespolizei, saugte die Wunde aus und rettete ein junges Leben. 
Einige der Gäste waren hochinteressant. Da kam dieser ausgesprochen authentisch aussehende Cowboy rein ins Zelt, wettergegerbt, Riesenschnurrbart, ständig Kautabak spuckend und unverständlich murmelnd und fluchend. Er grabschte sturzbesoffen die Pioniersfrauen an und versuchte ständig, ihnen seine Zunge ins Ohr zu stecken. Es stellte sich im Laufe des Abends heraus, dass unter der Maske der Herr Pfarrer steckte. Großes Hallo! Als er mit seinem Colt auf die Äpfel im Pfarrgarten zielte, traf er aus Versehen eine Kuh. Vielleicht auch nicht aus Versehen. Jedenfalls wurde die Kuh gleich aufgespießt und zum Garen übers Feuer gehängt.
Eingeladen war auch Burt Reynolds, was ein bisschen verwunderte, weil er ja nicht unbedingt als Westernheld berühmt geworden war. Yul Brynner hätte ich besser gefunden. Burt kam schon völlig besoffen aus dem Hubschrauber (landete auf dem Sportplatz) getorkelt und war offenbar nur wegen des Geldes hier. Irgendwann machte er sich sogar nackig und schubste Holger von der Stange. Mein Bruder stellte derweil um auf Gilbert Becaud, während die Pioniersfrauen Burt ankreischten und sich gegenseitig ihre Korsagen lockerten. 
Später am Tag gab es einen Angriff von Indianern auf Fort Laramie. Sie wurden gespielt von den diesjährigen Kommunionkindern, der Kirchenchor verkörperte die US-Kavallerie. Nicht ganz authentisch, weil 80% des Kirchenchors weiblich sind und 60% über siebzig. Burt Reynolds versaute es, als er besoffen eine Petroleum-Lampe aus dem Baumarkt gegen die Palisaden von Fort Laramie warf und die ganze Bude abfackelte. Die Freiwillige Feuerwehr kam zu spät, weil sie erst aus ihren Galeerensklaven-Kostümen in ihre Einsatzkleidung schlüpfen musste. Auch sie hatten sich offenbar im Motto geirrt. 
Als ausgerechnet ich dann den Brautstrauß fing und Pioniersfrau Irmgard mir lüstern zublinzelte, wachte ich mit einem Schrei auf.

Dienstag, 4. Oktober 2011

Alle tot


Gestern auf Arte die restaurierten Nibelungen gesehen. Viereinhalb Stunden, und am Ende sind alle tot. So muss das sein. Ziemlich zu Anfang, als Siegfried sich dem (eher niedlich geratenen) Drachen nähert, ruft neben mir die Gemahlin der Bestie zu: „Lauf weg!“ 
Ausschnitte und Passagen waren mir bekannt, aber nicht das ganze Ding, nicht der Rhythmus. Es ist ein ziemlicher Schlauch, aber es zieht einem die Schuhe aus. Die halbe Nacht davon geträumt. Man muss nach den endlosen Schnittgewittern der Gegenwart und der CGI-Inflation das Sehen neu erlernen. Die Netzhaut abspülen. Dazu eignet sich dieser Blockbuster der Zwanziger vorzüglich. Art-Deco-Mittelalter von massiver Strenge trifft auf wuselndes Hunnen-Chaos. Frühe Comic-Ästhetik, wie später auch bei Metropolis, und die Hunnen als Ahnen der Orks, nur noch hässlicher, aber irgendwie auch sympathischer. Künstlichkeit trifft auf Natur. Es wurden seither vermutlich zahllose filmwissenschaftliche Seminare darüber abgehalten. In den Zwischentexten werden den Figuren signalhaft Wappentiere zugeordnet. War mir zum Beispiel neu. Jede Einstellung ist ein in Bewegung geratenes S/W-Gemälde mit orangebrauner Einfärbung. Was für ein Aufwand, was für eine Geometrie, was für eine dräuende tiefdeutsche Schwere, was für eine Unbedingtheit. Der Endkampf setzt immer noch Maßstäbe, und Kriemhild ist die unbedingteste Rächerin der Filmgeschichte. Eine kleine menschliche Regung gönnt sie sich beim Tod Giselhers, ansonsten nur elfenbeinerne Rächermaske. Brrr.

Donnerstag, 29. September 2011

Gewalt gegen Schüler

Heute Nacht träumte mir, dass ich an die Tafel gerufen wurde, um eine besonders komplizierte und lange mathematische Gleichung niederzuschreiben. Die Tafel war eines von den mobilen Modellen auf Rollen, und man konnte sie an der horizontalen Achse umklappen. Vorderseite nach hinten, Rückseite nach vorne und so. Das Drehgelenk war jedoch ausgeleiert. Solange ich die Kreide an der Tafel hielt und schrieb, war das kein Problem. Sobald ich aber absetzte, um über den nächsten Schritt in der unglaublich komplexen Gleichung nachzudenken, klappte die Tafel um und haute mir mit Schmackes auf den Kopf. 
Vermutlich irgendwas Sexuelles.

Dienstag, 27. September 2011

Lektoratsphysik

Mal wieder ganz simpel. Das Manuskript sollte kommen am 29.9. Einiges dran zu tun, hieß es. Der eigene Abgabetermin war der 10.10. Relativ knapp, aber machbar. Das Manuskript kam de facto am 26.9., allerdings stellt sich nun heraus, dass es am 20.9. in der Herstellung sein muss. 
Was tut der erfahrene, gutausgebildete Redakteur? Er geht in den Netto, kauft sich zwei Sechser-Packungen Snickers und einen Ring Fleischwurst, verrührt das per Rührstab in einer Kanne schwarzem Kaffee, trinkt alles aus und fasst dann mit einem nichtisolierten Draht in die nächstbeste Steckdose. Die beste Zeitsprung-Methode weit und breit. Sowas lernt man in der geheimen Lektoratsgeheimausbildung auf Schloss Dosenschreck. Wenn der Zeitsprung vier statt zwei Wochen umfassen soll, muss noch eine Banane mit rein.

