Montag, 21. Januar 2008

Oberstleutnant Sanftleben

Die Privatsender sind laut Rundfunkstaatsvertrag zur Ausstrahlung eines gewissen Kontingents an „Kultur“ verpflichtet. Von dieser Regelung profitiert seit einer Ewigkeit das von den Sendern ungeliebte Stiefkind Alexander Kluge mit Sendungen wieNews & Stories, in denen er einen Zeitgenossen zu einem – meist bizarren – Randthema interviewt. Man zappt ab und an mal am späteren Abend in diese Sendungen rein und bleibt – zumindest geht es mir so – oft genug hängen, einfach weil sie so diskurslastig, schmucklos und bizarr sind.
Gestern Abend interviewte Kluge den Verbindungsoffizier Oberstleutnant Sanftleben zu Gegenwart und Zukunft der Bundeswehr und der Kriegführung allgemein. Oberstleutnant Sanftleben ist eine Kunstfigur des Kabarettisten Georg Schramm (Neues aus der Anstalt), den die Feuilletons zum härtesten Kabarettisten Deutschlands erklärt haben. Hier sprach also ein (fingierter) Offizier so, wie er es wollte, aber in der Öffentlichkeit nur selten kann. Kein Blatt vorm Mund, politische Korrektheit ad acta gelegt und zugleich herrlich angestachelt von einem aufgedrehten Interviewer. Natürlich handelte es sich um Kabarett, aber es war doch mehr. Schramms Oberstleutnant ist nicht nur einer der bestgelaunten und rabiatesten Zyniker der Weltgeschichte, er ist auch blitzgescheit und enorm gut informiert. Für den Zuschauer entsteht ein Problem: Man muss dauernd schallend lachen, aber das Lachen droht all die Background-Infos zu übertönen, die Schramm gleich mit einflechtet. Wenn man also das Lachen krampfhaft unterdrückt und sich in die Lage versetzt, tatsächlich zuzuhören, klappt einem ständig die Kinnlade runter, so zynisch geht Schramm mit Politik und Militär um, so völlig desillusioniert zeichnet er die Lage, so aggressiv ist er. Aber alles streng in der Rolle und stets mit einem entwaffnenden Keckern. Man kommt sich wirklich vor wie das hedonistische Klein-Döfchen, das dem allgewaltigen, die Menschheitsgeschichte steuernden militärisch-industriellen Komplex, den uns Oberstleutnant Sanftleben auf seine gutgelaunte Art da skizziert, völlig naiv gegenübersteht. „Das Weichziel ist der Mensch“, der Zynismus ist nicht zu überbieten.
Schramms Kunstfigur ist extrem stimmig und kaum überzeichnet. Die kurzen Schnipsel, die er in den populären Kabarett-Sendungen loswerden kann, sind nichts im Vergleich zu so einem dreiviertelstündigen, forcierten Dialog. So wunderbar brutal und scharfsinnig kann das Nachtprogramm sein.

