Freitag, 15. November 2013

Take Me To Your Leader

Acht Jahre nach der Veröffentlichung dieses Album von 2005, des einzigen vollwertigen Hawks-Studioalbums der Nullerjahre, darf man es sich guten Gewissens mal wieder zwischen die Neuronen zwirbeln, um es abschließend zu bewerten. 
Die erweiterte Band der zweiten Neunziger-Hälfte ist passé, es agiert nach einer achtjährigen Pause (!) seit dem letzten Studioalbum wiederum das Trio Brock/Davey/Chadwick, das bereits die erste Neunziger-Hälfte bestritten hatte. Allerdings hat man sich zum Veredeln der Studioaufnahmen diverse Gäste geladen. Am auffälligsten aktiv sind die Gesangsikonen Arthur Brown und Lene Lovich sowie Saxophonist Jez Huggett und TV- und Radiomoderator Matthew Wright als Sänger/Sprecher. 
Die Platte hat eine komplizierte Produktionsgeschichte, vieles lag in der Schublade, und einige der Stücke waren schon Jahre alt, ehe sie es endlich auf diese CD schafften. Take Me To Your Leader ist ein Quasi-Konzeptalbum über Mensch/Maschine-Interaktionen, ausgehend von Robert Calverts Text zu „Spirit of the Age“ (1977), das dementsprechend eine Neuinterpretation erfährt, gleich als Opener. Matthew Wright übernimmt den Gesangspart im Calvert’schen Stil, musikalisch wird der Klassiker upgedated und mit allerhand neuem Stampf, gleißenden Gitarren und Samples versehen. Die Versionen der Calvert-Ära sind damit allerdings nicht zu überbieten. 
Take Me To Your Leader ist auch das erste Hawkwind-Album, das zwischendurch mit einem entspannten, loungigen Jazz-Faktor aufwartet, so etwa auf „Out Here We Are“, das als amorpher Space-Schweber beginnt und sich dann überraschend auf Jazz-Kurs begibt. „Greenback Massacre“, ein schneller Rocker aus Alan Daveys Fertigung, ist eher gescheitert. Davey möchte mal wieder wie Lemmy Kilmister sein, kommt aber wie stets nicht an sein Idol heran. Musikalisch astrein, aber als Song zu banal gebaut. Ganz anders „To Love A Machine“, eine von Dave Brocks berückendsten Kompositionen zwischen Melodic Rock, Gestampfe und kammerspielartigen Intermezzi auf der Akustikgitarre. Ein weithin unterschätzter Song von nicht unerheblicher Schönheit, dessen letzte Minute wiederum in Jazz-Geklimper ausgleitet. Das Titelstück, eine Übung darin, wie man Hawkwind mit Drum’n’ Bass verhochzeitet und Industrial und Ambient als Trauzeugen dazulädt, ist eines der herausragenden Stücke des Spätwerks dieser Band. „Digital Nation“, ein Song über Computerspielnetzwerke und ein voll ausgearbeiteter Melodic Rocker mit balladesken Zügen, ist der erste Song aus Drummer Chadwicks Feder und belegt unerwartete gesangliche Qualitäten des Schlagwerkers. Auf den jüngeren Alben agiert er diesbezüglich oft zu hysterisch und durchgeknallt, aber hier macht er auf weich und melancholisch. Kein Song, für den er mit Preisen totgeschmissen würde, aber eine sehr solide Angelegenheit. „Sunray“ ist der erste Auftritt von Gastsänger Arthur Brown; das ganze Stück stammt aus seiner Fertigung. Leider. Es ist definitiv kein Hawkwind-Song, und Browns enormes Vokalorgan passt nicht zu einer Band, deren Stärke eher das bratzige Kollektiv ist, keinesfalls jedoch der Sänger. Ab und an kann man das ertragen, aber Browns Engagement ging schon auf dem vorherigen Live-Album Spaced Out in London und der dazugehörigen DVD Out of the Shadows zu weit. 
Mit „Sighs“ wird ein kurzes, gesichtsloses Instrumental-Einsprengsel absolviert, ehe mit „Angela Android“ ein weiterer Höhepunkt folgt. Die skrupellos nach vorne gestampfte Geschichte eines Liebesroboters, wiederum super vorgetragen von Chadwick, wird in der zweiten Hälfte schön strange, wenn Lene Lovich die Rolle des Roboters übernimmt und sich in halsbrecherische Höhe kiekst. Eine tolle Retro-SF-Kiste. „A Letter to Robert“ kehrt zum Anfang zurück, zu Calvert nämlich, und präsentiert zu allerhand technoider Rhythmik einen launigen Monolog Arthur Browns, in dem er sich an seinen Kumpel Robert erinnert und an dessen Weltbild brillanter Paranoia, die sich aus Technikfaszination und Technikhass zugleich nährte. 
Kurz nach dieser CD erschien noch die EP Take Me To Your Future, die einige auf dem Studioalbum ausgelassene Tracks nachschob. Erwähnenswert ist auch die nur als Single-B-Seite verwendete Neuaufnahme des grandiosen „Paradox“ von 1974. 
Die Stärken von Take Me To Your Leader liegen in einer gravitätischen, kreativen Mitte und auch nach hinten raus. Der ganz große Befreiungsschlag war das sicher nicht, aber als Lebenszeichen einer damals nahezu verschollen geglaubten Band mehr als erwünscht. Es dauerte fünf Jahre bis zum nächsten Studioalbum, wiederum unter völlig veränderten Bedingungen.

Mittwoch, 30. Oktober 2013

Spacehawks

Allzu zu viel Revolutionäres sollte man nicht erwarten von diesem neuen, betont kostengünstigen Hawks-Album. Es dient der Unterstützung der ersten US-Tour seit einer halben Ewigkeit (die dann wegen Krankheit auf 2014 verschoben werden musste) und soll ein neugieriges oder indifferentes jüngeres Publikum an die aktuelle Inkarnation der Uralt-Band heranführen. Es ist eine durch Remixes und vereinzelte Neuaufnahmen veredelte Kompilation mit bekanntem, aber zum Teil neu interpretiertem Material und erinnert vom Charakter her absichtlich an die erste klassische Hawkwind-Kompilation Roadhawks von United Artists (1976). 
Der Mix aus Altem, Neuem und Upgedatetem erfreut den weltraumaffinen Genussmenschen durch Vielseitigkeit und die obligatorischen Teilchenkollisionen im Gattungsmischmasch. Das Einzige, was wirklich berechenbar bleibt, ist die permanente Anwesenheit von Zirpen, Zischen, Piepen sowie Soundwänden von barocker Pracht. Es geht trippy, dreamy und heavy zu auf Spacehawks. Und es gibt eine Neuerung in der Besetzung: Der seit einiger Zeit für Live-Auftritte engagierte Fred Reeves („Dead Fred“) stößt nun an Geige und Keyboards als vollständiges Bandmitglied zu Dave Brock, Richard Chadwick, Mr. Dibs, Tim Blake und Niall Hone hinzu. 
Der Opener „Seasons“ übte diese Funktion schon aus auf dem letzten Studioalbum Onward und wirkt im Remix wie ein Industrial-Klopper mit übergeworfenen Gitarren-Girlanden. Hawkwind als düstere, nahezu apokalyptische Rocker. Das folgende Triplet ist ein festes Live-Segment und erfährt hier in dieser Form eine erste Studio-Version: „Assault & Battery“ und „The Golden Void“ sind mit das Schönste, was Hawkwind je eingespielt haben, und man kann auch mit verkürzten Versionen nicht viel verkehrt machen. Die Varianten von 1990 gefallen mit persönlich jedoch besser. „Where Are They Now?“ wird live stets als kurzes Übergangsstück an „Void“ angefügt und ist hier erstmals überhaupt auf Platte zu hören: ein wunderbar einfacher, melancholischer Rocker mit Tendenz zur Ewigkeit. 
Die Versionen von „Sonic Attack“ sind zahllos. Manche ziehen den Sound eher nach hinten und betonen Moorcocks lustigen Text, andere trachten danach, das Versprechen, das der Titel abgibt, möglichst zu erfüllen: eine Lärmattacke selten gekannten Ausmaßes. Diese neue Inszenierung ist eine der infernalischsten und bedrohlichsten, klammert aber keineswegs die Ironie des Ganzen aus. Prachtvoll, wild und mittendrin richtig schwerer Heavy-Rock. Mit „Demented Man“ spielt Brock eine seiner schönsten und asketischsten Kompositionen neu ein als swingenden Melancholie-Rocker, allerdings im Mittelteil circa zwei Minuten zu lang. Weniger wäre mehr gewesen. Ähnlich verhält es sich mit „We Took the Wrong Step Years Ago“, dem Akustik-Space-Folker von 1971, dessen Neuaufnahme von Brocks jüngstem Soloalbum Looking for Love in the Lost Land of Dreams stammt. Entzückend die folkige Akustikgitarre und überhaupt die schwer melancholische Hippie-Vibration inmitten all der Space-Dröhnung. 
„We Two Are One“ ist eine verkürzte, neu gemischte Version des titellosen „Mystery Track“ am Ende von Onward, ein Poetry-Slam-Jam, mit schwerstem Powerrock nach vorne gezwiebelt. „Master of the Universe“ bietet die x-te Version, jedoch erstaunlicherweise erst die zweite offizielle Studioversion, denn alle anderen waren Live-Aufnahmen. In dieser nach hinten raus zunehmend heftiger werdenden Fassung wird dem verstorbenen Huw Lloyd-Langton Referenz erwiesen, der die Lead-Gitarre bediente – nicht mehr so wild wie früher, aber immer noch gut drauf. 
„Sacrosanct“ ist eines jener Brock’schen Laborexperimente mit zahllosen Synthie- und Sequencer-Schichten, sehr, sehr techno und ungefähr doppelt so lang, wie es sein müsste – so dass der Captain sich hinten mit nichts anderem zu helfen weiß als Spielereien mit simulierten Piano- und Vibraphon-Läufen. Fängt gut an, bleibt aber ziellos. 
Ich persönlich bin mittlerweile der Auffassung, dass „Sentinel“ (vom Album Blood of the Earth) die schönste Spacerock-Ballade ist, die es nur geben kann. Was vor allem im Refrain zuerst ein bisschen pathetisch wirken mag, ist tatsächlich allumfassende Melancholie angesichts eines tiefen schwarzen Weltalls und existentieller Einsamkeit. Purer Sense of Wonder. Außerdem gefallen mir Mr. Dibs’ Stimme und die kleinen Schlenker seiner Melodieführungen immer besser. „It’s All Lies“ von Stellar Variations mögen erstaunlich viele Fans, ich nicht so sehr: rockt schwer ab, ist aber zu banal gestrickt. Das nächste Triplet besteht aus kurzen Soundschnipseln, mal jazzig, dann ruppig-tribalistisch und elegisch. Sie wirken wie aus dem Ärmel geschüttelt, sind aber inszeniert. 
Ganz, ganz wunderbar und traurig der Abschluss: „Sunship“. Bisher nur erhältlich als Bonustrack der Vinylausgabe von Blood of the Earth, nun also auch verfügbar für die CD-Player dieses galaktischen Spiralarms. Ein Zweiminüter, mehr nicht, der aber ein ganzes Universum öffnet. 
Das Wort „Melancholie“ fiel hier des Öfteren, und das war Absicht. Auffällig an der Songauswahl von Spacehawks ist neben den typischen Dröhnorgien nämlich die Hinwendung zu ruhigeren, epischen und seltsam traurigen, fast demütigen Songs. Vielleicht ist das dem Alter geschuldet, womöglich auch nur der wiederentdeckten Freude an der schönen Halb-Ballade.
Ein hübscher Mix für den Weltraumwanderer.