Sonntag, 25. September 2011

Wear your t-shirt with pride

Ich arbeite mich nach längerer Pause durch das Gesamtwerk dieser hochwertigen, um nicht zu sagen: bedeutenden, Rockband und gehe ein bisschen auf MP3-Tour. Die Band gehörte damals nicht zur ersten Welle meiner musikalischen Sozialisation. Das ist unentschuldbar. 
Es wurde auch ein altes Versäumnis nachgeholt und endlich ein T-Shirt bestellt. Die philosophische Ermahnung an eine teilnahmslose, beliebig gewordene Welt qua Schriftzug: Besinnt euch zurück, o Sünder, auf gute, einfache Geschichten, Schönheit, Transzendenz und kontrollierte Rohheit. 
Das wirklich Tolle an der Band war für mich stets die frohgemute, maskuline Randständigkeit, aus der sich eine fast überschäumende Menschlichkeit ableitet, eine lyrische Zugewandtheit und Mitgefühl. Gespeist wurde das natürlich aus Phil Lynotts Biographie und Street Credibility, und es prägte selbst die hochkommerziellen Songs. Und wie er das in mäandernde Barden-Geschichten fasste, gesanglich interpretierte und dabei in Zwiesprache mit kongenialen Gitarristen trat. Ich bin immer wieder gerührt. Danach ist man ein besserer Mensch. Phil Lynott: santo subito!

Samstag, 24. September 2011

Papst und Toast

Ich finde, so ein Samstag gewinnt enorm, wenn man zu einer Papstmesse aufwacht, die Orgel schmettert und die Erfurter „Gloriosa“, die größte freischwingende Glocke der Welt (der Welt!), die Kaffeetasse zum Vibrieren bringt und den Marmeladen-Toast zum Zittern. Große Show, aber doch tapsig genug, um nicht allzu perfektionistisch zu wirken. Wir sind doch alle nur kleine Sünder und Nerds. Der MDR hängt sich ziemlich rein in die Kamerafahrten und -flüge und ist überhaupt mächtig stolz auf sich und sein Sendegebiet. Die Bischöfe sehen heute aus wie Vanille-Eis mit Pfirsich-Einschüssen. In Berlin waren sie noch Kermit der Frosch. Der Erfurter Bischof ist viel netter als der Berliner. Das Wetter ist schön, die Leute freuen sich, und diese Domplatz-Kulisse mit den zwei Kirchen … großartig.

Donnerstag, 22. September 2011

Live dabei

Bin noch nicht genau informiert, welcher TV-Sender welche Live-Berichterstattung vom Papstbesuch bringt. Werde einfach durchzappen. Hauptsache keine kritischen Reportagen (gähn) und Gesprächsrunden (zzzz). Die kenne ich alle schon. Jetzt ist langsam mal Zeit für katholisches Show Biz, weggeworfene Krücken, ein bisschen ekstatisches Zucken und Sprechen-in-Zungen.

Dienstag, 20. September 2011

No place safe

„O'zapft is in Kölle. Bereits zum siebten Mal wird das Südstadion zur Hochburg bierseliger, bayerischer Geselligkeit. Für ausgelassene Stimmung sorgt ein musikalisches Unterhaltungsprogramm.“ 
Und wer wohnt in der Einflugschneise dieser kulturellen Verwirrung und hat Tag und Nacht das Geboller in der Bude und kölsche Trachtentrottel-Mutanten mit mitternächtlichen Jodel-Imitationsversuchen unterm Fenster? Genau.

Donnerstag, 15. September 2011

Igel, Fledermaus, Eichelhäher und Co.

Es ist wieder so weit. Vater Reitersmann weilt an der Ostsee, und Sohn Reitersmann übernimmt für einige Tage das Kommando über das herrschaftliche Anwesen, den Waldbesitz, die Obstplantagen, die Ställe und das Fernsehprogramm. 
Die Kutschfahrt verläuft über die übliche Strecke, die inzwischen fast ausschließlich aus Baustellen besteht. Ich werde mich wohl doch mal an die Nobilität wenden und eine Beschleunigung der baulichen Maßnahmen fordern müssen. Schließlich stellt unsere Familie einen der sieben Kurfürsten. Der direkte Vergleich der belebten Bonner Straße in Köln, Startpunkt der Kutschreise, mit dem letzten Stück bis zum Freisassen-Dorf bringt mich immer wieder zum Staunen über den Kontrastreichtum der Welt. Ich werde hin- und hergeworfen in meiner Kutsche, es holpert recht ordentlich. Ich werde Baumaßnahmen verlangen müssen. 
Sofort nach Ankunft in der süßen pastoralen Einsamkeit zwischen Hecken und Streuobstwiesen und gegenüber dem schier endlosen Waldhang wird der Kutscher entlassen und eilt zu Frau und Kindern. Ich schlüpfe aus den allzu städtischen Turnschuhen und in die Pantoletten, um langsam und dem Ort angemessen durch dunkle Räume und Gänge zu schlurfen. Dunkel? Ach so, ja, die Fensterläden müssen aufgeklappt werden. Das dauert etwa vier Stunden. Dann die Pflanzen gießen, Zeitungen reinholen, die Senseo-Maschine zum Funktionieren bringen, die Lage in Kühlschrank und Weinkeller vergegenwärtigen, draußen Streunerkatzen füttern. Die Schwarze maunzt schon. 
Dann ein kleiner Marsch übers Anwesen. Alles in bester Plaisir. Einmal die Birke umarmt („Hallo, Birke!“), danach kurz im Komposthaufen gewälzt, um Geruch anzunehmen. Sofort zeigt sich, dass es sich gelohnt hat, denn der Eichelhäher setzt sich spontan auf meine Schulter. Braves Tier. Vor dem Nachbarhaus, dessen Bewohnerin unlängst verstarb, wie man hört, steht verrottender Sperrmüll und liegen gärende Äpfel von den Bäumen weiter oben am Hang. Es riecht streng. Aus den Ritzen der Einfahrt sprießt das Kraut, das Dach ist völlig vermoost. Sollte mal jemand in Ordnung bringen. Ich werde eine Verordnung erlassen. 
Dann noch eine Senseo und einige Ausgaben der Lokalzeitung lesen. Dauert exakt 3,5 Sekunden. Entspricht nicht meiner Interessenlage, dieses hiesige Druckerzeugnis, aber die Untertanen müssen nun mal (in Maßen) informiert und unterhalten werden. 
Kleiner Spaziergang durch die Ortschaft, dazu von den Pantoletten wieder in die Turnschuhe wechseln. Den Gehrock gerade zupfen. Die Freisassen und Leibeigenen grüßen freundlich und bewundern den Städter angemessen. Braves Volk. Huldvolles Winken. Einige Kinder sind ganz fasziniert von meinem Gehstock und dem Messingknauf in Gestalt eines chinesischen Drachen. Auf dem Spielplatz ist allerdings schon wieder kein einziges Kind. Ich muss mal eine Verordnung erlassen, denn die Anlage hat mich eine Stange Taler gekostet. An der Kirche begegne ich dem Herrn Pastor und werde von ihm in ein Gespräch verwickelt über „Das Wort zum Sonntag“. Offenbar spricht am kommenden Wochenende unser teutscher Papst selbst im Fernsehen. Außerdem kündigt auf Plakaten der Kirchenchor fürs Wochenende ein Fest an. Überlege, ob ich sie mit einer Anwesenheit beehren soll, entscheide mich aber dagegen, weil die braven Freisassen mir bei solchen Gelegenheiten ständig einen ausgeben und ich wohl nicht unter 3,5 Promille dort wegkommen werde und zudem den Papst im Fernsehen verpassen könnte. Außerdem würde ich auf dem Heimweg vermutlich irgendwo ins Gebüsch reihern. Das geziemt sich nicht. 
Nach Einbruch der Dunkelheit und dem Entzünden der Laternen eben noch auf der Kiesauffahrt eine besinnliche türkische Zigarre im Nachtrock. Igel, Fledermaus und eine rote Katze gesellen sich hinzu. Danach im Schlafgemach noch einige edle Tropfen in Nuss und dem Knarzen der Deckenbalken lauschen, bis der Schlaf einen schließlich überkömmt.

