Dienstag, 22. Dezember 2009

Dorf-Porträt II

Das Dorf-Porträt steht jetzt im Netz. Die Qualität ist okay, nur der Sprecher hört sich auf meinen Lautsprechern an, als würde er in eine soeben geleerte Dose Ravioli hineinquatschen. Zwischen 4:52 und 4:55 ist mein Vater im Bild, am Tisch ganz vorn. Im alten Pfarrhaus haben wir neulich unsere Hochzeit gefeiert.
In einem Punkt gehe ich mit dem Autor des Beitrags konform: Die Dreharbeiten zu Jan vom goldenen Stern (1979) waren das bedeutendste Ereignis der weit über tausendjährigen Dorfgeschichte. Absolut. Ich besaß ein Autogramm des Hauptdarstellers Balthasar Lindauer (Gruß nach London oder wohin auch immer!) und lungerte mit zwölf fast wie ein Groupie wochenlang am Drehort herum. Die Ausschnitte aus diesem herzerwärmenden Schrottfilm belegen, dass irgendwo noch Bänder existieren. Warum macht der WDR daraus nicht endlich eine DVD und vertreibt sie über seinen Shop? Damals wurde der Streifen vom Sender als „innovativ“ bezeichnet, heute steht er im Giftschrank. Da gehört er zweifellos auch hin, aber ich hätte trotzdem gern eine DVD mit Zusatzmaterial. Die Ausschnitte jedenfalls brachten mich zum entzückten Quieken und erinnerten mich an aufregende Zeiten. Und vermutlich die Hälfte der heutigen Dörfler hat den Film, der angeblich so signifikant war in ihrer Dorfgeschichte, nie gesehen, weil sie schlichtweg noch nicht lebte. Dem sollte endlich abgeholfen werden.

Montag, 21. Dezember 2009

Gerührt

Auf dem Parkstreifen in der Seitenstraße hat jemand die eingeschneiten Autos mit der Proklamation „Penis!“ versehen.
Mein Auto ist ebenfalls total zugeschneit, aber jemand hat in den Schnee auf der Motorhaube ein Herz gemalt. Die Ehefrau bekennt, dass sie es nicht war. Womöglich wächst da ein zarter Spross nachbarschaftlicher Liebe, von dem ich bislang nichts wusste. Ein einsames großstädtisches Herz, das mich beim Vorfahren vorm Haus schmachtend hinter Gardinen beobachtet und nun bei Schneefall seine Chance genutzt hat, um sich romantisch mitzuteilen. Ich bin gerührt und hoffe, es ist nicht der alleinstehende Typ aus dem Nebenhaus, der mir durchs Fenster dauernd beim morgendlichen Anziehen der langen Unterhose zuschaut.

Dorf-Porträt

Potzblitz, heute ist das Dorf im Fernsehen. Das Dorf! Im Fernsehen! Spektakulär!
Vorabendprogramm SWR-RP, Gerüchten zufolge um 19.25 Uhr, aber ich klebe vorsichtshalber schon ab 18.00 Uhr am Schirm und goutiere die beruhigenden Reportagen aus dem Land, in dem noch alles in Ordnung ist.
Der Beitrag wandert wohl auch heute oder morgen ins Internet und ist über obigen Link erreichbar, aber ganz furchtbar klein und in scheußlicher Bildqualität.

Donnerstag, 17. Dezember 2009

Alterserscheinungen

Heute um sechs Uhr von etwas aus dem Bett gejagt worden, das zivilisierte Zeitgenossen als "Harndrang" bezeichnen, das ich allerdings eher unter der Umschreibung "Boah, muss ich strullen!" kenne.
Stunden später befielen mich einige Hundert Meter hinter der Tankstelle ernsthafte Zweifel, ob ich den Tankverschluss denn auch wieder zugedreht hatte oder ob der womöglich noch auf dem Autodach herumkullert. Musste kurz anhalten, um mich zu vergewissern. Vor mir auf dem kurzen Parkstreifen in Rosport stand der etwa fünfundsiebzig Jahre alte Opa, der eben an der Kasse vor mir dran war, und besah sich ebenfalls den Tankdeckel seines Toyota.

Sonntag, 6. Dezember 2009

Ganz ansehnlich

Nur weil ich neulich mal gesagt habe, ich fände Claudia Michelsen „schauspielerisch reizvoll, angenehm alternd und auch ansonsten ganz ansehnlich für eine Frau unserer Generation“, heißt sie in diesem Haushalt seitdem „Deine Sexgöttin“. Frauen denken echt immer nur an das eine.

Montag, 30. November 2009

Robert Holdstock RIP

Robert Holdstock ist gestorben. Mit schlaffen 61 und an den wahrscheinlich vermeidbaren Folgen einer Bakterieninfektion.
Er war umtriebig, auch unter Pseudonym, aber im Zentrum seines Schaffens steht unverrückbar die Ryhope Wood-Serie. Eine wirklich sehr eigenartige Angelegenheit zwischen Fantasy, Schauerphantastik und C.G. Jung, die in den späteren Bänden etwas auszufasern drohte. Genauso wie die verwandte Merlin Codex-Trilogie. Dennoch kommt der erste Band von 1984, Mythago Wood (Mythenwald), nach wie vor einem Gongschlag gleich und bedeutete mir persönlich damals viel. Geschichten über die Genese von Geschichten, Mythologeme als sich verselbständigende Symbole, die Wirklichkeit unter der Wirklichkeit. Holdstock schuf neue Archetypen, indem er die alten zu einem Kuraufenthalt im gespenstischen Ryhope Wood zwang. Und dann wird der Leser auf nahezu hypnotische Weise hineingelockt in den Geisterwald, der zugleich das kollektive Unterbewusste ist und voller mythischer Echos vom Anbeginn der Zeit, und spiralförmig immer tiefer und tiefer ins Unvorstellbare gesogen. Nicht ganz geheuer und definitiv staunenswert.

Samstag, 21. November 2009

Durchschnitt

Jetzt ist es raus: Wir sind ein durchschnittlicher, mediokrer, systemstabilisierender Allerweltshaushalt, staatshörige Mustertrottel und brave Statistikbürger.
Anders kann ich es mir nicht erklären, dass sich schon wieder der Mikrozensus zwecks Umfrage angekündigt hat. Das letzte Mal haben unsere Daten offenbar derartige Begeisterung bei den Statistikern ausgelöst, dass sie ihren Befrager noch mal herschicken.

Donnerstag, 19. November 2009

Zwiebelbaguette

Der verschlafene Plus um die Ecke wurde zu Netto. Zwei Wochen Umbaupause, Neueröffnung heute. 10% Rabatt auf alles. Als leidenschaftlicher Konsument habe ich diesem Datum entgegengefiebert und nach dem Aufwachen mal den Kundschafter gemacht, wohlwissend, dass heute allerhand Menschen in den einst so meditativen Laden strömen werden.
Ist nicht ganz so schlimm, aber mit dem Einkaufswagen hat man tatsächlich Probleme, an den Konsum- und Sparwütigen slalomtechnisch vorbeizuwedeln, denn in allen Gängen und an allen Ecken stehen die Billigheimer herum, studieren die Preise und rechnen in Gedanken 10% ab. Nix mehr mit Meditieren, man muss auf Gegenverkehr achten, den es früher nie gab. Wegen des größeren Warenangebots ist es zudem enger als früher. Mehr Regale, höhere Regale, Regalschluchten, in die niemals die Sonne scheint. Und beim Umkurven derselben brettert man garantiert in eine Oma mit Rollator, eine Großfamilie mit Migrationshintergrund oder einen WDR-Redakteur. Also parke ich den Wagen in einem lauschigen, unentdeckten Eckchen, wo er niemanden behindert, und mache mich zu Fuß an die Aufgabe, Übersicht über die neuen Standorte der Produkte zu gewinnen. Ziel ist die Erstellung einer Mind Map, damit ich schon beim nächsten Einkauf nicht gar so hilflos herumirre.
Die Produktpalette ist größtenteils die gleiche, jedoch mit mehr Variationen und einigen signifikanten Änderungen. Viel mehr Auswahl an Maggi-Kochstudio-Tüten! Ab jetzt auch wieder Getränkekästen! Ein Pfandautomat! Frische Backwaren in Frischhaltefächern!
Unglaublicherweise thront dort ganz oben ein frisches Zwiebelbaguette, das letzte seiner Art. Ich merke erst bei diesem Anblick, wie sehr ich Zwiebelbaguette vermisst habe. Zwiebelbaguette. Paradiesisch. Um diese neue Backwarenauslage hat sich seltsamerweise eine Traube Hostessen in schwarzen Kostümen und mit Klemmbrettern versammelt, offenbar eine Abordnung aus der Netto-Zentrale, die den Eröffnungstag analysiert. Als ich nach dem letzten Zwiebelbaguette greife, schaltet sich eine blonde Hostess ein und informiert mich, dass es sich um Zwiebelbaguette handelt. Ich stutze, sage freundlich danke und dass das ja dran stünde und ich mir demzufolge dessen absolut bewusst sei. Außerdem sehe ich ja die geilen kleinen Röstzwiebeln durch die Kruste schimmern. Ja, eindeutig Zwiebelbaguette. Ich blicke sie finster an, um klarzustellen, dass dies nun mein Zwiebelbaguette ist, komme, was da wolle. Wer weiß, vielleicht will die Tussi das Zwiebelbaguette ja für sich selbst. Sie meint zur Erklärung, manche würden nicht auf Anhieb verstehen, dass es sich um ein Zwiebelbaguette und nicht um ein normales Baguette handelt – das läge nämlich hier drüben -, und man wolle ja nicht, dass der Kunde gleich am ersten Tag Grund zur Beschwerde hätte. Ich atme erleichert durch und entspanne die geballte Faust in der Jackentasche.
Eigentlich wollte ich heute bloß mal kundschaften, aber der Wagen ist in Nullkommanichts voll. An der Kasse scannt die Fachkraft die Brechbohnendose aus Versehen zweimal ein und gerät angesichts der neuen Software in Panik, aber zum Glück ist „Frau Baum“ da, offenbar Chefin der Hostessentraube und nebenberuflich Softwarespezialistin, denn sie kommt sofort aus ihrer Warteposition im Eingangsbereich angerauscht und bereinigt das Problem auf dem Touchscreen.
Kann ein Kundschafter zufriedener sein?
So, und jetzt zu dir, mein geiles Zwiebelbaguette …

Freitag, 13. November 2009

In meinem Außenspiegel wohnt eine Spinne

Schon seit dem Frühjahr ist der Außenspiegel auf der Fahrerseite architektonischer Mittelpunkt eines Spinnennetzes, das sich sowohl davor wie auch dahinter und darüber und darunter erstreckt. Man kann das Ding so oft wegmachen, wie man will, kurz darauf ist es wieder da. Die Erbauerin indes hielt sich stets bedeckt.
Nun habe ich sie kennengelernt. Auf der A1 kurz vor der Ausfahrt Nettersheim. Sie wohnt in dem Schlitz zwischen dem Spiegel und dem ihn umgebenden Gehäuse und kam heraus, um womöglich wieder ein Netz zu bauen. Bei 150 km/h. Natürlich bekam das Spinnentier nun ein Problem mit dem Fahrtwind. Schlacker, schlacker, zappel, zappel in hoher Frequenz. Würde kein Mensch überstehen, sowas. Ich machte mir ernsthaft Sorgen, denn es sah so aus, als würde sie jeden Moment weggeweht und dem gerade überholten Lastwagen direkt in den Kühlergrill fliegen. Ich fuhr etwas langsamer, aber es half nicht viel. Schließlich machte sie sich schlackernd und zappelnd ganz langsam und unter größten Gegenwind-Anstrengungen auf den Weg zurück zum Schlitz und ins sichere Gehäuse. Es war nicht viel los auf der Straße, und ich konnte es mir erlauben, sie bang zu beobachten und hysterisch anzufeuern. Schließlich fanden ihre Beinchen Griff und sie brachte auch den Rest des Körpers zurück ins sichere, stabile Dunkel.
Ich weiß gar nicht, wo sie seinerzeit aufgesprungen ist, ob sie eine Kölner Spinne oder eine Dorfspinne ist. Sie selbst betrachtet sich vermutlich als kosmopolitische Spinne mit exklusivem Hochgeschwindigkeits-Penthouse.

Donnerstag, 12. November 2009

Kommt Herbst, kommt TÜV

Es ist mal wieder TÜV-Zeit. Immer im Herbst, wenn man ohnehin schon depressiv ist. Wir erinnern uns: Vor zwei Jahren kam die skandalöse Nachricht von regelrecht fatalem Rostfraß an den hinteren Rahmenträgern, und das bei einem eigentlich guten, gepflegten Auto. Die Kfz-Mechaniker vom zuständigen Autohaus meinten „Also, normal ist das nicht“ und veranschlagten mal eben 2000 € Reparatur. Wir fuhren das Auto in eine andere Werkstatt, und der Russe dort stellte nach durchgeführter Reparatur und erfolgreicher TÜV-Abnahme etwas mehr als 350 € in Rechnung. Diesmal ging es also direkt zum Russen. Ja, der Rostfraß ist seitdem weitergegangen, was der gute Mann zum Anlass nahm, sich mit Herzblut der Sache anzunehmen. Ein paar Euro mehr als vor zwei Jahren, mag schon sein, aber es ist gut, wenn man auf die Frage „Hält das denn jetzt noch zwei Jahre?“ eine Antwort bekommt wie „Ach, määhhrr, viel määähhhrrr!!“
Er trübte das Vergnügen allerdings durch die Feststellung, die Kupplung sei nicht mehr die allerjüngste. Wieviel er ihr noch gibt? 50.000 Kilometer, sagt er. Angesichts meiner Fahrleistung entspricht das also auch „viel määhhrr“ als zwei Jahren. Na, dann sehen wir uns vorerst mal in zwei Jahren wieder.

