Sonntag, 21. September 2008

Herbstkind zwo

Herbst ist auch der Sankt-Martins-Umzug. Damals noch mit echten Kerzen in den Laternen. Ich habe geheult, als mein blauer Mond damals verbrannt ist, im Straßengraben sein Leben aushauchte und seine Seele kräuselnd zu den Sternen schickte. Danach bekam ich einen neuen Mond mit elektrischer Glühbirne und Batterie im Laternengriff. Leuchtete aber nicht mehr ganz so schön.
Herbst ist auch die Zeit der braunen Finger, die man nur unter größten Mühen wieder sauber kriegt. Das kommt von dem Saft in den grünen Walnussschalen. Walnüsse schmecken nämlich nur dann richtig, wenn sie ganz frisch sind, wenn man die blassbraune Haut von der blendend weißen Nuss noch problemlos lösen kann. Solange Nüsse noch in diesem Zustand sind, befindet sich meistens noch die grüne Schale um die ganze Frucht. Bevor man die harte Nuss knacken kann, muss man sie erst aus dieser Schale fummeln, was dem Knaben braune Finger verschafft. Egal, er verbringt ganze Abende damit, Arbeitsleistung in das Schälen, Knacken und Essen von Walnüssen zu investieren. Draußen rüttelt derweil der Nordwind am Fensterrahmen, und die ersten Frostgeister, die auf ihm reiten, kratzen an der Scheibe, aber der Knabe hört nur das Quietschen des alten Nussknackers aus Omas Küche, das Knirschen und Brechen der Schalen und das eigene Schmatzen.
Herbst ist auch die Zeit der abendlichen Spaziergänge. Durch bewohntes Gebiet ist am reizvollsten. Es ist gerade mal 19 Uhr, und die Fenster sind erleuchtet und gewähren Blicke aufs Familienleben der anderen und auf ihre Abendessenteller. Da bleibt man auch schon mal stehen in der Kälte, schaut den Ahnungslosen zu bei ihren harmlosen Aktivitäten, beneidet die da drin ein bisschen wegen der Wärme und der Routine, kommt sich vielleicht sogar vor wie der Steppenwolf (sofern man den in dem Alter schon kennt), bevor man umdreht unter dem kalt blinzelnden Sternenzelt und zurückgeht in die eigene warme, erleuchtete Stube, sich aus der Jacke pellt und so ziemlich dasselbe zu Abend isst wie diese Leute.
Herbst ist auch, wenn man unbemerkt durch die Feenpforte tritt, weil man den Pilzkreis am Boden übersieht, und man unsichtbar wird und das Reh im Wald einfach nur stehenbleibt statt abzuhauen.
Herbst ist auch jagende Wolken, von vorne kommender Regen und flotter Marsch im Regencape, während sich auf den abgeernteten Feldern neben einem die Hasen ducken und die Raubvögel ungeachtet des himmlischen Dammbruchs einfach auf den Ästen sitzen und kühl die Vektoren der flitzenden Mäuse abschätzen.
Herbst ist nasser Arsch, wenn man auf der abschüssigen Wiese ausrutscht.
Herbst ist tote Tiere am Straßenrand. Die sind dann alle rollig, suchen sich einen zum Ficken und werden dabei plattgefahren. Die weithin unterschätzten Gefahren des Vermehrungsdrangs.
Herbst ist Rauch und schwarze Kartoffel und tränende Augen, Herbst ist dunstige Dämmerung und Rauchsäulen am Horizont und Erntedankgaben von den Bauern einsammeln und die Hälfte davon auf dem Weg zum Herrn Pfarrer selber fressen.

1 Kommentar:

  1. Oh Mann, Reitersmann - danke für die Fortsetzung.
    Das mit der Feenpforte gefällt mir von allem Schönen besonders gut, die herberen Anteile sind aber auch nicht ohne, gelinde gesagt.

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