Sonntag, 11. September 2011

The Business Trip

Damals, Herbst 1993, war ich auf der Tour, welche dieses Live-Album abbildet, und das Zwerchfell flattert immer noch manchmal, wenn es sich daran erinnert. Das kurz darauf publizierte Live-Album vernachlässigte ich allerdings immer ein wenig. Das Problem, fand ich, nahm seinen Anfang beim Studioalbum, das der Tour zugrunde lag. It’s The Business Of The Future To Be Dangerous war so technobasiert, dass es keine nennenswerten Songs und dementsprechende klassische Strukturen enthielt. Ob experimentelle oder kommerzielle Absichten dahintersteckten oder einfach nur kreative Verlegenheit, blieb unklar. Die Platte geriet jedenfalls reichlich amorph. Viele Fans mochten sie nicht, und um die Stammhörer auf der Tournee trotzdem bedienen zu können, musste sozusagen um das Album drumherum gespielt werden, ohne neues Songmaterial zum Promoten zu haben. Außerdem operierte die Band damals als Trio, das sehr viel Sound zu produzieren hatte und deswegen auf der Bühne kaum präsent wirkte. Ein bisschen wie eine Mixtur aus späten Pink Floyd und den zeitgenössischen Techno-DJs, die sich hinter ihren Aufbauten und Maschinen verbargen. Das Bearbeiten der Instrumente und das Abrufen zahlloser Samples forderte die ganze Aufmerksamkeit der drei schwer ackernden Bühnenaktivisten. Muss eine ziemliche Tüftelei gewesen sein, bis dieses Programm stand. 
The Business Trip kam mir immer etwas zahm vor, im Gegensatz zum Konzert damals. Die Platte funktioniert in einer Art Modul-Bauweise, bei der um einige zentrale ältere Songs herum Strukturen und Fragmente sowohl des neuen Studioalbums wie auch Aktualisierungen betagterer Passagen gestellt werden. Selten sind die Übergänge zwischen den Modulen scharf, alles fließt episch ineinander und beharkt einen förmlich mit Dynamikschwankungen und -brüchen, abrupten Wechseln zwischen meditativ-halluzinogem Geschwebe und bretthartem Rock. Tatsächlich hat man mit dem Kauf dieser CD einen Trip gebucht, einen Flug durch eine imaginäre, oft surreale Galaxie, in der es immer was zu gucken gibt. Besichtigung eines postsozialistischen Abbruchviertels auf einem Planeten mit violetter Oberfläche, danach mit Lichtgeschwindigkeit links am Altair vorbei zur Welt Elysium, rüber zur submarinen Zivilisation des Grünflossigen Dämons, danach einen Abstecher zur Goldenen Leere, um kurz darauf in eine wilde Raumschlacht verwickelt zu werden, in der die Laserkanonen mächtig grollen. 
Beim jüngsten Trip durch dieses Terrain habe ich diese Inszenierung sehr genossen. Mit dem exzellenten Sound und der erzählerischen Wucht ist es womöglich eines der besten Live-Alben der Band – sofern man Live-Alben nicht auffasst als möglichst perfektes Rekonstruieren von Studiosongs. Und es ist mir angesichts mancher explosiven Ausbrüche ein völliges Rätsel, wie ich The Business Trip jemals für „zahm“ halten konnte.

Samstag, 10. September 2011

Aufräumen II

Das Billy wurde schneller aufgebaut, als das menschliche Auge folgen kann. Die Gattin meint, es seien nur seltsame Lichteffekte, optische Schlieren und Nachbilder zu sehen gewesen. Selbst das Festnageln der Rückwand ging so rasant, dass das Hämmern sich offenbar anhörte wie ein schnelles, hochfrequentes Quietschen oder Zirpen. Ich kann mich an nichts erinnern und war danach nicht mal erschöpft. „Mein starker Held“, sagte die Gattin. „Kraul mir die Locken“, sagte ich. 
Der „Arbeitsplatz“ ähnelt nun einer weiten mesopotamischen Landschaft kurz nach dem Schöpfungsakt und vor der Ankunft des Menschen. Muss mir nur noch einen Platz überlegen für Lumpi, das vollkommen zerknuddelte Stofftier (Bär? Hund?), das mir Großtante Änni, selig, zum Geburtstag (= Tag der Geburt) schenkte und das mich seit fast 45 Jahren begleitet. Zuletzt lag es etwas vernachlässigt unter irgendwelchen Papierstapeln am Schreibtischrand und muss jetzt dringend mal aufgewertet werden.