Freitag, 11. Januar 2008

Günther oder Jürgen

Weiß eigentlich jemand, was aus Günther geworden ist? Oder hieß er Jürgen?
Wie auch immer, Günther/Jürgen war der Typ, der im Katalog des HamburgerMalibu-Versands die Texte zu den neuen Platten schrieb. Wenn er Lust hatte, formulierte er auch viele knackige Kurzbeschreibungen zu den älteren Sachen, die auf Lager waren. Der Malibu-Versand (Maskottchen: ein Krokodil mit Sonnenbrille) war damals wichtig für mich Jungmann, so etwa ab 1987. Der kleinformatige, aber dicke Katalog kam in einem Erscheinungsrhythmus, den ich nicht mehr parat habe, monatlich, zweimonatlich, irgendsowas, und beinhaltete stets viele, viele Platten (CDs waren noch nicht so verbreitet) für das Independent-Volk. Und Günther/Jürgen kommentierte die auf fachkundige Art und Weise. Natürlich wollten diese Versandleute auch von ihrer Ware leben, dennoch waren sie independent und flunkerten einem nichts vor. Sie wollten ehrlich sein und eine Vertrauensbasis zur Kundschaft aufbauen. Günther/Jürgens kleine Textchen waren trotzdem oft viel zu euphorisch, einige seiner Einschätzungen lagen völlig daneben, aber das kann man erst aus der Retrospektive feststellen. Damals hätte aus dieser oder jener Band tatsächlich eine große Nummer werden können, also hatte Günther/Jürgen im Kontext der Zeit, in der er aktiv war, völlig recht. Und wenn seine Jubelarie zu dieser oder jener neuen US-Band sich mal nicht mit dem eigenen Eindruck deckte, na, dann war das eben der Subjektivität geschuldet.
Damals war die Zeit, in der man dank solcher leuchtender Fixsterne wie Malibuund Günther/Jürgen tatsächlich in der Lage war, einen Komplettüberblick über diese oder jene hippe Musikrichtung zu gewinnen. Hip Hop war zum Beispiel im Kommen, interessierte mich aber nicht. Ich wollte die amerikanischen Gitarrenbands, die Post-Hardcore-Pop-Punker. Es gab regelrechte Schulen mit geographischer Verwurzelung. Boston, New York, L.A., Washington, Minneapolis, Portland etc. Seattle kam erst später. Die Bands unterschieden sich im Melodie- und Härtegrad ganz signifikant. Günther/Jürgen erklärte einem das und stellte zudem Zusammenhänge zu Vergangenheit und Tradition her. Durch Günther/Jürgen stieß ich auf die Wipers. Es taten sich ständige Querverweise auf. Günther/Jürgen war also ein wichtiger Mann in Bezug auf meine Musiksozialisierung, sehr wichtig. Das darf man natürlich nicht sagen, denn es wäre unverantwortlich, und dennoch: Er hatte größeren Einfluss als SPEX, vor allem deshalb, weil seine kleinen Kommentare sich nicht mit feuilletonistischer Eitelkeit selbst vernebelten. Ich habe damals innerhalb recht kurzer Zeit bestimmt 200 Platten von US-Post-Punk-Bands gekauft, nicht alle bei Günther/Jürgen und Malibu, aber viele.
Die direktere Bezugsquelle war der kleine, zauselige, aber verdammt gut sortierte Plattenladen namens Musikland in der Trierer Brotstraße, wo ein irrwitzig cooler Typ an der Kasse saß, ein langbärtiger Hippie, der Gerüchten zufolge mal bei einer Kundin, die nach Tina Turner verlangte, aus der Haut gefahren und sie lautstark zu Karstadt gejagt haben soll. Sie wollte nach der Tirade wohl den Geschäftsführer sprechen, aber das war er selbst. Hihi.
Mich würde ja auch mal interessieren, was aus dem Bärtigen geworden ist. Aber wenn jemand was über Günther/Jürgen weiß und mir mitteilen kann, dass es ihm gutgeht, wäre mir schon geholfen. Malibu jedenfalls ging 1998 pleite. Ich hoffe nur, der beste Katalogtexter des Universums hat sich damals nicht vorschnell erhängt oder so was.

Montag, 7. Januar 2008

Immer nur Arbeit, niemals Minne!

