Dienstag, 20. März 2012

Gartenpflege

O Zeichen, o Wunder! Die polnischen Hausmeistergehilfenjungs haben draußen „Gartenpflege“ betrieben und das Laub von vier Jahrhunderten gefegt und gerecht. Und das Allerbeste: Sie haben es nicht in die Mülltonne gestopft (die war ohnehin voll), sondern in Säcken abtransportiert. Sie haben sogar die Treppe zur Souterrain-Wohnung gefegt, was dem Mieter dort endlich wieder den Zugang zu seinen Räumen ermöglicht. Er schlief bisher abwechselnd entweder in der Mülltonne oder unter den Fahrrädern bei den Eichhörnchen, weil das Laub ihm den Weg in seine vier Wände versperrte. Selbst fegen wollte er offenbar nicht, denn „Gartenpflege“ ist ja in den Nebenkosten enthalten. Recht so. Ein Mann muss Prinzipien haben. 
Sie haben zudem den ans Mäuerchen angelehnten Weihnachtsbaum von 1817 entsorgt, die Hanf-Plantage gegossen, die irgendwer hinter den Fahrradständern angelegt hat, ausgiebig den Redwood-Baum bewundert, der seit circa 1420 unbemerkt da wächst, das Schilfgras gestutzt, den Pferdekadaver entsorgt, die Eingänge zu den Erdmännchentunneln freigelegt und die Bewohner gefüttert. 
Ich fürchte nur, dass der Posten „Gartenpflege“ in der NK-Abrechnung nun, da tatsächlich mal „Gartenpflege“ betrieben wurde, um 300% erhöht wird, obwohl das, was die polnischen Jungs da gerade getan haben, streng genommen im Posten „Hausmeisterdienste“ enthalten sein müsste. Vermutlich wird es verteilt, und „Gartenpflege“ und „Hausmeisterdienste“ werden um jeweils 150% angehoben.

Freitag, 16. März 2012

Geleistetes

Heute Abend kehrt die Gattin zurück von ihrer Fahrt ins Blaue. Und was haben die Katze und ich in dieser Zeit geleistet? Haben wir etwas vorzuweisen? 
Wir haben morgens durchgelüftet, haben die Kaffeemaschine entkalkt, den ollen Oleander aus dem Keller auf den Balkon geschleppt, ziemlich viel gegähnt, das Katzenklo vollgeschissen (Katze) und sauber gemacht (ich), uns gegenseitig mit mittelmäßig leckerer Wurst gefüttert, uns den Bauch von der Frühlingssonne bescheinen lassen und uns ansonsten etwas vorgejammert. Es wird langsam Zeit, dass wieder Action in die Bude kommt.

Montag, 12. März 2012

Verstört

Ich tapse wie ein verstörter Schrat durch die Wohnung und finde mich kaum noch zurecht. Alles Jammern hilft nichts: Ich bin allein. Die Gattin ist auf eine ihrer berühmt-berüchtigten Städte-Querstrich-Kulturreisen gegangen. Sie ist in den Osten gefahren, an eigentümliche Orte mit Namen wie Erfurt oder Weimar. Offensichtlich gibt es da draußen in der Ödnis Städte. Nun ja, die Gattin wird sicher mit fotografischen Belegen ihrer Existenz zurückkehren.  
Jetzt schleichen also die Katze und ich irritiert hier in der Bude herum, schnüffeln in den Ecken, geben Protestlaute von uns und klagen über das grausame Los, auf uns selbst zurückgeworfen zu sein. Die Katze begreift es schneller als ich und geht pennen. Ich kann aber nicht schlafen. Ich knibbele nervös den Putz von der Wand, gehe dauerduschen oder spreche empört mit dem gerahmten Gattinnen-Foto auf der Küchenfensterbank. Und dann entschließe ich mich, aus Protest all die Sachen zu kochen, die die Gattin nicht gern isst. Zwiebeln, Krabben, Pilze, Schweinehälften und Saumagen ...

Samstag, 10. März 2012

Facebook weiß alles

Die personalisierte Werbung auf der Facebook-Startseite ist längst ein wichtiger Lebensbegleiter. Ich habe mein Geburtsjahr gar nicht angegeben, aber Zuckerberg, der skrupelloseste Lutscher unter allen Nerds, weiß offenbar doch einiges über mich und schaltet die Werbung in folgender Reihenfolge:
„Mach mit! Online-Umfrage für 40-49jährige kahlköpfige Männer“ 
„Tigerkrallenextrakt (Ersatzmittel). Weck den Tiger in dir und mache die Tigerin glücklich!“ 
„Panzerschlacht von Tobruk! Sei der Kommandant!“ 
„Der diskrete Einmalkatheter für Männer: kompakt, praktisch, überall anwendbar“ 
„Sargmodell 'Bonaparte' oder doch Urne 'Benedikt'?“