Samstag, 19. Oktober 2013

Closer Than Skin

Im Internet bieten Leute diese CD aus dem Jahr 2005 für fast 100 Euro an, kauft man sie hingegen direkt bei David Cross, kostet sie nur Neunpfundneunundneunzig und man bekommt noch eine nette Widmung vom Musikprofessor selbst. So viele von den Platten verkauft er nicht, dass er nicht die Zeit für ein persönliches Wort hätte. 
Das Cover ist allerdings auch nicht dazu angetan, dass man ihm den Tonträger aus den Händen reißen würde. Die Platte sieht von außen eher aus wie die Debüt-CD eines Amateur-Entertainers für Hochzeiten oder 50. Geburtstage. Drinnen aber herrscht nichts als Entzücken und Entsetzen für Connaisseure. 
Closer Than Skin ist Cross’ bisher schwerstes, drängendstes Werk, ein düsterer Moloch, der schwere Basslinien, polternde Rhythmen, verdichtete Metal-Riffs, pathetisch-manischen Gesang und eine allgegenwärtige, völlig entfesselte Violine miteinander kollidieren lässt. Würde man das Album, ungeachtet seines Covers, im Laden unter „Heavy Metal“ einordnen, würde sich sicher kaum ein Metalhead beschweren. Ein echtes Konkurrenzprodukt zu den King-Crimson-Alben der Nullerjahre und zudem lebendiger, furioser und noch schwerer einzuordnen. Von der mitunter schwebenden Leichtigkeit und esoterisch-ethnographischen Farbgestaltung der früheren Alben ist kaum noch etwas übrig. Stattdessen schwere, düstere Power, völlig gegen den Strich gebürstete Songs – diesmal allesamt mit Text und Gesang –, die schon mal einschmeichelnd sein können, sich aber im nächsten Moment in bissige Biester verwandeln, voller Kerben und Narben und Sollbruchstellen in der geschuppten Haut. Ein unverschämt reichhaltiges, barockes Fusionsuniversum, das Konzentration verlangt und Hörnerven mit Hornhaut. Die Drums sind träger, technischer und metallischer als die Jazzrock-Spielarten der früheren Platten, die Basslinien ungeheuer schnell und souverän, die Gitarre ist diesmal hauptsächlich eine Waffe, und Cross’ Geige gibt sich schon mal bildungsbürgerlich und zitiert klassische Musik, aber meistens operiert sie jenseits des Schönen-Wahren-Guten im kreischenden Alptraumland. 
Ein tolles Album.

Donnerstag, 17. Oktober 2013

Yvonne

Hauswirtschaftsmeisterin und Sozialpädagogin Yvonne Willicks hat sich zu meinem TV-Superstar entwickelt. In meiner Funktion als Gelegenheits-Quasi-Hausmann ist das nur allzu verständlich. 
Ich hege heimliche Phantasien, in denen ich Yvonne Willicks mit einem Staubwedel durch eine völlig zugemüllte Wohnung jage, bis sie sich im Gemüsefach eines Großkühlschranks versteckt, in dem sich aber kein Gemüse, sondern – Schreck lass nach! – palettenweise Dosenbier befindet. Yvonne entsteigt sofort dem zweckentfremdeten Gemüsefach und beginnt damit, die Bierdosen aus- und Gemüse einzuräumen. Sie kann nicht anders. Was mir die Gelegenheit gibt, wieder mit dem Staubwedel auf sie loszugehen. 
Yvonne benötigte nicht lange, um sich in mehreren Etappen im Fernsehen auszubreiten, bis man an ihr und ihrer Haushalts-Ratgeberei kaum mehr vorbeikam. Sie trat auf als „Superhausfrau“, „Allestester“ und „Yvonne Willicks räumt auf“. Sie ist also der Sylvester Stallone des deutschen Küchenratgeber-Fernsehens. Zurzeit betätigt sie sich hauptsächlich im WDR auf der Vorabendschiene. Ich plädiere dringend für eine große Samstagabend-Show. „Staubwedeln mit Yvonne“ vielleicht, oder doch besser „Die Kühlschrank-Voyeure“. Yvonne erkennt dreißig B-Prominente anhand des Inhalts ihrer Kühlschränke und gibt danach Tipps zur Optimierung. Dazwischen Show-Acts von Pur bis Helene Fischer. 
Yvonne ist eine schlanke Frühvierzigerin, Typ Ilona Christen, eine robust auftretende Blondine mit federndem Gang, schaukelnder Mittellang-Frisur, Habichtnase und Wichtigtuerbrille, durch sie hindurch sie ihre Klienten – allesamt Haushaltschaoten – ermahnend anblickt, als seien sie unartige Kinder, um dann blitzschnell umzuschalten auf joviale Besserwisserin, die zwar permanent was zu maulen hat, diese Unart aber mit einer Fassade heiteren, kauleistenpräsentierenden und ruhrpottakzentuierten Laissez-faire abzumildern sucht. „Ihr wisst es eben nicht anders, ihr Schluffen. Lasst mich mal da ran! Nein, keine Widerrede! Lasst mich mal da ran!“ Sie weiß, dass sie Gefahr läuft, wie der Alptraum aller Muttertraumatisierten rüberzukommen, und steuert durch Kommunikation (= Geplapper) und neckischen Augenaufschlag gegen. Dennoch ist es ihr bisher noch nicht überzeugend gelungen, diese abschreckende Besserwisserei und Dauermotzerei konstruktiv umzudeuten in „Zuwendung“. In Yvonnes Sendungen geht es nun mal hauptsächlich um Yvonne und darum, was Yvonne so alles weiß und kann. 
Yvonne lebt in dem Glauben, dass das, was sie tut, wichtig ist, denn sie setzt sich ja für „uns“ ein, die Verbraucher. Ihr Lieblingswort ist „Verbrauchertäuschung!“, nur echt mit dem Ausrufezeichen. Insofern hat sie alles Recht der Welt, kritisch und empört zu tun, in irgendwelche Lebensmittelkonzernzentralen einzufallen, Verbraucher-Anti-Preise für die „Mogelpackung des Jahres“ zu vergeben und den Leuten da gehörig auf den Sack zu gehen. Hauptsächlich den Pförtnern, denn weiter kommt sie meistens nicht. Danach steht sie dann vor dem Gebäude, stampft mit dem Fuß auf und macht Telefonterror vom Handy aus. Manchmal testet sie auch Haushaltsmaschinen, kleckert sich voll und quiekt entsetzt, als sei sie menschlich-allzumenschlich und nicht bloß eine verkleidete Küchentyrannin. Neulich schickerte sie sich in einer Champagner-Testrunde an und machte dem Co-Moderator Avancen. Und das in ihrer eigenen Küche – die natürlich blitzblank gewienert war. Könnten ja Fernsehleute zu Besuch kommen. Manchmal okkupiert sie auch die Haushalte von Promis, meistens welche vom WDR, steigt auf einen Hocker und saugt in den Lebensmittelregalen den Endgegner weg: Mehlkäferlarven. Die Promis verabschieden sich stets freundlich, sind aber vermutlich froh, wenn der quasselnde blonde Fremdkörper endlich weg ist und sie wieder Herr über ihr eigenes Leben sind.

Sonntag, 13. Oktober 2013

Exiles

Und noch mal der Ex-King-Crimson-Geiger. Exiles von 1998 ist der Nachfolger von Testing to Destruction und noch mal ein Stückchen besser. Das Cover führt in die Irre, fordert es einen doch scheinbar dazu auf, die CD als Begleitmusik zur Ayurveda-Kur einzulegen. Tatsächlich aber sind weite Teile der Platte geflutet von wilder, ungezähmter Fusionsenergie und haben bei Entspannungssuchenden kontraproduktive Wirkung. Dem Himmel sei Dank. 
Ganz zu Anfang sieht es noch so aus, als behielte das Cover doch recht, denn der Titeltrack wird eingeleitet von einem sanften Tangerine-Dream-Rieseln, das einen offenbar schön in Stimmung zu bringen trachtet. Dann entspinnt sich jedoch auf einmal eine rockige Neuaufnahme eben jenes King-Crimson-Klassikers „Exiles“, am Mikro niemand anderes als der originale Sänger von damals: der warmherzige, zum Erzählen schier geborene John Wetton. 
„Tonk“ erweist sich als ruppiges Düstermann-Gipfeltreffen. Eine der rockigsten, schneidendsten Soundapokalypsen, die King Crimson nie eingespielt haben, mit Robert Fripp an der Apokalypto-Gitarre und Gastsänger Peter Hammill im Shouter-Modus. Der wahrscheinlich rabiateste Hammill-Auftritt außerhalb seines eigenen Oeuvres. „Slippy Slide“ platzt mir schnell als Lieblings-Track ins Gesicht, eine Fusionsgranate von entzückender Durchschlagskraft, die, schleudert man sie in einen Raum, garantiert keine Überlebenden zurücklässt. Mit diesem lebensechten Heavy-Punk-Jazzrock mischt man allzu gutbürgerliche Jazzfestivals auf. Da werfen selbst Bildungsbürger mit Klappstühlen. Das driftende „Cakes“ kommt dann als etwas überlange Erholung daher, eignet sich wegen seiner diffus-unbestimmten Bedrohlichkeit aber auch nicht recht zum Ayurveda. „This Is Your Life“, wiederum gesungen von John Wetton und mit einem Text von Peter Sinfield, ist eine leicht schief gewickelte Ballade im King-Crimson-Stil, pathetisch und anrührend. Der Titel des Stücks „Fast“ ist Programm: wieder eine dieser schwermetallisch nach vorne gerockten und mittels Jazz-Breaks mit sich selbst kollidierenden Soundorgien. „Troppo“, eine von Hammill gesungene Mixtur aus King Crimson und Van der Graaf, gefällt mir nicht durchgehend: zu lang, zu ambitioniert-zerfahren, zu sehr Siebziger. Das weit ausholende Schlussstück „Hero“ gerät allerdings erneut zu so einem Jazzfestival-Verblüffer, einem in zahllosen Farben schillernden Energiebündel, in dem Hardrock, Jazz, Avantgarde und diesmal sogar lieblicher Violinen-Folk verschmelzen.
Eine außergewöhnlich packende Platte, die mal zeigt, wie außerhalb von Genres wie Heavy Metal oder Punk die Urgewalten wirken.

Donnerstag, 10. Oktober 2013

Testing to Destruction

„David Cross – Ex-Member of King Crimson“, sagt der Aufkleber, den der deutsche Vertrieb SPV damals 1994 auf das Cover des Albums pappte. Nur um sicherzugehen. Immerhin war es zwanzig Jahre her, dass der Interpret auf den KC-Alben der ersten Siebzigerhälfte die Geige bedient hatte. Ich bedurfte des Aufklebers nicht, denn als Freund der verzerrten, alles niederwalzenden Rock-Violine wusste ich schon, wer David Cross ist. Ich erwartete dennoch nicht allzu viel, ein vermutlich etwas konturloses, esoterisches Gefiedel, dem die ordnende Hand eines begabten Komponisten und Arrangeurs fehlte. Cross war bei King Crimson ein Ungeheuer, aber die Stücke stammten ja meistens aus der Feder des genialischen Robert Fripp. 
Testing to Destruction erwies sich als überraschend hochklassiges, vor allem aber als unerwartet robustes und vitales Fusion-Album. Zweifellos ahmen Cross und seine exzellente Begleitband die KC jener Phase nach, jedoch modernisieren sie sie und lassen sie geschmeidiger klingen, weniger akademisch. Nicht alles hier muss sich anhören wie Fingernägel, die über eine Tafel kratzen, während einem gleichzeitig ein antiker Titan mit einer Basaltsäule auf den Kopf schlägt. Aber der Titel darf durchaus ernst genommen werden, denn manches wird wirklich bis an die Grenzen der Belastbarkeit getrieben. Hauptsächlich natürlich die Geige.
Das gewaltige Seefahrer-Epos „Calamity“ könnte sich anhören wie die Coverversion eines KC-Stücks, das es nie gab, würde da nicht mittendrin urplötzlich auf Schweinrock umgeschaltet und ab da heftig drauflos gescheppert, gedrückt und gequietscht, dass es eine Wonne ist. Sänger/Bassist John Dillon operiert auffällig im John-Wetton-Modus, Drummer Dan Maurer nimmt sich Bill Bruford zum Vorbild und schlägt eine wunderbar trockene Snare ohne den geringsten Hall, und Keyboarderin Sheila Maloney arbeitet Fripps Mellotron-Parts in warmherzige Synthesizer-Texturen um. Cross’ Violine ist so gewaltig und omnipräsent, dass man das Fehlen von Fripps Gitarre kaum registriert. Gitarrist Paul Clark versucht gar nicht erst, hier irgendwas zu kopieren, sondern hat eher Spaß am guten alten Hardrock. 
„The Swing Arm Disconnects“ könnte man mit etwas gutem Willen als ein Ineinanderblenden und gleichzeitiges Aktualisieren von „Larks’ Tongues in Aspic/Part one“ und „The Talking Drum“ interpretieren – eine monströse Studie in Jazzrock-Violine und hochflexiblen Rhythmusmustern. „The Affable Mister G.“ und „Tripwire“ erweisen sich als Hard-Pop-Songs in der üblichen KC-Schieflage, wobei „Mister G.“ durchaus an Adrian Belew und die KC-Inkarnation der frühen 80er gemahnt. Die Ethno-Parts von „Abo“ (Kürzel für „Aborigines“) geraten allerdings etwas zu erwartbar und geschmäcklerisch. 
Testing for Destruction bleibt also in der Familie und ist für Sympathisanten von starkem Interesse. Wenn irgendwer der Auffassung sein sollte, die King Crimson zwischen 1973-75 hätten noch nicht alles gesagt, dann findet er die Fortsetzung bei David Cross. 