Samstag, 7. November 2009

Kompliziert

Ich neige nicht zu Beschwerden. Die Dinge sind meistens kompliziert, die Leute können nichts dafür und tun es auch selten aus böser Absicht. Manchmal ist jedoch ein Hinweis nötig. Wenn zum Beispiel der neue Briefträger bei solchen Sendungen, die zu groß für den Briefschlitz sind (Maxi-Briefe, Päckchen), grundsätzlich Benachrichtigungskarten einwirft, statt zu klingeln. Ich habe diese Person noch nie zu Gesicht bekommen, weil sie eben niemals klingelt, sondern stets heimlich vor der Haustür Karten ausfüllt. Man hat gar keine Chance auf eine ordnungsgemäße Zustellung, was mich umso furioser macht, da ich täglich den Sprint zur Haustür trainiere und inzwischen bei deutlich unter zehn Sekunden angelangt bin, ohne auch nur angestrengt zu wirken. Der Atem geht flach, das Haupthaar sitzt, die Unterschrift ist stets lesbar. Da bin ich nicht wenig stolz drauf.
Nun allerdings darf ich schlimmstenfalls alle zwei Tage meinen Arbeitsrhythmus unterbrechen, zur Postfiliale in den WDR-Arkaden juckeln und mich anstellen, um die Sendung abzuholen. Für die notorisch späte Auslieferungszeit und die Tatsache, dass die Sendungen nicht zur nächstgelegenen Filiale gebracht werden, sondern mitten in die Innenstadt, mache ich die Zustellperson nicht verantwortlich, denn daran sind vermutlich Dienst- und Routenpläne und interne Dinge schuld.
Also habe ich mich wegen dieser Zustelltaktik online beschwert und den Sachverhalt geschildert. Kurz darauf erhalte ich ein Schreiben von DHL, in dem man sich entschuldigt und Besserung verspricht. „Die relevanten Organisationseinheiten (sind) involviert.“
DHL? Ich sprach nicht von unserem Paketboten, sondern vom Briefträger. Unser derzeit zuständiger DHL-Mann ist der beste und netteste DHL-Mann auf der Welt, ein Ausbund an Kompetenz, Schnelligkeit und Freundlichkeit, einer, mit dem man durch Dick und Dünn geht. Ich bin entsetzt. Wehe, ihr Torfnasen gebt dem eins auf den Deckel!
Also schnell eine Mail an die unpersönliche Adresse auf dem Briefbogen und noch mal den Sachverhalt geschildert. Es geht um den Briefzusteller, nicht um meinen heiligen DHL-Kumpel!
Wie gesagt, die Dinge sind meistens kompliziert.

Montag, 2. November 2009

WFA

O je, wie peinlich. Ich habe einen der beiden diesjährigen World Fantasy Award-Gewinner hier schon seit fast einem Jahr herumliegen, ganz unten im Stapel "Bitte begutachten", aber ich kam nicht dazu. Na ja, manchmal wirkt der WFA wie ein Arschtritt.
Nachtrag zehn Tage später: Wird in Deutschland kein Aas interessieren. Mich übrigens auch nicht so brennend ...

Mittwoch, 28. Oktober 2009

Dickes Mädchen

Hätte nicht übel Lust, dem derzeitigen Briefträgeramateurdarsteller in diesem Viertel mal mit dem Topflappen an die Klöten zu fassen und ihn daran auf die vielbefahrene Straße zu zerren.
Wahrscheinlich stellt sich dann heraus, dass "er" ein schüchternes, dickes, ungewöhnlich hässliches Azubi-Mädchen mit Hasenzähnen und zu großer Uniform ist, das mit seinem Wägelchen geduckt von Haustür zu Haustür schleicht und lieber Benachrichtigungskarten einwirft statt bei Adressaten zu klingeln, weil die alle über seine dicke Brille, den Überbiss und die riesengroßen Füße lachen. Mannomann, ich hab schon wieder Mitleid!

Sonntag, 18. Oktober 2009

Donnerstag, 8. Oktober 2009

Menschen retten

Wie die meisten Supermärkte hat der Plus seine Einkaufswagen vor der Tür geparkt, unter einem Wellblechdach. Es sind vier verschiedene Typen von Wagen, und zwei dieser Typen passen beim Ineinanderschieben nicht zusammen. Der eine Wagentyp ist größer und bleibt sozusagen im anderen Typ stecken, und die Kette mit dem Arretierungsbolzen reicht nicht weit genug, um die - wie nennt sich das Ding eigentlich offiziell? - Pfandmünzensteckverbindung des eigenen Wagens zu erreichen.
Als ich aus dem Laden kam, hockte unter dem Wellblechdach nun sicher schon zum zwanzigsten Mal eine Oma, den Tränen nahe, mit wirrer Frisur und völlig aufgerieben von den fruchtlosen Bemühungen, den Wagen in eine der drei Reihen einzuparken und ihren Pfandchip zu lösen. Die letzten Wagen aller drei Reihen waren von Wagentyp A, ihr Wagen jedoch Typ B. Mit zitternden Ärmchen und zusammengebissenen Zähnen hatte sie versucht, Typ B in Typ A zu rammen, immer wieder und immer hysterischer, und dabei „Mein Chip! Mein Chip!“ gejammert. Aber die Oma-Ärmchen konnten gegen die Metallverstrebungen der Wagen natürlich nichts ausrichten. Muskeln sind da ohnehin nicht angesagt, höchstens eine pneumatische Rettungsschere. Die Oma sah mich nun mitleiderregend an und sagte: „Mein Chip!“ Ich seufzte. Ich kann bei solchen Blicken einfach nicht Nein sagen. Dabei hatte ich weder mein Cape um noch meine Maske auf.
So begann es also erneut, das Einkaufswagenrangieren. Als hätte ich nicht genug Erfahrung darin. Ich fuhr zuerst meinen Wagen Typ A ordnungsgemäß ein, nahm den Chip heraus und besah mir die Situation. Mathematisch relativ einfach diesmal. In Reihe zwei befand sich auf Position drei von hinten ein Wagen Typ B, in den der Wagen der Oma passen würde. Ich nahm also meinen Chip und wollte nacheinander die beiden ersten Typ-A-Wagen in die Typ-A-Wagen von Reihe drei rangieren, so dass der Typ-B-Wagen zum Vorschein kam. Wie sich jedoch zum allgemeinen Entsetzen herausstellte, war der Typ-B-Wagen seiner Kette und seines Bolzens verlustig gegangen, so dass Omas B-Wagen zwar reinpasste, sie aber nicht an ihren Chip kam. Also noch mal geseufzt und weiter. In Reihe eins befand sich etwa auf Position sechs von hinten ein weiterer Typ B, was zu einer recht anspruchsvollen Fummelei und Rangiererei führte, erst recht um neun Uhr morgens und ohne Maske und Cape. Ich fuhr alle fünf Wagen in Reihe drei ein, denn Reihe zwei ging ja nicht wegen des kaputten Typ B. Reihe drei wurde dadurch sehr lang und ragte nun weit unter dem Wellblechdach hervor. Was nicht schön aussah und zweifellos Passanten und Autos vom Parkplatz nebenan behinderte, aber scheiß der Hund drauf. Hier ging es um Oma-Rettung. Und hurra, der Wagentyp B aus Reihe eins hatte seine Kette und seinen Bolzen noch. Schließlich konnte ich der Oma Signal geben, ihren Typ B dort einzufahren.
Sie griff sich ihren verloren geglaubten Chip und streichelte ihn zärtlich. „Mein Chip!“. Über uns brach ganz kurz die Sonne durch die Wolken. Dann trocknete die Errettete ihre Tränen, richtete sich das Haar, bedankte sich freundlich und ein bisschen aufgeregt bei „der hilfreichen Jugend“ und tippelte mit ihren Tüten von dannen.
Es ist schön, Menschen zu retten.

Mittwoch, 7. Oktober 2009

Demon

Mochte ich damals in den Mittachtzigern. Eine Band der New Wave of British Heavy Metal, die nach zwei ausgewiesenen Satan-Kroppzeug-Melodic-Metal-Alben zum Neo-Progressive driftete, aber trotz einigen Talents nie wirklich den Durchbruch schaffte. Das meiste ist mir heute zu kommerziell, schwülstig und glitschig von Pathos, aber das eigenartige Album British Standard Approved von 1984 lebt irgendwo im Hinterhirn weiter. Ich hatte es dauernd im Walkman während der Armee-Zeit, abends auf dem Etagenbett liegend, und driftete nach getaner Staatsbürgerpflicht in dem Sound herum. Die Platte beschreibt eigentümlich mystische Transitionen, meistens anhand der Metapher einer Schiffsreise. Melancholisch und schön. Irgendwie herbstlich. Gitarrist, Songschreiber und Texter Malcolm Spooner war schon von Krankheit gezeichnet und starb kurz nach dem Ende der Aufnahmen.
Ich hätte damals auch viel gegeben für ein Poster des Covers von Breakout. Ganz dolle.

Dienstag, 6. Oktober 2009

Auftritt: Herbst

Schon wieder Herbst. Geht schnell. Drinnen Licht einschalten zum Lesen und Schreiben. Heizung auf Funktionstüchtigkeit hin überprüfen. Pullover sichten und dickere Jacke rauskramen. Mütze aufsetzen und festhalten. Im Zeitlupentempo Blätter vom Balkon fegen. Durchs Laub im Park schlurfen, vorbei am geschlossenen Biergarten und den aufgebockten Tretbooten. Gerüche aufnehmen und leise knisternden Geräusche lauschen, sofern die Stadt drumherum mal kurz Ruhe gibt. Unterm tiefhängenden Himmel hindurchducken. Sich auf die nächste Landpartie und die sinnliche Rezeption von Farbenspielen und Herbstfeuern vorbereiten. An die Vergänglichkeit allen Strebens denken und die Wichtigtuer und Laberfressen verachten. Die Gräber der mühselig Gegangen besuchen. Bergmans Das siebente Siegel anschauen. Frage nach Geburtstagsgeschenk beantworten mit: „Ach, ich hab doch alles.“

Montag, 5. Oktober 2009

Freudig der Realität entrückt

Der cineastische Nachbar hat mir zwei Filme ausgeliehen, japanisches Phantastisches Kino aus den 60ern. Ich war gestern Abend freudig der Wirklichkeit entrückt angesichts der Geistergeschichte „Hoichi the Earless“ aus dem Episodenfilm Kwaidan. Hochartifizielle und hypervirtuose Hearn-Verfilmung, selten etwas Prächtigeres gesehen.
Lafcadio Hearn (1850-1904) war ein Brite gemischter Abstammung, der es in Japan zu Ruhm und Ehre brachte und mit seiner Erzählungssammlung Kwaidan traditionelles japanisches Erzählen auch in Europa bekannt machte. In Deutschland wurde die Sammlung von Gustav Meyrink übersetzt.
Masaki Kobayashi schuf 1965 aus vier dieser Geschichten einen ursprünglich über 180 Minuten langen Episodenfilm, von dem Cineasten behaupten, er sei bis heute der beste Gruselfilm Japans. Extrem künstlich und stilisiert, perfekt arrangierte Räume und Landschaften, Illusionen von Außenaufnahmen in traumhaften Studiokulissen, gemalte Augen und Zeichen am Himmel, filmische Dynamisierung von Schlachtengemälden, traumatische Berührungen von (artifizieller) Realität und Geisterreich. Eine meisterhafte Meditation über das Sinnliche und das Übersinnliche. Von den Episoden ist wiederum „Hoichi the Earless“ die längste und schönste. Ein blinder Novize und virtuoser Lautenspieler gerät an die Geister eines Hofstaats, denen er wieder und wieder den epischen Gesang ihres eigenen Untergangs vortragen soll. Bis der Chefmönch dahinter kommt und einen – allerdings nicht ganz perfekten - Gegenzauber wirkt. Die anfängliche Schlachtsequenz, untermalt von klagendem Gesang, die Passage im Geisterreich mit dem sich stetig wandelnden Tableau an Gespenstern, die ästhetische Umsetzung des Ganzkörperzaubers sowie die anrührende Qualität der puren Geschichte sind etwas, das man so schnell nicht wieder vergisst. Poesie auf allerhöchstem gestalterischen Niveau. Wird heute noch mal angeschaut und dann beim nächsten Brauhaus-Abend ausführlich seziert.