Freitag, 9. März 2012

Kühlschrankfunde

Hm, habe im Gefrierfach gerade ein Eishörnchen aus dem Jahr 1870 gefunden. Weiß gar nicht mehr, wo ich das gekauft habe. Könnte im Elsass gewesen sein. 
Auffälliger finde ich weiter oben im Kühlfach den Heringssalat von 1631. Das weiß ich noch genau. Ich kaufte ihn während der Belagerung Magdeburgs von einer Marketenderin, aber dann kam der Befehl zum Sturmangriff, und in dem ganzen Trubel habe ich ihn offensichtlich vergessen. Wenn ich daran denke, dass es uns zwei Wochen später so dreckig ging, dass wir uns von Menschenfleisch ernähren mussten und die ganze Zeit über dieser leckere Heringssalat ganz unten in meinem Marschgepäck lag ... Aber die anderen hätten ihn mir bestimmt sowieso weggenommen, wenn sie’s gewusst hätten. Nee, das waren keine netten Typen.

Dienstag, 6. März 2012

Der Dings

Es steht jetzt fest, die Indizien sind eindeutig: Der Dings wohnt direkt neben uns. 
Der Dings ist Fernsehstar. Talkshows, Kochshows, und Deutschlands bedeutendste Samstagabendshow wird er auch bald moderieren, wie es heißt. Als ich ihn beim Quarzen auf dem Balkon das erste Mal ins Nachbarhaus gehen sah, rief ich aus: „Potzblitz, das ist doch der Dings!“ Er hatte dauernd diese Wollmütze auf, aber täuschen konnte er mich nicht. Zuerst dachte ich, der Dings kenne irgendwen in dem Haus. Schwiegervater, Rechtsanwalt, Visagistin. Aber der Dings kommt und geht ständig. Auf dem Hinterhof steigt er immer in einen dicken schwarzen Schlitten. Mal wird er chauffiert, mal fährt er selbst. Einmal klappt er, am offenen Kofferraum stehend, sein Handy auf und telefoniert: Er hat sogar die Stimme vom Dings. Im Herbst haben sie einen Carport in den Hinterhof gebaut, und unter dem steht jetzt dauernd das Auto vom Dings, während sich oben drauf die Eichhörnchen jagen. Ab und an bringt er auch einen Jungen mit, der rein altersmäßig zu dem Kind passt, das der Dings aus der verflossenen Beziehung mit Frau Tralala aus dem Fernsehen hat. Weiß man ja aus der Yellow Press. 
Es wohnt auch eine schlanke Brünette in dem Haus, die ich gelegentlich an den großen Fenstern nach hinten raus sehe. Die Brünette hat einen kleinen schwarzen Flitzer im Hinterhof stehen, mit dem sie ab und an wegdüst. Neulich jedoch stieg die Brünette in den dicken schwarzen Schlitten vom Dings und düste mit dem weg. Dieses Zusammenhangs hatte es noch bedurft: Ich googelte zum ersten Mal im Leben den Dings und schaute mir Celebrity-Fotos von ihm und seiner Ehefrau an. Und selbstverständlich handelt es sich bei der Frau auf den Fotos um die Brünette mit dem schwarzen Flitzer. 
Aus den vorgefundenen Indizien ist also zu schließen: Der baldige Moderator der bedeutendsten deutschen Fernsehshow wohnt hinter den großen Fenstern, die direkt in unsere Küche schauen. Und da er auch Kochshows macht, schlägt er wahrscheinlich jeden Abend die Hände über dem Kopf zusammen, wenn er sieht, was ich da zurechtbrutzle. Ich fühle mich in meiner Privatsphäre empfindlich gestört, wir brauchen dringend Gardinen.

Donnerstag, 1. März 2012

Retro

Bin momentan in kribbeliger Retro-Thriller-Laune. Nach der professionellen Lektüre eines ausgeklinkten Nazi-Jäger-Thrillers, der ein gewisses populäres US-Autorenduo endgültig als Satiriker enttarnt, sowie dem Anschauen des wunderbar altmodischen Films Eine offene Rechnung wurde nun eine ganze Schütte relevanter Nazi-Jäger-Filme sowie „Bekämpft die Nazis!“-Kriegsthriller geordert. Filme, die mich in jüngeren Jahren echt erschreckt haben, oder bombastische Großproduktionen, die das Augenfutter der Kindheit waren. Der Marathon-Mann ist jedoch nicht darunter, weil er vor kurzem erst wieder im Fernsehen lief und ich ihn auswendig vorsagen kann. 
Man sieht sich beizeiten nebenan im Filmblog.