Montag, 26. August 2013

UK

UK waren eine kurzlebige Supergroup der zweiten Siebzigerhälfte. Der Name hätte origineller sein können, finde ich. Sie setzte sich zusammen aus Mitgliedern der eben zerbrochenen jüngsten King-Crimson-Besetzung, John Wetton und Bill Bruford nämlich, sowie dem Jazzrocker Allan Holdsworth (Soft Machine) und Eddie Jobson (Roxy Music). Diese Besetzung hielt ein Album lang, und danach wurde nicht mehr viel draus. Kreative Differenzen, weniger Erfolg als erwünscht – wie es so geht. 
Wetton fand sich später bei den Kommerzrockern Asia wieder (und verdiente auch mal ein bisschen Geld), Jobson veredelte eine Zeitlang Jethro Tull, Bruford wurde wieder Teil der neuen, hibbeligen King-Crimson-Inkarnation. 
Jobson kümmerte sich in den folgenden Jahrzehnten immer mal wieder um eine Revitalisierung, scheiterte aber zumeist am juristischen Widerstand John Wettons. Insofern war es erstaunlich, dass sich ausgerechnet Jobson und Wetton 2011 zusammentaten und eine Reunion hinlegten, die in Tokio live dokumentiert wurde. Das Live-Doppelalbum krankt an einem miesen Sound, wie es heißt, aber auf der ebenfalls erschienenen DVD merkt man davon nichts. Die beiden anderen Bandmitglieder von damals wurden ersetzt durch zwei jüngere Session-Profis mit Jazzrock- und Fusion-Erfahrungen, den deutschen Weltklasse-Schlagzeuger Marco Minnemann und den in L.A. lebenden österreichischen Gitarristen Alex Machacek. 
UK sind natürlich auch in dieser Formation etwas akademisch. Kein Wunder, sie haben King-Crimson-DNA und spielen einige Stücke aus Wettons Zeit bei KC. Aber genau wie das Vorbild können sie auch ungeheuren Druck machen. John Wetton ist ein bisschen füllig geworden, verfügt aber trotz gewisser Alkoholeskapaden in der Vergangenheit immer noch über die beste Stimme des ProgRock-Genres und spielt eine schwere, schwere Bassgitarre. Musikprofessor Jobson schmeißt einen mächtigen Riemen auf die Orgel, und sein Markenzeichen, die transparente Plexiglas-Violine, zieht einem immer noch die Haut vom Leib. Alex Machacek übernimmt auf uneitle, fast dezente Art die Parts von Holdsworth und Fripp, nicht aber deren Manierismen. Sehr überraschend (für die, die ihn noch nicht kannten) kommt Marco Minnemann rüber, der dem genialischen Originaldrummer Bill Bruford seine polyrhythmische Referenz erweist und wunderbar mit/gegen/neben/unter/hinter dem Takt trommelt. Ich wünschte, der Mann würde über uns wohnen und täglich zwei, drei Stunden üben.

Montag, 12. August 2013

Zwei Welten

In dieser Wohnung existieren zwei Welten. Sie lassen sich recht einfach separieren durch „Lärmschutzfenster während Berufsverkehr auf“ und „Lärmschutzfenster während Berufsverkehr zu“. 
Die erste Welt ist lebendig und betriebsam, voller Zischen, Sausen, Rauschen, Quietschen, Röhren und lautem Plappern oder Lachen; alle Verrichtungen innerhalb der Wohnung laufen schneller und effizienter ab, passen sich dem Rhythmus von draußen an. Man fühlt sich jung, kann kaum stillsitzen und möchte unbedingt Anteil haben an dem rätselhaften Geschehen, an den Tätigkeiten, an den Wegen von A nach B, am Gewusel, und man möchte den Nachttopf durchs Fenster entleeren und dabei rufen: „Vorsicht, da unten! Scheibenwischer an!“ 
In der zweiten Welt ist das alles ganz weg. Da will man sich sofort den Kimono überstreifen, in die liegende Position wechseln und sich dem altehrwürdigen Schrifttum und dem Ikebana widmen, dabei dem leisen Prötteln der Kaffeemaschine lauschen, dem zarten Schnarchen des Katzentiers, dem Plätschern des Springbrunnens im Patio, den Vögelein von hinterm Haus, möchte die Düfte des Bewuchses um sich wehen haben und sanftmütig ins Nickerchen hinüberbegleitet werden. 
Und natürlich ist es gut zu wissen, dass, wenn einem das alles auf den Senkel geht, man einfach nur die Fenster wieder öffnen muss.

Samstag, 10. August 2013

Bundestagswahl

Dieses Mal macht sich da zugegebenermaßen eine gewisse Ratlosigkeit breit. 
Die Grünen formulieren eine Art Gängelei-Agenda zur Weltverbesserung aus und haben wie üblich keinerlei Humor. Die FDP hingegen hat einen viel zu bizarren Humor, als dass er regierungsfähig wäre. Die Linke liegt im Magen wie ein Fass voll mit ausgehärtetem Beton, und mein Mitleid mit den Partei-Prominenten äußert sich darin, dass ich bei ihrem Erscheinen auf dem Fernsehbildschirm sofort umschalte. 
Die AfD besteht aus langgedienten Tagungsexperten, die hauptsächlich darauf trainiert sind, Buffets kahlzufressen. Die Piraten sind eine Zusammenkunft von tragikomischen Indoor- und Kellerschacht-Schraten, das Internet ist meiner Meinung nach sowieso scheiße, und die mit ihnen verbündeten Promis sind funktionsgestörte Dröppelminnas wie Juli Zeh. Die CDU, die ehemalige katholische Zentrumspartei und natürliche Heimat des Dorfjungen, bevor er achtzehn und damit wahlberechtigt wird, entfällt wegen Pofalla. Es bleibt also wohl doch nur wieder die SPD – in der Hoffnung, dass sie nicht gewinnt.

Donnerstag, 8. August 2013

Knöllchen

Meine Knöllchen-Geschichte ist eher eine übersichtliche. Ich war da meistens auf der korrekten Seite. Nicht immer, aber meistens. Kein Parken in zweiter Reihe, nicht in Ladezonen, nicht auf Behindertenplätzen, nicht in Einmündungen oder Feuerwehrzufahrten.
Mannomann, denke ich also jetzt, wieso habe ich denn da dieses Knöllchen am Auto? Es gibt keinen offensichtlichen Grund dafür. Kein Parkverbot, Anwohnerparkerlaubnis gut sichtbar, Kennzeichen dran, TÜV in Ordnung, Umweltplakette dran. Wieso kriege ich nach sechs selbstverständlichen Jahren im Anwohnerparken plötzlich eine Knolle? Und wieso erst nach einer kompletten Woche Standzeit auf dieser Position? Der Belehrungstext auf dem Knöllchen verkündet: „Verkehrsteilnehmer, Kölsche Jung! Mein Meedels und isch sön gar nisch fruh. Wart of den Schriev von da Stadt mit Begründung und nerv üs nit vorher mit irgendwat Scheißeingaven, du Ei. Emeffgee und so, de Ob-er-bür-ge-mee-ster." 
Also mal eben selbst recherchiert. Und siehe da, nach geschlagenen sechs Jahren haben erst der Oberbürgermeister und seine Mädels und in der Folge jetzt auch ich begriffen, dass die vorderen zwei Drittel der parkseitigen Fahrspur der Volksgartenstraße gar nicht fürs Anwohnerparken freigegeben sind, sondern nur für normale Parker. Und wer stand da breitärschig eine Woche lang mitten drin? Genau. 
Er hat also recht, der Oberbürgermeister. Ich werde ohne Renitenz zahlen. Im Geiste höre ich seine ermahnenden Worte: „Musste mal frieher of Lageplan von An-woh-ner-par-ken gucken, ne, Ei?“
An der Pauluskirche parkt es sich eh besser. Weniger Vogelkacke und mehr spirituelle Ruhe fürs Auto.

Samstag, 3. August 2013

Aqualung

Ein Album, das damals einschlug wie eine Bombe und in der Retrospektive vielleicht sogar noch besser kommt. Ich bin wirklich dankbar, mit so etwas sozialisiert worden zu sein. 
Heute weiß man natürlich, dass Ian Anderson nach 1971 ein paar Schlucke aus dem Progressive-Rock-Pokal zu viel nahm und Jethro Tull ziemlich verkünstelte. Aqualung hingegen hat noch die perfekte Balance zwischen wildem, elektrifiziertem (Blues-) Hardrock, anrührender Folk-Miniaturballade und kunstfertigem, kontrolliertem Songwriting, das nicht in erster Linie dazu dient, die Großartigkeit seines eigenen Schöpfers zu belegen. 
„Aqualung“ ist der Spitzname des Obdachlosen aus dem Titelstück: Sein notorisches Schnaufen und Röcheln hört sich an, als trüge er eine Unterwasser-Atemmaske. Die Platte kümmert sich um die Randexistenzen, um Tippelbrüder und Bordsteinschwalben wie die Schielende Mary und wirft – vor allem auf der B-Seite des Albums – ein paar unangenehme Fragen auf hinsichtlich Nächstenliebe und organisierter Religion. Da wird es mitunter richtig zornig und politisch inkorrekt, und Sänger Anderson schlüpft in die skurrilen, exzentrischen Figuren seiner Texte hinein. Man hat den schäbigen Kerl namens Aqualung förmlich vor Augen, natürlich auch dank der kongenialen Covergestaltung. Wobei die Flöte mehr denn je als Verlängerung des Gesangs fungiert. Das Bühnenoutfit der Band ist das von Pennern und schrägen Vögeln, und der historisierende Charakter des Ganzen scheint einen Bogen zu schlagen aus der Gegenwart des Albums bis in die Dickensianische Epoche, geht aber im Prinzip noch viel weiter zurück, denn im Inneren des Klappcovers ist die Band in historischen Kostümen gemalt worden. 
Trotz seiner aktuellen sozialen Botschaften belegt Aqualung nämlich, dass Jethro Tull sich in der Tradition der Barden und Bänkelsänger sehen, als eine Art zeitverschobenes Renaissance-Ensemble, das sich in der gegenwärtigen Epoche umschaut und sie sich zu eigen macht. Und das war damals neu. Der kreative Output einer an Ausbrüchen reichen Epoche, und doch etwas ganz Besonderes. Ein wunderschönes, knallhartes, ungemein authentisches Kunstrockalbum mit Schmackes und einigen echten Tränendrückern.