Am Wochenende habe ich aus Gründen der Zerstreuung mal in der Kiste mit den alten PC-Spielen gekramt. Strategiespiele selbstverständlich. Ego-Shooter und so was sind nichts für meine Nerven.
Kennt irgendwer ein Spiel, das für ältere Herren geeignet ist und in dem die kleinen Männchen eines 41jährigen Zerstreuungsspielers nicht dauernd von den feindlichen kleinen Männchen besiegt und zusammengehauen werden? Irgendein Spiel, das einem zwischendurch mal ein Erfolgserlebnis gewährt und in dem sich nicht sofort jede Unbedachtheit schrecklich rächt? Ich spreche hier von lächerlichen Greisen-Spielen wie Empire Earth, Warrior Kings oder Medieval: Total War. Ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber ich werde dauernd besiegt. Ich glaube, meine eigenen kleinen Männchen sind einfach böse auf mich, weil ich ihnen Befehle eingebe. Sie sagen jedenfalls dauernd solche Sachen wie: "Elender Sklaventreiber!" oder "Ich würde gerne sehen, wie Ihr solches verrichtet!" oder: "Immer nur Arbeit, niemals Minne!". Dabei gehe ich doch sehr schonend mit dem Bauernvolk um. Ein paar Baumstämme fällen, ein bisschen Gold schürfen, Felsen kleinhauen. Ich verzichte meistens sogar auf den frühzeitigen Aufbau einer Streitmacht, weil die den Bauern alles wegfrisst, was sie in mühsamer Arbeit zusammengetragen haben. Kann ich nicht verantworten. Ich bin ein freundlicher Lehnsherr. Trotzdem maulen die dauernd. Und wenn dann der Feind aus dem Nachbarreich kommt, der die ganze Zeit über nichts anderes gemacht hat, als eine Riesenarmee aufzubauen, tja, dann rennen sie dumm herum und meckern auch nur wieder. "Wo ist unsere Verteidigung?", "Warum brennt meine Hütte?", "Warum schänden diese Typen gerade meine Frau?"
Undankbares Pack.

Sonntag, 9. Dezember 2007

In memoriam again

Neulich ist übrigens Herr Stock gestorben.
Als mein jüngerer Bruder auf der Bildfläche erschienen war, verließen meine Eltern die Mietwohnung (50 Mark Monatsmiete) und bauten ihr Eigenheim im damaligen Neubaugebiet des Dorfs. Einige Zeit darauf setzte eine schon etwas betagtere Kleinfamilie von außerhalb ihr Fertighaus schräg hinter uns. Als viele Jahre später deren Vater starb, ließen Frau und Tochter (und mittlerweile aufgetauchte Enkel, aber diese Geschichte ist jetzt zu kompliziert) Papa/Opa umbetten und zogen zurück in ihre Heimat.
Ihr Haus kaufte Herr Stock und wurde damit unser neuer Nachbar. Auch er stammte irgendwo von außerhalb. Er arbeitete bei einer Bank in Luxemburg, war wohl etwas über Vierzig, alleinstehend, hatte mal Familie gehabt, war aber offensichtlich von der geschieden, und brachte eine Hauskatze mit. Die kleine Miezi, die sich nie draußen blicken ließ. Kurz darauf besaß er zwei weitere aus dem Tierheim, die sich kaum drinnen blicken ließen, und ab 1989 prügelte sich unser Kater mit Herrn Stocks Kater, als ginge es um nichts Geringeres als die Weltherrschaft. Die Nachbarschaft ertrug das Geschrei und Gefetze mit Würde.
Herr Stock war immer sehr nett und freundlich, eine Seele von Mensch, blieb aber stets der etwas zurückgezogen lebende, fremde Nachbar, der sich in Dorfbelangen nicht sonderlich engagierte, ein vollbärtiger Pfeifenraucher und Hifi-Freak, der dauernd UPS-Pakete mit neuen Technik-Komponenten bekam. Den Dachboden hatte er zum Hifi-Studio umgebaut. Irgendwann kaufte er sich auch ein Oldtimer-Auto, das aber stets nur in einem abgesperrten Carport neben dem Haus stand und nie in Benutzung war. Als im Jahr 2000 unser Kater starb, bekam Herr Stock mit, wie wir ihn im Garten begruben, rannte ins Haus und kam mit einer Rose (und Tränen in den Augen) zurück. Die Rose legten wir nach getaner Arbeit aufs Katergrab und schnieften uns eins.
Herr Stock hat in den 90ern auf dem Weg zur Arbeit mal einen schweren Autounfall gebaut, von dem man nicht jedes Detail erfuhr. Er war offenbar schuld, und es gab Tote, mindestens einen. Herr Stock selbst war auch schwer angeschlagen, weniger körperlich denn psychisch, die Rekonvaleszenz glitt unmerklich in Arbeitsunfähigkeit über. Führerschein hatte er jetzt auch keinen mehr. Es gab manchmal psychische Probleme, die durch zu viele oder zu wenige Medikamente verursacht wurden. Es war alles etwas unklar und entzog sich den üblichen Tratschkanälen, weil Herr Stock eben so alleinstehend war. Mein Vater musste einen stark verwirrten Herrn Stock einmal mehr oder weniger vor sich selbst retten. Lediglich unsere damalige Post-Ausfahrerin, die zugleich bei Herrn Stock putzte, konnte die Außenwelt mit rudimentären Informationen über seinen Haushalt versorgen, aber auch das blieb Episode.
Herr Stock heiratete noch mal, eine jüngere Frau aus dem Bankenwesen, die sich um ihn kümmerte. Als Herr Stock dann Lungenkrebs bekam, begann dieses monströse Auf und Ab, das man niemandem wünscht. Manchmal fuhr er die ganze endlose Strecke mit dem Bus zur Chemotherapie. Er hielt sich ausgesprochen lange, Jahr um Jahr. Zuletzt hatte seine Frau ihn in ihrem eigenen Haus in einem Nachbarort untergebracht, ehe es von dort ins Trierer Hospiz ging.
Ich wäre gerne zu seiner Beerdigung gegangen, aber der Umzug nahm mich zu sehr in Beschlag. Manfred Stock in memoriam. Ich werde wohl im Frühjahr mal ein spontanes Wiesenblümchen auf sein Grab legen.