Freitag, 9. September 2011

Aufräumen

Man wird nicht jünger. Ich habe das Gefühl, dieses verpackte Ikea-Billy durch die halbe Stadt geschleppt zu haben, dabei war es nur vom Anwohnerparken vorm Haus bis hier herein ins Hochparterre. Kaum auszudenken, wie der Mann sich erst fühlt, wenn er das Ding morgen aufgebaut hat. 
Das Billy ist gedacht für eine ziemlich unaufgeräumte Ecke der Wohnung, die man krass beschönigend als „Arbeitsplatz“ bezeichnen könnte, und dient hauptsächlich dazu, des Zweimeterfünfzig-Stapels an Gutachten-Material Herr zu werden. Der Stapel wird nicht kleiner, da ich die Tätigkeit für diesen Anbieter auf Eis gelegt und den Empfang weiterer Texte abgelehnt habe, solange andere Verlage so nett sind, deutlich lukrativere Aufträge zu vergeben – und das in hoher Frequenz. So etwas nennt man Marktwirtschaft. Da keiner vom Gutachten-Verlag mault, bleibt der Stapel also erstmal hier, wird aufs neue Billy verteilt und dient als Notgroschen für magere Zeiten. Auch wenn Gutachten dann eventuell mit zehnjähriger Verspätung bei denen eingehen und bis dahin der deutsche Markt austrocknet. 
Der Höhepunkt der Aufräumaktion in dieser Ecke wird jedoch das Ersetzen des alten Event Horizon-Posters durch das neue Totoro-Poster. 
Es wurden weiterhin zwei zusätzliche Regalböden für das Ivar-System erstanden, denn aus einem der Ivars wurden die meisten Bücher weggeräumt, dann wurden mittels der beiden neuen Böden die Höhen der einzelnen Fächer reduziert, schön gleichmäßig, um darin haufenweise Kampfjets in 1:48 oder 1:72 unterzubringen. Das Killermaschinen-Tableau wirkt in dieser Massierung reichlich manisch, aber das muss so.

Donnerstag, 1. September 2011

Grundnahrungsmittel

Gerade stand ich mal wieder vor dem unübersichtlichen Knabbereien-Regal der spätkapitalistischen, globalisierten, saturierten Gesellschaft und versuchte mich zu orientieren. Dabei durchwehte mich ein sentimentales Gefühl des Bedauerns. Im Grunde bin ich markentreu bis zur Selbstverleugnung, außer man provoziert mich grundlos.
Ich weiß nicht mehr genau, wann Chio Chips die Rezeptur verändert hat. Muss schon Jahre her sein. Aber seitdem scheidet die Marke aus, obwohl sie in der Jugend das Grundnahrungsmittel Nummer eins darstellte. Der Konzern lebte mehrere Jahre lang allein von mir. Ich bezahlte deren Gehälter. Das wird sicherlich daran gelegen haben, dass der frühkapitalistische, unglobalisierte Tante-Emma-Laden im Dorf (selig) nur diese eine Marke führte und der Griff zur roten Tüte obligatorisch war. Besonders beliebt waren Chio Chips übrigens nach einem Besuch im Schwimmbad. Das gechlorte Wasser hat irgendwas mit den Geschmacksnerven angestellt, und die direkt darauffolgende Verabreichung von Chio Chips führte zu einer ungeheuren Geschmacksexplosion, nach der einem ganz entzückend die Birne brannte.
Seit geraumer Zeit haben die gewöhnlichen Chio Chips einen neuen Geschmack, „Red Paprika“ oder so was, der mit dem der Jugend definitiv nicht mehr konform geht. Irgendwas ist da anders, irgendein Mad Scientist hat drauflos gemixt, vermutlich mit dem Auftrag, es „jugendlicher“ zu machen.
Habe schon seit langem umgestellt auf die normalen Geschmackstypen von „funny-frisch“, nachdem allerdings auch hier einige Sorten (afrikanisch, asiatisch) verworfen wurden als pseudo-exotischer, spätkapitalistischer Globalisierungs-Mumpitz.

Donnerstag, 25. August 2011

Flussfahrt nach Zons


Zons, eine Ortschaft irgendwo hinter Leverkusen, könnte ein weltvergessenes Fleckchen sein, wenn im Sommer nicht Bus- und Schiffsladungen von Touristen hier abgeladen würden. Der Grund liegt darin, dass Zons im Mittelalter Zollfeste des Kölner Erzbischofs war und dass sich das historische Ensemble hübsch erhalten hat. Komplette Stadtmauer, Wehrtürme, Mühle, Fachwerk, enge Gässchen. Obwohl unwesentlich größer als unsere Küche, legt der Ort trotzigen Wert auf die Bezeichnung „Stadt Zons“.
Wenn mal wieder etwas Bräune an den blassen Kadaver soll, was liegt da also näher als eine Schiffsfahrt nach Zons auf dem Sonnendeck der Drachenfels? Natürlich ist das eine Rentnertour, und die Rentner erweisen sich bereits beim Entern des Schiffs als skrupellos. Kaum geht die Absperrung an der Landebrücke auf, drängeln und schieben sie, rufen sie Parolen, heizen Gattinnen ihre Männer auf, schwingen Handtaschen und beißen mit den dritten Zähnen. Dann strömen sie auf die Unterdecks an die reservierten Tische zu Kaffee und Kuchen sowie Mittagessen. Bis aufs Sonnendeck kommen die meisten gar nicht erst. Sie interessieren sich eben nicht so sehr für die Landschaft, sondern für die Speisekarte. Und sie wollen sich mit Gleichgesinnten über künstliche Hüftgelenke und geschwollene Fußgelenke austauschen.
Hier, auf dem Sonnendeck, geht es daher eher meditativ zu. Die Servicekraft ist aufmerksam, die Preise niedrig. In einen Stuhl gefläzt, die Beine auf der Reling, schaut man der Landschaft beim Vorbeigleiten zu. Kölner Panoramen, Auen und Wäldchen, Yachtclubs, Campingplätze, ein Pferdegestüt, chemische Industrie, vorbeiziehende Pötte. Zwei sehr angenehme Stunden Fahrt in Sonne und Flussbrise.
Am Zielort schlagen die Rentner wieder zu. Alle strömen gleichzeitig zum Ausgang. Vielleicht wollen sie auch vor der Musikberieselung im Schiffsinneren fliehen. Dann stellen sie, jeder für sich, fest, dass die Laufplanke, die das Schiff mit dem Anleger verbindet, eng und steil ist. Jeder Rentner benötigt gefühlte fünf Minuten für die drei Meter. Crewmitglieder tragen die Rollatoren hinterher. Als wir endlich im zwei Fußminuten entfernten Zons ankommen, die stetig stockende Rentnerkarawane auf dem schmalen Fußweg rechts überholend, ist eine halbe Stunde des zweieinhalbstündigen Aufenthalts schon vorbei. Die Rentner verteilen sich auf die überdurchschnittlich hohe Anzahl an Restaurationsbetrieben und Eisdielen. Nach dem Mittagessen an Bord, dem anstrengenden Ausstieg und dem Fußmarsch brauchen sie Stärkung und müssen untereinander ein bisschen klagen.
Tatsächlich ist der Ort pittoresk. Mag sein, dass hier Mittelalterfilme gedreht wurden. Löblich: Die Stadt erkennt ihr Kapital; hier wird alles auf alt gehalten. Keine grelle Werbung, keine Take-aways, kein Fast Food, kein Neon. Die Sehenswürdigkeiten sind in einer knappen Stunde erwandert und aufgeguckt. Auf der Freilichtbühne am Schloss wird „Des Kaisers neue Kleider“ gegeben, allerdings nicht heute. Die Kirche ist zu – um Vandalismus vorzubeugen, informiert eine Tafel. Das ist in Zons schwer vorstellbar. Drumherum idyllisches plattes Land. Gegen Ende wird es dann doch noch knapp, da der spontan ausgewählte Restaurationsbetrieb trotz wenig Zulauf für das Kredenzen eines höchst mittelmäßigen Salats und einer soliden, aber gewöhnlichen Lage Bratkartoffeln mit Spiegelei eine geschlagene Dreiviertelstunde benötigt. Und die Cola war lauwarm und abgestanden. Schwach. Wir hätten uns, so wie die Rentner, eben auf dem Schiff die Bäuche vollschlagen sollen und hätten nach hinten raus noch etwas Zeit gehabt, an irgendeinem mittelalterlichen Stadtmauerplätzchen kontemplativ zu verweilen und uns als Rittersleut zu fühlen. Auf dem Weg zum Schiff treffen wir dann immerhin noch das sagenumwobene „Dicke Kind von Zons“. Die Gerüchte stimmen: Es ist ziemlich dick. Und hässlich.
Auf der Rückfahrt nieselt es, was die Rentner in den Eingeweiden des Schiffs festhält. Alles frei hier oben. Mehr Verkehr auf dem Rhein zu dieser Stunde, und ich bewundere die Manövrierfähigkeiten der Flusskapitäne, vor allem wenn drei Pötte gleichzeitig, einmal sogar vier, aneinander vorbeifahren müssen. Totales Flussfeeling.
Danach vom Anlegesteg zu Fuß nach Hause. Lange genug gesessen. Die erwünschte Bräune am blassen Kadaver entpuppte sich am Abend mehr so als Röte. „Du leuchtest“, sagt die Gemahlin. „Du auch“, sage ich.