Sonntag, 28. Juli 2013

Kirmes

Sie sind schon irgendwie hemmungslos, diese Leute vom Dorf. Vor allem auf der Kirmes, die von den jungen Dorfprotagonisten ausgerichtet und organisiert wird. Das Pfarrfest, das hat oft einen leicht getragenen Charakter, mehr so kirchenchormäßig („Psst! Nicht so laut!“), aber auf der Kirmes gibt es vorne auf der Bühne im Gebüsch eine Trierer Cover-Band mit Rock-Standards und gelegentlichen Hardrock-Anschlägen, die einige Leute rhythmisch zusammenzucken lassen. Das könnte allerdings auch die Südeifler Form des Headbangens sein. Es gibt eine Sektbar mit neumodischen bunten Cocktails, barbarischen Gesöffen wie Eistee mit Korn, rudelweise junge, langbeinige Dinger mit Handtäschchen, einen girlandenbehängten, endsarkastisch daherschwafelnden Sportstudenten aus Köln („Er trinkt sonst nie Alkohol“), schwer rackernde Vierer-Teams am Bierstand und Alkohol von vorne, von hinten, von der Seite, und ein bisschen Gewitter von oben. Dauernd bekommt man von Leuten, die man kennt oder überhaupt nicht kennt, ein Bier in die Hand gedrückt. Ist wie Flatrate-Saufen ohne zu bezahlen. Auf dem Höhepunkt hatte ich drei volle Gläser auf einmal in Händen und irgendwie in der Ellenbogenbeuge: „Widerstand ist zwecklos.“ Ich muss gestehen, dass ich zwei davon entsorgte, indem ich sie am Bierstand einfach „vergaß“. Meine Güte, viel zu viel Alkohol für meiner Mutter Sohn! Ihr Typen seid einfach zu hemmungslos in eurer großzügigen und freigiebigen Art. 
Irgendwann sind dann alle angeheitert, die meisten jedoch hackevoll. Zumindest wenn es auf drei Uhr morgens zugeht. Und alle bleiben friedlich, freundlich, kommunikativ. 
Und dann natürlich die alten Bekannten. Volle Zustimmung zum Self-Publishing-Büchlein Junge vom Land, selige Erinnerungen, viel Gelächter, alles die nackte Wahrheit, was du da geschrieben hast. Stimmt gar nicht, manches ist ein bisschen frisiert. Unterhalte mich ewig mit der Käuferin der drei jüngsten Exemplare, und wir erzielen ein Höchstmaß an Einigkeit, obwohl wir uns Jahrzehnte nicht gesehen haben. Ich finde das rührend. Dann kriege ich auch noch die Geschichte von der Sprengung der ollen 8/8er-Panzerabwehrgranate haarklein erzählt. Was für ein Teufelszeug! So eine Story kann man nur mit zwei Bier in den Händen ertragen, die verhindern, dass man ebendiese Hände über dem Kopf zusammenschlägt. Später ist man plötzlich in ein Gespräch vertieft mit der hübschen 27jährigen Nachbarstochter, bei der einem langsam erst dämmert, dass sie damals dieses kleine Mädchen zwei Häuser die Straße hoch war. 
Drohe schließlich in der Sektbar bei den jungen Dingern zu versacken und irritiert in neumodische bunte Cocktails zu starren, ziehe die Notbremse, wuchte mich nach Hause.

Dienstag, 23. Juli 2013

Catfish Rising

Das Vinylalbum brachte es bei mir damals auf zwei Durchläufe, dann stellte ich es zur Seite.
In den Notizen auf der Remastered-CD bestätigt Ian Anderson meinen damaligen Eindruck, dass dies das bluesigste Tull-Album seit dem (maßgeblich von Gitarrist Mick Abrahams beeinflussten) Debüt von 1968 war.  Dieser Blues des Jahres 1991 ist allerdings ziemlich gelackt und domestiziert und orientiert sich in Richtung beliebiger US-Mainstream-Bands, denen es an zündenden Arrangements fehlt und die keinem wirklich etwas zuleide tun wollen. Oder eben wieder Dire Straits. Kann man nett zu durch die Eifel Auto fahren, mehr aber auch nicht. 
Mit dem hardrockigen Opener „This Is Not Love“ kann ich leben, aber das einzige Stück, das mehr als zwei Durchläufe verdient hat, ist das aus dem Rahmen fallende „Tall Thin Girl“, eine Variation auf dem Folk-Mandolinenmotiv von „Fat Man“ von 1969, das sich auch in puncto Ironie mit dem Vorbild messen kann. 
Der Rest ist mehr so Tralala, was schade ist angesichts einiger herausragend guter Texte, in denen der alternde Mann die Welt betrachtet und einen herzerfrischenden Herrenwitz-Charme versprüht (etwa: „White Innocence“ oder eben „Tall Thin Girl“). 
Das langweiligste, ausdrucksloseste Tull-Album von allen.

Montag, 22. Juli 2013

Rock Island

Titel und Coverart zeigen es bereits: Es wird wieder Rockmusik gespielt im Tull-Universum. Nach dem etwas laffen Crest Of A Knave hob Rock Island im Jahr 1989 die Stimmung nicht unerheblich – ohne jedoch vollends zu überzeugen. 
Eine Platte, die wieder stärker in Richtung Konzept tendiert und in deren Lyrik es um die Arbeitswelt geht, um Mobilität und die Angst vor derselben, den Rückzug auf die metaphorische eigene Insel. Das Entwurzelungs-Thema deutet voraus auf Roots to Branches, ist aber hier noch nicht so globalisiert angedacht und musikalisch nicht so breit aufgestellt, sondern bleibt eher im britischen Rahmen. Natürlich funktioniert das nicht in einem sozialistischen, sondern im poetischen Sinn, aber durchaus mit ein, zwei Assoziationen an die Welten eines Ken Loach, inklusive einer augenzwinkernden Rückkehr zu Aqualung von 1971 – wenngleich in einem eher unauffälligen Song. Die Band macht in ihrem rustikal-nostalgischen Landmänner-Outfit einiges her (s.u.), die Texte drehen sich um ehrlicher Hände Arbeit, um Käuze und unerhörte Begebenheiten, Working Girls, das Gewissen von Walfängern, Instrumentendiebstahl, das Ausbluten von Regionen und Traditionen, um Oralsex und nostalgische Weihnachten. Es ist dem Dichter Ian Anderson dabei hoch anzurechnen, dass er nach wie vor die Ambivalenzen pflegt und keine simplen Antworten parat hat. Viele Dinge sind eben unauflösbar, und nur die lyrische Beschreibung kann sich ihnen nähern.
„Another Christmas Song“ ist die Antithese zum ursprünglichen „Christmas Song“ und wirkt im Vergleich zu diesem etwas kalkuliert und arg heimelig, auch wenn er an Weihnachten natürlich gut kommt. Trotz einiger mitunter erstaunlich harter Anschläge ereignet sich auf Rock Island zwischendrin ein bisschen viel vergessenswerter Mainstream, aber der kraftvolle Oralsex-Rocker „Kissing Willie“, das flockige „Rattlesnake Trail“ und das anrührende „Ears of Tin“ halten die Fahne hoch. Ebenso nach hinten raus das nach altehrwürdigem Tull klingende „Big Riff and Mando“. 
Also wieder so eine Fifty-fifty-Platte, von denen es an der Dekadenwende Achtziger/Neunziger einfach zu viele gab.


Sonntag, 21. Juli 2013

J-Tull dot com

Furchtbares Geständnis: Ich habe diese Platte damals nicht gekauft. Hatte keine Lust. Hielt die Band für veraltet. Obwohl doch Roots to Branches vier Jahre zuvor allerhand zu bieten hatte. Nun, der fällige Kauf wurde jetzt, vierzehn Jahre später, nachgeholt. 
J-Tull dot com von 1999 wird die Ehre zuteil, die letzte Platte von Tull zu sein. Alles, was danach kam, war Aufgewärmtes, Tribute-mäßiges oder Seitenprojektiges, ein komplett durchorganisiertes Studioalbum gab es seitdem keines mehr, und Jethro Tull verblasste so langsam und wurde zur eigenen Tribute-Band. Schade eigentlich.
Der Baphomet auf dem Cover (hinten drauf spielt er natürlich Flöte) signalisiert etwas Rätselhaftes, womöglich Esoterisches. Tatsächlich beinhaltet das Album ein paar Songs, die eine okkulte Art an sich haben und in Bereiche der Schauergeschichte oder des exotischen Grusels vorzudringen scheinen: „Wicked Windows“, „Black Mamba“, auch „El Nino“ operiert mit magischen Inhalten, und „Bends Like A Willow“ verströmt eine dunkle Aura. Ohne dass die Band deswegen gleich in Richtung Gothic schielen müsste, gewiss nicht. Mit der Internet-Thematik, die der Titel suggerieren könnte, hat die Platte hingegen kaum etwas zu tun. 
Nein, Jethro Tull scheinen sich hier als moderne Rockband des Jahrtausendwechsels positionieren zu wollen, als Altrocker im Vollbesitz der geistigen und körperlichen Kräfte, die mit Gelassenheit, aber noch einigem Druck im Kessel das in die Welt hinaustragen, was sie seit jeher auszeichnet: komplexe, songfixierte Kompositionen ohne allzu viel Eitelkeiten, aber mit allerhand Geschnörkel; verblüffende, mal anheimelnde, mal irritierende Arrangements; das engagiertestmögliche Zusammenspiel und die typische Skurrilität. Die modernen Produktionsmethoden tarieren die Einzelaspekte aus und bauen und sie zu einem Ganzen zusammen. J-Tull dot com ist ein Bandalbum ohne Wenn und Aber. Hellwach und enorm gut gespielt. 
Die Flöte ist wieder so prominent, schnell und laut wie auf Roots To Branches, Jazz- und Weltmusik-Anteile rücken etwas aus dem Bild, dafür wird es wieder folkloristischer. „El Nino“ verrennt sich ein bisschen in zu starker Dynamik, „Hot Mango Flush / Mango Surprise“ sind Gag-Stücke, wie nur ein Ian Anderson sie loslassen kann. Mit „Spiral“, „Wicked Windows“, „Black Mamba“, dem Katzen-Rocker „Hunt By Numbers“, „Far Alaska“ und dem überragenden „Bends Like A Willow“ sind die Highlights schnell identifiziert, allerdings sollte man keinesfalls nach hinten raus die beiden Folkrocker „The Dog-Ear Years“ und „A Gift of Roses“ vergessen, die man seinerzeit auch auf Heavy Horses hätte finden können. Martin Barre spielt eine großartige Gitarre, Doane Perry trommelt inzwischen wie dereinst der große Barriemore Barlow, Keyboarder Andrew Giddings ist ein Tastengott und in Sachen Vielseitigkeit und Klangfarben ungeheuer begabt. Und die Synthie-Streicher haut er stets an den richtigen Stellen ins Geschehen. 
Ein leicht mysteriöses und annähernd magisches Album. So hätte das ruhig weitergehen können, herrje.

Donnerstag, 18. Juli 2013

Roots to Branches

Tull-Spätwerke wie Crest Of A Knave (1987) oder Catfish Rising (1991) hatten keinen Anlass zu allzu überschäumendem Zukunftsoptimismus geboten, aber mit Roots to Branches von 1995 kam wieder Leben in die Bude. Ich war damals musikhörertechnisch völlig anders drauf, dennoch ließ die Platte mich aufhorchen, so dynamisch geriet sie. 
Ian Anderson und seine Mitmusikanten waren absolut gewillt, nicht zur eigenen Tribute-Band zu werden, sondern den Tull-Spirit am Köcheln zu halten. Natürlich besitzt diese Platte nicht mehr den schrulligen, wirbelnden Charakter und die Kühnheit der klassischen Alben, aber auf ihre gesetzte Art bietet sie Rockmusik, die in Fragen von Komposition, Arrangement und Spielfreude an die Grandeur früherer Tage heranreicht und alles andere als schläfrig wirkt.
Sie kündet von Altersweisheit und Duldsamkeit, gepaart mit einem Hunger nach Melodie, Harmonie und komplexer Lockerheit. Und von Ian Andersons warmherzigem Humanismus. Und es ist – vielleicht im Sinne einer Summa Scientia – das Zueinanderfinden der verschiedenen Phasen und Strömungen. Erstaunlicherweise berücksichtigt Roots to Branches dabei aber die keltische Folklore der alten Tull am wenigsten, zugunsten von World Music, Heavy Rock, Blues, Americana-Klängen und Jazz. Und doch kann dies keine andere Band sein als Jethro Tull. Im Grunde weisen die Kompositionen immer noch die Komplexität von J.S. Bach oder Renaissance-Kammermusik auf, nur eben globalisierter. Neu und so noch nicht vorgekommen sind die Weltmusik-Anteile, diese arabischen Arabesken und fernöstlichen Atmosphären, aufgelockert durch glasklare Jazz-Momente. Erstaunlich auch die wiedergefundene, soundtechnisch aktualisierte Härte und Rocksau-Attitüde, die vor allem von Martin Barres Gitarre und Doane Perrys Drums ausgeht und zu wahren Hardrock-Kanonaden führt. Und die Querflöte schneidet mit ihrer schieren Präsenz, den ultraschnellen Läufen, dem Flattern und Prusten und den extremen Höhen oft wieder so schmerzhaft ins Ohr wie früher.
Aber auch diese poetische Platte mit Globalisierungs-Thema und Verwurzelungs- und Entwurzelungs-Lyrik hat ihre Fehler und gebärdet sich vor allem nach hinten raus zu gelassen und entschleunigt. Da ist mindestens ein balladesker Langstrecken-Song zu viel, eher zwei. 
Dafür zeigt die rumpelnde erste Hälfte die Mittneunziger-Tull in unerwartet großer Form, und Stücke wie „Roots to Branches“ und „Rare and Precious Chain“ beschleunigen die Pumpe nicht unerheblich. Vor allem „This Free Will“ ist ein regelrechtes Epos, das nicht etwa durch prätentiöse Länge auffällt, sondern durch die ungeheuer knackige Vier-Minuten-Kombination von Klangfarben, Timing und Power. „Dangerous Veils“ bietet völlig unberechenbaren Altherren-Rock mit einer Fülle von Texturen und Stilen. Ein Fall fürs Jazz-Festival. Und im entzückend hochkomplexen „Beside Myself“ werden die diversen Tendenzen des Albums zusammengeführt und auf einen Punkt konzentriert. Eines der schönsten Tull-Stücke überhaupt – und die ganze Platte ist ein mehr als respektables Spätwerk. Über weite Strecken sogar richtig wow!

