Dienstag, 1. September 2009

Bla-Molekül

Vor unvorstellbar langer Zeit entstand in einer heißen, schlammigen Pfütze das erste Bla-Molekül. Es freute sich seiner Existenz und brachte die Pfütze heiter zum Blubbern. Da kauerte sich ein eben erst vom Affen abgespaltener, haariger Zweibeiner neben der Pfütze nieder, weil ihm ein Säbelzahntiger den Weg zum nächsten klaren Bach versperrte, und trank. Eine Kreatur mit Potenzial, dachte das Bla-Molekül und sprang über. Tatsächlich fand es bei seiner Wanderung durch den haarigen Körper im pfirsichgroßen Gehirn des Zweibeiners die Anfänge eines Sprachzentrums (obwohl damals noch niemand es so nannte). Als der Zweibeiner in seine Höhle zurückkehrte, begann er unablässig zu grunzen. Seine Höhlengenossen waren mächtig beeindruckt, wählten ihn spontan zum Sprecher der Höhle und erfanden das Funkmikrofon. Fängt gut an, dachte sich das Bla-Molekül, mal sehen, wie das mit der Evolution so weitergeht.
Aber es dauerte Hunderttausende von Jahren, bis die evolutionäre Verquickung von Bla-Molekül und haarigem Zweibeiner (der jetzt nicht mehr ganz so haarig war und Anzüge trug) endlich Erfolg hatte und eine neue Spezies erzeugte, die sich vom ex-haarigen Zweibeiner abspaltete, wie der sich einst vom Affen abgespalten hatte. Diese Spezies steht oder sitzt mit Vorliebe in Fernsehstudios und nutzt ihr hochmodifiziertes Sprachzentrum, um sogenannte Wahlergebnisse zu kommentieren. Andere Höhlenbewohner in Anzügen halten ihnen dabei Funkmikrofone ins Gesicht, was im Allgemeinen als Startsignal gewertet wird, jetzt mit dem Bla zu beginnen und möglichst so bald nicht wieder damit aufzuhören. Diese Spezies nennt sich „Inhalte!“, abgeleitet von ihrem Lieblingsbegriff, den ihnen das Bla-Molekül ständig zu äußern vorschreibt. Eine lateinische Bezeichnung für sie muss erst noch gefunden werden. Ihre opponierenden Untergattungen werden bezeichnet als „der Althaus“, „der Pofalla“, „der Hubertus Heil“ oder „Schöner Niebel“. Kennzeichnend für diese Gattungen und ihre gesamte Spezies ist die völlige Dominanz des Bla-Moleküls über das Sprachzentrum und die neuronalen Verknüpfungen des Zweibeiner-Gehirns. Das Bla-Molekül kommt seiner evolutionären Funktion nach: Es produziert Bla. Dieser Alleinherrschaftsanspruch des Bla-Moleküls hat in der Spezies der „Inhalte!“ derartig umfassende Züge angenommen, dass sie nicht nur das eigene Bla möglichst in die Länge ziehen muss, auch wenn die Funkmikrofone schon weggezogen oder ausgeschaltet wurden, nein, es wird auch das Bla der Gegenseite aufgesaugt und parasitär in eigenes Bla umgewandelt. Andere Funktionen, etwa der Bewegungsapparat, sind verkümmert. Die Hände liegen stets gefaltet und regungslos auf dem Tisch, nach der Sendung werden die Vertreter der neuen Spezies in ihren Stühlen oder stehend herausgetragen und in sogenannten "Parteigremien" zwischengelagert.
Unter Evolutionsforschern gilt diese neue Spezies bereits jetzt als so hochmodifiziert und spezialisiert, dass ihr Aussterben nur eine Frage der Zeit ist. Wenn ihre letzten Vertreter erschöpft vom ganzen Bla neben einem heißen Tümpel zu Boden sinken, absterben und versteinern, wird das Bla-Molekül in die Pfütze wechseln, zu blubbern anfangen und sich denken: Och, war ganz okay.