Samstag, 3. Oktober 2009

Leistungsmarsch

Ich hätte nicht gedacht, dass ich nach all den Jahren das Leistungsmarsch-Tempo noch draufhabe.
Gestern ließ sich Kamerad H., wohnhaft in der Eifel, in einem innerstädtischen Kölner Gefäßzentrum ambulant und unter Vollnarkose ein Gefäß im Bein veröden und erhielt nach dem Aufwachen vom Arzt die Order, für ein paar Stunden möglichst wenig zu sitzen oder zu stehen. Als Einheimischer erklärte ich mich bereit zur postoperativen Betreuung des Patienten. Ich fuhr mit der Straßenbahn hin zum Gefäßzentrum, zurück ging’s zu Fuß. Kamerad H. durfte ja nicht sitzen oder stehen. Kamerad H. ist Sportler und Gesundheitsfanatiker. Marathonläufer, Speed-Inliner, Tennis-Crack, Karottenfetischist und Vegetarier, Kaffeeverächter, militanter Nichtraucher und Power-Wanderer. Er war morgens schon den Weg vom Bahnhof zur Praxis gewandert und noch ein bisschen herumgestrolcht, weil er viel zu früh da war. Ungefähr drei Stunden zu früh.
Nach einem Päuschen in der Wohnung, während dem er nun unaufhörlich von Raum zu Raum wanderte und seine narkosebedingte Beduseltheit sich legte, brachen wir auf zum Hauptbahnhof, damit er zurück in die Eifel tuckern konnte. Kamerad H. durfte bekanntlich nicht sitzen oder stehen, also wiederum zu Fuß. Wir fingen früh genug los, denn er war ja „gehandicapt“. Kamerad H. befleißigt sich jedoch selbst im frisch operierten Zustand eines Tempos, als müsste er vor einer heranrollenden pyroklastischen Welle fliehen oder so was. Dabei reißt er auch noch munter Witze, während ich mit dem Schnaufen kaum hinterherkomme und beim Lachen Atemaussetzer habe. Unter anderem meint er, beim Bund wäre er heute sicher „Stillgestanden-befreit“. Und wenn nicht, dann hätte er den Begriff eben spontan erfunden und den Stabsarzt auf seine Seite gebracht. Ich halte tempomäßig bewundernswert mit, wie ich finde. Fast alle Ampeln auf der Strecke sind grün, weswegen es kaum eine Marschpause gibt. Zwei Mädchen flüchten sich vom schmalen Bürgersteig in einen Hauseingang, um uns vorbei zu lassen, so eingeschüchtert sind sie von dem Tempo, mit dem wir uns nähern.
Besonders heiter wird es in der Hohen Straße, die wie üblich komplett voll mit Menschen ist, angesichts derer Kamerad H. aber nicht die geringsten Absichten zeigt, die Geschwindigkeit zu verringern. Der bislang geradlinige Marsch verwandelt sich nun in ein rasantes Schlenkern, ein Hineinstoßen in Lücken, in Ausbremsen und Touchieren, in Beinahe-Kollisionen und in mehrmaliges entsetztes Quieken meinerseits. Langsamer machen kann ich jedoch nicht, sonst verliere ich Kamerad H. da vorne in der Menschenmenge. Dann erweist sich Kamerad H. als Mann von Ehre, als vor ihm ein älteres Ehepaar kreuzt – der Mann schiebt seine Frau im Rollstuhl – und er abbremst, statt über die sitzende Frau zu hechten, wie ich es erwartet hätte. Ich schieße an ihm vorbei, bin angesichts dieser Verzögerung irritiert und blicke zu ihm zurück, wobei ich fast in einen mobilen Pizza-Stand hineinrenne. Mir kommt das alles vor wie „Star Wars“ und der Flug durchs Asteroidenfeld, an meiner Seite ein Eifelaner, der auch noch jeden Großstadt-Freak, den er im Vorbeiflitzen erspäht, ausgiebig kommentiert und Witze reißt.
Im Bahnhof wird es nicht besser, denn auch der ist proppevoll, und wir müssen natürlich ganz durch bis Gleis 8, und selbstverständlich bewegen wir uns mit halber Lichtgeschwindigkeit gegen die Menschenmasse statt mit ihr. Ich versuche verzweifelt, an den Rand auszuweichen, aber Kamerad H. hält sich den geschlossenen Schirm wie eine Barriere vor den Leib und bleibt stur mittig.
Als wir, mehr als eine halbe Stunde zu früh, auf dem Bahnsteig anlangen, läuft Kamerad H. noch ein wenig auf und ab zwischen den Abschnitten A-E, während ich verzweifelt nach einer freien Sitzgelegenheit Ausschau halte, die es nicht gibt. Nachdem ich ihn heil in seinen Zug bugsiert habe („Ich laufe während der Fahrt noch ein bisschen auf dem Gang herum“), genieße ich es, mit einer langsamen, stockenden U-Bahn-Linie 16 zurückzufahren und die Tunnelwände anzustarren.
Abends ruft Kamerad H. noch an, während ich mit zitternden Muskeln, ziehenden Sehnen und jämmerlich klagend flach auf dem Rücken liege, und bestätigt, dass er gut heimgekommen ist. Er meint, er sei jetzt doch etwas müde und ginge ins Bett, damit er morgen fit sei zum Sport.

Freitag, 2. Oktober 2009

Levitation (3CD)

Wunderbare Luxus-Edition. 3 CDs, fettes Booklet mit dem kompletten Tourprogramm von 1980, die genaue Dokumentation der Jahre 1979/80 durch Hawks-Experte Brian Tawn, sowie drei Postkarten im damaligen Hawks-Design.
Levitation war schon immer perfekter Eskapismus. Weltraum- und Fantasy-Drifterei, Triebwerksgeräusche, Funkgesprächfetzen, Akustik-Geklimper über dem Geräusch plätschernden Wassers, kombiniert mit schichtenweise agilem, gleißend hellem und dunkel riffendem Rock mit manchmal jazziger Tendenz. Die reinste Sound-Torte. Eine frühe Digital-Aufnahme zudem, die das brodelnde Miteinander, das Hawkwind traditionell darstellte, in Einzelkomponenten separiert und dann wieder zusammenfügt. Hörte sich schon damals sehr modern an, das Album. Durch das Remastering wird es noch schöner. Zum Beispiel wirkt es jetzt fast doppelt so laut und druckvoll wie die alte LP. Technisch brilliant produziert, zeichnet es sich aber hauptsächlich aus durch die Kombination von Virtuosität und Solidität. Drei exzellente Musiker schieben sich die Bälle zu - Baker an den Drums, Lloyd-Langton an der Lead-Gitarre, Blake an den Keyboards -, während Bainbridge und Brock solide Fundamente für diese Eskapaden zimmern, an Rhythmusgitarre und Bass, aber auch an den Effektmaschinen, und haufenweise Space- und Fantasy-Klänge produzieren, die man bislang nicht mal von den Hawks kannte.
Als Bonus gibt es einige Session-Tracks der auseinander brechenden Hawklords von 1979 zu hören, die nach diesem Soundgewitter ziemlich abfallen, denn sie sind weniger organisierte Songs als vielmehr Session-Improvisationen. Ein Stück wie „Time Of“ kann man als Psycho-Schlamm-Blubberei immerhin gelten lassen, während „Valium Ten“ unverzichtbarer Bestandteil des Hawks-Katalogs ist. Allerdings ist es auch sehr verbreitet und hätte auf diese CD nicht zwingend draufgemusst. Drei weitere Bonustracks sind auch nicht so wichtig, aber bei "Nuclear Toy" kommt man immerhin in den zweifelhaften Genuss von Vocoder-Gesang, der sich nach ELO anhört. Ja, das war damals schwer angesagt.
Die CDs 2 und 3 sind für die Aufnahme eines Live-Konzerts der Levitation-Tour (Dezember 1980) reserviert. Teile dessen fanden sich bereits auf dem Live-Album Do Not Panic (1984), das man sich daher im Grunde nun sparen kann. Einige weitere Schnipsel gelangten schon 1983 auf das Verlegenheitsalbum Zones. Die englischen Fans sagten damals schon: „They played a stormer of a set on that night“, aber die neue Komplettversion ist natürlich noch druckvoller. Was Ginger Baker hier treibt, könnte man bei irgendwelchen Schlagzeug-Workshops vorspielen, mit dem Ergebnis allerdings, dass dann 80% der Teilnehmer frustriert nach Hause gehen und nur die ganz Ambitionierten dableiben. Tim Blake war auf der Tour schon nicht mehr dabei, weil er sich nach Frankreich zu seiner Freundin absetzte, die eine Fehlgeburt erlitten hatte. Sein Ersatzmann Keith Hale konnte mit ihm nicht wirklich konkurrieren, aber die stärkere Betonung der harten Rhythmusfraktion und Lloyd-Langtons Allgegenwart machten das wett. Extrem individueller Proto-Stoner-Space-Heavy-Melodic-Rock, so nirgendwo sonst zu hören.
Wirklich exzellente Packung.

Nachtrag:
Das Live-Album This Is Hawkwind, Do Not Panic ist also seit der neuen Luxus-Version von Levitation überflüssig geworden, zumindest die Musik darauf. Cover und Zusatzmaterial haben natürlich weiter Bestand.
Aus sentimentaler Perspektive ist die Platte nicht ganz unwichtig, denn sie gehörte zu meiner Sozialisation. Ich weiß noch, als ich das Album, eine LP/Maxi-Kombination mit Faltposter, 1984 in einer Freistunde kaufte und damit in den Oberstufen-Aufenthaltsraum kam. Die signalhafte rote Plastiktüte verriet allen sofort, dass ich in diesem speziellen Plattenladen gewesen war, und natürlich musste ich die Neuerwerbung herumzeigen. Die Reaktionen fielen aus wie immer, wenn ich mit roten Plastiktüten aus der Freistunde zurückkam: „Wasndas?“, „Nie von gehört“, „Kann man das essen?“, „Warum kaufst du nicht Supertramp?“, „Warum stehst du nicht auf BAP?“. Mit dem zugegebenermaßen eigenartigen Cover konnte erst recht niemand etwas anfangen. Stonehenge-Zeichnung auf freudlosem Grau und dann dieser blutspritzerartige Fleck, der Rorschach-mäßig einen doppelköpfigen Raubvogel mit gespreizten Flügeln ergab. Wenn es wenigstens ein klar definiertes Metal-Cover gewesen wäre. Nackte Amazone auf phallischem Fantasy-Viech, eine durch eine Glasscheibe schmetternde Faust oder so was. Mir blieb nichts anderes übrig, als vor versammelter Mannschaft mit den Schultern zu zucken und mich wie ein armseliger Nerd in die Ecke zu setzen, denn ein Referat über Bewusstseinserweiterung anhand von Heavy-Spacerock hätte ohnehin keiner von den selbsternannten Hipness-Päpsten im Raum verstanden. Ein bisschen elitär fühlte ich mich da in meiner Ecke schon, weil nicht jeder dahergelaufene JU- oder Juso-Knallkopf meinen Musikgeschmack verstand. Obwohl sich diese Szene damals in schönster Regelmäßigkeit wiederholte, ist mir die beim Herumzeigen von Do Not Panic besonders in Erinnerung geblieben.
Zu Hause pinnte ich das Faltposter sofort an die Wand, und es hing jahrelang an derselben Stelle. Ich besitze es immer noch. Die Platte gefiel mir ganz vorzüglich in ihrer rauen, schwergewichtigen Art, und ihre brandneue, druckvolle Aufbereitung katapultiert mich nun directement in diese drolligen Zeiten vor unfassbaren 25 Jahren zurück.

Montag, 28. September 2009

Vorhänge zuziehen

Ich habe gerade die Vorhänge zugezogen, denn ich fühle mich belästigt. Das eingerüstete Haus nebenan bekommt neue Fenster. Ungefähr sieben Meter von meinem Arbeitsplatz entfernt, genau auf Augenhöhe, steht eine junge, schlanke, dunkelhaarige Fensterbauerin mit zurückgebundenen Haaren, bequemem Tanktop und kurzer Cargohose in der Fensteröffnung, reißt die alten Rahmen heraus und baut neue ein. Dabei streckt sie sich und reckt sie sich und tänzelt auf dem Fensterbrett umher, den Hammer locker schwingend in der Hand, während ein leichter Schweißfilm ihre Haut überzieht … Wie gesagt, ich fühle mich belästigt.

Dunkle Seite der Macht

Während im ZDF die Siegesrede von Dr. Guido Westerwelle ausgestrahlt wird, enttarnt sich auf PRO7 gerade Kanzler Palpatine als Sith-Lord und beginnt damit, böse zu keckern. Ich denke nicht, dass das ein Zufall ist.

Samstag, 26. September 2009

Beim Sex im Baum fast gefressen worden

Die rolligen Eichhörnchen sollten besser auf sich acht geben. Eben kam ein riesengroßer Greifvogel an, schnappte sich ganz oben in der Baumkrone eins und wollte es davontragen. Das Hörnchen wehrte sich wie bekloppt, der Vogel ließ es fallen, schnappte es sich erneut und stürzte mit der zappelnden Beute zwischen den Ästen hindurch lautstark ab. Beide landeten im Hof nebenan, das Eichhörnchen flitzte offenbar wenig oder gar nicht verletzt durchs Laub und in den Schutz eines Rosenbusches, während der Raubvogel ihm hinterherhüpfte, es aber nicht mehr erwischte. Er hob ab und flatterte zwischen den Häusern davon. Das Hörnchen sitzt vermutlich mit pochendem Herzchen immer noch im Busch und versteht die Welt nicht mehr: ein Scheißhabicht mitten in der Stadt!
Ich selbst habe Raubvögel in Aktion zwar schon auf dem Land gesehen, aber aus einer gewissen Entfernung und nie so nah. Spontan wusste ich nicht, wem ich beistehen sollte, denn ich mag sowohl den Großstadt-Habicht wie auch das City-Eichhörnchen. Mutter Natur ist nun mal ein unauflösbares Dilemma.

Sex auf dem Baum

Ich habe mich letztes Jahr schon gefragt, wie all diese Kastanien auf unseren Balkon gelangen. Dabei stehen die Bäume doch relativ weit entfernt. Nun ist das Rätsel gelöst. Es sind rollige Eichhörnchen, die hemmungslos in den Baumkronen herumpimpern, was mit allerhand erotisch aufgeladenen Jagdszenen und orgiastischem Schnalzen und Piepen einhergeht. Die Viecher stehen so unter Druck, dass sie mit ihrem Geflitze und Gestrampel die Kastanien nicht nur von den Ästen schütteln, sondern sie regelrecht aus dem Blattwerk herausschleudern. Solange die kleinen Ficker da oben aktiv sind, muss ich mit Fahrradhelm rauchen gehen.