Samstag, 13. Juli 2013

Crest Of A Knave

Dieses Album kam für mich irgendwie zu spät. 1987 war die Interessenlage eine andere. Ich kaufte Crest Of A Knave dennoch, fand es auch recht nett, aber eine besonders leidenschaftliche Beziehung war das nicht zwischen uns beiden – obwohl ich im Kielwasser der Platte mein einziges Jethro-Tull-Konzert bisher ansteuerte: Eishalle Remich/Luxemburg. Ian Anderson wurde von zwei sexy aufgebretzelten Krankenschwestern im Rollstuhl auf die Bühne gefahren, sprang hoch wie der Blitz und legte los. 
Der Elektronik-Rausch der ersten Achtziger-Hälfte war verflogen. Der Drum-Computer auf einigen Stücken entsprang diesmal einer Notlage: kein fester Schlagzeuger an Bord im Jahr 1987. Ansonsten werden die Songs nämlich wieder manuell gefertigt. Und wenn doch Elektronik, dann wirkt sie eingepasster als vordem. So kommt es, dass die elektrounterstützten Songs die treibendsten und ruppigsten des Albums sind („Steel Monkey, „Raising Steam“). 
Die Platte drängt zurück in die Siebziger, um sie in die späten Achtziger rüberzuretten. Was indes fehlt, ist ein Konzept oder auffälliger roter Faden, die alle vorherigen Tull-Alben auszeichneten. Dies ist eine reine Ansammlung von Stücken. Das Cover suggeriert einen Rücksturz ins Folkloristisch-Elisabethanische, aber es tauchen nur Spritzer auf. Leicht verblasst sind auch die Virilität und der harte Anschlag früherer Platten. Insofern gilt Crest Of A Knave als das „Dire Straits-Album“. Ian Andersons ernsthafte Stimmprobleme Mitte der Achtziger führten dazu, dass er sich vokaltechnisch zurücknehmen musste. Und wenn er das tat, klang er manchmal wie Mark Knopfler. Als hätte er das bemerkt, fabrizierte er ein eher relaxtes Songwriting und ließ seinem ewigen Gitarren-Derwisch Martin Barre ziemlich viel Raum. Und der passte sich dem entspannten Duktus kongenial an und klang auch wie Mark Knopfler. Da es aber schon einen Mark Knopfler gab, wirkten Jethro Tull streckenweise seltsam laff. 
Was natürlich nichts daran ändert, dass es auch hier schiere Größe zu entdecken gibt. Das unverschämt konzertane und auf massiv ironische Weise sexistische „Budapest“ etwa, bei dem die Hochzeit zwischen Tull und Dire Straits deswegen funktioniert, weil der Tull-Anteil deutlich überwiegt. Ähnlich bei „Farm on the Freeway“ mit seiner Abfolge von Americana-Klängen, britischem Folk, Hardrock und Entspanntheit. Der später erst dazugefügte Bonustrack „Part of the Machine“ toppt sie aber alle mit seinem Histo-Hardrock-Mittelteil, der tulliger nicht sein könnte. 
Kein Album für die Podiumsplätze, aber an manchen Stellen doch zum Heulen schön.

Freitag, 12. Juli 2013

Under Wraps

Kein Tull-Album ist bei Fans verhasster als Under Wraps von 1984. Zumindest bei jenen, die die Siebziger für das Nonplusultra hielten und noch nicht recht in den neongrellen Achtzigern angekommen waren. Zugegeben, Ian Anderson und Co. muten ihnen hier einiges zu: Elektronik noch und nöcher, viel mehr als auf dem umstrittenen A. Und vor allem: eine Drum-Maschine! Grä-häää-sslich! 
Wer jedoch damals auf Zack war, hätte ahnen können, wohin die Reise geht. Anderson hatte ein Jahr zuvor sein erstes Solo-Album Walk Into Light vorgelegt, und es wurde – im Duett mit dem damaligen Tull-Keyboarder, Chefsynthetiker und Pop-Adepten Peter-John Vettesse – ein größtenteils elektronisches Album, auf dem der Flöterich seinem Instrument eine Kooperation mit Synthesizer-Texturen verordnete und zudem sein ureigenes Songwriting in diesem Zusammenhang erforschte. Walk Into Light war Pop, teils hibbelig und chartskomtapibel, teils getragen und komplex. Meine Favoriten: die elektrofolkloristischen Stücke „Made in England“ und „Toad in the Hole“ sowie das leicht angegruselte „Different Germany“, das sich an einer atmosphärischen Bestandsaufnahme Deutschlands in den frühen Achtzigern versucht. Kein Wunder, dass Anderson dieses Interesse an elektronischer Klangerzeugung in den Tull-Kosmos hinein verlängerte und der Band-Diskographie Under Wraps aufnötigte. 
Auf dem Album geht es wieder – und vielleicht stärker denn je – um die Themen des Kalten Krieges, um Geheimdienstspielchen irgendwo zwischen John le Carré und James Bond (man beachte auch das Maurice-Binder-artige Cover), Agenten-Liebschaften, Ost-West-Kommunikation, das Spannungsfeld zwischen Kapitalismus und Kommunismus und sogar um „Star Wars“. Den Reagan’schen Sternenkrieg wohlgemerkt, nicht den von Lucas. Die Musik scheint – wieder unter dem Einfluss von Peter-John Vettesse – das umzusetzen, wovor Anderson sich auf den beiden vorherigen Tull-Alben offenbar noch scheute: Er entkleidet die Strukturen bis aufs Skelett und macht die Arrangements schlank und poppig. Beim zweiten Hören zeigt sich jedoch wieder das alte Muster: Es hört sich zwar leichtfüßig an, ist jedoch sehr kompliziert gebaut und arrangiert. Die eklatante Spielfreude der ehedem handgemachten Tull-Musik wird ersetzt durch elektronische Tapeten, Synthie-Fanfaren und Sequencer-Effekte. Die hell aufstampfenden, kalten Rhythmen (produziert von einem hippen Fairlight CMI) sind tatsächlich sehr auffällig, und im Zusammenspiel mit dem funkigen Bass, den transparenten Arrangements und ein paar wavigen Gitarrenlinien macht sie Jethro Tull zur intellektuellen Zeitgeist-Popband. Was ziemlich gut zu den Texten passt. 
Diese Platte ist ein Unikum, bewundernswert abgedreht, und ich bin froh über die Remastered-CD-Version und das Hinzufügen einiger schwergewichtiger Bonustracks, welche ziemlich genau zeigen, wie die Komplexität von Andersons Songwriting ins Elektro-Rock-Gewand gekleidet werden kann. 
A und Broadsword haben sich letzten Endes als zeitloser erweisen, Under Wraps bleibt ein Produkt seiner Epoche. Aber es ist allemal einen Durchmarsch wert, und sei es auch nur, um die zahllosen Effekte zu bestaunen und eines Rockmusik-Geschichtenerzählens teilhaftig zu werden, das stets seinesgleichen suchte. Nach einem klasse Song wie „Later That Same Evening“ kann man sich im Grunde das Gesamtwerk von John le Carré sparen.

Donnerstag, 11. Juli 2013

Bye-bye Mitsubishi

Soeben wurde er vom Autoverwerter abgeholt, der schwarze Mitsubishi Colt Baujahr 1998. Das Fohlen lungerte noch zwei Tage ohne Kennzeichen in der Einfahrt herum und konnte im Vorbeigehen schlussgetätschelt werden. Nach allzu großen Sentimentalitäten stand mir allerdings nicht der Sinn. 
Vor neuneinhalb Jahren wurde er gebraucht im Gewerbegebiet nahe Trier gekauft und hat gar nicht so viel Fahrleistung erbracht, weil ich da schon in der Großen Stadt wohnte und in der Großen Stadt kaum Auto fahre. Aber für Trips ins Umland und zu den Wurzeln der ländlichen Existenz war er unumgänglich. Er leistete durchweg treue Dienste, und man hielt ihn damals, den Angaben des gewerblichen Verkäufers vertrauend, für hochseriös, ja sogar für ein „Schnäppchen“. Dann kam nach knapp vier Jahren die Sache bei der zweiten Hauptuntersuchung: „erhebliche Mängel“ und nicht verkehrssicher wegen massiver Korrosion an tragenden Teilen hinten. Den vollmundigen Verkäufer drauf angesprochen; der gab sich perplex. Seine Mechaniker schüttelten, als er gerade nicht hinsah, den Kopf, was eventuell so viel hieß wie „typisch!“. Nun, es konnte in einer kleinen Werkstatt (keinesfalls in der des gewerblichen Verkäufers) behoben werden durch Schweißarbeiten. Zwei Jahre später wurde noch mal nachgeschweißt. In zwei Monaten wäre nun wieder HU gewesen. Diesmal: Kupplung schwächelt; bei Regen dringt irgendwo vorne Wasser ein und sammelt sich zu Füßen des Beifahrers, so dass der/die sich echt freut und der Colt außerdem im Winter von innen zufriert; die Korrosion unten drunter wird vermutlich auch fortgeschritten sein. Jetzt gab’s sogar noch Geld dafür. Superschnelle, freundliche und professionelle Abwicklung. Wenn jemand im Kölner Raum einen Altwagen loswerden muss: Firma Schlimbach anrufen. 
Das schwächelnde Fohlen wurde ersetzt durch einen soliden, silberfarbenen Fiesta. „Scheckheftgepflegt“. Der Vorbesitzer war ein älterer Herr Doktor aus Bergisch-Gladbach, und ältere Doktoren aus Bergisch-Gladbach gehen pfleglich mit ihren Autos um. Der kleine Ford ist erstaunlich kraftvoll, dabei betont unauffällig, die HU ist ganz frisch, er riecht innen fast neu und verfügt über mir bislang völlig unbekannten Luxus wie elektrische Fensterheber, Türschlösser mit Fernbedienung oder Wegfahrsperre mit codierten Schlüsseln. Was es so alles gibt!