Samstag, 1. Dezember 2007

Öfter mal rütteln

Jetzt ist der Fernseher kaputt. Wurde auch langsam mal Zeit. Das olle Tevion-Aldi-Ding hielt ewig. Eigentlich ist es ja auch nur halb kaputt. Der Fernseher funktioniert noch tadellos, allerdings ist beim umzugsbedingten Aus- und Einstöpseln sein einziger Scart-Anschluss hops gegangen. Er war wahrscheinlich im ständig eingestöpselten Zustand in der alten Bude schon hart an der Grenze, aber nun ist er ganz hinüber. Man kann keine Zusatzgeräte mehr anschließen, was natürlich fatal ist. Keine DVDs mehr guckbar. Untragbarer Zustand. Der Fernseher liefert auf dem AV-Kanal zwar den Ton, aber kein Bild. Da der Anschluss eines einzigen Zusatzgeräts an einen Fernseher via Scart so ziemlich das Einfachste auf der Welt ist, hat es mich doch sehr gewundert, warum das bei mir nicht funktionierte. Immer nur schwarzes Bild. Kann ein einzelner Mensch so dumm sein? Nein, entschloss ich für mich selbst und kam zu der Meinung, da müsse etwas kaputt sein. Ich rüttelte bei laufender DVD hinten am Scart-Anschluss herum, und siehe da: Kurzzeitig war das Bild da, dann wieder weg, dann wieder da. Der Spielraum fürs Funktionieren bzw. Nichtfunktionieren beträgt etwa einen Drittelmillimeter. Man kann die Sache mit Klebeband arretieren und das Bild kurzzeitig stabil halten, aber wenn man dann versehentlich hustet oder draußen ein Laster vorbeibrettert, wird’s wieder schwarz wie die Nacht.
Ich schätze, jetzt ist langsam mal ein 32-Zoll-LCD-Ding angesagt. Die kosten heute auch nicht mehr die Welt.