Donnerstag, 24. September 2009

The Great Annihilator

Selbstverständlich kannte ich diese Band um 1990 herum und kaufte einige ihrer Platten. Aber so richtig zündete der Funke damals nicht. Es war nämlich die Zeit, als wir farbige Converse Chucks trugen und Leichtfüßigkeit signalisierten. Wir freuten uns gerade an uns selbst und an der Welt, sprangen herum, beschlabberten und belaberten uns, analysierten weniger die Dinge als vielmehr uns selbst, schrieben zwischen dem Beschlabbern und Belabern insgeheim vielleicht sogar Gedichte. Der Soundtrack dazu war eher so was wie Lemonheads oder Firehose, bei manchen auch Prefab Sprout, die Farben Gelb und Grün und vielleicht Rot, irgendwie blumig jedenfalls, und die Gothics verachteten wir sowieso. Und die Swans waren in diesem lichten Zusammenhang einfach zu schwer, zu mythisch, zu kunstsinnig.
Das hochgelobte Album The Great Annihilator ließ ich damals aus, und ich habe damit bis heute kein Problem. Passte nicht recht in die Zeit. Jetzt aber – alt, verbittert und gnadenlos der Schwerkraft ausgeliefert – blickt der Mensch zurück zu den gewichtigen Schwänen und was sie einem durch die Zeit mitzuteilen haben. Rosenkranz-Litaneien aus der Maschinenhalle des Teufels, 24 Schichten Geräusch/Harmonie/Geräusch/Harmonie, sakral und technoid und garantiert ohne einen einzigen gregorianischen Choral oder sonstigen geschmäcklerischen Gruftie-Mainstream-Scheiß. Auch die Metal-Gitarren sind untergründig und gezähmt, die Rhythmen kaum berechenbar, der Bass schwer und schleppend, wie sich überhaupt vieles im Untergrund abspielt und selbst Michael Gira seinen teilnahmslosen Sprechgesang meistens von den Soundschichten überlagern lässt. Jarboe fährt den notorischen Elfencharakter ihres Gesangs zurück und klingt mehr wie ein trotziges Punk-Kind, außer wenn sie die sphärische Begleitstimme zu Giras dunklem Murmeln liefert. Glockenschläge, monotones Gestampfe in Klangkathedralen und brummige Gebete von Reverend Gira, die vom schattigen Altar herwehen und die man nur halb versteht. Wie gut, dass die Texte im Booklet stehen. Sie bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Altem Testament und Dark Fantasy und geilen mich, ich geb’s zu, poetisch auf. Transzendierung der schweren Welt und Selbstauflösung im Klang. Heilig und profan, dämonisch und rein. The Great Annihilator ist ein mystisches Monument, an dem man sich von Zeit zu Zeit zur spirituellen Reinigung ordentlich schubbeln sollte.

Mittwoch, 23. September 2009

Wahlkämpfer II

Über Nacht waren sie wieder aktiv. Jetzt hängen hier auch Lale und Cem. Lale fällt gleich auf, taktisch gut gemacht. An Zebrastreifen und vor Ampeln und in Winkeln, die sie gleich aus mehreren Fahrtrichtungen erkennbar machen. Die FDP hat da leichtsinnigerweise noch Platz gelassen für die Winkelexperten der SPD. Cem hingegen ist ein bisschen hoch gehängt worden und steckt beinahe schon im unteren Blattwerk. Vielleicht Absicht, Grün zu Grün sozusagen. Rettet die Bäume, wählt Cem. Auch wenn ihr ihn kaum seht, aber ich versichere euch: Er ist da, der Cem. Da oben in den Baumkronen. Dabei ist Cem ja gar kein Kölner. Der Direktkandidat in unserem Wahlkreis ist eigentlich Volker, den ich bislang noch kaum gesehen habe. Vermutlich positioniert man ihn eher an den Schwulen-Treffpunkten weiter Richtung Innenstadt.
Wenn es nach psychologischer Wirkung geht, nach Einfluss von Plakatwerbung auf das Unterbewusstsein, dann ist das durchaus bedenklich. Dr. Guidos Reptilienausdruck verfolgt mich von der Haustür bis zum Bäcker bis zur Post bis zum Supermarkt bis in den Schlaf. Heute Nacht habe ich geträumt, wie er von einem Wahlplakat herabstieg, sich starren Blicks umschaute, mit gespaltener Zunge die Luft schmeckte, mich fixierte und als „kleinen Mann“ verlachte und die Herausgabe meiner Geldbörse forderte. Und ich hatte gerade erst Bargeld gezogen. Scheiße. Als ich weiterging, sah ich Cem unbequem über den Bürgersteig robben, in einem Tarnanzug aus Laub, und Korken in die Auspuffrohre von Autos stecken. Zwei Häuser weiter blieb ich erneut stehen und beobachtete in einem hellerleuchteten Souterrain-Wohnzimmer Frank-Walter, wie er vor dem Spiegel die Spitzen-BHs seiner Gattin anprobierte.

Dienstag, 22. September 2009

Wahlkämpfer

Das ganze Viertel ist mit FDP zugekleistert. Mal hat jemand Guido ein blaues Auge gemalt, mal eine Clownsnase, mal das obligatorische Adolf-Bärtchen, dann wieder wurde im Spruch Arbeit muss sich wieder lohnen das Wort „Arbeit“ mit dem Wort „Geld“ überklebt. Der FDP-Wahlkreiskandidat namens Hoyer hingegen wurde so hoch an den Laternenmasten aufgehängt (seine Plakate, nicht er selbst, Gott bewahre!), dass er noch ziemlich porenrein herablächelt.
Um diese gelbe Übermacht zu brechen, kutschiert neuerdings die MLPD (Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands) ihren Wahlkampftross durchs Viertel. Vorwärts zur Weltrevolution. Nie wieder Krieg! Nie wieder Banken! Nie wieder FDP! Dass man das noch erleben darf. Rote Fahnen wehen, und aus den Lautsprechern schallen Klänge, die man zuletzt bei der Truppenparade auf dem Roten Platz 1957 gehört hat. Die Kompositionen zur Errettung der Weltarbeiterschaft werden jedoch von einem Hupkonzert begleitet, denn die Scheißkommunisten fahren scheißlangsam und blockieren den ganzen Verkehr. Selbst die Leute aus der örtlichen Geschäfts- und Beratungsstelle der Linken treten auf den Bürgersteig, um mitzulachen.
Die Grünen lehnen sich derweil hinter herabgelassenen Kunstholz-Rollos entspannt zurück, denn sie wissen, dass sie hier ohnehin 25% und mehr einfahren.
Frank-Walters jüngster Werbecoup in der Prisma, der TV-Beilage der Tageszeitung, wurde sabotiert. Die Rückseite reklamiert Frank-Walter ganz allein für sich („Unser Land kann mehr“), aber die Herstellung hat in die Mitte des Heftchens den Werbeprospekt eines Textilversands heften lassen, der ein größeres Format besitzt und über die Rückseite herausragt. Über Frank-Walters staatstragender Proklamation liest man erstmal:„Jetzt testen. 2 Nahtlos-BHs zum Preis von 1.“ Ich vermute, der Typ in der Prisma-Herstellung kommt von der FDP. Kommunisten haben nicht so viel Humor.

Dienstag, 15. September 2009

Gratis Kaffee

Ein Jahr nach dem Abkacken der Lehman-Brüder und ihrer Brut war es mal wieder an der Zeit, im persönlichen Gespräch die eigenen Groschen zu analysieren und sie der neuen Situation anzupassen. Außerdem bekommt man gratis Kaffee. Hätte ich mehr Kohle anzulegen, bekäme ich vielleicht auch noch einen zweiten Kaffee. Zur wohlbekannten Beraterin stößt diesmal eine zweite, jüngere Dame. Sie trägt ein Namensschild. In der kleinen Filiale trägt sonst niemand ein Namensschild. Sie stammt nicht von hier, das merkt man. Warum sie an dem wenig brisanten Gespräch teilnimmt, wird mir nicht mitgeteilt. Mich beschleicht die Vermutung, dass sie sich aus den höheren Stockwerken der ziemlich hohen Bankzentrale nach unten begab und im Firmen-BMW rübergedüst kam in den äußersten Westen der Republik, um hier mal einigen der kleinen Investmentberatern auf die Fingerlein zu schauen. Neue Sitten, strafferes Regime. Sie ist supernett, nicht wenig attraktiv in ihrem Business-Damenanzug mit Halstuch und hat diesen merkwürdig starren Blick, unter dem die wohlbekannte Beraterin neben ihr ein wenig nervös wirkt. Und sie schreibt dauernd irgendwas mit, obwohl ich gar nichts gesagt habe. Bin ich hier mitten in einer Prüfungssituation gelandet, ohne dass ich selbst der Prüfling bin? Es gibt einige Anhaltspunkte dafür, jedoch spielen die beiden auf entzückende Weise „Team“. Nur wegen mir, wie reizvoll!
Als die wohlbekannte Beraterin zwischendurch mal den Raum verlässt, meint die andere, sie hätte gehört, ich arbeite für Verlage. Eine Freundin von ihr hat einen Fantasy-Roman geschrieben. Sie flitzt nun ebenfalls mit wehendem Halstuch raus und kommt mit einem Werbe-Flyer des Buchs zurück. Sie hätte immer welche von denen dabei, meint sie. Kleinverlag, bemerke ich. Generische Fantasy mit Pseudo-Comic-Cover. Ich schaue offenbar zu skeptisch drein, rümpfe eventuell sogar die Nase, das ist nach all den Jahren voller Bockmist ein schwer zu kontrollierender Reflex. Also erklärt sie mir, die Freundin hätte eine Menge tolle Bewertungen auf Amazon bekommen. Ich verzichte darauf, ihr mitzuteilen, dass ich auf Amazon ausschließlich schlechte Bewertungen lese, weil die guten meistens ohnehin von Familienmitgliedern stammen. Die Bemerkung, dass „neunzig Prozent aller Manuskripte sowieso für die Tonne sind“, wollte ich auch gar nicht anbringen, aber sie rutscht mir dennoch heraus. Sie nickt wissend, schaut aber etwas starrer als zuvor. Darf ich den Flyer mitnehmen?, frage ich und trinke meinen Gratis-Kaffee aus. Ein paar Tage später krame ich den Flyer heraus, schaue im Netz nach und stelle fest, dass die Autorin natürlich aus der Finanzbranche stammt. Auch dort wird also von magischen Welten geträumt. Kein Wunder. Und ich lese eine schlechte Rezension auf Amazon, die allerhand sprachliche Katastrophen aufzählt, bei denen selbst dem trockensten alten Buchstabenverdreher die Hämorrhoiden rot anschwellen. Nachdem sie wieder abgeschwollen sind, nicke ich wissend und denke bei mir: Macht ihr mit den Firmen-BMWs und den adretten Halstüchern mal euer Finanzzeug und legt unsere Groschen vernünftig an, die Bücher machen derweil weiter die Autoren und wir. Diese Welten sollten sich nicht so mir nichts, dir nichts berühren.

Donnerstag, 10. September 2009

Wahl-O-Mat, neuer Durchgang (puh!)

Eine Zeitlang war ich doch irritiert.
Ich bin großgeworden in einem bäuerlich-kleinbürgerlichen Umfeld, hatte eine idyllische Kindheit auf dem Bauernhof, auf dem Heuboden mit meinen Cousinen, war Messdiener, Klapperjunge, strebsamer Gymnasiast, mein Großvater war CDU-Bürgermeister und bekam von Bernhard Vogel die Ehrennadel des Landes Rheinland-Pfalz verliehen. Ich habe voller Elan unser Land im Schlamm verteidigt und hatte eine staatstragende Affäre mit meinem G3-Sturmgewehr.
Und dieser elende Wahl-O-Mat weist mich der DKP zu!
Dabei habe ich gar nichts Schlimmes gemacht, außer den Fragenkatalog im Sinne einer halbwegs liberalen mitteleuropäischen Gesinnung ehrlich zu beantworten. Solche Fragen, für die ich bzw. meine Gesinnung sich nicht zuständig fühlten, habe ich übersprungen oder mit „neutral“ beantwortet. Wie zum Teufel konnte ich bei den Kommunisten landen?
Ein neuer Durchgang hat mich nun jedoch beruhigt. Nix mehr DKP. Wieder auf heimischem Terrain. Allerdings rät mir das Ding nach wie vor heftig davon ab, CDU/CSU zu wählen.
Fragen zu Themen, von denen ich ohnehin keine Ahnung habe, wurden mit „neutral“ bewertet, auch solche, bei denen es um das Große Füllhorn für alle geht. Wer das alles nämlich bezahlen soll, weiß ich nicht wirklich. Außerdem wurde der GENAUE Wortlaut der Frage beachtet. Zum Beispiel, ob die Bundeswehr „sofort“ aus Afghanistan abgezogen werden soll. „Sofort“ geht ja allein deshalb schon nicht, weil sie mit all dem Material mindestens drei Wochen zur Rückreise benötigen würde. Ha! Fangfrage! Also stimmte ich der Forderung NICHT ZU, obwohl es mir schwerfiel. Nun bin ich wieder da, wo ich hingehöre, mit leicht schmerzverzerrtem Gesicht. Aber hat irgendwer behauptet, Demokratie sei schmerzfrei?

Mittwoch, 9. September 2009

Wahl-O-Mat

Tja, hmm, laut Wahl-O-Mat soll ich am 27.9. die DKP wählen. Schnarch. Eins soll ich auf keinen Fall wählen, wenn mir das Land am Herzen liegt: CDU/CSU.
Ist ja noch ein bisschen Zeit, ich denke drüber nach ...