Dienstag, 2. Juli 2013

Verlautbarung

Die Katze hat sich mal wieder an den Laptop gesetzt – oder vielmehr: auf den Laptop – und mit Hilfe des zufällig gerade aktiven, handelsüblichen Textverarbeitungsprogramms folgende Verlautbarung aus dem Katzenuniversum verfasst: 

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 Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Samstag, 29. Juni 2013

Songs From The Wood und Heavy Horses

Kein anderes Tull-Album schlenkert und hämmert sich gleich beim ersten Mal so ins Herz wie Songs From The Wood. Man muss diese Platte einfach lieb haben. 
Die Rückbeziehung auf die „gute alte Zeit“, dieser historisierende, anti-moderne, warmherzige Habitus, ist eine Illusion und im Sinne eines traditionellen Folkrock genauso authentisch wie das Cover, das mitnichten in der freien Natur aufgenommen wurde, sondern in einer Studiokulisse. Songs From The Wood ist Naturburschen-Design, ein ungeheures Spaßalbum. Post-Hippie und verbindlicher als diese, zugleich Prä-Grüne und viel, viel ironischer – sofern Grüne überhaupt jemals ironisch waren.
Die Botschaft von pastoraler Schönheit und Virilität ist viel zu stark und over the top, als dass sie nicht semi-satirisch gemeint sein könnte, die Musik viel zu ausgefuchst, als dass das „Volksmusik“ sein könnte. Was wirkt wie locker aus dem Ärmel geschüttelt und ständig „Einfachheit!“ und „Unmittelbarkeit!“ ruft, erweist sich beim zweiten Hören als imponierend komplexes Tun, als abenteuerliche Konstruktion aus ästhetischen Bausteinen und Klangfarben. Volkslied, Kunstlied, Renaissance, Jazz, Blues, Hardrock, Psychedelia, Pop, Kirchenlied – eine simulierte Symphonie ruraler Ausgelassenheit, die extrem diszipliniert hergestellt wurde. Was da alles mit- und nebeneinander spielt, versetzt oder auch schon mal gegeneinander, und sich verschränkt zum großen Ganzen, das fordert totale Herrschaft über Material und Instrumentarium. Eine Allgegenwart von Virtuosität: schnelle und schnellste Flöten-, Mandolinen und Gitarrenläufe über Barriemore Barlows saukomplizierten Drum-Mustern, schwerer, funkiger Bass, nahtlose Übergänge, alles perfekt aufeinander abgestimmt, jeder Hall an der richtigen Stelle, jede Synkope sitzt, tausend kleine Effektblüten öffnen sich am Wegesrand. 
Die berauschende Inszenierung einer Illusion, die Erweckung einer Traum- und Märchenwelt des Vergangenen und nie Gewesenen.

Glücklicherweise war das Füllhorn danach noch nicht leer. Es folgte im Jahr darauf Heavy Horses mit dem überragenden Titelstück, das einem der ältesten (und am meisten missbrauchten) Freunde des Menschen seine Referenz erweist: Der Ackergaul als Symbol vergangener Zeiten, jahrhundertelang unentbehrlich und ein Garant nicht nur fürs Überleben, sondern für Wohlstand. Das Tier als stolzes, gelassenes, stoisches, friedfertiges Geschöpf – und kaum jemals so unerhört poetisch gefasst wie in diesem Stück, das vom trabend Hymnischen ständig in einen wilden Galopp fallen will. 
Songs From The Wood ist ein mythisches Wald-und-Hecken-Album, auf Heavy Horses geht es mehr um Äcker, Pflüge, Wiesen, Feldwege und heimlichen Sex im Freien. Songs From The Wood ist wild, Heavy Horses domestiziert. Es ist eine Kulturlandschaft-und-Agrarökonomie-Platte, allerdings durchdrungen von einer Melancholie, die insgeheim die Zähmung der Wildnis bedauert. Während Ian Anderson im Kontext von Songs From The Wood ein schräges Waldschrat-Image pflegte, den „Jack-in-the-Green“, verwandelt er sich bei Heavy Horses in einen bizarren Gutsherrn. Das Bandfoto auf dem Backcover ist eines der witzigsten der Tull-Historie. 
Auf der Platte hört man mehr Streichquartett als vordem, aber auch heftigere Powerrock-Kanonaden („No Lullaby“), die bereits auf das kommende Album Stormwatch hinweisen. Neben solchen „progressiv“ verkomplizierten Tracks versammelt die Band kleine, lebendige, bis in die letzte Note gestriegelte Folkrock-Songs, bei deren robuster Feingliedrigkeit einem die Kinnlade runterklappt. „Acres Wild“, „Moths“, „Rover“ und „Weathercock“ bildeten, zumindest für die Siebziger, den Endzustand des Folkrock ab. Besser und ironischer konnte die Gattung nicht werden.
Heavy Horses ist die definitive Parodie, aber eine ohne Zynismus, sondern mit Respekt und Achtung vor der „guten alten Zeit“ und den Lebensleistungen von Mensch und Tier.

Freitag, 28. Juni 2013

Bye-bye Adidas

Ich weiß gar nicht mehr, wann ich mir diese Adidas-Schuhe gekauft habe. Kommt mir vor wie ein Vierteljahrhundert. Sie waren überall hin mit, haben alles gesehen, hinterließen Spuren in allen möglichen Böden, waren Teil des Daseins und fügten sich klaglos ein. Man konnte sie bei jeder Witterung tragen: leicht genug für den Sommer, warm genug für den Herbst, dicht bei Regen und sogar bei Schnee. Sie waren schwarz mit weißen Streifen und weißer Ferse. Keine schmalen Sneakers, sondern robust, dabei jedoch sehr leicht und formschön und keinesfalls klobig. Und komplett stinkefrei, also vermutlich atmungsaktiv. Der Name und die Typenbezeichnung waren verblasst, ließen sich nicht mehr lesen. Offenbar gehörten sie jedoch zur Edition „Strength“, und natürlich sind sie beim Hersteller längst ersetzt worden durch hippere Öko-Modelle oder modische Albernheiten. 
Sicher, sie waren ein bisschen arg abgelaufen und keuchten auch ein wenig bei schnellerem Schritt. Aber ich hielt ihnen die Treue. Sie müffelten auch nach all den Jahren noch nicht. Heute Morgen beim Einkaufen brach jedoch die Sohle des rechten Schuhs komplett auseinander. Sie zerbröselte nicht, löste sich nicht vollends auf, und ich schaffte es problemlos bis nach Hause. Aber es hat definitiv keinen Sinn mehr: Sie waren durch und mussten in die Tonne. Ich kehre gerade von diesem ihrem letzten Gang zurück und bin nun etwas melancholisch. 

Sonntag, 23. Juni 2013

The Broadsword and the Beast

Was habe ich diese Platte damals, im Jahr ihres Erscheinens, geliebt! Ich stelle fest, ich tue das immer noch. The Broadsword and the Beast ist ein Meisterwerk, umso mehr im Kontext der flankierenden Alben und deren damaliger Rezeption. 
Nachdem Ian Anderson für die Modernität von A (zu Unrecht) Prügel bezogen hatte, machte er den Kritikern 1982 eine lange Nase. Er kehrte zurück zum beliebten historisierenden Modus, behielt die Elektronik aber nicht nur bei, sondern baute sie sogar aus. Ihm zur Seite stand dabei der neue Keyboarder Peter-John Vettesse, der noch stärker an Synthies interessiert war als ehedem Eddie Jobson auf A
The Broadsword and the Beast reaktiviert jedoch weniger den „Olde England“-Charme der Folkrock-Phase, sondern artikuliert sich „nordisch“, mit Edda-Poetologie und Wikinger-Ästhetik. Hier kommt ein selbstreflexives, ironisch-düsteres Fantasy-Album daher, dessen Hauptaugenmerk auf dem Phänomen des Eskapismus liegt: Weltflucht in die Mythophilie angesichts der Bedrohungslage der Epoche. Die Atmosphäre hat Ähnlichkeiten mit Stormwatch; es ist ein Blick in die Weite, und sei es auch nur die der eigenen Sehnsüchte. Das Album ist wiederum Storytelling, eine Art akustischer Gegenwartsroman aus den frühen Achtzigern. Diese Sound-Landschaften wollen durchwandert werden. Ich träumte damals von der Platte und der Zwischenwelt, die sie generiert. Und als ich morgens aufwachte, kam ich mir vor wie ein Abenteurer. Nein, ich benötigte keine Computerspiele und ähnlichen Pipifax, ich hatte The Broadsword and the Beast
Eigentlich sind weder die beiden Fantasy-Titelstücke „Beastie“ und „Broadsword“ die emotionalen Zentren der Platte, sondern das wunderbare „Pussy Willow“, die Geschichte der graumausigen Sekretärin, die sich in romantische, präraffaelitische Ritterwelten beamt. Vollkommen zeitlos. Und der unverschämt melancholische Ausklang „Cheerio“ sorgt dafür, dass man die Platte sofort noch mal auflegt, um diese artifizielle Welt nachhaltiger zu studieren. 
The Broadsword and the Beast rockt mächtig daher, setzt auf schwere Riffs, schwebende Synths, pochende Sequencer, straighte Drums und wird großartig ausbaldowert zwischen lieblichem Flöten- und Mandolinen-Folk, Martin Barres vielgestaltiger Gitarre, effektsicher herumzuckender Kalter-Krieg-Modernität und Fantasy-Kulissenschieberei. Und die Platte enthält das beste Songwriting der Achtziger-Tull nach A.

A

Für mich als Zögling des Kalten Krieges und Freund seines rockkulturellen Outputs ist dieses Album immer noch erste Wahl. Manche Zeitgenossen haben die Platte und die Synthetisierung Jethro Tulls damals nicht recht begriffen. Es scheint fast so, als hätten sie sich mit dem Folkrock, der auf den schrulligen Progressive Hardrock folgte, allzu sehr abgefunden und seien nicht vorbereitet gewesen auf den weiteren Stilwechsel, der bündig mit dem Jahr 1980 daherkam. 
Nach dem frühen Tod von Bassist John Glascock zerfiel die fruchtbare, virtuose Tull-Besetzung der Folkrock-Jahre. Ian Anderson plante erst ein Solo-Album, streckte die Fühler in Richtung der avantgardistisch aufgelegten ProgRock-Legende Eddie Jobson aus und engagierte ihn für Keyboards und Geige. Dann wurde doch ein Tull-Projekt daraus, und Anderson musste sich weitere neue Leute suchen. Er fand den noch ziemlich unbeleckten amerikanischen Drummer Mark Craney sowie den Folkrock-Bassisten David Pegg. Und dann verband der Maestro das alles noch mit einer Aktualisierung des Sounds. 
Die Platte ist eine drastische Abkehr von der Ironie und der Melancholie des Pastoralen, das die Jahre zuvor prägte. Unter dem alarmrot glühenden Cover von A geht es um Atomkriegsgefahr, um „Fail Safe“, Zivilschutz, hereinfliegende Missiles, aber auch um Technisierung, Automatisierung, Arbeitswelt, kurzum: um die poetische Durchdringung des Hier und Jetzt. Und da im Hier und Jetzt gerade die Synthies den Ton angaben, hielten sie auch in Ian Andersons Welt Einzug: Er fand, sie konnten seine Botschaften angemessen ausdrücken. Die Sache wird also schlanker, poppiger, schwirrender, funkiger und zeitgemäßer, das Attribut „wavig“ wäre wohl zu viel verlangt. Hardrock-Riffs, Flöten-, Gitarren- und E-Piano-Läufe werden versehen mit Synthie-Tupfern, elektronischen Fanfaren und kalter, präziser Modernität. 
Mitnichten verzichtet A jedoch auf den Folk. „Fylingdale Flyer“, der absolut begnadete Übersong dieses Albums, ist im Grunde seines Wesens ein harter Folkrocker. Hörpflicht! Das superschnelle Instrumentalstück „The Pine Marten’s Jig“ weist im Titel schon auf die volksmusikalische Ambition hin. Starkes keltisches Flirren zeichnet „Protect and Survive“ aus, und selbstverständlich kann auch das monumentale „Black Sunday“ nicht lassen vom Keltizismus. Am neumodischsten hört sich die Kombination von Folk mit Elektro aber auf dem hibbeligen „Batteries Not Included“ an. Auf „Uniforms“ greift Eddie Jobson dann endlich auch mal zur Geige, tritt in Konkurrenz zu Andersons Flöte und schafft ein instrumentales Highlight der Tull-Historie. Und auf „The Pine Marten’s Jig“ wird’s dann richtig rasant mit den beiden. 
Ebenso bleibt natürlich der konzertane Charakter: Die Songs wurden nicht wirklich entschlackt im Sinne einer Wave-Rock-Ästhetik, sondern sind komplizierte, durchkomponierte Dinger mit einnehmender Dramaturgie, deren oberflächliche Eingängigkeit einlädt, in die Tiefe zu horchen. Und mit Tastenmann Jobson hat Anderson sich einen erstklassigen Sparrings-Partner engagiert, den besten Keyboarder nämlich, der je bei Jethro Tull spielte. 
Tatsächlich ist A wohl das modernste Folkrock-Album, das damals verfügbar war. Die Reaktionen des Publikums zeigen, wie neuartig das um 1980 herum gewesen sein muss.