Montag, 22. August 2011

Gewonnen!

Heute Nacht träumte mir, dass ich in der zweiten Klasse den Buchstabierwettbewerb gewonnen habe. Abgefragt wurden die Wörter „Redundanz“, „Entropie“, „Solipsismus“, „Schwanzgesicht“, „Fahrstromstörung“, „Unbedingtheit“, „Kackstelze“ und „Papstmesse“. Kein Wunder, dass ich gewonnen habe, denn es sind meine Lieblingswörter.
Als ersten Preis gab es einen Plüschpapagei.

Sonntag, 21. August 2011

Be Bop Deluxe

Die späteren Alben der Band (etwa: Modern Music oder Sunburst Finish) sind mir heute etwas zu geschmäcklerische 70er-Hipness, teilweise kitschig. Trotz der Spaceage-Ästhetik. Gegen Ende der Bandkarriere wird es mit den New-Wave-Anteilen wieder besser. Mastermind und Gitarrengott Bill Nelson verflüchtigte sich danach vollends in Wave, später in Ambient und Hermetik und Introspektive.
Das Debütalbum Axe Victim von 1974 jedoch entfaltet nach wie vor diesen entschlackten, wohlorganisierten Blues-Rock-Charme. Vorder- und Rückseite des Covers suggerieren eine frühe Heavy-Metal-Band mit Glam-Anteilen und Proto-Gothic, tatsächlich aber ist Axe Victim ein freundlich-poetisches Idyll, in dem zwar auch stramm drauflos gerockt wird, das aber eher zum Erzählen neigt statt zur Motorik. Auch die zahllosen Gitarren-Soli und -Duette ordnen sich dem unter. „Love is Swift Arrows“ ist so ein typisches Beispiel, aber auch „Night Creatures“ und „No Trains to Heaven“ bleiben Standards.
Ein Jahr darauf hatte Bill Nelson die Band mit neuen Leuten zum Trio geschrumpft und schuf mit Futurama das erste jener verschnörkelten, romantischen Pop-Rock-Alben, die mir heute ein bisschen zu schwülstig daherkommen. Das letzte Album Drastic Plastic kombiniert Wave-Elemente mit Seventies-Rock und tritt mit Kunstanspruch an.

Anime

In der Anime-Ausstellung in Bonn gewesen. Das Schöne ist ja, dass man sich dafür kaum bewegen muss. Vor der Haustür in die Linie 16 einsteigen und vor der Bundeskunsthalle wieder aussteigen.
Vage enttäuscht von der Ausstellung. Hübsch anzusehen und großzügig in den Abmessungen, jedoch zu wenig Information oder detaillierte Hintergründe über Schaffensprozesse. Filme werden mit ein paar Originalfolien und Inhaltsangaben abgespeist. Um Cross-Marketing-Produkte und Filmausschnitte zu sehen oder eine Runde in irgendeinem Wii-Spiel zu spielen, muss ich nicht zwingend ins Museum gehen. Da reicht wohl auch ein Manga-Laden mit ein paar Vitrinen. Das „Erotik-Kabinett“ ist zwar sündig rot, aber ansonsten sehr zahm. Zutritt empfohlen ab 18, na ja, da könnte man problemlos einen Sechsjährigen abladen.
Immerhin ein bisschen was gelernt über die verschiedenen Anime- und Manga-Typen und die weltbewegende Erkenntnis gewonnen, dass es in diesem Marktsegment ziemlichen Schund gibt, aber auch Meisterwerke. Wer hätte das gedacht? Lag nach dieser Erleuchtung eine Weile erschöpft auf einem hippen Sitzsack herum. Will auch so einen.
Schwer enttäuscht darüber, dass es das Ausstellungsplakat nirgendwo als Poster zu kaufen gab. Stattdessen zu Hause im Internet endlich mal ein original japanisches Totoro-Poster bestellt – mit der besten Filmszene aller Zeiten drauf.
Auf dem Museumsvorplatz spielten abends Ich und Ich. Der Soundcheck war gerade im Gange. Anhand der Art, wie der Roadie die Gitarre abstimmte, glaubte ich zu erkennen, wer spielen wird, noch ehe ich die Plakate sah.