Dienstag, 1. September 2009

Bla-Molekül

Vor unvorstellbar langer Zeit entstand in einer heißen, schlammigen Pfütze das erste Bla-Molekül. Es freute sich seiner Existenz und brachte die Pfütze heiter zum Blubbern. Da kauerte sich ein eben erst vom Affen abgespaltener, haariger Zweibeiner neben der Pfütze nieder, weil ihm ein Säbelzahntiger den Weg zum nächsten klaren Bach versperrte, und trank. Eine Kreatur mit Potenzial, dachte das Bla-Molekül und sprang über. Tatsächlich fand es bei seiner Wanderung durch den haarigen Körper im pfirsichgroßen Gehirn des Zweibeiners die Anfänge eines Sprachzentrums (obwohl damals noch niemand es so nannte). Als der Zweibeiner in seine Höhle zurückkehrte, begann er unablässig zu grunzen. Seine Höhlengenossen waren mächtig beeindruckt, wählten ihn spontan zum Sprecher der Höhle und erfanden das Funkmikrofon. Fängt gut an, dachte sich das Bla-Molekül, mal sehen, wie das mit der Evolution so weitergeht.
Aber es dauerte Hunderttausende von Jahren, bis die evolutionäre Verquickung von Bla-Molekül und haarigem Zweibeiner (der jetzt nicht mehr ganz so haarig war und Anzüge trug) endlich Erfolg hatte und eine neue Spezies erzeugte, die sich vom ex-haarigen Zweibeiner abspaltete, wie der sich einst vom Affen abgespalten hatte. Diese Spezies steht oder sitzt mit Vorliebe in Fernsehstudios und nutzt ihr hochmodifiziertes Sprachzentrum, um sogenannte Wahlergebnisse zu kommentieren. Andere Höhlenbewohner in Anzügen halten ihnen dabei Funkmikrofone ins Gesicht, was im Allgemeinen als Startsignal gewertet wird, jetzt mit dem Bla zu beginnen und möglichst so bald nicht wieder damit aufzuhören. Diese Spezies nennt sich „Inhalte!“, abgeleitet von ihrem Lieblingsbegriff, den ihnen das Bla-Molekül ständig zu äußern vorschreibt. Eine lateinische Bezeichnung für sie muss erst noch gefunden werden. Ihre opponierenden Untergattungen werden bezeichnet als „der Althaus“, „der Pofalla“, „der Hubertus Heil“ oder „Schöner Niebel“. Kennzeichnend für diese Gattungen und ihre gesamte Spezies ist die völlige Dominanz des Bla-Moleküls über das Sprachzentrum und die neuronalen Verknüpfungen des Zweibeiner-Gehirns. Das Bla-Molekül kommt seiner evolutionären Funktion nach: Es produziert Bla. Dieser Alleinherrschaftsanspruch des Bla-Moleküls hat in der Spezies der „Inhalte!“ derartig umfassende Züge angenommen, dass sie nicht nur das eigene Bla möglichst in die Länge ziehen muss, auch wenn die Funkmikrofone schon weggezogen oder ausgeschaltet wurden, nein, es wird auch das Bla der Gegenseite aufgesaugt und parasitär in eigenes Bla umgewandelt. Andere Funktionen, etwa der Bewegungsapparat, sind verkümmert. Die Hände liegen stets gefaltet und regungslos auf dem Tisch, nach der Sendung werden die Vertreter der neuen Spezies in ihren Stühlen oder stehend herausgetragen und in sogenannten "Parteigremien" zwischengelagert.
Unter Evolutionsforschern gilt diese neue Spezies bereits jetzt als so hochmodifiziert und spezialisiert, dass ihr Aussterben nur eine Frage der Zeit ist. Wenn ihre letzten Vertreter erschöpft vom ganzen Bla neben einem heißen Tümpel zu Boden sinken, absterben und versteinern, wird das Bla-Molekül in die Pfütze wechseln, zu blubbern anfangen und sich denken: Och, war ganz okay.

Freitag, 28. August 2009

Metropolis

Sehr hübsch. Fritz Langs und Thea von Harbous Metropolis in der Kölner Philharmonie. Gezeigt wurde die von der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung restaurierte Fassung von 2001. Die Vorführung fand deshalb in der Philharmonie statt, weil die Original-Filmmusik von Gottfried Huppertz in ein Arrangement für Sinfonisches Blasorchester umgewandelt und von Mitgliedern der Jungen BläserPhilharmonie NRW vorgetragen wurde. Also eine Luxus-Ausgabe des originalen dramatischen Seh- und Hörerlebnisses.
Den Film habe ich als Knabe mal in irgendeiner kürzeren Fassung gesehen (keinesfalls jedoch der Giorgio-Moroder-Version), konnte mich jedoch daran kaum noch erinnern. Nun also mal als Kollektiverlebnis.
Spannende, mächtig kitschige Sache, deren rigoroses Overacting manches Mal Gelächter im Riesensaal hervorruft, bei der einem aber auch in nahezu jeder Einstellung der Vorbildcharakter ins Gesicht springt. Generationen von Filmemachern haben davon gezehrt. Als Hollywood noch in Deutschland lag. Unverschämt kreativ, gewaltig neu, Stimmungen der Epoche einfangend und zugleich merkwürdig veraltet, wenn es um die Dystopie der Arbeiterwelt geht. So war das damals schon längst nicht mehr. Beunruhigend anzusehen ist diese quasi-militarisierte Zombie-Unterschicht jedoch immer noch, ehe sie sich zu Motivfetzen der Marseillaise in einen herumwuselnden Haufen Aufruhr verwandelt. Heinrich George hat gegen Ende etwas eminent Expressionistisches an sich, wenn er herumspringt und sich erregt. Erinnert mich an den „Tigermenschen“ aus Meyrinks zehn Jahre früher entstandener Walpurgisnacht. Ähnliche Thematik, ähnliche Form. Und tatsächlich ist Metropolis genauso sehr Gothic Novel mit finsterem, keckerndem Alchemisten, Katakomben voller Skelette, der babylonischen Hure, alarmierenden Pentagrammen und überirdisch beleuchteten Kreuzen, einem herumstaksenden Sensenmann. Ein Mythen-Whirlpool mit einer Fülle von Effekten, die man heute als Comic bezeichnen würde. Mehr Comic jedenfalls als in sogenannten Comic-Verfilmungen.
Kapitalismus und Kommunismus sind 1926 längst zu Mythen geworden, die im Rahmen eines ästhetischen Alles-in-einem-Konzepts ausgeschlachtet werden dürfen. Die Drehbuchautorin geriet bald ins Fahrwasser der Braunen, und man darf in der Rückschau vermuten, dass sie mit der kitschigen „Versöhnung von Hirn und Hand durch das Herz“ bereits auf das integrative Selbstverständnis der Nazis anspielte, allerdings ist das noch weit entfernt von Propaganda. Es ist vielmehr ein typisch überkandidelter deutscher Film, der einen exzellenten Einblick in die florierende eklektizistische Phantastik der Epoche bietet.

Sonntag, 23. August 2009

Idyll mit Sensenmann

Der „Drei-Flüsse-Radweg“ ist genau so pittoresk, wie sein Name klingt. Auf Französisch hört er sich leicht umständlich an: „Piste cyclable des trois Rivières“. Mit den drei Flüssen sind Our, Sauer und Mosel gemeint; der Weg ist von Norden bis Süden 86 Kilometer lang und geht von Vianden (tolle Burg!) bis nach Schengen (wo bekanntlich mal alle Grenzen fielen).
Ich halte mich an ein Teilstück entlang der Sauer und an das deutsche Pendant („Sauertalradweg“), das über die alten Grenzübergänge oder Radfahrer-/Fußgängerbrücken erreicht werden kann. Auf dem Campingplatz Metzdorf kann es passieren, dass man beinahe einen torkelnden Restalkoholiker touchiert, der einem irgendetwas Unverständliches hinterherlallt. In Born begegnet man dem Sensenmann, nicht dem allegorischen, sondern dem echten steinalten Bäuerlein, das gefährlich nahe am Radweg Gras für die Karnickel mäht und nicht wirklich auf Radfahrer achtet, wenn es die Sense schwingt. Nachdem man dem Mähgerät entkommen ist, gibt das merkwürdige alte Hochhaus oben an der Hauptstraße Rätsel auf: mittendrin im Bauerndorf, zerdepperte Fenster, abblätternder Putz, wie zur Sprengung vorgesehen, aber eben zu sehr mittendrin für solcherlei. Also steht es einfach da rum. Vermutlich die aufgelassene Zentrale einer landwirtschaftlichen Genossenschaft. Wird bei der nächsten Tour erkundet, denn ein Abstecher würde einem jetzt gerade das Tempo nehmen.
Die subjektiv beste Stelle befindet sich auf der Höhe des Dörfchens Hinkel, direkt gegenüber des Heimatdorfes, das sich auf der anderen, deutschen Flussseite den Hang hinaufarbeitet. Dort in Hinkel gibt es eine Steigung. Strategisch klug platziert ist die klitzekleine „Radlerschänke“ mit der Pappschild-Aufforderung: „Gönnen Sie sich eine Pause“, jedoch ist daran nicht zu denken, denn eine Pause würde einem den Rhythmus zerhauen. Direkt nach der Steigung kommt nämlich ein ekstatisches Gefälle, vorbei an zwei Bauernhöfen und in einen weitläufigen Rastplatz nahe dem Wasserkraftwerk mündend, der einem nach dem Ausrollen „Zigarettenpause!“ entgegenschreit. In Rosport wird einem der Spaß am dortigen kurzen Gefälle genommen, weil ein holländischer Familienclan breitärschig über den Weg latscht und man deren Krücken-Opa nicht umnieten will. Also vorsichtig durchschlängeln. Hinter Rosport dann die Sprudelfabrik mit dem Reiter-Logo. Man wünscht sich, es würde irgendwer an einem Campingtisch und unter einem Sonnenschirm an der Werkseinfahrt sitzen und Produktproben zur Verköstigung anbieten, aber bei den Sprudlern ist heute keiner da.
Steinheim erweist sich im unteren Teil als reinstes Idyll aus Bauernhöfen und Kirchplatz, die schönste Verweil-Bank der ganzen Strecke befindet sich hier am Ortsausgang. Auf der nicht mehr ganz neuen Brücke bei Minden knarzen die Holzbohlen, dass man befürchtet, gleich in den Fluss durchzubrechen. Zwischen Edingen und Godendorf erhascht man einen Blick auf den Fluss und ein Schwanenpärchen, dass einem kurzzeitig der Atem stockt und man abbremsen muss, so idyllisch ist das. Der Tunnel bei Ralingen ist hingegen ein gefährliches Ding, wenn man nämlich aus dem gleißenden Sonnenschein ins Stockdunkle rast, nur noch gelbe Flecken und tiefste Schwärze vor Augen hat und einem eine Truppe Hobbysportler entgegenkommt, die ebenfalls nur gelbe Flecken und tiefste Schwärze vor Augen hat, zu dritt nebeneinander fährt und keinen Gedanken an Gegenverkehr verschwendet. Weder ihre Asphaltkampfmaschinen noch mein Veteran besitzen eine Lichtquelle. Nachdem man das ohne Frontalkollision überstanden hat, kommt eine sehr kurze, sehr brutale Steigung, die man von weitem nicht für menschenmöglich hält, aber dann doch irgendwie packt, ehe es durchs Dorf bergab geht und sich die Sache abflacht und beruhigt. Es zieht sich ein bisschen bis nach Hause, da der Weg auf der deutschen Seite wegen einer Flussschleife sehr viel weiter ist als auf der ausländischen, man hat sozusagen die Außenbahn erwischt. Jedoch ist man dann schon zu sehr damit beschäftigt, telepathischen Kontakt zu der Flasche mit koffeinhaltigem Softdrink aufzunehmen, die man vor der Abfahrt klugerweise im Kühlschrank platziert hat.

Eine Definition von Glück

Erst auf dem Asphaltkampfschwein die lange 25-Kilometer-Runde über den „Drei-Flüsse-Radweg“ mit zweimaligem Grenzübertritt, in forschem, aber nicht brutalem Tempo, so dass holländische Touristen zumindest eine theoretische Chance haben, auszuweichen. Danach in einem kühlen, abgedunkelten Zimmer auf dem Bett liegen, Coca Cola und Paprika-Lyoner in Griffweite, und den Leuten bei der Leichtathletik-WM beim Zappeln und Schwitzen und insbesondere Prachtweib Betty Heidler bei erotischen Drehbewegungen zuschauen.

Donnerstag, 20. August 2009

Schmerzfreier Hintern

Gestern mit Katze und Laptop aufs Land gedüst. In aller Herrgottsfrühe, also so um halb neun. Da fühlt sich das Auto noch nicht an wie ein Backofen, und die Schatten in der Eifel sind noch lang.
Natürlich wurde lautstark protestiert und auf dem Weg zum Auto das halbe Viertel zusammengebrüllt („Hilfe! Hilfe! Ich werde unterdrückt!“), selbstverständlich wurde in den Katzenkorb gekotzt und während der Fahrt dramatisch gehechelt und sofort nach der Ankunft demonstrativ das Katzenklo überschwemmt – und es wurde überlebt. Wie immer. Das Drama war jedoch relativ schnell vergessen angesichts der beiden neuen Ponys auf der Wiese neben dem Haus. Kann man diese seltsamen Kreaturen fressen, oder fressen die einen?
Herrchen hat derweil zur Akklimatisierung seine erste kleine Fahrradtour gemacht, wurde von einem Rowdy überholt und überholte seinerseits Rentner. Am niedrigsten Punkt der Strecke, einer Bachmündung, war es so schön kühl, dass er hätte verweilen wollen, wenn er nicht den Bergab-Schwung für die darauffolgende sanfte Steigung benötigt hätte. Die heftige Steigung gegen Ende bewältigte er problemlos ohne Anlauf und ohne Schnaufen. Er war wieder mal überrascht von sich selbst. Alle behaupten ständig etwas von einem ungesunden Lebenswandel, den er sich zu eigen gemacht hätte. Nicht mal der Hintern tut ihm heute weh. Darauf eine Stange Luxemburger Zigaretten.
Ansonsten lässt er am Nachmittag die Rolläden herunter und vergnügt sich mit Zombies sowie Käsegrillern im Speckmantel.