Montag, 27. Februar 2012

Lachsbrötchen

Ich vermute, dass die Algorithmen von Amazon ab und zu auch mal Pause machen. Die einen gehen raus, rauchen eine Zigarette und starren in die Wolken, um von Dingen tagzuträumen, von denen Algorithmen eben so tagträumen. Andere packen am Arbeitsplatz ihr Lachsbrötchen mit Salatblatt und Ei aus, mampfen mit glasigem Blick und trinken dazu Evian. 
Einer der Lachsbrötchen-Algorithmen erwischte heute Morgen offenbar eine Gräte, verschluckte sich ganz fürchterlich, pfiff und röchelte und hustete, wedelte mit den Armen und schlug wild auf seine Tastatur ein, ehe der Kollege vom Nachbarplatz (Salami-Sandwich mit Mayo) herüberkam und ihm kräftig auf den Rücken schlug. 
Der Lachsbrötchen-Algorithmus ist zuständig für meine Produktempfehlungen. Er studiert mein Kaufverhalten und die Dinge, die ich mir angesehen habe. Dann gibt er mir bei jedem Besuch der Startseite nett gemeinte Tipps, was mir noch gefallen könnte. Während er die Gräte im Hals hatte und panisch auf seine Tastatur einschlug, löste er eine höchst eigenartige Produktempfehlung aus, platzierte sie auf meiner Startseite unter „Das könnte Ihnen gefallen“ und stieß damit die Tür auf in eine vollkommen neue Produktwelt, von der ich bislang gar nicht so recht wusste, dass sie existiert:

Link 

Ich habe da draufgeklickt, weil ich grundsätzlich auf alles klicke, was mein Algorithmus mir vorschlägt, und sei es auch noch so gruselig. Nun, dem Algorithmus ist inzwischen die Gräte gerutscht, und er hat mit Evian nachgespült. Er ist wieder bei sich. Postwendend stellt er fest, dass der Kunde, also ich, da draufgeklickt und damit Interesse bekundet hat. Deswegen heißt er ja auch Kunde. „Aha“, murmelt der Algorithmus und hüstelt noch einmal trocken in Erinnerung der Gräte. „Aha, das habe ich mir gedacht, dass ihm das gefällt.“ Also öffnet er mir die Tür in diese Produktwelt zur Gänze und pflastert meine Startseite zu mit Erzeugnissen wie diesen hier:

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Die Lehre, die daraus zu ziehen ist: Schau dir dein Lachsbrötchen genauer an, bevor du reinbeißt.

Donnerstag, 23. Februar 2012

Kur hinter Saarbrücken

Ich glaube, ich hätte mir Klaus Töpfer als Bundespräsident gewünscht. 
Mein Opa war damals irgendwo hinter Saarbrücken zur Kur, und Töpfer zog gerade im Landtags-Wahlkampf durch die Kureinrichtungen, redete ein bisschen mit den kränklichen Leuten und verteilte Infoblättchen. Als meine Mutter und ich mit Opas Auto, einem alten Audi 80, zu Besuch kamen, war der alte Herr, dreißig Jahre lang CDU-Bürgermeister unseres Dörfchens, ganz aufgeregt, wedelte mit einem Packen CDU-Infoblättchen und verkündete, er hätte Töpfer höchstselbst die Hand geschüttelt. „Guter Mann, guter Mann! Den muss ich wählen!“ Durfte er aber nicht, denn er war ja kein Saarländer, sondern hier nur zur Kur. Die Infoblättchen nahm er trotzdem mit. 
Töpfers Gegenkandidat, der amtierende Ministerpräsident Lafontaine, hatte als Schüler in der Eifel eine Zeitlang bei Opas Bruder zur Untermiete gewohnt und, viele Jahrzehnte später, bei des Bruders Ableben ein Kondolenzschreiben aus der Saarbrücker Staatskanzlei geschickt. Er hatte wohl in der regionalen Presse die Todesanzeige gesehen. Nette Geste. Das fand mein Opa damals auch, aber Parteienzugehörigkeit ist nun mal dicker als Wasser. 
Töpfer verlor die Landtagswahl natürlich krachend gegen den Napoleon von der Saar. Opa fluchte selbstverständlich, fügte sich aber als guter Demokrat in sein Schicksal. Töpfi jetzt als Ersten Staatsmann gehabt zu haben, hätte ihm Freude bereitet. Mir irgendwie auch.

Mittwoch, 22. Februar 2012

30. April: Das Ende der Erdenschwere

Wichtigster Tag des Jahres? Klarer Fall, der 30. April. Veröffentlichung des neuen Hawkwind-Studio-Albums Onward. Nach dem Cover zu schließen, müsste es ein gar düsterliches Ding werden, aber das kann ich noch nicht so recht glauben. 
Nehmen wir uns vier Minuten, machen uns frei von der Schwere des Daseins und erinnern uns der kathedralenhaften, nach oben strebenden Schönheit des Vorgängeralbums.