Montag, 15. August 2011

Social Network

„Was macht ein Misanthrop wie du eigentlich in einem Social Network?“
„Leute online verachten.“

Samstag, 13. August 2011

Skript für eine Narrenträne (oder so)

Gerade online noch mal Script For A Jester’s Tear von Marillion durchgehört und als unfreiwillig komisch verworfen. Mehr als einmal schmerzhaft das Gesicht verzogen. Nee, die kommt mir als CD oder Download nicht ins Haus.
Nach wie vor bin ich der felsenfesten Überzeugung, dass ich der Erste in der kreisfreien Stadt und dem drumherum liegenden Landkreis war, der 1983 dieses Debütalbum kaufte. Ich sah die LP in der Plattenabteilung des Kaufhof einsam herumstehen und fühlte mich angesprochen sowohl von dem tolkienesken Bandnamen wie auch dem überladenen Cover. Der kleine Entdecker war wieder mal auf Pirsch.
Als Rock-Anfänger war mir das schon ein bisschen rätselhaft. Zweifellos aktueller Frühachtziger-Sound, aber mit „epischen“, nahezu rezitatorischen Zügen, die auf etwas Älteres zurückverwiesen. Diese langen Stücke und ihre melodramatische Inszenierung, die aufwendigen Keyboards mit Klassik-Kuschel-Faktor, die Dynamikschwankungen, der expressive Gesang, die stetige Aufforderung seitens des Sängers, in seinen pathetischen Texten zwingend etwas künstlerisch Hochwertiges sehen zu müssen.
Erst zwei, drei Monate später las ich einen ersten kleinen Artikel über diese Newcomer-Band in der Zeitschrift „Musik-Szene“. Darin wurde Frontmann Fish nahe an ein Peter-Gabriel-Plagiat herangerückt und zitiert mit einer ganzen Latte von Einflüssen, die ich fortan mithilfe meiner Zeitungsjob-Geldquelle brav abarbeitete. Obwohl Fish darauf bestand, „moderne“ Musik zu machen und auch auf New Wave und Post-Wave zu rekurrieren, wurde seine Band von den musikjournalistischen Spaßbremsen doch eher angegangen als Retro-Truppe, als käsige Renaissance des überwunden geglaubten Progressive Rock. Mir fiel dann irgendwann auch die eklatante Abhängigkeit von Gabriel auf, mehr aber noch die von Peter Hammill. Der Anfang von Script … etwa ist Hammill circa anno 1973. Ich kaufte mir schließlich noch das Nachfolgealbum Fugazi, danach war Schluss. Während die Marillion-Alben an eine Mitschülerin verkauft wurden (fünf Mark das Stück), begann eine Liaison mit dem originalen, authentischen ProgRock der Siebziger, die letztlich in eine intensivere Liebesaffäre mit dem Hardrock und dem Psycho mündete. Der Marillion-Durchbruch, der Airplay-Hit „Kayleigh“, traf mich bereits mit verächtlich hochgezogener Oberlippe an.
Ich musste beim aktuellen Durchlauf des Debütalbums einige Songs echt abkürzen, denn die bedeutungsschwangere Amateur-Lyrik, das wichtigtuerische Gejammer, das instrumentale Herumgeschlacker und die Keyboard-Flokatis waren kaum zu ertragen. Manchmal ist es nicht förderlich, in die eigene Biographie abzutauchen.

Freitag, 12. August 2011

Breitschwert und Biest


Frühjahr 1982. Ich hatte gerade diesen Aushilfsjob bei der Zeitung bekommen. 40 Mark in der Woche, 160 im Monat. Damals als Taschengeld nicht zu verachten.
Zuvor hatte ich es mir immer zweimal überlegt, ob ich mir eine Platte kaufen sollte oder nicht. Musste schließlich dafür sparen. Das war nun vorbei. Die Hälfte des wöchentlichen Salärs wurde ab sofort in eine LP investiert. Eine Neuerscheinung kostete damals so 16,99 bis 17,99 DM. Im Fall von „Nice Price“-Produkten (7,99-9,99) konnten es auch schon mal zwei Platten werden. Es öffneten sich auf einmal neue Horizonte.
Ich wollte mich verändern, erweitern. Rockiger werden, weg vom Pop meiner Epoche und mich aufmachen in die märchenhaften, unbekannten Lande jenseits des täglichen Airplay-Horizonts. Da gab es so unendlich viel Material, das die Altvorderen uns hinterlassen hatten. Die erste Platte vom neuen Geld musste unbedingt zelebriert werden. Die Wahl fiel auf die legendäre, mythophile, flötenfetischistische, offenbar auch ein bisschen exzentrische Hardrock-Band Jethro Tull und ihr brandaktuelles Album The Broadsword and the Beast. Selbstverständlich zog mich auch das Fantasy-Cover an. Wahrscheinlich war es sogar der wichtigste Kaufanreiz.
Wenn ich die Platte heute mal wieder durchhöre, überläuft mich immer noch derselbe Schauer wie damals. Eine LP zum Entdecken, und exakt das richtige Album für den mythophilen Rock-Novizen. Ein Gefühl der Dankbarkeit durchrieselt mich.
Eine Inszenierung zwischen modern und klassisch-archaisch, voll von folkigem Hardrock, losgelassener Flöte und schönen Gitarren- und Mandolinenfiguren, düster dräuenden Fantasy-Metaphern, süffisanten Kalter-Krieg-Botschaften, poetischer Inbrunst mit Edda-Touch, mittelschweren Riffs und balladesker Schönheit. Selbst die hymnischen Stücke sind nicht klebrig, sondern zielen in melancholische Weiten (etwa: „Slow Marching Band“). Für Tull-Verhältnisse relativ neu waren die tuckernden Synths und Keyboard-Fanfaren, der geschmeidige Pop-Anteil, aber das wusste ich damals selbstverständlich noch nicht. Nach heutigen Maßstäben klingt das Album nur in wenigen Momenten nach käsigen Achtzigern (etwa: „Flying Colours“); der Rest ist zeitlos und gänsehauttechnisch nach wie vor groß. Danach wurde Woche für Woche der gesamte Tull-Backkatalog angeschafft. Und herrje, was gab es da alles zu entdecken!
Das persönliche Broadsword-Highlight heißt immer noch „Clasp“.