Mittwoch, 7. November 2007

Faded away

Hmm, tja, wenn man’s wüsste …
Amazon.de erzählt mir gerade, die CD „Electric Medicine“ von Greg Sage sei am 10.10.2007 erschienen, und will sie einem als (teuren) Import besorgen. In vier bis sechs Wochen. Es ist das erste Mal, dass es von diesem Album in Deutschland überhaupt ein Lebenszeichen gibt. Nett gemeint, Amazon, aber ich bleibe weiter skeptisch.
Auf diese Platte wartet die Welt nämlich seit langem vergeblich. Es wird allenthalben in den Katalogen behauptet, sie sei 2002 erschienen, aber offenbar ist sie nie irgendwo aufgetaucht außer in eben diesen Katalogen. Beim Endverbraucher kam sie jedenfalls nicht an, Greg Sages Website weiß nichts von ihr. Der gute Greg hatte mal fallenlassen, dass er an dem Projekt, seiner dritten Solo-Platte, arbeite, und das muss so im Jahr 2000 gewesen sein, kurz nachdem er seine letzte Wipers-Platte „The Power in One“ fertiggestellt hatte.
Danach setzte er sich offenbar mit seinen Hündchen auf die Veranda, blickte jahrelang in Nachbars Kirschbaum und schaukelte und schaukelte, während seine Gitarre drinnen im Haus verstaubte und verstimmte und schließlich ganz verstummte.
Mann, das ist verdammt schade, Greg. Der Vordenker und Gitarrenmaestro der legendären Wipers ist wohl einfach irgendwie verblasst und hat das Interesse vollständig verloren. Na gut, es passt wohl auch zu ihm: anti-kommerziell bis ins Mark, ein Punkrocker der etwas anderen Sorte, der 1977 in Segeltuchschuhen, Flanellhemd und Jeansjacke antrat, als „Punk“ gleichbedeutend war mit Stachelfrisur und Sicherheitsnadel in der Backe. Damals hat man ihn deswegen nicht recht ernst genommen, etwas später waren diese Art von Punks ein Synonym für Haste-mal-ne-Mark-Penner, während der Wipers-Look sich durchsetzte und die Band zum herausragenden Vertreter der Strömung aufstieg. Aber Greg Sage scherte sich natürlich nicht um irgendeinen Look, er kommunizierte ausschließlich über die E-Gitarre mit der Gesellschaft und erwies sich dabei als anrührender Autist. Ein irgendwie kreativ Gestörter, der statt eines Soundchecks vor Konzerten die Gitarre anstöpselte, sie voll aufdrehte und gleich neben die Box stellte, um dann minutenlang hockend oder im Schneidersitz den Rückkoppelungen zu lauschen, die aus dem Equipment pfiffen. Welche Erkenntnisse er daraus bezog, erfuhr man nicht, aber man konnte darauf hoffen, irgendwas davon auf dem nächsten Studioalbum zu hören. Dabei konnte man noch froh sein, ihn überhaupt mal live zu sehen, denn die Wipers waren ursprünglich vorgesehen als reines Studio-Projekt. Ein Angebot von Kurt Cobain, die extrem erfolgreichen Nirvana auf einer US-Tour zu begleiten, lehnte Sage dankend ab. Er wäre dadurch möglicherweise doch noch zum Star geworden. Nee, kein Interesse, Kurt. Übernimm du diesen Part mal.
Schlicht und einfach: Die Wipers waren die beste und verzehrendste Punkband, die es jemals gab. Sage transformierte und ziselierte sein Trio über die Jahre hinweg von der zornigen Druck- und Dresch-Kombo zur dunkel swingenden, traurigen, urbanen Bluesband, die den Punkrock zu existentialistischen Hall-Geräuschen mystifizierte. SPEX meinte gegen Ende der 80er treffenderweise mal, die Songs seien "große, schlingernde Kähne". Die zweite 80er-Hälfte der Wipers war wie ein heraufziehendes Gewitter, das auf seine Entladung wartete, die 90er eine mystisch wispernde Riff-Dekade mit lediglich drei Alben und einer einzelnen schwebenden Solo-Platte von vollendeter Schönheit. Dunkel-schlammiger Urgrund, aus dem heraus klirrend kalte Melodiebögen gen Himmel abgeschossen wurden. Wunderwerke für gestählte Gehörgänge, denn selbst Greg Sages traurigste Ballade war laut, laut, laut, und selbst die strukturell poppigsten Songs waren mit einem ungeheuren Soundbrett verstärkt. So entstanden unverschämte Kontraste: hochsensible Songs mit bunkerdicken Wänden. Sage paraphrasierte stets den Zusammenhang und Widerspruch zwischen Welt und Universum und Individuum, nach außen gedröhnte Verinnerlichungsstrategie. Seine Alben sind die größten Schätze, die die Plattensammlung eines Mystikers beherbergen kann.
Und dann sollte „Electric Medicine“ kommen, aber es kam nie.
Irgendwie ist Greg Sage offenbar selbst zu einem Echo in seinem Hall-Universum geworden. Wir werden seiner gedenken und seine Platten weiter rauf und runter hören. Und, tja, wer weiß? Vielleicht ist diese angebliche Publikation von „Electric Medicine“ ja doch keine Ente. Es wäre jedenfalls zu schön, um wahr zu sein. Diese Sache muss dringend recherchiert werden, also einfach mal bestellen, das Ding, und gucken, was passiert.

