Sonntag, 4. Mai 2008

Rennen

In der fünften oder sechsten Klasse mussten wir bei Herrn Wohlenberg, dem besten Deutschlehrer des Planeten, mal einen Aufsatz über unser Lieblingshobby schreiben. (Exkurs Herr Wohlenberg: eine klapperdürre, ledrige, extremkettenrauchende Hutzelmumie, schrecklich anzusehen und mit einer genialen Ironie gesegnet, der ich so nie wieder begegnet bin.)
Herr Wohlenberg verstand meinen Aufsatz nicht so recht, denn ich berichtete ihm von einer auf dem Dorf gerade angesagten Sportart, die er sich so ganz nicht vorstellen konnte. Meine deskriptiven Fähigkeiten waren damals noch nicht so ausgebildet, dennoch gab Herr Lehrer mir eine Zwei.
Unser Dorf-Sport war so verdammt aufregend, dass ich mich nicht in der Lage sah, meine Euphorie angemessen in Worte zu kleiden. Es war alles zu physisch und schnell und jenseits aller Worte: Nachdem unsere steile Straße endlich asphaltiert worden war, fuhren wir sie mit Rollschuhen herab. Es war die Prä-Inliner-Ära, und Rollschuhe schnürte man sich (normalerweise) noch um die eigenen Schuhe. Ich war eine Flasche im Rollschuhlaufen und fiel dauernd aufs Bürzel oder schlug mir die Knie auf. Wenn damals jemand mit Knie- oder Ellbogenschonern angekommen wäre, hätten wir ihn als Lusche verlacht, ich eingeschlossen, während ich mir gerade zugleich lachend und vor Schmerz schreiend den Schorf von den Knien knibbelte. Aber das war alles scheißegal, denn wir benutzten die Rollschuhe völlig anders als normal. Wir verwendeten nur einen, frisierten ihn, indem wir die Verschlüsse nach hinten klappten oder gleich ganz abschnitten, setzten uns mit unseren Kinderärschen auf ihn drauf und ließen ihn rollen. Gesteuert wurde mit den ausgestreckten Beinen oder dem Schwung des Oberkörpers. Wir mussten alte Schuhe benutzen, denn beim Steuern und Bremsen gab es eine Menge Abrieb und die Sohlen waren in Nullkommanix durch. In der Straße gab es eine verdammt steile und enge Kurve, in der heute noch Autofahrer manchmal Probleme bekommen. Sie war der Knackpunkt eines solchen Rennens. Wer sie als Erster erreichte, die Ideallinie erwischte und die anderen ausbremste, hatte fast schon gewonnen. Fast, denn nach der Kurve kam eine rauschhafte Gerade, danach eine weitere, sanftere Kurve und schließlich die Zielgerade. Gerade, Kurve, Gerade, Kurve, Zielgerade. Tempo, Fahrtwind, der Geruch von Gummi. Ein Traum.
Extrem spannend war vor dem Start stets die Frage, ob uns von unten ein Auto entgegenkommen würde oder nicht. Und wenn ja, in welchem Tempo es ankommen würde. Und ob wir es früh genug sehen würden. Interessant war auch, wie es dem Sieger erging, wenn er unten am Ende der Straße zu zaghaft bremste und im 90-Grad-Winkel die Bundesstraße kreuzte. Und ob da gerade eventuell gerade ein Schwerlasttransporter oder vielleicht auch nur ein Patrouillenwagen des Bundesgrenzschutzes angebraust kam. Damals gab es noch nicht so viel Verkehr, und wir überlebten diese Halsbrechaktionen regelmäßig. Wenn doch mal ein Auto kam, wichen wir über die Bordsteine aus, hoben dabei auch schon mal ab, landeten auf einer Wiese, kullerten einen Abhang hinunter oder wickelten uns um Weinbergstöcke. Demnächst wird am Kurvenausgang eine Leitplanke installiert, weil unten am Hang jetzt ein Eigenheim steht und die Gemeinde verhindern will, dass ein von oben herabkommendes Auto denen auf den Mittagstisch kracht. Nie, niemals ist irgendwer an dieser Stelle runtergesegelt, außer natürlich einzelne Teilnehmer der damaligen Rollschuhrennen. Dort stand noch kein Haus, man flog direkt in die Trauben. Klatsch.
Eigenlob stinkt, ich weiß, aber ich habe immer gewonnen. Ich war der Champ, bis irgendwann mein Rollschuh kaputt ging oder ich keine alten Schuhe mehr zum Bremsen besaß. Ich erinnere mich, dass damals sogar mein wilder Schulkumpel Hans-Günther aus dem Nachbardorf manchmal vorbeikam und mitfuhr. Hans-Günther hat es schließlich doch erwischt, aber erst sehr viel später, als eine saudumm überholende Amerikanerin auf der B51 ihn und sein Motorrad auf die Hörner nahm und er die kurze Flugreise ohne Wiederkehr antrat.
Etwas später kam die Zeit der Skateboards, aber sie fand ohne mich statt. Die mit den vermögenderen Eltern bekamen eins gekauft, andere bastelten sie sich selbst - aus einem zerlegten Rollschuh, einem Brett und Nägeln. Irgendwer landete mal in einem Haufen Brennnesseln, es gab hier und da Verbände an Armen und Beinen zu besichtigen. Der Nachteil an diesen Teufelsdingern war: Man nahm am Hang mehr Geschwindigkeit auf und stürzte tiefer als von einem einfachen Rollschuh, auf dem man draufsaß. Entsprechend gab es drastischere Verletzungen. Schlimm ging es für das Mädchen namens Stefanie aus: Sie hat den letzten ihrer Stürze nicht überlebt.