Montag, 8. August 2011

Deep Impact

Mannomann, das war ein Schwinger, diese Ruhr-Epidemie, die Gattin und Gatte übers Wochenende niedergestreckt hat. Als wäre ein Komet in den Verdauungstrakt eingeschlagen. Der Gattin geht’s wieder merklich besser, danke der Nachfrage. Der Darm des Gatten offeriert inzwischen auch wieder feststoffliche Endprodukte, die Bleischwere ist größtenteils aus Kopf und Gliedern gewichen, lediglich der Magen brennt noch ziemlich und zügelt den Appetit. Auf die Darstellung weiterer Details wird aufgrund eines ästhetischen Restempfindens verzichtet.
Kabautz. Einfach so synchron umgehauen worden. Muss irgendwas im Essen gewesen sein, aber was genau, das bleibt ein Mysterium. Nichts davon war irgendwie exotisch oder ungewöhnlich. Das Leben bleibt unberechenbar.

Sonntag, 7. August 2011

Tull

Noch so ein altes Schätzchen, an dem es sich abzuarbeiten gilt. Tatsächlich war Jethro Tull die erste Band, die den 14jährigen Vollidioten damals davon abbrachte, ELOs Discovery oder Alan Parsons Tales of Mystery and Imagination für die besten „Rock“-Alben aller Zeiten zu halten.
Das ist eine Leistung, die Maßstäbe setzte, dennoch bewerte ich Jethro Tull heute ein bisschen ambivalent. Angeführt wurde die Band von einem selbstverliebten Autokraten, der auf der Bühne die Rocksau ebenso verkörperte, wie er Spontaneität vorgab. Einer, der je nach Bedarf den Rocker, den Bauersmann, den Komödianten, den Bildungsbürger, den Poeten oder den irren Rattenfänger herauskehrte und durch die Jahre halbherzig alle möglichen Stile aufgriff und verhunzte.
Das wäre die eine Sichtweise. Tatsächlich aber hatte Ian Anderson genialische Züge, ließ sich von niemandem reinreden und erschuf neben prätentiösen Monstren auch runde, atmosphärisch unglaublich dichte Alben. Seine Mitspieler waren allererste Sahne und durften ihre Talente auch ausleben, solange sie sich den Konzepten des Maestros unterordneten. Saufen, huren und bunte Pillen schlucken durften sie angeblich nicht, zumindest nicht auf Tourneen (die viele Musiker ja am liebsten genau deswegen unternahmen). Nein, solche Exzesse hätten die Perfektion der nächsten Show gefährdet.
Die ersten drei Alben schienen mir damals, als ich Tull-Platten zu kaufen begann, 1982, bereits zu sehr gealtert in ihrem Bluesrock-Bestreben. In Aqualung (1971) hingegen bin ich monatelang spazieren gegangen. Auch Thick as a Brick mochte ich ungemein, während mir A Passion Play größtenteils verschlossen blieb. War Child empfand ich als eine Art skurrilen Comic, viel eher noch als das gezielt im Comic-Design gestaltete, etwas langweilige Too Old to Rock’n’ Roll: Too Young to Die. Dazwischen gab es noch Minstrel in the Gallery, das ich bis auf den heavy Titelsong auch etwas behäbig fand.
Ich war ein Riesenfan des „Folkrock“-Albums Songs from the Wood (1977), zumindest so lange, bis ich mal richtigen Folkrock hörte. Ian Andersons Kokettieren mit der Musik der Bauersleut war wenig mehr als das: Kokettieren nämlich. Das Cover ist symptomatisch. Anderson an einem Lagerfeuer mitten im Wald, in Landburschentracht, mit erlegten Fasanen nahebei. Wenn man genauer hinschaut, ist das alles Kulisse. Das Unterholz hinter ihm ist auf eine Glasscheibe gemalt, weder Feuer noch Holz noch Fasane sind echt. Die Aufnahme entstand vermutlich in irgendeinem Fotostudio in London. Was auf Songs from the Wood nach Folkrock klingt, ist genau dasselbe: eine Simulation. Es gibt nicht viele akustische Instrumente, erst recht keine authentischen, vieles wird mit E-Gitarre, Keyboards, Synths und mithilfe aufwendiger Arrangements und Studiomätzchen gemacht. Und die Botschaften passen in ihrer landmännischen Simplizität auch ganz gut zu diesem Innenarchitekten-Folk: „songs from the wood make you feel much better“ oder auch, rührenderweise: „it’ll make of you an honest man“. Echte Folker haben das Simulationsunternehmen Jethro Tull deswegen gehasst. Jedoch ist Anderson seit jeher ein Ironiker gewesen, der so etwas absichtlich macht. Das witzige Backcover, auf dem ein Baumstumpf zum Plattenteller wird, bespielt von einem mordsteuren Designer-Tonarm, macht sich über die Platte und ihre Botschaft lustig. Und über den Hang der Stadtmenschen, sich aus Smog und Verkehrslärm in die geordnete pastorale Schönheit früherer Epochen wegzudenken. Die dickensianische, urbane Blues-Hardrock-Robustheit der früheren Band war nach einigen ProgRock-Monstrositäten nun dem Charme eines britischen Freilichtmuseums gewichen. Oder dem einer Fototapete. Oder dem eines Mittelalter-Festivals, bevor es Mittelalter-Festivals gab. Auf Heavy Horses wurde das fortgesetzt und geriet in seinem Drang zur pastoralen Harmlosigkeit fast ein bisschen zu schmerzfrei.
Andererseits: Wenn ich heute irgendwo diesen pseudo-historisierenden Gothic-Folk-Metal und seine simulierten Simulationssimulationen zu hören kriege, bin ich verdammt froh, den sofort abwürgen und zu Tull-Platten greifen zu können.
Seit geraumer Zeit bevorzuge ich Stormwatch, den düsteren Nachzügler der Folk-Phase und Tull-Spätheimkehrer. Dieses Album ist wieder mächtig elektrifiziert und veredelt die Folkrock-Restbestände durch ihre Verwendung im Hardrock-Kontext. Die Lyrik ist phänomenal dunkel, die elegischen Teile sind allem Anschein nach tief empfunden und völlig ernst gemeint. Die kritische, nahezu apokalyptische Botschaft ist kein bisschen hysterisch oder alarmistisch, sondern eine mythische Verdichtung britisch grünen Gedankenguts, exemplifiziert an den harschen Landschaften und magisch-realistischen Stimmungen nordbritischer Küstenstreifen.
Danach wurde Tull dann modern. Die beiden Alben A und The Broadsword and the Beast übertünchen die Abriebsverluste mit Elektronik, A macht das ziemlich gut. Under Wraps wagt sich noch viel weiter auf dieses Terrain vor, danach wird Tull zu etwas hardrockiger angedachten Dire Straits, wobei Roots to Branches noch mal den erfreulichen Ausflug auf ein spannenderes World-Music-Areal versucht.