Freitag, 21. Juni 2013

Stormwatch

Mein Lieblings-Tull-Album, eindeutig. Vielleicht wegen der düsteren, bedrückt-melancholischen Stimmung, ganz sicher jedoch wegen der herausragenden magisch-realistischen Lyrik und der Deckungsgleichheit von Form und Inhalt. Man sollte wesensmäßig ein bisschen neben dem rationalen Gleis fahren, um zu diesem Rock-Album zu finden. 
Zuvor präsentierten Ian Anderson und Co. uns die lebensfrohen Folk-Rock-Alben Songs from the Wood und Heavy Horses mit ihrem Lobpreis der Agrarkultur und ihrer Protagonisten, der Landleute. Kent- oder East-Sussex-Alben, Designer-Folkrock auf allerhöchstem Niveau. Sie machten Spaß, weil sie ironisch und sonnig und geschmeidig waren. 
Stormwatch von 1979 schlägt nach wie vor in diese folkloristische Kerbe, verlagert sein Interesse aber weit nach Norden, an die harschen, windigen Nordatlantik-Landstriche, wo die Menhire stehen, die Winde wehen, Wolkenbänke dräuen, am Horizont die Lichter der Ölplattformen blinken und vorgeben, mythischen Verheißungen des Sieges über die Natur zu sein. Aber die Natur schert es kaum, und sie reduziert sie zu Synkopen in ihrem „concert of kings“. Wie macht man sich einen Landstrich untertan, der sich gegen die Anwesenheit der Modernität wehrt? Denn ringsherum herrschen nichts als Landschaft und Entgrenzung und wabern alte Nebelgeister durch die Steinkreise. Und die Menschen starren aufs tobende Element und denken an jene, die draußen geblieben und eins mit ihm geworden sind. 
Dargeboten wird diese Stimmungslage, dieser magisch-realistische Nordatlantik-Roman in Fragmenten, mit perfekter Tull-Inszenierung und jener Virtuosität, die in punkto Songwriting und instrumentaler Könnerschaft alles gibt. Und Anderson lässt den Sound zurückschnippen in Richtung 1975, macht das Hardrock-Fass wieder auf und gönnt Martin Barre ruppige Gitarrenriffs, John Glascock einen anmutigen, beweglichen Bass und Barriemore Barlow schwere Drums. 
Der Favorit auf diesem Album wird immer „Orion“ sein, Rockmusik-Mystizismus mit großer Lyrik. Beherrscht heute keiner mehr. „Dark Ages“ gerät derweil – nomen est omen – zu einem der härtesten und dunkelsten Tull-Stücke überhaupt, und „Something’s on the Move“ kommt mächtig elektrisch dahergepoltert. Dazwischen der wunderbare, psychedelisch angehauchte Designer-Mystizismus von „Old Ghosts“ und „Dun Ringill“ sowie das folkloristische Instrumentalstück „Warm Sporran“. Die zornige Traurigkeit von „Flying Dutchman“ ist unübertrefflich, und hier erreicht dann auch der mystische Zeitkommentar seine perfekte Ausprägung: Die Platte wird endgültig zur Schauergeschichte. Danach kann es dann nur noch die wortlose, instrumentale „Elegy“ geben. 
(Die danach folgenden Stücke jüngerer Stormwatch-Ausgaben sind nachträglich hinzugefügte Bonus-Tracks, teils exzellent und stimmungsmäßig zum Album passend, allerdings verlängern sie den erzählerischen Bogen ungebührlich.)

Dienstag, 11. Juni 2013

Iain Banks

Iain Banks ist mit 59 Jahren gestorben. Es dauerte nur zwei Monate von der Nachricht seiner Krebserkrankung bis zum Tod. In Deutschland gibt es Nachrufe von Spiegel, Stern und anderen, obwohl sich zu Lebzeiten kaum einer von denen jemals für den Autor interessierte. Der war doch, brrr, Science Fiction. Jetzt, da Nachrufe die britische Presse fluten und von einem der bedeutendsten englischsprachigen Schriftsteller nach 1945 sprechen, kommen sie offenbar auch langsam auf den Trichter. 
Für mich persönlich ist Banks der favorisierte Autor einer vergangenen Lebensphase, derjenigen Epoche vor der Aufnahme professioneller Tätigkeiten in der Buchbranche. Sowie jener ersten umtriebigen Jahre als Professioneller. Der erste in Deutschland erschienene Roman war 1989 Bedenke Phlebas / Consider Phlebas, und es war eine Space Opera, die mich als reiner, unbefleckter Leser – wie junge Leute heute wohl sagen würden – buchstäblich „flashte“: Ich sah danach nur noch Blitze. Krachledern, robust, größenwahnsinnig und dennoch eigenartig fein, reflexiv und hinterfotzig. Literatur! Neue Banks-Romane bei Heyne wurden fortan zu Ereignissen (Favorit: Barfuß über Glas / Walking on Glass), und Sky Nonhoff machte sich Mitte der Neunziger bei Goldmann darum verdient, auch die Gegenwartsromane auf uns loszulassen und sie zudem noch mit coolen Nachworten auszustatten. (Favorit natürlich: Verschworen / Complicity). Ich behaupte, dass Banks damals eine Generation von loyalen Heyne-SF-Jüngelchen in die Feinheiten literarischen Schaffens einwies und nicht wenige aufs Angenehmste irritierte und irgendwie an seinen Texten, ja, reifen ließ. Denn in Wirklichkeit waren natürlich auch seine SF-Romane britische Gegenwartsliteratur voller brisanter aktueller Inhalte, nur eben eigenwillig verkleidet. 
Ich habe damals auch einige Banks-Einträge für den Werkführer der utopisch-phantastischen Literatur verfasst. Keine Ahnung, was ich da alles verzapft habe, müsste ich jetzt nachschauen. Vermutlich ist das alles viel zu enthusiastisch. Aber so war das damals: Feuer und Flamme. 
Irgendwann wurde ich dann von Heyne dazu auserkoren, die jeweils neuen Banks-SF-Manuskripte testzulesen und zu begutachten. Es war ziemlich egal, was ich dazu schrieb, der Ankauf war ohnehin beschlossene Sache. Mit zunehmender Professionalisierung ging der Zauber allerdings ein wenig verloren. Banks war inzwischen ein Promi unter vielen, und die Romane wurden umfangreicher, exzentrischer und inmitten einer Umbruchphase des Genres gewöhnlicher, obwohl sie natürlich – allein wegen der Strahlkraft des Namens – nie Routine wurden, sondern Ereignisse blieben. 
Nun ist die Ereigniskette ein für allemal abgerissen, und ich denke durchaus wehmütig an diese frühen gemeinsamen Jahre, die Banks’ erste, blau gestaltete Heyne-Auflagen und ich miteinander im Zwiegespräch verbrachten – und an Nonhoffs coole Goldmann-Nachworte. 
Machen Sie’s gut, Mr. Banks. Ein wesentlicher Teil von Ihnen bleibt sowieso hier.

Montag, 10. Juni 2013

Wohlstandsgesellschaft

Stromausfall im gesamten Haus. Alles rennt aufgescheucht herum, rauft sich das Haupthaar und zerreißt sich gramvoll die Gewänder. Leute leuchten mit Taschenlampen in Sicherungskästen und flüstern: „Hauptschalter! Hauptschalter!“ Manche plappern schnell und panisch vor sich hin, von oben erklingen ängstliche Rufe und ungläubige Flüche, Türeschlagen, Füßetrappeln. „Gott hat uns verlassen!“, ruft Frau R. und schließt sich im Bad ein. Leute mit Handys werden im Flur gesichtet, die Gesichter fahl beleuchtet von den Displays, blankes Entsetzen im Blick. Jemand läuft an mir vorbei nach draußen, einen Rollkoffer hinter sich herziehend und Blut an den Lippen, und schreit: „Energiewende!“ Ein anderer ist ganz schwarz im Gesicht, trägt Helm und Grubenlampe und ruft: „Ich wusste es!“ Einige andere Mieter versammeln sich vor dem Haus und blicken in den bedeckten Himmel, als gäbe es dort Antworten zu lesen. „Aha, deswegen also“, sagt die junge Frau aus dem Tiefparterre fatalistisch. Dann kniet sie nieder und betet zum Himmel: „Vergib mir, Herr, ich bin nicht würdig.“ Ich folge ihrem Blick, kann aber nichts erkennen außer einer geschlossenen Wolkendecke. Erste Geißlerzüge formieren sich auf der Straße, Gesänge werden angestimmt. Offenbar ist nicht nur unser Haus betroffen. Ein dicker Politiker wird vorgefahren und beschwichtigt. 
Ich, der ich ja eigentlich gerade an der Arbeit sitze, beschließe, in die Wohnung zurückzukehren und sie vorerst zu verrammeln. Sollte der Strom nicht wieder da sein, wenn der Akku des Laptop leer ist, werde ich mich mit den Nordic-Walking-Stöcken meiner Frau gottgefällig züchtigen. 
Aber es ist mal wieder alles total unnötig: Nach einer halben Stunde summen die Leitungen erneut ihr elektrisches Lied, und die Wohlstandsgesellschaft ist wieder intakt. Die Straßenreinigung ist auch schon da, um das Blut der Geißler wegzuspritzen.

Mittwoch, 5. Juni 2013

Die Technokraten

Rush haben damals dabei mitgeholfen, dass ich den Kalten Krieg ideologisch halbwegs unangetatscht überlebt habe. Ihre Platten brachten Weltbürgertum-Feeling auch in die Provinz und zu desorientierten Bartflaumträgern. Die Dinge wurden distanziert, aber nicht eskapistisch, von oben betrachtet und mit Humanismus alter Schule garniert, statt sich im Gesuhle ideologischer Grabenkämpfe zu verlieren. Da ist etwas Dankbarkeit angebracht. Die Beziehung heute ist allerdings eher eine ambivalente, wie bei vielen der alten Recken, die nach wie vor aktiv sind. Deutschland-Konzerte von Rush sind selten, wir waren 1988 auf einem in Frankfurt, aber hinfahren würde ich da heute eigentlich nicht mehr. Wenn die Band aber sozusagen in Sichtweite und fast fußläufiger Entfernung spielt, dann ist das Schicksal. Etwas juckt da noch, etwas verlangt, dass ich meine Dankbarkeit für damals zum Ausdruck bringe. 
Aus allen Regionen Deutschlands kommen sie an, die Fans. Aus Benelux natürlich auch, aus Großbritannien, man hört sogar Schweizer. Jeder zweite trägt ein einschlägiges T-Shirt. Viele Nerd-Häschen darunter, gesetzte Herren, ein paar Hardrocker und prollige Holländer. Und mehr Frauen, als die hippen Pop-Spötter der Gazetten, die solche angeblich geschlechtsspezifischen Dinosaurier-Bands verachten, es wahrhaben möchten. Die Arena ist nicht ausverkauft, aber gut gefüllt. Wir haben einen Sitzplatz, für mich das erste Mal überhaupt. Ganz schön anstrengend und ein bisschen einengend, dieses Sitzen. Aber da die Sache mehr als drei Stunden dauert – mit satt zweieinhalb Stunden reiner Spielzeit –, war das wohl eine gute Entscheidung. Wir weichen ohnehin nach ein paar Songs in eine völlig leere Reihe nach hinten aus, weil der Typ vor uns seinem dicken Kumpel unablässig Weisheiten ins Ohr brüllt und dabei lauter ist als die Musik. Armer dicker Kumpel. 
Die Show ist eines der aufwendigsten Konzerte, das ich je gesehen habe. Ohne hypersmarte Computerprogramme geht da nix mehr. Das ist auch mein Kritikpunkt seit jeher: Technokratismus statt Spontaneität. Aber Rush verstehen sich nun mal als Multimedia-Band, die nicht einfach nur Stücke spielt und sich durch eine schicke Lightshow illuminieren lässt, sondern alles visuell kommentieren muss durch exzessiven Kameraeinsatz, raffinierte Animationsfilme und Pyrotechnik: das Bühnengeschehen, die Songinhalte, das Publikum. Rush sind Geschichtenerzähler per se, und so etwas muss durchorganisiert sein. Wir sind hier schließlich nicht beim Poetry Slam. Allein das Computerprogramm, das das Live-Geschehen schneidet, in Schnipseln auf die Videoleinwand wirft und dafür immer neue Effekte und Steampunk-Rahmungen findet, dürfte sündhaft teuer gewesen sein. Die Technik erschlägt dabei allerdings nicht die Musik, denn dafür sind die Kanadier einfach zu virtuos und stehen zu sehr im Zentrum allen Geschehens, sind sie zu sehr die Stars des Abends – eine Fan-Hingabe, der sich die drei allzeit bewusst sind und die schon früh eine sympathische Seite von Rush hervorgebracht hat: die ans Absurde grenzende Selbstironie, die für einige Lacher gut ist. 
In der ersten Hälfte spielt die Band eine ganze Latte älterer Stücke, erstaunlich viele aus den Mittachtzigern („Force Ten“, „Grand Designs“, „The Big Money“). In der zweiten Hälfte wird es mit dem Vorstellen des aktuellen Albums Clockwork Angels so richtig aufwendig, die paar Tausend in der Arena verharren aber eher im Zuhörermodus und wirken in sich gekehrt. Die neuen Stücke sind musikalisch ganz weit vorne, aber im Sinne eines symphonischen NuMetal ziemlich sperrig und schwer. Nach hinten raus, wenn das Steampunk-Bühnenbild wieder zurückgefahren wird und die Klassiker-Songs folgen, geben Rush eine dermaßen heftige Hardrock-Breitseite ab, dass die Menge sich in ein sturmgepeitschtes Meer verwandelt. Dafür ist sie gekommen, für „YYZ“, „Tom Sawyer“, „Spirit of Radio“ und „2112“. Geddy Lees Bassgitarre ist enorm schwer und schnell, sein Gesang ganz der alte. Der Mann ist sechzig und sieht zwanzig Jahre jünger aus. Alex Lifesons Gitarre ist vielgestaltig wie immer. Neil Peart an den Drums lässt einem die Kinnlade runterklappen, aber auch dafür kommen die Leute: um einen der weltweit Besten noch mal zu sehen, ehe er vielleicht bald keine Lust mehr hat und nur noch Bücher schreibt. Ein Drummer, der Bücher schreibt – das hat es so nur bei Rush gegeben. 
Eine gleißende Weihestunde der poetischen Technokraten. Danke noch mal.