Samstag, 15. August 2009

Redakteursfleisch

Eingabe ans Finanzamt: Zu den steuerlich absetzbaren Büromaterialien sollten Fechtanzüge hinzugefügt werden.
Begründung: Die Büroarbeit wird meistens in einer halb liegenden Position ausgeführt. Auf der Couch oder dem Arbeitsbett sitzend, angelehnt und mit ausgestreckten Beinen, den Laptop auf dem Schoß oder den Oberschenkeln. Dies ist bequem und effektiv und fördert das Bruttosozialprodukt. Allerdings gibt es eine Kollegin im Büro, eine ziemlich kleine Kollegin mit überaus langen Fingernägeln, die die Arbeit als Teamwork versteht und auf Redakteursbauch und -brust klettert, um stundenlang das Geschehen auf dem Monitor zu verfolgen und zu kommentieren. Dabei gibt sie laute Vibrationsgeräusche von sich, presst ab und an den Kopf in reibender Bewegung gegen den Monitor oder nimmt durch gezielte Betätigung der Tastatur sinnvolle Korrekturen am Text vor. Bis es jedoch so weit ist und die Kollegin sich in der richtigen Arbeitsposition befindet, kann einige Zeit vergehen. Sie bereitet ihren Arbeitsplatz, Bauch und Brust, erst ausgiebig vor, tritt ihn platt und krallt dabei ihre Fingernägel rhythmisch durch Redakteurskleidung in darunterliegendes Redakteursfleisch, um sich schließlich dauerhaft in ihm festzuhaken wie ein Bergsteiger, der Kletterhaken in die Wand geschlagen hat. Haut reißt, Blut fließt, Luft wird scharf durch zusammengepresste Lippen eingesogen, Schmerzensschreie hallen durchs Büro, die Redakteursbrust ist bald so vernarbt wie die von John Rambo. Manches Männerfleisch steht bekanntlich auf solche Behandlungen, manches jedoch auch nicht. Der Redakteur ist eine Zeitlang paralysiert und seiner Effektivität beraubt. Die Auftragserledigung nimmt mehr Zeit in Anspruch, Redakteur und Bruttosozialprodukt erleiden Schaden.
Fazit: Abhilfe könnte geschaffen werden, indem das Finanzamt Fechtanzüge als Arbeitskleidung für Redakteure akzeptiert, zumindest das Oberteil. Der Vorschlag, der Kollegin einen anderen Arbeitsplatz zuzuweisen oder ihre Fingernägel zu schneiden, ist nicht akzeptabel und gefährdet das Betriebsklima.

Mittwoch, 12. August 2009

Katzentoilette

Die Anschaffung einer Katzentoilette, in gewissen Haushalten auch als „Kackacker“ oder „Strullstrand“ bekannt, ist eine Angelegenheit, die durchdacht werden sollte.
Eine beliebte Volksweise verkündet: Katzenklo macht Katze froh. Dagegen ist nichts einzuwenden, es sollte jedoch auch die Überlegung einbezogen werden, ob das Katzenklo den Katzenhalter froh macht.
Solche Exemplare, die aus einer Pfanne für das Streu und einem hohen Deckel mit Einstiegsöffnung bestehen, fordern das urinierwillige Tier auf, zum diskreten Erleichtern in ihr Inneres zu treten. Sie sind sicher gut gemeint, aber wenn sie nicht nach jedem kleinen Urinspritzer gereinigt werden, sammeln sich – unabhängig von der Qualität des Katzenstreus – schnell gewisse Düfte im Innenraum. Das urinierwillige Tier nimmt zwar die Einstiegsöffnung in Anspruch und begibt sich widerspruchslos nach innen, dabei jedoch ist sein feines olfaktorisches Sinnesorgan regelmäßig irritiert. Dies wiederum führt dazu, dass das Haustier sein Hinterteil nicht ordnungsgemäß senkt und sozusagen im Stehen pinkelt. Und zwar in hohem Bogen aus der Einstiegsöffnung heraus. „Die Katze mag keinen Ammoniakgeruch“, meinte einst ein Katzenexperte dazu, „deswegen pisst sie lieber nach draußen.“
Die flache Pfanne ohne Deckel ist dem Haustier ebenfalls nicht gänzlich geheuer. Es balanciert mit allen vieren auf dem schmalen Rand, um sich zwar jetzt in angemessener Luftzirkulation, allerdings aus einer erhöhten Position heraus zu erleichtern. Durch den Balanceakt kann es vorkommen, dass der feline Hintern ebenfalls nicht komplett in Richtung Streu gesenkt wird und zudem während der Kombination aus Balance- und Uriniervorgang in Bewegung gerät. Dabei bleibt das Katzenstreu trocken, was aus ökonomischen Gründen sinnvoll erscheint, allerdings werden die Badezimmerkacheln nass.
Halter einer sogenannten „Luftpinkler“-Katze, auch bekannt als „Bogenpisser“ oder „Kachelbedufter“, sollten eine deckellose Pfanne mit einem breiten umlaufenden Rand in Erwägung ziehen, die, den Gesetzen der Physik zufolge, jede denkbare Erleichterungsposition Ihrer Katze berücksichtigt.
Nehmen Sie vorher die Maße Ihres Tiers, denn zum Kauf angeboten werden auch Katzentoiletten von der Größe eines Whirlpools, in denen Ihr Haustier sich beim Erleichtern vermutlich etwas verloren vorkommt. Achten Sie ebenfalls auf die Farbgestaltung. In einem dunkelblau-hellcremefarbenen Bad hat eine neongrüne Katzentoilette vermutlich nicht nur abschreckende Wirkung auf Sie und Ihre Besucher, sondern auch auf das Haustier selbst. Gänzlich vermieden werden sollten modische halbtransparente Toilettenpfannen, egal von welcher Farbe, durch deren Rand die sorgsam vergrabenen Kotklumpen für Besucher deutlich zu erkennen sind und eventuell ungute Gefühle auslösen.

Montag, 3. August 2009

Mittelalter auf der Wiese

Mittelalter-Festival. Eine Veranstaltung mit gewissem Unterhaltungs- und Grenzwertigkeitsfaktor und deswegen unbedingt empfehlenswert. Auch zum spaßigen Korinthenkacken. Für ein paar Stunden, dann nutzt es sich ab.
An der Kasse am Eingang werden 20 Euro vom Wechselgeld ungefragt in „Goldtaler“ umgetauscht, die Festival-Währung. Panik macht sich breit. Muss ich jetzt die ganzen 20 Euro respektive Goldtaler hier unters Volk werfen? Nein, nein, alles okay, man kann die nicht verwendete Parallelweltwährung beim Verlassen des Geländes an der Kasse wieder zurücktauschen. Aber es wird sich als unproblematisch erweisen, den Großteil der Goldtaler für Verpflegung loszuwerden.
Mittelalter-Festival. Ein Wirtschaftszweig, der sich selbst ernährt. Versicherungsfachangestellte und Ergotherapeuten markieren am Wochenende Ritter und Burgfräulein und rüsten sich aus bei Händlern, die spezialisiert sind auf Versicherungsfachangestellte und Ergotherapeuten, die am Wochenende Ritter und Burgfräulein markieren. Man kann sie ganz gut auseinander halten, die kostümierte bürgerliche Mitte und die Aussteiger, die von ihr leben.
Dazwischen einige Belege für die Richtigkeit der These, dass Fantasy besser zwischen Buchdeckeln verbleibt: Elfenohren aus Hartgummi. Elfenflügel aus Weichgummi. Teufelshörner aus Plastik. Notorische Legolasse. Hänflinge in Kettenhemden. Stark Kurzsichtige mit englischen Langbögen und vollem Köcher. Einssechzig große Freizeitkrieger mit zwei Meter langen Schwertern. 130 Kilo schwere Burgfräuleins. Kelten mit Allergiespray. Wikinger mit Springerstiefeln. Gothics, die, was ihre Kompatibilität mit dem Mittelalter betrifft, einem generellen Missverständnis aufsitzen. Und Wildschwein vom Spieß, das ungefähr 25 Prozent zu teuer und definitiv nicht Wildschwein, sondern Hausschwein vom Spieß ist. Egal, schmeckt trotzdem.
Beschallt wird die Szenerie von diversen Musikbühnen aus. Hauptsache, es klingt irgendwie altertümlich. So wie zum Beispiel die Holländer, die aussehen wie losgelassene Manowar-Highlander, dramatisch die Nebelmaschine anwerfen und wild herumzucken, lustigerweise aber bloß jene schottischen Volksschnulzen spielen, die man Samstagabend in jedem Pub der Inseln vorgedudelt bekommt. Dort jedoch mit schottischem Akzent, nicht mit holländischem. Roger Whittaker hat einige dieser Songs auch schon auf Platte pressen lassen.
Die Schaukämpfe werden von tschechischen Cascadeuren ausgeführt, die mit pathetischem Gestus und dramatischem Ingrimm tausendmal einstudierte Schwertkloppereien zum Besten geben. Daneben ist „Fahrend Volker“ das Publikum abhanden gekommen, das beinahe geschlossen zu den prügelnden Rittern pilgert. Dabei ist Volker der eigentliche Star des Festivals: Jongleur, Zauberer und Entertainer mit einem charmanten All-Age-Programm, das wirklich Spaß macht. Volker besitzt jene Kombination aus Professionalität und Spontaneität, die einen großen Kleinkünstler auszeichnet. Buchen Sie ihn unbedingt für Ihr nächstes Firmenjubiläum, Sie werden was zu lachen haben.
Im Heerlager, in dem all die Re-Enactment-Gruppen sich übers Wochenende niedergelassen haben und grillen oder Sprudel trinken, sitzt eine verkleidete Frau vor einem Zelt, strickt und verkündet, dass sie so wenigstens etwas Sinnvolles zu tun hätte.
Nachdem wir gegen Ende noch ein wenig den holländischen Highlandern gelauscht und tanzenden Mädels in Waffenröcken zugesehen haben, haben wir am Ausgang allen Ernstes noch vier Goldtaler übrig zum Eintauschen in Rest-der-Welt-Währung.
Um 20 Uhr fahren die Wagen aufs Gelände und räumen die Festivität wieder ein. Nächstes Wochenende trifft sich die Parallelgesellschaft auf einer anderen Wiese der Republik.

Donnerstag, 30. Juli 2009

Rauf aufs Monster

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich in all den Jahren, in denen ich in Köln gemeldet bin, das Monster noch nie bestiegen habe. Drunter war ich mal und habe es am Bauch gekitzelt, aber auf ihm drauf noch nie.
Besonders toll sind die neuen unterirdischen Zugänge, für die man Tunnel durch das Fundament gebohrt hat, so dass man im Halbdunkel durch die vielfarbigen Gesteinslagen marschiert.
Dann kommen sie: 533 Stufen. Kein Aufzug steht vorsichtshalber am Aufgang. Das sollten unsere beleibteren Mitbürger durchaus berücksichtigen, denn es kann dauern, bis die Ambulanz die Wendeltreppe bewältigt hat und bis zum kollabierten Touristen vorgedrungen ist. Schweinegrippetechnisch haben wir es beim Geländer des Treppenhauses übrigens mit einer echten Gefahrenquelle zu tun. Man kann die kleinen, aus Spanien mitgebrachten Viren förmlich sehen, wie sie da herumwuseln und flehentlich ihre niedlichen kleinen Händchen ausstrecken: "Nimm mich mit, por favor, nimm mich mit!"
Angenehm hingegen: In den offenen Bereichen oben auf dem Südturm weht eine steife Brise, die einem den Schweiß sofort wieder trocknet und ein paar an der Kleidung festhängende Viren wegpustet.
Auf halber bis zwei Drittel Höhe darf man den Dicken Pitter und seine kleineren Genossen bestaunen. Wenn man zufällig um zwölf Uhr mittags genau dort anlangt, kann man die Touristen überrascht quieken hören, lauter als die von pneumatischen Hämmerchen hervorgerufenen Glockenschläge. Würde man sich zufällig an diesem Ort befinden, wenn der Dicke Pitter loslegt, könnte man danach mit seinem Zwerchfell die Mauern tapezieren. Da ist nix mehr mit Quieken.
Es ist reizvoll, sich vorzustellen, wie es mal war, als die umlaufende Galerie oben noch nicht von einem käfigartigen Geländer eingefasst war und man sich als Domarbeiter ganz weit rauslehnen und vielleicht sogar auf den Steinschnörkeln herumkraxeln konnte. Aber heute sind einfach zu viele leichtsinnige Holländer, hemmungslose Japaner, suizidale Russen und schweinegrippig torkelnde Spanier dort oben, als dass man auf den Geländerkäfig verzichten könnte. Oder so jemand wie der merkwürdige Opa, der mit den Händen vor seinem Gesicht eine Art Satellitenschüssel formt, Handflächen nach außen, und damit die Stadtlandschaft und den Horizont abfährt, als würden ihm von dort irgendwelche Botschaften zugestellt. Wahrscheinlich ist der Empfang weiter hinten auf der Galerie nicht so gut und der Opa würde gerne weiter nach vorne klettern, um Gott dem Herrn, den Aliens oder wem auch immer rauschfrei lauschen zu können. Da sei bitte ein Geländer vor.
Treppe runter geht’s echt schnell, sofern nicht eine beleibtere Großfamilie gerade hochgeschnauft kommt und die Wendeltreppe ausfüllt. Als wir wieder draußen waren, wurden wir erstaunlicherweise von jenem Trupp beleibterer Mitbürger überholt, die uns auf Stufe dreißig eben noch entgegenkamen. Sie müssen spätestens auf Stufe fünfunddreißig umgekehrt sein. Das soll kein Vorwurf sein, denn bei dieser eklatanten Leibesfülle hätte ich das auch getan.

Freitag, 24. Juli 2009

Zusammengenäht

Die Gitarren rieseln vom Firmament herab, während die lazy herausgenölten, sehnsuchtsvollen Gesangsmelodien genau dorthin streben, wo die Gitarren herkommen. Irgendwo auf halbem Weg, vielleicht so drei bis fünf Meter über dem eigenen Kopf, treffen sie sich, spielen ein bisschen an sich herum und kopulieren heiter im öffentlichen Raum, ohne sich zu schämen. Mit dem Kopfhörer auf der Rübe hebt man den Blick dorthin und lacht mit.
Meat Puppets, Sewn Together. Es geht mit einem volleren, moderneren Sound zurück in die 80er. Erste Anspielstation für das Rockschwein in uns allen sollte „Rotten Shame“ sein, der Song mit der nicht verifizierbaren Anzahl von Gitarrenschichten, die organisiert umeinander wuseln. Die Credits sagen, dass Curt Kirkwood neben der Gitarre auch die Mandoline spielt, auf „Rotten Shame“ scheinen auch Banjo und Sitar mit von der Partie zu sein. Sowie ein Synthesizer. Dem obligatorischen Gitarrenmorden darf man auf „Blanket Of Weed“ beiwohnen, während das vertrackt hardrockende „S.K.A.“ mich völlig verzückt hat. Und wer bei einer Ballade wie „Go To Your Head“ nicht gleichzeitig heult und lacht, der kann mir gestohlen bleiben. Der hat kein Herz.
Ah, da werden alte, trockene Fürze wieder feucht. Cris Kirkwood ist absolut zuzustimmen, wenn er sagt: „Music can age, like a fine wine, or in our case, like a fine cheese. The older it gets, the more it stinks. We’re good and stinky.”

