Samstag, 7. Juni 2008

Park

Irgendwo in der Region gab es mal einen Vergnügungspark, eigentlich einen Wildpark mit angeschlossenem Vergnügungsaspekt. In der Hochsaison suchte man dort nach Aushilfen. Ich meldete mich für sechs Wochen. Es war demütigend, aber wir machten das Beste draus. Die Fahrt dorthin war weit, die Strecke lebensgefährlich, eigentlich war ich als fortgeschrittener Student schon viel zu alt, denn die Aushilfskollegen waren meistens Schüler aus benachbarten Dörfern. Es gab keinen einzigen Tag frei, auch keine Wochenenden, man arbeitete elf Stunden am Tag, und die Entlohnung lag deutlich unter dem, was heute als Mindestlohn im Gespräch ist.
Uns Studenten, drei an der Zahl, steckte man zusammen und übertrug uns die wirklich heiklen Aufgaben. Kollegin Heidi stellte man an den Hot-Dog-Stand, wo sie labbrige Würstchen aufwärmte. Die junge Frau war immerhin hochspezialisierte Theologie/Latein-Studentin. Kollege Manfred bekam den „Pilz“, ein Kettenkarussell in Gestalt besagten Gewächses, ich betreute die Achterbahn. Später bekamen wir Unterstützung durch einen festangestellten Azubi, einen 19jährigen Elektriker vom Umfang eines Walrossbullen und mit ebensolchem Teint. Außerdem hatte er seine Sozialisation und seinen Spracherwerb offenbar anhand von Tom-Gerhardt-Filmen und MAD-Heften erlangt. Auf seine ganz eigene Weise war er lustig.
Es handelte sich bei meinem Schnuckel um eine Familienachterbahn, auf der auch kleine Kinder mitfahren durften, und sie verfügte bloß über einen einzelnen heftigen Wirbel. In dem quietschten die Kiddies jedoch regelmäßig, je nach Charakter verängstigt oder vergnügt. Eine Fahrt bestand aus drei Runden, die Benutzung war im Eintrittspreis inbegriffen, und die Gäste konnten so oft fahren, wie sie wollten. Meine Aufgabe bestand darin, sechs Wochen lang auf einem Gartenstuhl in einem Plexiglaskabuff zu sitzen und Knöpfe zu drücken. Immer dieselben Knöpfe. Türen auf, Türen zu, Bügel arretieren, Fahrt starten. In diesem Zeitraum habe ich eine multinationale Heerschar von Kindern und ihren Eltern über die Strecke gejagt und sie quieken hören. Zwischenzeitlich bremste die Bahn nach der dritten Runde arg hart, und ich erntete manch finsteren Blick von den Aussteigenden, denn die dachten selbstverständlich, ich würde manuell bremsen und sie alle hassen. Das tat das Gerät jedoch ganz von allein, das mit dem Bremsen, und die Bremsklötze, die vorsprangen und das Schwert unterhalb der Wagen festhielten, waren zu hart eingestellt. Ich machte vor jeder Fahrt korpulente Amerikaner, Deutsche oder Holländer darauf aufmerksam, wenn ich folgendes sah: Die Eltern setzten sich links und rechts in den Sitz und nahmen ihr Kind in die Mitte. Dann zogen sie den Sicherheitsbügel zurück, der jedoch nur bis zur ihren Bäuchen reichte und dort einrastete. Der Kopf eines kleinen Kindes befand sich auf Höhe des Bügels, aber mehrere Dutzend Zentimeter entfernt. Beim Bremsen konnte es passieren, dass der Kinderkopf vorschnellte und gegen den Bügel knallte. „Fat parents, please hold your kids after round three. The machinery brakes too hard. I'll call the technician tomorrow.“
Immerhin kassierte ich dafür ein Lob vom Chef, was offenbar in dem Park noch nie vorgekommen war, weil der Chef eins besonders hasste: seine eigenen Mitarbeiter. Er fuhr immer in seinem Golfwagen herum und überwachte uns. Nachmittags kam er allerdings in besonderer Charme-Mission und verteilte Fähnchen mit dem Park-Logo und anderen Nippes an Kinder. Von der schmalen Ladefläche des Wagens winkte und grinste das Maskottchen des Parks, in Anspielung auf das Bärengehege war es ein niedlicher, lebensgroßer Teddy. In dem Teddy steckte irgendein Schüler oder Student und winkte sich einen ab, während er zugleich schwitzte wie ein Stahlarbeiter. Es war Hochsommer. Mindestens einer stellte mal abrupt das Winken ein, fiel vom Golfwagen und stand nicht wieder auf, während der Bär immer weiter grinste. „Mami, ist der Bär jetzt tooot?“ Kollege Manfred musste das auch mal machen, danach war er zwei Stunden nicht ansprechbar.
Bei Regen wurde der Fahrbetrieb eingestellt. Bremsklötze und Schwert der Achterbahn wurden nass, und beim Bremsvorgang flutschten die Wagen einfach durch. Da das System so eingestellt war, dass die Elektromotoren an der Anfangssteigung nicht mehr ansprangen, rasten die Wagen also durch den Ausstiegsbereich, bretterten mit Schwung in die Steigung, wurden jedoch nicht mehr hochgezogen, weil die Motoren sich nicht rührten, und blieben dort kläglich hängen. Die Gäste mussten aus ihrer 70-Grad-Schräglage gerettet und über eine Nottreppe evakuiert werden, sofern irgendein Techniker es schaffte, die Sicherheitsbügel zu deaktivieren, denn die saßen nach wie vor bombenfest. So etwas brachte zudem das ganze System durcheinander, und wir benötigten mehrere Leerfahrten, um es wieder auf Anfang zurückzustellen. Also besser nicht bei Nässe fahren.
In den sechs Wochen bekam ich den ganzen Park ein einziges Mal zu sehen, während eines Regentages, an dem die Achterbahn stillgelegt war. Ich griff mir einen Picker und machte mich im strömenden Regen daran, das weitläufige Areal zu erkunden und nebenher alibimäßig zu säubern. All die wilden Tiere, Luchse, Murmeltiere, Bären, hatten sich in ihren Freigehegen versteckt. Danach war ich so derart durchnässt, dass der technische Obermotz, ein Ex-Fremdenlegionär, unverhofft Gnade zeigte und mich nach Hause schickte. Der Mann ist übrigens zwei Monate, nachdem er den Park verlassen hatte, verstorben. Das nenne ich mal corporate identity.
Bei der nächsten Geburtstagsparty im Herbst, zu der ich die Ex-Kollegen Heidi und Manfred einlud, schenkten diese Bekloppten mir eine Souvenir-Cassette mit jenen Liedern, die im Park ständig aus den Lautsprechern geplärrt hatten. Billige holländische Amateursänger sangen in einem holländischen Heimstudio in gebrochenem Deutsch albernen Trash-Kinderbelustigungskack ein. Sogar das Bär-Maskottchen sang und klang dabei wie ein holländischer Bariton im Liegen, auf dessen Bauch gerade drei sehr dicke Frauen saßen. In Wirklichkeit war es natürlich ein scheußlich falsch eingestellter Voide Vocoder aus dem Jahr 1967. Im Park selbst hatte ich diese Gesänge der geistigen Gesundheit wegen stets ignoriert, aber die Cassette hörte ich mir doch mal an, genau einmal.