Mittwoch, 3. August 2011

Cameron in der Südstadt

Scheint sich doch um ein größeres Hollywood-Filmprojekt zu handeln, was die hier drehen. Voll generalstabsmäßig und so. Bombastisch. Würde mich nicht wundern, wenn James Cameron dahintersteckt. Am Sonntag fuhr ich das Auto wegen der Dreharbeiten in eine Nebenstraße. Heute Morgen klingelt eine Politesse und meint, mein Auto stünde im Halteverbot wegen Filmaufnahmen. Ich entgegne: „Es stand im Halteverbot wegen Filmaufnahmen.“ Sie meint: „Nein, es steht im Halteverbot wegen Filmaufnahmen“ und fügte hinzu: „Bitte wegfahren, die bauen gerade auf.“ Tatsächlich hat Cameron nun mit seiner Crew auch die Nebenstraße in Beschlag genommen. Habe sogar einige Weltstars gesehen, die da herumlungerten. Mir fielen nur wieder die Namen nicht ein. Habe das Auto jetzt in eine andere Nebenstraße gefahren. Morgen kommt dann wahrscheinlich die Politesse und meint …

Sonntag, 31. Juli 2011

Weltstars zum Anfassen

Direkt um die Ecke drehen sie mal wieder einen Film, einsehbar vom Balkon aus. Könnte „Alarm für Cobra 11“ sein. Alles voller Weltstars, deren Namen mir gerade entfallen sind. Man könnte mit Autogrammwünschen hingehen und anhand der Unterschrift versuchen, den Namen zu googeln. Der Anwohner jedenfalls trägt sein Scherflein zum Kulturgut bei, indem er sein Auto aus der Parkverbotszone wegfährt, damit die Weltstars, ihre Visagisten und ihre Schmink- und Catering-Mobile Platz für ihre Egos haben. Könnte sowieso ratsam sein, die Straße zu räumen, denn womöglich fliegen hier heute noch ein paar Sportwagen durch die Luft. Aber ich glaube, sie drehen hier meistens die Schießereien zu Fuß. Wenn also im Laufe des Tages Schüsse peitschen und ein paar tote Weltstars auf der Kreuzung herumliegen, ist das kein Grund, aus der Kontemplation hochzuschrecken.

Dienstag, 26. Juli 2011

Drei auf einmal

So mögen wir das. Drei eilige, schön dotierte Redaktionsaufträge gleichzeitig, die sich sozusagen ineinander verschränken. Eine gewisse Herausforderung, bei der darauf zu achten ist, die drei Dateien bloß voneinander fernzuhalten und bei eventuellen Copy-and-Paste-Schritten im jeweiligen Text zu bleiben. Sonst könnte es ein entzückendes postmodernes Durcheinander geben. Die Remix-Strategie ist in der Unterhaltungsliteratur noch nicht gänzlich angekommen, und ich möchte mich ungern als Innovator aufspielen. Aber gut zu wissen, dass man die Macht dazu hätte.

Donnerstag, 21. Juli 2011

Jetzt digital

Unser neuer Digital-Kabelanschluss mit seinen 300 Kanälen ist eher eine Zwangsmaßnahme. Bibel-TV, Al Jazeera auf Arabisch und „Ikebana für Manager“. Benötigt hätten wir das eigentlich nicht, aber okay, freunden wir uns eben damit an. Leider erwies sich der Anschluss seinerseits als unfreundlich: Nach Ankunft und Anschluss des Digital-Receivers gab sich der Empfang bescheiden, um nicht zu sagen: komplett beschissen.
„Wenn was ist: Anrufen!“, hatte mir der Mann von der Betreiberfirma noch mitgeteilt, ehe er mit dem frisch unterschriebenen Vertrag um die Ecke verschwunden und zum nächsten Kunden entfleucht war. Also schauten wir weiter Analog-Kabel, aber ich nahm ihn natürlich beim Wort, den Mann, und erwischte ihn auf einem Campingplatz in Norddeutschland. „Wie ist das Wetter in Köln?“, fragte er. „Bedeckt“, sagte ich.
Es war nur ein Kurzurlaub, und er hielt Wort. Gestern fror mitten in der Analog-Tagesschau die großartige Susanne Daubner ein und schaute mich einen Moment lang erotisch streng an, als wollte sie sagen: A Quadrat plus B Quadrat gleich C Quadrat ... Nicht in der Nase popeln, und sitz endlich gerade! Dann waren sowohl sie wie auch der Empfang ganz weg. Ich wusste: Aha, er ist im Keller und schraubt rum. Er brauchte für die Signalverstärkung exakt zwei Minuten und kam mir, als ich runterging, schon freudestrahlend entgegengespurtet. Ich sagte: „Mein Bild ist weg.“ Er antwortete: „Versuchen Sie’s jetzt! Versuchen Sie’s jetzt! Müsste prächtig sein!“ 
Korrekt. Prächtig. Danach saßen wir noch ein Weilchen auf dem Parkett vor der Glotze, er nahm mich an der Hand und erklärte mir die Kniffe der neuen Fernbedienung: „Schmeißen Sie die Gebrauchsanleitung weg, und passen Sie JETZT auf!“ Zwischendurch klingelte sein Handy mit der Pink-Panther-Melodie. „Lass mich in Ruh, bin beim Kunden!“, rief er in Richtung Gürtel-Etui. Susanne Daubner war noch auf Sendung, er zappte an ihr vorbei, blieb kurz hängen und sagte mit einem Augenzwinkern: „Aaah, sieht die heute wieder scharf aus!“ Er hatte völlig recht: Susanne war schärfer und strenger denn je. Dann programmierte er mir zu Demonstrationszwecken DSF auf Platz eins der Favoriten. Vermutlich weil das sein Lieblingssender ist. Es lief gerade Werbung für Energy Drinks. Als er weg war, löschte ich DSF, holte Susanne zurück und setzte sie auf die Eins. Fernsehtechniker sind schon coole Säue.