Dimple

Gestern Abend habe ich die TV-Doku über die Les Humphries Singers gesehen und danach geträumt, ich würde mit einem Lächelkrampf, ungewaschenen Haaren, einer Fransenjacke, einem Poster von Jürgen Drews und einer halbvollen Pulle Dimple in einem Obdachlosenwohnheim in Neuwied hausen und den Kakerlaken „Mexico“ beibringen.
Ich glaube, ich habe die als Kind schon gehasst, diese Sangesgruppe mit ihrem Friede-Freude-Eierkuchen-Gezappel. Und zwar nicht deshalb, weil die älteren Leute mich vor den langhaarigen Zauseln und ihren losen Sitten gewarnt hätten. Nein, die älteren Leute schmissen bei ihren Seventies-Partys diesen Quark ja regelmäßig selbst auf den Plattenteller und gaben sich den knallhart kalkulierten Hippie-Phantasien hin.
Sehr amüsant in diesem Zusammenhang war Jürgen Drews’ Interview-Äußerung, die Singers seien Anti-Establishment gewesen und erst dann zum Establishment geworden, als ihr Bandchef die Kohle schrankkofferweise nach Liechtenstein karrte.

Dienstag, 21. Juli 2009

Mondlandung ist laaangweilig

Bin gestern bei den ganzen Themenabenden weggeschnarcht. Weckt mich frühestens, wenn sie zum Mars fliegen. Am besten aber erst dann, wenn sie über einen FTL-Antrieb verfügen und sich draußen bei Antares oder Wega in einen interstellaren Krieg verwickeln lassen.

Mittwoch, 15. Juli 2009

Trauerfall

Ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte, aber ich habe die Heilige Stereoanlage getötet.
Eigentlich wollte ich nur eine Platte hören, was höchst selten vorkommt, denn der Plattenspieler gibt immer ein tiefes Brummen von sich. Um diesem Geräusch zum wiederholten Male auf die Spur zu kommen und es eventuell zu beheben, stöpselte ich ein bisschen hinten herum und verursachte dabei offenbar einen mächtigen Kurzschluss – ploff! -, der in den Verstärker fuhr und den zwanzig Jahre alten Hifi-Turm umbrachte. Er ist jetzt in einer besseren Welt. (Genau genommen befindet er sich momentan im Keller.)
Ich stand zwei Tage unter Schock, nicht unter einem elektrischen, sondern einem emotionalen, aber nun habe ich es geschafft, eine neue Anlage zu ordern.

Montag, 13. Juli 2009

Es existiert!

Es ist eine Legende, ein seit Generationen kursierendes Gerücht in Fachkreisen, begleitet von einem ehrfurchtsvollen Flüstern: das schlechteste Buch der Welt.
Man vermutet, dass es irgendwo dort draußen existiert, irgendwo zwischen all den Papierbergen und all den vielen bunten Buchdeckeln. Sein Papier stammt von einem verfluchten Baum, unter dem die Druiden im ersten Jahrhundert vor Christus Menschenopfer darbrachten – so heißt es in den Legenden über das schlechteste Buch der Welt. Das geschlagene Holz lag Jahrzehnte am Waldrand neben einem verfluchten Dorf, Unmengen schwarzer Katzen sprangen über den Stamm, die Dorfhexe verführte alle Männer des Orts auf eben diesem Holz zum Ehebruch, und man munkelte, des nachts wären Stöhnen und Schmerzensschreie aus dem gefällten Baumstamm zu vernehmen und seine Rinde hätte die Konsistenz von Schweine- oder vielleicht auch Menschenhaut. Und dann, so sagt man, wurde das Holz zu Papier verarbeitet, um darauf das allerschlechteste Buch der Welt drucken zu können. Die Tinte, so heißt es, sei aus den Exkrementen des Dunklen Gottes Bro’th gewonnen worden und die Tintenhersteller seien während der Herstellung wahnsinnig geworden.
Jeder wollte es finden. Seit jeher. Generationen von Gutachtern rissen die Pakete auf, die sie von ihren Verlagsauftraggebern erhielten, und durchwühlten sie, ob das schlechteste Buch der Welt vielleicht enthalten sei. Sie wussten, sie würden es sofort erkennen, wenn sie es erstmal in Händen hielten. Sie waren wie Kinder, die die Packung Kellogg’s Smacks aufreißen, sich durch die gezuckerten Krümel wühlen, um das darin enthaltene Gadget zu finden und mit einem Freudenschrei ans Tageslicht zu befördern.
Voller Stolz darf ich verkünden, dass ich soeben das schlechteste Buch der Welt entdeckt habe. Es war in einem Paket mit anderen Büchern, aber ich wusste sofort, dass hier etwas Besonderes meiner harrt. Das wirklich allerschlechteste Buch der Welt. Das Gerücht ist wahr! Es existiert!
Es ist so unglaublich schlecht, so irrwitzig blöde und unfassbar dämlich, so eklatant untalentiert, so monumental inkompetent, so komplett gescheitert, stilistisch so absolut dement und inhaltlich so irre scheiße, kurzum: so abgrundtief böse, dass man sofort begeistert herumspringen möchte. Eine papiergewordene Talsohle. Ein Kreislaufkollaps zwischen Buchdeckeln. Ein Bandsalat in Buchstaben. Ein spirituelles Minuszeichen.
Es versteht sich von selbst, dass ich hier weder Autor noch Titel nennen kann, denn das ist streng geheim und nur für interne Zwecke bestimmt. Ich werde die Preziose in einem abschließbaren Aktenkoffer und mit Sicherheitskette ums Handgelenk persönlich nach München ins Lektorat zurückbringen und zugegen sein, wenn sie in ein okkultes unterirdisches Geheimlabor verfrachtet wird, um sie genauestens zu untersuchen. Nach intensiven Forschungen und zu gegebener Zeit wird dann zur Pressekonferenz geladen: Das schlechteste Buch der Welt ist gefunden!

Frage: Herr Reitersmann, wie haben Sie das schlechteste Buch der Welt identifiziert?
Antwort: Nun, Herr Schnork-Büttenweiler, das Cover war verhältnismäßig unverdächtig, aber die Tinte roch faulig und das Papier war fahl und grobporig in seiner Konsistenz. Außerdem wuchsen Haare daraus. Dazu katastrophale Syntax und mehr als wunderliche Inhalte.
F: Das war doch bestimmt abenteuerlich. Hatte diese Entdeckung Folgen für Ihre unmittelbare Umgebung?
A: Die Katze hatte Darmblubbern und pinkelte auf die Küchentheke. Ich selbst musste zwei Tage lang ununterbrochen lachen, außerdem ging mir ständig ein abgewandeltes Zitat von Orson Welles durch den Kopf: Heutzutage möchte jeder Bücher schreiben, sogar mein saublöder Cousin Willi.
F: Wissen Sie denn etwas über den Autor?
A: Das sollte Ihnen vielleicht besser der Verlag beantworten. Nach meinen Informationen ist er ein amerikanischer Pastor.

Sonntag, 12. Juli 2009

Harfenspiel

Dieses Haus war mal erfüllt von himmlischen Harfenklängen. Sie kamen selbstverständlich irgendwo von oben herniedergerieselt, und es ließ sich entrückt zu ihnen arbeiten oder wegnicken. Manchmal musste man allerdings auch während eines Crescendos den Fernseher lauter drehen, weil es etwas zu penetrant harfte. Ich wusste nie so recht, ob ich gerade in einer sakralen Vision von Englein gesegnet wurde, ob es die nachhallende Klage einer anno 1887 im Haus ermordeten Kommerzienratsgattin mit Harfenaffinität war oder doch echtes Harfenspiel um Mitternacht. Ich wollte schon Galileo Mystery verständigen.
Seit einiger Zeit ist es still geworden. Keine Harfe mehr. Auf dem Treppchen vor der Haustür stapelt sich nicht zustellbare Post, für die sich niemand zuständig fühlt. Darunter das Schreiben eines Harfenherstellers an eine Ex-Mieterin von ganz oben im Haus. Die Harfe war also echt. Wieder ein Mysterium aufgedeckt. Wie profan.

Samstag, 11. Juli 2009

Der Fluch des Ratzinger

Tagelang hatten wir dieses enervierende Klirren in den Lautsprechern des Fernsehers. Vor allem im tieftonigen Bereich schepperte es auffällig, und das schon bei geringer Lautstärke. Ein neues, so nicht gekanntes, unschönes Phänomen. Die Lebensgefährtin fragte vorsorglich, ob das Gerät denn noch Garantie hätte. Der selbsternannte Fachmann – ich – meinte: „Das kommt vom Ausgangssignal. Irgendwie beeinflussen die Schwüle und die Gewitter irgendeine Übertragung, und es kommen verzerrte Bässe hier an. Du wirst sehen, bei DVDs findet das nicht statt, denn die haben ja nix mit deren Signal zu tun.“
Es war eine ausgezeichnete Idee, zur Verifizierung dieser These ausgerechnet Control einzulegen, den Film über Joy Division. In den Konzertszenen sind die Bässe so derart laut, dass das Scheppern nun klang, als würden die Lautsprecher passenderweise zu „Love will tear us apart“ bersten wollen. Links wie rechts gleichermaßen. Der selbsternannte Fachmann meinte: „Jetzt bin ich verwirrt.“
Ich entkabelte alle Geräte, verkabelte sie neu und in anderer Konfiguration, korrigierte alles Mögliche in den Audio-Einstellungen des Geräts, googelte fernseher lautsprecher klirren und tat ein paar Dinge, die in irgendwelchen dubiosen Foren empfohlen wurden. Ergebnis: Es schepperte weiter wie bekloppt. Eigentlich sogar noch bekloppter.
„Was ist das hier eigentlich für ein Dingsbums?“, fragte ich zwischendurch und fummelte aus dem DVD-Recorder-Fach diesen Ansteckbutton heraus, der sich mysteriöserweise dort befand. Ich erkannte ihn sofort wieder. „Wir sind Papst!“, herausgegeben von der Bildzeitung zum Weltjugendtag in Köln. Darauf ein väterlich lächelnder, salbungsvoll winkender Joseph Ratzinger in seiner Rolle als Benedikt XVI. Damals als Souvenir in die Hand gedrückt bekommen und nach diversen Umräumaktionen irgendwie beim Gerümpel abgelegt, das sich auf einem TV-Rack ansammeln kann. Während irgendeines Staubwischens neulich purzelte Ratzinger herab ins Recorder-Fach und wurde vergessen. Er ist komplett aus Metall, und die Anstecknadel sitzt nicht mehr fest, sondern schlackert wie wild in ihrer Halterung. Der schlackernde Ratzinger war so unter den Recorder gerutscht, dass er ständigen Kontakt zum metallenen Gehäuse des Geräts hatte und von dort auf verschlungenen Kabelpfaden direkt in die Lautsprecher geriet, wo er bei tieftonigen Vibrationen sein Missfallen über unseren Filmgeschmack zum Ausdruck brachte. Indem er einen vom Vatikan legitimierten, sogenannten Schepperfluch (exsecratio tintinnaculus) losließ.
Da soll noch mal einer sagen, die Kirche hätte keinen Einfluss mehr auf unser modernes Leben. Ratzinger liegt jetzt ganz hinten in einer Schreibtischschublade, wo er so viele Flüche ausstoßen kann, wie er will, und wir schauen unsere Filme wieder klirrfrei.

Donnerstag, 9. Juli 2009

Irritation

Eigentlich hatte man genug Zeit, sich daran zu gewöhnen, aber es irritiert mich trotzdem noch: Menschen mit Handy-Freisprecheinrichtungen. Man weiß nie, ob die Leute, die einem da brabbelnd und lächelnd entgegenkommen, gerade mit jemandem aus Fleisch und Blut fernsprechen oder ob sie sich im Dialog mit der übersinnlichen Entität in ihrem Kopf befinden und soeben dazu aufgefordert werden, das Bowie-Messer aus der Innentasche zu ziehen und den nächsten Passanten, also mich, zu verhackstücken.
Ich traf auf dem kurzen Weg zum Plus (zwei Fußminuten) gleich drei dieser seltsamen Geschöpfe, und jedesmal habe ich mich vorsorglich geduckt.