Samstag, 3. November 2007

Michel verbieten!

Da zappe ich gestern am Kinderkanal vorbei und bleibe hängen. Es war Michel aus Lönneberga, einer der episodischen 90-Minüter. Lange nicht mehr gesehen. Und ich war von dem, was ich da zu sehen bekam, ehrlich entsetzt. Man müsste diese Filme eigentlich verbieten.
Es ist Sommer, Michel ist schon im Schlafrock und spielt mal wieder einen Streich. Der Vater jagt ihn in den Schuppen. Der Junge macht nun Folgendes: Erst spannt er einen Holzklotz in eine Klemme, sägt mit einer riesigen Säge ein passendes Stück davon ab, greift sich sein mordsmäßig scharfes Schnitzmesser und beginnt damit, ein Männchen zu schnitzen. Erst im Stehen, danach setzt er sich hin, schiebt seinen Schlafrock etwas hoch und klemmt sich den Klotz zwischen die nackten Beine. Und schnitzt mit einigem Kraftaufwand fröhlich weiter, dass die Späne fliegen, das lebensgefährliche Messer immer nur Zentimeter von Fingern oder Beinen entfernt. Und sauber ist dieses Messer erst recht nicht. Was da Keime drankleben müssen!
Es ist mir damals als jugendlicher Zuschauer wohl nicht so aufgefallen, aber heute weiß ich: Es ist skandalös. Womöglich macht noch ein Kind das nach. Setzt sich in seinem Zimmer unbeobachtet halbnackisch hin, greift sich ein gefährliches, womöglich sogar dreckiges Messer aus Papas Kellerkiste und schnitzt an irgendeinem Klotz herum, den es zuvor aus seiner Kinderzimmerschrankwand gesägt hat. Wenn seine Mami ins Zimmer kommt, platzt ihr vor Schreck eine Herzkammer.
Es gibt viele weitere solcher Szenen in dem Film. Brisante Schlittenfahrten ohne Fahrradhelm. Sprünge aus zwei oder mehr Metern Höhe ins Heu. (Kann da nicht mal jemand nachsehen, ob eventuell noch die Heugabel da drunter liegt, Menschenskind?) Hautenger Kontakt mit einer Vielzahl unsauberer Tiere. Ungesunde Speisen mit viel zu viel Fett. Dazu essen mit den Fingern, ohne vorheriges Händewaschen. Überhaupt ist die Körperhygiene nicht optimal. Es gibt nur dieses leichtfertige Schwimmen in einem tiefen Gewässer, und das bei einbrechender Dunkelheit. Ungesicherte Turnereien auf einem 1,50 Meter hohen beweglichen Gatter. Als der Junge seinen Kopf in der Suppenschüssel stecken hat, haut die Mutter mit dem Schürhaken drauf. Mit dem Schürhaken! Als nach einer Schlittenfahrt der Knecht das schwere Gefährt die Steigung hochzieht, schiebt der Junge angestrengt von hinten. Würde der Knecht auf dem glatten Grund ausrutschen, dann würde der Schlitten nach hinten wegflitzen und den Knaben mit den Kufen überfahren. Mit den Kufen!
Dazu verschwindet der Junge regelmäßig stundenlang im Wald, ohne Handy und alles.
Mann, Mann, Mann. Ich weiß wirklich nicht, ob man diese Filme heute noch zeigen sollte. Hohes Gefahrenpotenzial. In den USA wäre der Kinderkanal nach der Ausstrahlung sofort verklagt worden. Eventuell ginge es mit einer Dauereinblendung: „Dies zu Hause bitte nicht nachmachen!“