Dienstag, 28. Mai 2013

Der Verbrechensbekämpfer

Der Reitersmann, leidenschaftlicher Verbrechensbekämpfer und freiberuflicher Superheld, hat heute Einbrecher in die Flucht geschlagen. Mitten am Tag. Die Festivitäten zur Überreichung der Ehrenbürgerurkunde werden gerade geplant. 
Zur Unterstützung seines schweren freiberuflichen Alltags tritt der Reitersmann nämlich des Öfteren nach hinten raus auf den Balkon und quarzt eine. Das ist so weit nichts Neues, aber diesmal sah er von schräg oben herab zwei junge Typen südländischen Aussehens unten ums Haus schleichen, wobei der eine am Tiefparterre-Fenster des netten Fräuleins P., ihres Zeichens Studentin, verharrte, einen mordsmäßigen Schraubenzieher hervorzog und sich daran machte, selbiges Fenster aufzuhebeln. Flugs hatte er es offen, stieg auf die Fensterbank und bereitete sich auf den Einstieg vor. Der andere Typ ging derweil unter dem Balkon hindurch bis vorne an die Ecke, um Schmiere zu stehen. Nur eins, das machte er nicht, der Tropf: nach oben schauen, wo nämlicher Reitersmann erst interessiert und dann alarmiert des Geschehens gewärtig wurde. Dann rief nämlicher laut hinunter: „Und was wird das da?“ 
Ohne hochzuschauen oder auch nur zusammenzuzucken, springt der eine Typ von der Fensterbank runter, und beide verflüchtigen sich flotten Schritts, aber nicht rennend um die Hausecke Richtung Süden. Der Reitersmann ruft sofort die Polizei. Fahndung wird eingeleitet aufgrund der Personenbeschreibung (erfolglos bisher, was man so hört). Junge, unaufgeregte Polizistin kommt mit Blaulicht vorbei, nimmt alles auf. „Zigeuner?“, fragt sie. „Ja“, sagt der Reitersmann, „ziemlich eindeutig.“ Weiter unten in der Straße gibt es dieses gewisse Wohnheim, und über die Tätigkeiten von dessen Bewohnern sind sowohl die Polizei wie auch die Bewohner des Viertels sehr wohl im Bilde. Vermutlich gibt’s da jetzt wieder eine kleine Razzia. 
Der Reitersmann hat noch von einer anderen Gelegenheit die Handynummer des Fräuleins P., das von der Polizistin verständigt wird und umgehend von der Uni rübergeradelt kommt. Ihr Fenster steht ja noch offen. Der Reitersmann sei „ihr Held der Stunde!“. Er meint: „Seien Sie froh, dass ich als freiberuflicher Superheld so viel zu tun habe, dass ich dauernd Rauchpausen machen muss.“

Mittwoch, 22. Mai 2013

Petrus liebt die Vollerwerbslandwirtschaft

Glockenläuten, Schafeblöken, Katze pennt durch den Sauerstoffschock entseelt auf dem Bügelzimmerschrank, und an verschiedenen Stellen erklingen Blechbläser und Mandolinenzupfen. Wir sind unverkennbar auf dem Dorf. Goldene Hochzeit des Patenonkels und seiner Gattin mit Heiliger Messe und allem drum und dran. Pfarrer predigt, Musikvereine spielen, Bürgermeister hat was gedichtet. Sekt und Häppchen vor dem altehrwürdigen Gotteshaus, danach ein geschmeidiges, stressfreies Fest im Gemeindehaus. Der Jubilar meint, er hätte aus seiner Zeit als Vollerwerbslandwirt noch einen guten Draht zu Petrus. Das Wetter ist brillant, während die Tage drumherum mehr so beschissen sind. Und ausgerechnet an dem Tag scheint die Sonne. Petrus liebt die Vollerwerbslandwirtschaft. 
Ein großes Fest, dem Anlass angemessen. Die Dorfbevölkerung hat sich jedoch zwischenzeitlich verlegt aufs  Checken von Handy oder iPhone, denn die örtliche Fußballmannschaft absolviert gerade ein lebenswichtiges Auswärtsspiel, und die Leute vor Ort simsen den Daheimgebliebenen jedes Dribbling, jeden Fallrückzieher und jeden Sehnenabriss. Zu meiner Zeit unvorstellbar, da hätte vermutlich eine Pony-Express-Verbindung eingerichtet werden müssen. Wasserkübel vorm Gemeindehaus fürs Pony, drinnen ein Kasten Stubbi für den Boten. Das Spiel endet übrigens 1:1. Entscheidung vertagt. 
Man sieht den Luxemburger Familienzweig mal wieder, die Nachbarin mit der robusten Lache auch. Die Gattin ist gerührt, als bei einem Fotospiel, bei dem „Dalli-Klick“-artig Hochzeitsfotos anwesender Gäste aufgedeckt werden, unser eigenes Foto auftaucht – und wir sogar erkannt werden. Da fühlt man sich angekommen. 
Und alle kennen sie schon den Jungen vom Land. Offenbar kommen auf ein verkauftes Exemplar im Schnitt 185 Leser. Wilhelmine zieht mich schon nach der Kirche in ihr benachbartes denkmalgeschütztes Häuschen, um sich zwei Exemplare signieren zu lassen (die dann rein rechnerisch 370 Leser erreichen werden). Für den Fall, dass ich mal berühmt werde. Ich versichere ihr, dass ich viel zu alt bin, um noch berühmt zu werden, tue ihr aber den Gefallen. 

Mittwoch, 8. Mai 2013

Junge vom Land. Kleine Dorfprosa


Ich habe noch ein zweites Büchlein losgelassen. Es handelt sich dabei allerdings um nichts Neues, sondern um eine Sammlung älterer Weblog-Texte zum Thema Dorf. Es gab immer mal wieder einige Leute, die sagten, sie hätten dieses launische Geschwafel gerne mal als Buch. Bitteschön. Und für den Fall, dass das blöde Internet irgendwann mal kaputtgeht, implodiert oder die Energiewende uns zurückkatapultiert ins frühe 19. Jahrhundert, bleiben die Miniaturessays somit in Papierform erhalten. 130 Seiten. Amazon hat die Produktseite aus irgendeinem Grund noch nicht zusammengelegt, aber ein eBook schwirrt da auch irgendwo herum. Das Cover ist in echt übrigens etwas schweinchenmäßiger als auf der Abbildung, aber das passt umso besser zum Thema.  
Die Blog-Einträge wurden überarbeitet und in eine sinnvollere Reihenfolge gebracht. Als »Bonusmaterial« gibt es nach hinten raus eine komprimierte Version der rosarot verklärenden Wehrdienst-Texte, die vom Weblog mittlerweile verschwunden sind.
So, fürs nächste Vierteljahrhundert war’s das dann aber auch mit Buchpublikationen von meiner Seite her. Mir fällt jetzt echt nix mehr ein. Und danach, also in 25 Jahren, kann ich ohnehin nicht mehr tippen, sondern bin vollauf damit beschäftigt, die Schnabeltasse ruhig zu halten.

Freitag, 26. April 2013

City of Fear

Cherry Red Records hat seine Ankündigung wahr gemacht, die vier zentralen Alben des kanadischen Space-Prog-Trios FM neu herauszugeben. Für drei dieser Platten von 1977-80 bedeutet es die erste CD-Veröffentlichung überhaupt. Besonderes Merkmal der Band: Trotz eines vollen, wuchtigen Sounds und teils massiger Rock-Power kommt keine Gitarre zum Einsatz. Stattdessen bedient auf dem Debüt Nash the Slash Mandoline und Geige. Ab dem zweiten Album übernimmt Ben Mink diese Parts. 
Am Debütalbum Black Noise habe ich mich weiter unten schon mal abgearbeitet, an dieser eigenwilligen Mixtur, die sich anhört wie eine Kreuzung der King Crimson der Mittsiebziger mit den Rush von 1982 (wohlgemerkt: anno 1977), inklusive kleiner Ausflüge auf Hawkwind-Territorium und einem erheblichen Anteil extrem wuseligen Jazzrocks. Hier sind absolute Könner am Werk. 
Das letzte relevante Album ist City of Fear von 1980, in der Besetzung Cameron Hawkins (voc, b, keyb, synth), Ben Mink (vio, mand) und Martin Deller (dr, perc). Während das Trio auf den zwischenzeitlich eingespielten Platten Direct to Disc (1978) und Surveillance (1979) experimentierte und sich suchte, geriet City of Fear zum kreativen Triumph. Nur weiß das heute kein Mensch mehr, weil der kommerzielle Erfolg ausblieb. 
FM arbeitet auf City … songorientiert und überführt den Prog-Jazz-Spacerock endgültig in Pop-Rock-Wave-Gefilde. Und das fällt komplex aus. Anspruchsvolle, verzwirbelte Kompositionen, scheinbar straight herausgespielt, aber unendlich reichhaltig und von Rush-haftem Perfektionismus. Cameron Hawkins ist als Sänger enorm gereift, der großartige Martin Deller komprimiert seinen vielgestaltigen Jazz zu treibendem, unberechenbarem Rock auf knochentrockener Snare, und Ben Mink, tja, Ben Mink ist ohnehin sein eigenes Universum. Dauernd springen einen auf diesem Album schwere Gitarrenwände und hibbelige E-Gitarren-Riffs an, überall kreischen dienstbare, pfeilschnelle Soli – allein, es gibt auf City of Fear gar keine Gitarre. All dieses Dröhnen, Jaulen, Kreischen und wuchtige Hämmern macht Mink mit Mandoline und Geige. Ich wusste bislang, ehrlich gesagt, gar nicht, dass das geht. Dass man mit Mando und Fidel eine Rocksau wie „Ride the Thunder“ durchs Dorf prügeln kann, das entzog sich bislang meiner Vorstellungskraft. 
Für City of Fear verbündete sich das Trio zusätzlich mit Synthesizer-Guru Larry Fast, weswegen auch der elektronische Output heftig und hypermodern ausfällt. Das Album bildet mit seiner Rezeptur aus elektrisch verstärktem Instrumentarium und elektronischer Klangerzeugung die Möglichkeiten und Tendenzen des Jahres 1980 perfekt ab. Und das Songmaterial gerät fluffig und erhebend, mal abgesehen von dunkel glimmenden Proto-Industrial-Dingern wie „Lost and Found“ und „Silence“, aber die kommen erst recht gut rüber.
Ein vergessenes Produkt überschäumender Modernität des Jahres 1980.