Freitag, 3. Juli 2009

The Chronicle of the Black Sword

Die Moorcock-Vertonung von 1985 ist neu raus. Sie war endlos lang nur sehr teuer gebraucht zu haben – oder irgendwo als heimlicher MP3 für das Diebesgesindel.
Ich fand seit geraumer Zeit, dass dieses Album doch sehr gealtert ist und mitunter unangenehm käsigen Mittachtziger-Metal anbietet. Eigentlich war ich schon damals leicht enttäuscht, denn als Epos reichte es nicht an die epochale Hawks/Moorcock-Kooperation Warrior on the Edge of Time von 1975 heran, was vielleicht auch an der Abwesenheit des exzentrischen Rezitators Moorcock selbst lag. Er hatte zu Black Sword lediglich einen einsamen Songtext beigesteuert, allerdings einen schönen Bardentext. Ich mochte außerdem das stumpfe Schlagzeug von Danny Thompson nicht. Da hätte man den Job genauso gut von einer Techno-Stampfmaschine erledigen lassen können. An Techno dachte 1985 noch keiner so richtig, andererseits war es damals üblich, alles möglichst steril klingen zu lassen. Thompsons Spiel muss also als Tribut an die Epoche gelten. Mir gefiel auch nicht die allzu simpel gestrickte Jerry-Cornelius-Hymne „Needle Gun“, mit der die Band unverschämt Quo-like klang und sich keinen Gefallen tat.
Die ein Jahr später erschienene Live-Auswertung Live Chronicles entschädigte jedoch für so manches. Noch barocker und härter/düsterer im Sound, weiterer epischer Bogen, nicht so ökonomisch, und Moorcock war als Märchenonkel mit auf der Bühne. Obwohl die Erstausgabe der Doppel-LP aufgrund eines Copyright-Konflikts seiner Rezitationen beraubt worden war. Auf dem VHS-Video zur Show war er jedoch zu sehen und zu hören. Heute ist er auch in Neuauflagen des Live-Albums wieder integriert. Cherry Red Records hat dafür gesorgt.
Nun wurde also auch das Black Sword-Studioalbum nachgereicht, mit draufgepackten Bonustracks und neu abgemischt. Es bekommt mehr Volumen, mehr Bass, mehr schwermetallische Rhythmusgitarre, die Effekte und Sonics gehen tiefer ins Hirn, Alan Daveys Bass ist ungeheuer lebendig, die Echolot-Geräusche in „Sea King“ hallen mindestens drei Sekunden länger nach als früher. Die Bonustracks sind von 1984, beinhalten die komplette EP Earth Ritual und zeigen einen Unterschied. Die Gitarren sind da noch verzerrter, fast punkig, während sie sich auf den härteren Black Sword-Sachen eindeutig an Metal orientieren. Obwohl die Band damals plötzlich durch Heavy-Metal-Gazetten geisterte (und ehrfurchtsvoll besprochen wurde) und noch heute einige das Album als „Metal-Schlacht“ empfinden, ist es eher verspielter, hochtechnisierter Hardrock mit Ambient-Ruhezonen, balladeskem Geschwebe, Schichten um Schichten an Effekten sowie einem leitmotivischen, an- und abschwellenden Brummen, das eventuell den Chaosfürsten Arioch symbolisieren soll. Es ist das Geräusch, mit dem die Platte beginnt und das danach immer wiederkehrt, wie eine metallische Riesengrille auf Brautschau, um am Ende in einer exzellenten Prä-Techno-Percussion-Soundscape-Schlangengrube mit dem Geschehen zu verschmelzen und sich zu winden wie ein verwundeter Drache. Ausgerechnet auf dem Bonustrack „Arioch“, einer ziemlich verschollenen, instrumentalen Single-B-Seite von damals, fehlt das Brummen indes.
Beim erneuten Hören überrascht, wie viel Material auf einer soliden Blues-Hardrock-Basis steht. Die erträglichen Passagen von "Needle Gun" könnten ein Southern-Rock-Gitarren-Jam sein, und am Ende von "Sleep of a Thousand Tears" würde es nicht verwundern, wenn Huw Lloyd-Langton plötzlich die Slide-Gitarre rausholt. "Zarozinia" verursacht hingegen einfach nur durch seine Schlichtheit Gänsehaut. Dave Brock versucht sich einige Male als Shouter, glücklicherweise hat er aber keine Hodenprobleme. Überhaupt ist das Album im Vergleich zu anderen Moorcock-Adaptionen von Grunz-Metallern oder eiergequetschten Jodlern eine ziemliche Wohltat.
Es bleibt allerdings ein Rätsel, weshalb das banale „Needle Gun“ es auf das Album schaffte, obwohl es thematisch gar nicht im Kosmos des Schwarzen Schwerts angesiedelt ist, aber die von Gitarrist Lloyd-Langton gefertigten, melancholischen Melodic-Rock-Stücke „Moonglum“ und „Dreaming City“ dem späteren Live-Album vorbehalten blieben, wo sie bis heute ihren einzigen Auftritt haben. Diese Songs hätten schon das Studioalbum enorm aufgewertet.
Das alles ist gewiss nicht das größte Songwriting der Welt, blinkt etwas zu sehr im neongrellen Achtziger-Schick, bietet aber nach wie vor ein brodelndes Soundgewitter aus dem Multiversum, in dem Chaos und Ordnung sich bekriegen. Schönes Artwork von John Coulthart. Ich bin froh, das Ding auch als großformatige LP zu besitzen. Am besten ist das Werk im Zusammenhang mit Live Chronicles zu goutieren, denn das Nachfolgealbum erweitert den Kosmos in jeder Hinsicht. Außerdem tanzte darauf der Weltenbauer dann auch selbst mit.
Unter den Bonustracks befindet sich mit „Green Finned Demon“ (von der 84er-EP) eines der hypnotischsten Stücke der kompletten Hawks-Geschichte. Es gab die Songs dieser EP in digitalisierter Form zwar auch schon auf dem Sampler Mighty Hawkwind Classics, aber als Bonustracks von Black Sword befinden sie sich stärker in ihrem natürlichen Fantasy-Umfeld.

Donnerstag, 2. Juli 2009

Der Schlepper

Auf dem Hinweg: Manuskriptpakete - Stephen Baxter, Chris Wooding sowie ein paar Knalltüten.
Erzwungener Aufenthalt im schlecht klimatisierten Postcenter: 30 Minuten. Beruhigend: Die Prominenz muss auch schwitzen. In der Schlange stand Sonia Mikich, ölte und schaute dauernd auf die Uhr.
Auf dem Rückweg: Cola-Kasten, 1,5 Kilo Kartoffels, 500 gr Gulasch.

Mittwoch, 1. Juli 2009

Lichtbringers Raserei

Jaz Coleman ist ein echter Zampano geworden: Bürger von vier Staaten, Großgrundbesitzer, Inselhäuptling und Gründer von Öko-Dörfern, Orchesterchef, Arrangeur, Hauskomponist sowohl der Neuseeländer, der Tschechen wie zwischenzeitlich auch der EU („composer in residence“). Chevalier des Arts der Franzosen ist er auch. Mit Nigel Kennedy, Sarah Brightman und Vanessa Mae hat er kooperiert, Bob Geldof und Bono Vox verachtet er.
Weltbürger, Basisdemokrat, Bürgerschreck, Verschwörungstheoretiker, Großkotz, Okkultist, Ästhet und auf der Bühne derselben Sippschaft angehörend wie Ozzy Osbourne, Arthur Brown, der Joker und Luzifer und dabei nicht ganz unkomisch. Langsam wird er zu einem Fall für Kulturzeit.
Zu seinem jüngeren Output mit Killing Joke kehre ich immer wieder gerne zurück. Ganz große Sache. Coleman als Großer Illuminator, einige mögen sagen Großer Verschwurbler. Im wilden Derwisch-Tanz die mystische Ich-Auflösung anstreben oder doch vorher noch den ekligen Ideologen und Verwaltern des Menschheitsdramas an die Gurgel gehen? Altsumerische Anrufungen mit Riffs. Meditation in Metall. Sufismus mit Basslinien aus der Hölle.
Vor dem Anhören am besten nackisch machen, sich mit Lehm oder Lebensmittelfarbe einschmieren oder mit einem Ziegenfell behängen, okkulte Zeichen an die Wände malen und mitbrüllen.

Dienstag, 30. Juni 2009

Schrecken des Radwegs

Ich liege nicht, ich wiederhole, ich liege NICHT unidentifiziert hingestreckt über einem Luxemburger Radweg. Ich erlitt während der Zwanzig-und-mehr-Kilometer-Grenzland-Radtour in drückender Schwüle keinen Infarkt. Alle anderslautenden Gerüchte sind nicht zutreffend.
Tatsächlich bin ich beeindruckt von mir selbst. Die erste derart weite Radtour seit, ja, seit über zwanzig Jahren.
Der Schrecken des regionalen Radwegenetzes ist zurück. Er kommt von hinten, ohne Klingel (sein Fahrrad hat keine). Er bremst ausschließlich für niedliche Tiere, für sonst niemanden, reckt bei Steigungen seinen Hintern in die Höhe wie ein Pavian und beharrt in Gefällen rücksichtslos auf der Ideallinie. Wenn Sie ihm „Hey, Rowdy!“ hinterher rufen, hat das wenig Sinn, denn er ist schon so weit weg, dass er Sie nicht mehr hört. Sofern Sie einen Fahrradhelm tragen, hören Sie ihn Ihrerseits beim Überholmanöver kichern, denn er findet Helme erheiternd. Wenn auf die Fresse fallen, dann bitte richtig.
Nun ja, das ist alles ein bisschen übertrieben. Er kommt heute gemächlicher daher, vielleicht lässt er Sie sogar überholen. Sie sehen ihn womöglich schon mal für eine Zigarettenpause auf einem Begrenzungsstein am Wegesrand sitzen und unauffällig sein schmerzendes Hinterteil massieren.

Montag, 29. Juni 2009

Beiläufige Lektüre

Lektüre 1: Nächstes Wochenende ist Festchen auf dem Dorf. Jubiläum des Musikvereins. Die Programmhefte wurden inzwischen verteilt. Ein solches Programmheft besteht hauptsächlich aus erbaulichen Texten über die Historie und die soziale Bedeutung des Musikvereins, aus Fotos dauerlächelnder Mitglieder sowie aus Unmengen von Anzeigen, in denen Betriebe aus der Region auf ihre Dienstleistungen hinweisen. Bestimmt die Hälfte meiner Mitschüler aus der Grundschule ist heute solider Mittelstand, vom Friseursalon bis zur Schreinerei. Beeindruckend. Ziemlich weit hinten im Heft findet sich auch die wenig dezente Werbung für den regionalen Puff. Ohne Nennung von Namen selbstverständlich, aber ich habe eine ungefähre Ahnung, wer aus der Grundschulklasse den Laden schmeißt.

Lektüre 2: In der Bildzeitung steht heute, dass es uncool sei, zu behaupten, man möge die Musik von Michael Jackson nicht. Nein, ich will nicht uncool sein!
Aber endlich ist mal wieder was los! Enthüllungen im Sekundentakt. Ich kann die groß angekündigte Beerdigung kaum abwarten, vermutlich wird ein blinkendes Raumschiff vom Planeten Zeta Reticuli 4 auftauchen, es werden ihm hagere, weiße, staksende Gestalten mit Mundschutz entsteigen, den aus dezentem Milchglas gefertigten Sarg aufnehmen und den verlorenen Sohn nach Hause holen. Der Anführer dieser Prozession ist jedoch merkwürdig dick und teigig, und als sich aus Versehen sein Mundschutz löst, erkennen alle die Wahrheit und rufen: „Elvis!“ Der erste Sargträger muss vor Schreck husten, ihm fällt daraufhin die Nase ab, und alle erkennen die noch viel unglaublichere Wahrheit: „Michael!“
Und wer liegt da im Sarg?

Tektonik

Die Eifel fällt gerade zurück in die geologische Frühgeschichte. Zumindest was die Reisegeschwindigkeit betrifft. Man nimmt dort neuerdings die Kontinentalverschiebung wahr, kein Witz.
Die B51 zwischen Köln und dem Dorf war seit jeher eine Übung in Langmut. Kraftfahrstraße und Hauptverkehrsachse der Region und zugleich Abkürzung für LKWs, die zwischen skandinavischen Industriestädten und südeuropäischen Obstplantagen pendeln. Nach der Öffnung Osteuropas dann … o je ... Hier treten seit Jahrzehnten Durchreisende und Einheimische gegeneinander an, um herauszufinden, wer den härteren Schädel hat. Herrlich kreative, suizidale Fahrmanöver, immer gut für einen lauten Fluch oder ein noch lauteres Auflachen.
Nun jedoch eine Neuerung: Im Zuge sommerlicher Ausbesserungsarbeiten wurde nahezu jede Überholmöglichkeit gesperrt und mit Baustellen versehen. Die Illusion des Vorankommens wird einem genommen. Alle Überholspuren sind dicht, und als sich mir dieses Drama in einem mitleidlosen Nacheinander (gesperrt … gesperrt … auch gesperrt …) offenbart, kichere ich zunehmend irre. Hi. Hihi. Hihihi. Ich werde wahnsinnig. Ich muss so langsam fahren, dass ich die Tektonik unter den Reifen wahrnehme, das schiere Alter der Welt. Nicht ich bewege mich, sondern werde bewegt! Denn wenn gerade kein Laster vor einem keucht, dann ist es garantiert ein Düsseldorfer Rentner. Ich gebe es auf, nehme es poetisch und fühle mich wie ein Teil der planetaren Verschiebungen. Wenn das so weitergeht, befördert die Tektonik mich, das Auto und diese Straße schneller ans Ziel als der Motor. Und im Rückspiegel lässt derweil der Porschefahrer seinen eigenen Motor im zweiten Gang aufröhren, während sein Gesicht immer violetter wird und seine Frontscheibe beschlägt. Ich bin beruhigt: Gegen den ist mein eigener poetischer Wahnsinn mild. Der kichert nicht, der schreit. Er findet definitiv keinen Spaß daran, sich mit der Tektonik treiben zu lassen. Dann vollführt er auch noch dauernd diese Zickzack-Fahrbewegungen wie die Formel-1-Fahrer, wenn sie in der Einführungsrunde ihre Reifen aufwärmen. Ein verzweifeltes Zeichen, dass er noch lebt, die pure Weigerung, zur Kontinentalplatte zu erstarren. Auf dem vorletzten Stück, selige Autobahn, zieht er weg, schnappt sich mich und den Düsseldorfer Rentner, ein paar Lastwagen noch dazu – um kurz darauf in der nächsten Baustelle von 250 km/h auf 30 km/h runtergebremst zu werden. Da vorne, zwischen den Lastern, kann ich ihn sehen, wie er wieder seine Zickzack-Manöver ausführt, zucke mit den Schultern und beobachte leise kichernd, wie die Hügel um mich herum rollen.