Mittwoch, 24. Oktober 2007

Sprachstudien

Gestern abend lief im ZDF die „37 Grad“-Reportage. Es ging um Menschen, die „keine(n) abgekriegt“ haben und beziehungslos geblieben und zum Teil auch im Alter von Ende 20 oder Mitte 30 noch Jungfrau sind. Ich fand es lustig, wie einer der männlichen Porträtierten versuchte, sprachlich um den Begriff Masturbation herumzulavieren. Er sprach von „Hand an sich legen“ oder „Beschäftigung mit sich selbst“. Man kann so etwas natürlich auch anders ausdrücken, und es weckt den Ehrgeiz des Sprachforschers. Eine kleine Netz-Recherche brachte hinlänglich Bekanntes, aber durchaus auch Verblüffendes zutage, hier allein bezogen auf das männliche Geschlecht:
Fünf gegen Willi spielen; die Anakonda würgen; dem Arbeitslosen die Hand schütteln; Banane schälen; bommeln; den Beppo hetzen; den Säbel schleifen; die Wurst pellen; Ein-Mast-Segeln; am elften Finger ziehen; die Fleischpeitsche polieren; die Gurke rütteln; den Handpanzer fahren; Hansi auswringen; den Kaspar schneuzen; die Einhandflöte spielen; Solo auf der Teufelsklarinette; den Schimmel von der Palme schlagen; den Lurch würgen; Manuela; Mütze-Glatze spielen; die Pelle wemsen; die Pfeife ausklopfen; den Zyklop zum Weinen bringen; mit Frau Faust ausgehen; dem Außenminister die Hand schütteln; einen Termin bei Dr. Schlacker haben.

Freitag, 19. Oktober 2007

Käffchen

Gestern waren der kommende Bestseller-Autor Frank Jöricke und ich ein Käffchen trinken. Er hatte einen geschäftlichen Termin in Köln, und da trifft man sich doch gerne mal. Fahre zum Neumarkt, um zwischen schicken asiatischen Strichjungen und verruchten Bars den Friesenwall hochzuflanieren bis zum Gerling-Areal mit seinem „ornamentlosen Monumental-Klassizismus“ – und seinen geschniegelten Anzugträgern, die die Gegend dominieren. Man kommt sich, unrasiert und in Cord-Jeans-Jacke, beinahe schäbig vor. Und benötigt eine Dreiviertelstunde, um den ganzen Block zu umrunden. Es war gestern zum ersten Mal dieses Jahr richtig kalt, und um Gerling herum ist es im Allgemeinen noch kälter. Ich stand ein bisschen vor dem Treffpunkt herum und ließ mich von einem kleinen Hund, irgendsoein Rauhhaarpinscher, anbellen, den eine Autofahrerin in ihrem BMW zurückgelassen hatte. Ich bellte zurück, aber ganz leise, damit Passanten mich nicht für einen Vollidioten hielten. Das Bistro war eines, das echt italienische Kaffeekultur servierte: Ohne Milch im Gesöff stirbt man den sofortigen Herztod. Wir waren mehr oder weniger allein und konnten in Ruhe über gemeinsame Bekannte und die Dorftrottel lästern. Der Autor schnorrte eine Zigarette und spendierte dafür den Kaffee.
Er hatte zwei Tage zuvor seine erste Lesung in der Heimatstadt, und die Leute zeigten sich überrascht, dass er seinen Roman nicht bei einem Regionalverlag publizierte, sondern draußen in der großen weiten Welt – in Münster. Also, so die vorherrschende Meinung, muss das Buch etwas Besonderes sein, wenn welche außerhalb Triers es gut finden. Meine Lebensgefährtin nahm meine Abwesenheit zum Anlass, fraglichen Roman nun endlich mal von hinten bis vorne komplett zu lesen. Als ich zurückkehrte, quiekte sie noch vergnügt. Danach schauten wir gemeinsam „Frauentausch“ auf RTL 2 und diskutierten dumme Menschen aus.
So, das war mein Tag …

Donnerstag, 11. Oktober 2007

Gebührenfinanziert

Als Mitte September das Bundesverfassungsgericht die Begrenzung der TV-Gebühren durch die Länder für unzulässig erklärte, jubelte WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn in den Tagesthemen und tat beinahe so, als ginge aus seinem Hintern gerade die Sonne auf. Er gab das übliche Blabla von sich und machte seinen Verein für kontrollierte Blähungen zum bedeutsamen Bestandteil des planetaren Gefüges. Die öffentlich-rechtlichen Sender seien in ihrem Informations- und Bildungsauftrag gestärkt worden, während das dumpfe U-Fernsehen weiterhin den Privaten überlassen bliebe. Für die Zuschauer bedeutet dies natürlich baldige Gebührenerhöhungen, aber als Gegenleistung werden sie dafür von der ARD schlau gemacht.
Wie Herr Schönenborn sich diesen Bildungsauftrag vorstellt, konnte man soeben in „Pilawas großes Geschichtsquiz“ bewundern. Hier wurde jedes noch so niedrige Privatfernsehniveau mit einer imponierenden Mühelosigkeit unterschritten. Ein dummer Moderator befragt saudumme, möglicherweise sogar betrunkene Promis zu Skurrilitäten der Weltgeschichte, vorgestellt in Einspielfilmchen, in denen Wesen wie Mirja Boes oder Guido Cantz historische Figuren darstellen oder Blähbacken wie Nina Ruge geschichtliche Spekulationen zum Besten geben dürfen. Die letzte Ptolemäerin Kleopatra VII., die mit dem Rücken zur Wand für die Autonomie des letzten hellenistischen Königreichs kämpfte, wird von Mirja Boes verkörpert, einer Person, die in Discos auf Mallorca selbstreferentielle Lieder über Saufen und Ficken oder so was grölt. Zusammengestellt wurde dieses ganze Zeug von einer Redaktion, die von den öffentlich-rechtlich vorgeschriebenen siebeneinhalb Arbeitsstunden offenbar sechs mit Klebstoffschnüffeln verbringt. Der Rest ist ohnehin Mittagspause.
Natürlich ist das alles Etikettenschwindel. Es hat mit „Geschichte“ nichts zu tun, sondern ist dumpfes Entertainment von ganz unten, das nicht etwa bildet, sondern sich im Gegenteil die Ergebnisse der Pisa-Studie aneignet: Bloß nicht zu anspruchsvoll, sonst ist irgendwer möglicherweise überfordert und schaltet zu „Alarm für Cobra 11“.
Das Promi-Siegerteam, also dasjenige Paar, das am häufigsten aus Versehen die richtige Lösung gedrückt hat, kriegt aus unseren Gebühren 10.000 Euro, die dann einem Kinderhospiz gespendet werden. Warum überweist die ARD nicht gleich 10.000 Flocken, plus die stattlichen Produktionskosten dieser Prime-Time-Megascheiße, an die sterbenden Kinder und sendet stattdessen zwei Stunden Testbild? Also, ich hätte da durchaus Verständnis für.